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The Neon Demon

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kritiken.de Redaktion 23.06.2016
The Neon Demon© Koch Media
A ca. 1433 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

The Neon Demon - Schönheit als Verhängnis: Refns Bilderkosmos zwischen Glamour und Grauen

Einleitung

Nicolas Winding Refn hat mit The Neon Demon einen Film vorgelegt, der sich weniger als konventioneller Horrorfilm versteht denn als visuelle und atmosphärische Meditation über das Begehren nach Jugend und Perfektion. Der Film, der 2016 auf den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere feierte, reizt die Schnittstelle zwischen Modeästhetik und abgründiger Bildgewalt aus und setzt damit eine Debatte fort, die sich durch Refns Werk wie ein roter Faden zieht: die Verführungskraft des Bildes und die Gewalt, die in seiner Herstellung liegt.

In einem Jahrzehnt, das von digitalen Selbstdarstellungen und beschleunigter Bildproduktion geprägt ist, wirkt The Neon Demon gerade deshalb relevant: Er reflektiert nicht nur die Mechanismen einer Industrie, die das junge Gesicht zur Ware macht, sondern er stellt die Frage nach dem Verhältnis von Oberfläche und Substanz in einer von Aufmerksamkeit organisierten Kultur. Refns Film operiert mit einer formalen Radikalität, die weniger an lineare Erzählung als an eine Reihe ikonischer, oft verstörender Tableaus denkt.

Die Rezeption war geteilt - eine Polarisierung, die weniger auf inhaltlichen Differenzen beruht als auf der visuellen Härte und der moralischen Zweideutigkeit, die der Film bewusst kultiviert. In der gegenwärtigen Kulturkritik bietet The Neon Demon einen Kristallisationspunkt für Diskussionen über Gender, Konsum und die Ästhetik von Gewalt, ohne einfache Antworten zu liefern. Seine Bedeutung liegt nicht in einer eindeutigen Haltung, sondern in der provokanten Frage, die er ins Bild setzt.

Kurzüberblick zur Produktion

Nicolas Winding Refn, dessen früheres internationales Profil vor allem durch Drive (2011) und Only God Forgives (2013) geschärft wurde, ist sowohl Drehbuchautor als auch Regisseur dieses Projekts. Seine Handschrift zeigt sich in einer präzisen Bildkomposition, einem intensiven Einsatz von Farbe und Licht sowie in einer Neigung zur stilisierten Gewalt und Mythisierung banaler Milieus. Refns Regie interessiert sich weniger für klassische psychologische Motivationen als für die dramatischen Möglichkeiten, die Formen, Farben und Klanglandschaften eröffnen.

The Neon Demon entstand als internationale Koproduktion zwischen den USA, Dänemark und Frankreich und wurde in einem Produktionsrahmen realisiert, der bewusst arthausnahe Freiheiten suchte. Visuell getragen wird der Film von einer ausgefeilten Kameraführung und einem elektronischen Score, die gemeinsam eine hyperrealistische, traumähnliche Oberfläche schaffen. Die Fertigstellung und Präsentation auf dem Festivalmarkt war Teil einer Strategie, die den Film weniger für massenkompatible Verwertungswege als für die kunstfilmspezifische Diskursplattform positionierte.

Innerhalb von Refns Gesamtwerk nimmt The Neon Demon eine Sonderstellung ein: Er verlagert die Gewalt, die in Drive noch motorisch und unterkühlt wirkte, in die Ästhetik des Schönen und des Körplichen und verwandelt die Modewelt in einen Schauplatz ritueller Rituale. Damit knüpft der Film an wiederkehrende Themen seiner filmischen Sprache an, verschiebt deren Fokus aber auf das Phänomen der Bildproduktion selbst.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Elle Fanning, die als junges Model auftritt und deren beinahe androgynes, zerbrechliches Spiel die Projektionsfläche des Films bildet. Fanning bringt eine Mischung aus Unschuld und kühler Präsenz ein, die den filmischen Blick bündelt und zugleich irritiert. An ihre Seite treten Jena Malone und Abbey Lee, deren frühere Arbeiten - Malone in psychologisch dicht angelegten Rollen, Lee als Modell und Schauspielerin zwischen Glamour und Unheimlichem - hier die Ambivalenz von Mentorinnen- und Rivalinnenfiguren spiegeln.

Christina Hendricks und Keanu Reeves übernehmen Figuren, die weniger psychologisch voll ausbuchstabiert sind als stereotype, ikonische Funktionen im Feld der Modeindustrie ausfüllen. Hendricks' Erfahrung aus der Fernsehdramawelt und Reeves' jüngere Rolle als wandelbarer Darsteller zwischen Mainstream und artifizieller Nebenbesetzung verleihen den Nebenfiguren Gewicht, ohne ihnen die volle narrative Kontrolle zu geben. Bella Heathcote und weitere Ensemblemitglieder komplettieren die Welt als Gesichter und Typen einer Branche, in der die Inszenierung des Selbst zur existentiellen Frage wird.

Handlung (spoilerfrei!)

The Neon Demon erzählt von einer jungen Frau, die nach Los Angeles kommt, um Model zu werden. Ihr Aufstieg ist schnell und sichtbar; die Kamera begleitet die Entwicklung von einem ersten, fast unschuldigen Auftreten hin zu einer Position, die das Begehren anderer bündelt. Der dramatische Konflikt entsteht nicht primär durch äußere Intrigen, sondern aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem subjektiven Besitzanspruch an Schönheit und der kollektiven Habgier einer Industrie, die diese Schönheit verwertet.

Zentrale Figuren sind die aufstrebende Protagonistin, unterschiedliche Figuren aus dem Modebetrieb - Agentinnen, Models, Fotografen - und eine Reihe von Beobachtern, die zwischen Faszination und Ausbeutung oszillieren. Ton und Atmosphäre sind dicht, oft kühl und kalkuliert, wobei die musikalische Untermalung und die plastische Lichtgestaltung den Film in eine fast hypnotische Räsonanz versetzen. Statt linearer Spannungssteigerung setzt der Film auf intensive Bildmomente und suggestive Sequenzen, die eine Stimmung von Bedrohung und ästhetischer Erregung erzeugen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach dem Wert und der Verwundbarkeit der Jugend- und Schönheitskultur: Was wird mit einem Gesicht getan, wenn es zur Ware wird, und welche Formen von Gewalt treten an die Stelle eines tradierten Narrativs von Leistung und Moral? Der Film problematisiert das Verhältnis von Beobachtung und Begehren und macht sichtbar, wie der Blick zur aktivierenden Gewalt werden kann. Schönheit erweist sich hier als ambivalentes Kapital - bewundert, begehret, instrumentalisiert.

Weiterhin verhandelt The Neon Demon Fragen nach Authentizität und Inszenierung: Der Körper erscheint als Objekt der Produktion, die Identität als Produktlinie. Philosophisch lässt sich dies an Debatten über Subjektivierung durch Medien anschließen; psychologisch an der Idee, dass das Selbst unter dem Druck von Blick und Markt fragmentiert wird. Motive wie Spiegel, Make-up, Fotografien und Lichtwände wiederholen sich als ikonische Elemente, die die Grenze zwischen Realem und Kunstfertigem unterminieren.

Schließlich bietet der Film Raum für eine feministische und kulturkritische Lesart: Er öffnet nicht nur eine Diagnose der Modebranche, sondern reflektiert auch die Mechanismen der Objektifizierung und der Konkurrenz unter Subjekten, die in einer auf Sichtbarkeit gegründeten Ökonomie leben. Refns formalistischer Zugriff verwandelt diese Themen in eine Serie von Bildern, die mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben - und damit den Film als Ort der Kritik und der Provokation markiert.

Filmkritik von Gregor Ries

Mit seinem zehnten Spielfilm „The Neon Demon“ betritt der Däne Nicolas Winding Refn insofern Neuland, als er sich erstmals auf eine Gruppe junger Frauen um ein angehendes Topmodel konzentriert. In seinem extremen Stilwillen, dem elegischen Erzählrhythmus, der trotz sonniger Schauplätze düsteren Atmosphäre und dem bewussten Unterlaufen von Erwartungen bleibt er sich jedoch ganz treu. Schon das Vermeiden von Genrekonventionen kann gewissermaßen als Provokation verstanden werden, wozu sich gegen Ende noch einige drastische Einlagen gesellen. Damit erfüllt er jedoch ganz die Vision, die man von einem Nicolas Winding Refn-Film hat. Entsprechend selbstbewusst tauchen seine Initialen NWR zu Beginn und gegen Ende gleich mehrfach auf.

Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Jesse (Elle Fanning) und ihre Träume von der großen Modelkarriere in Los Angeles. Befeuert vom jungen Fotografen Dean (Karl Glusman) gelingt es ihr, bei einer angesehenen Modelagentur unterzukommen. Dort erweckt sie rasch das Interesse der Visagistin Ruby (Jena Malone), die ihr auch privat näher zu kommen versucht, sowie des Starfotografen Jack (Desmond Harrington). Dagegen stehen Rubys Modelfreundinnen Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) der neuen Konkurrentin rasch feindselig gegenüber. Auch mit dem abweisenden Inhaber Hank (Keanu Reeves) ihres unwirtlichen Motels entwickeln sich dauerhafte Konflikte. Zwar besitzen die verdächtigen Geräusche in ihrer Unterkunft einen natürlichen Ursprung, doch im glamourösen LA geht ansonsten nicht alles mit rechten Dingen zu.

Obwohl der Plot gewohnt minimalistisch ausfiel, gehört es zu den Schwachstellen des surrealen Neo-Noir-Dramas, dass der zwielichtige „Norman Bates“-Motelchef irgendwann schlicht aus der Handlung verschwindet. Vielleicht wollte der nach seinem Erfolg mit „Drive“ im US-Independent-Kino etablierte Däne nur ein weiteres Mal jede Erwartungen an eine stringente Geschichte unterwandern. Nicht allein der Titel, sondern ebenfalls die blutige Eröffnungssequenz verweisen auf einen Horrorfilm. Aber so wie sich schon der Prolog als Spiel mit dem Schein erweist, hält Refn im Verlauf die Schauerelemente weitgehend zurück, bevor das Finale dann doch noch eine Wendung in Fantastische einschlägt.

Neu ist die Erkenntnis allerdings nicht, dass sich die L.A.-Modelszene als wahres Haifischbecken im Kampf um das attraktivste Äußere entpuppt. Der Schönheitswahn, dem sich die junge Jesse unterwirft, verzehrt sie immer stärker, ohne dass sie sich den Fallstricken ihres eigenen Narzissmus gewahr wird. Stärkeren Eindruck als Elle Fanning hinterlässt allerdings die wandelbare Jena Malone, die ihrer Figur eine undurchschaubare Facon verleiht. Zudem lebt „The Neon Demon“ von Refns Gespür für visuelle Einfälle und der kalten Ästhetik, wobei dessen Laufbahn als Werbefilmer deutlichen Einfluss auf die Bildgestaltung hat. Schon der Titel macht klar: Hinter aller Eleganz lauert der Schrecken. Der Weg zum Ruhm ist mit Leichen gepflastert – fragt sich nur, wessen.

Auf Dauer täuschen die brillanten Tableaux nicht darüber hinweg, dass die Botschaft bei einer knapp zweistündigen Laufzeit etwas dünn ausfiel. Bei „The Neon Demon“ handelt es sich um Nicolas Winding Refns bislang längsten Spielfilm, doch die bewusst marginale Story rechtfertigt jenseits faszinierender Bilder, bizarrer Wendungen und provokanter Ideen dies nicht.

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