kritiken.de› Filme›
Filme

Die Frau mit der Kamera - Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 23.06.2016
Die Frau mit der Kamera - Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann© Film Kino Text
A ca. 1248 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die Frau mit der Kamera - Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann: Bildpolitik, Erinnerung und Blick

Einleitung

Am 23.06.2016 wurde mit "Die Frau mit der Kamera - Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann" ein filmisches Denkmal für eine der markantesten Fotojournalistinnen der bundesrepublikanischen Nachkriegskultur vorgelegt. Die Relevanz des Films liegt nicht allein in der Wiederentdeckung eines fotografischen Nachlasses, sondern in der anhaltenden Frage, wie Gesellschaften ihre Erinnerungen an soziale Kämpfe und biografische Eigensinnigkeiten sichtbar machen. In einer Zeit, in der Bildproduktion und Bildrezeption stetig neu verhandelt werden, fungiert das Porträt als Archiv und Kommentar zugleich.

Der Film setzt Tüllmann nicht als bloßes Objekt retrospektiver Verehrung in Szene, sondern als Subjekt, dessen Arbeitsweise, ethische Entscheidungsprozesse und politisches Engagement filmisch rekonstruiert werden. Aus diesem Blickwinkel wird das Werk zu einem Katalysator für Debatten über Autoren- und Zeugenstatus im Fotojournalismus - eine Debatte, die in der zeitgenössischen Medienkritik eine bemerkenswerte Resonanz hat.

Ton und Haltung des Films sprechen eine feuilletonistische Sprache: nicht sensationsorientiert, sondern analytisch, materialbewusst und biografisch-respektvoll. Das Porträt leistet damit eine doppelte Arbeit - es erzählt von einer Lebensleistung und reflektiert zugleich Formen des Sehens, Sammelns und Bewahrens, die für die Rekonstruktion kollektiver Geschichte unabdingbar sind.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film präsentiert sich als dokumentarisches Porträt, das sich stark auf Archivmaterial, Fotografien und zeitgenössische Interviews stützt. Regisseurische Eingriffe erfolgen weniger durch dramatische Inszenierungen als durch montagehafte Relationen zwischen Standbild und bewegtem Bild. Die Handschrift ist geprägt von einer zurückhaltenden, analytischen Kameraführung und einem Schnitt, der das photographische Material in neue Kontexte setzt - die Bildabfolge wird so selbst zum Argument.

Produziert wurde das Projekt im deutschen Dokumentarfilmraum, in einer Ästhetik, die auf Ressourcen aus dem Nachlass, institutionelle Archive und Zeitzeugeninterviews zurückgreift. Anstelle großer Produktionsillusionen baut der Film seine Wirkung aus der Materialdichte und aus der Sorgfalt im Umgang mit Originalaufnahmen. Diese Produktionsbedingungen korrespondieren mit einer allgemeinen Tendenz des zeitgenössischen Kulturfilms, biografische Forschung mit essayistischen Formen zu verbinden.

Im größeren Werkzusammenhang steht das Porträt exemplarisch für eine Phase der deutschen Dokumentarfilmografie, die sich wiederholt Autorinnen und Akteuren der Nachkriegsmoderne zuwendet, um Vergessenes zu rekonstruieren und historische Narrative zu befragen. Es geht weniger um die Monographie als um die Öffnung von Perspektiven - ein Ansatz, der das filmische Porträt als forschende Geste begreift.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Abisag Tüllmann selbst ist zentrale Präsenz des Films, wobei ihr Wirklichkeitsstatus über Interviews, Tagebuchpassagen und vor allem die ihr zugeschriebenen Fotografien vermittelt wird. Die Filmfigur Tüllmann ist weniger biographisches Abbild als Resonanzkörper: Ihre Handgriffe, ihr Blick auf die Straße, ihre Motivwahl werden zum Maßstab für die filmische Erzählung. Das Material vermittelt ein Bild von Tüllmann als einer Fotografin, die zwischen journalistischer Genauigkeit und ästhetischem Bewusstsein oszillierte.

Die Einbindung von Jean-Luc Godard erfolgt weniger als klassische Besetzung im fiktionalen Sinn, sondern als intellektueller Gegenpol - eine kulturelle Referenz, die die Frage nach Bildtheorie und filmischer Selbstreflexion einbringt. Seine Präsenz, vermutlich in Form von Archivzitaten oder Kommentaren, dient dazu, das Porträt in einen breiteren Diskurs über das Verhältnis von Film und Fotografie einzubetten. So wird Godard zur Stimme, die das dokumentarische Material auf theoretische Weise befragt und dadurch die filmische Perspektive erweitert.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film entfaltet kein linear-biographisches Epos, sondern folgt einer fragmentarischen Dramaturgie, die Arbeitsweise und Lebensstationen Tüllmanns in thematischen Segmenten zusammenführt. Anhand ausgewählter Serien, von Porträts bis zu Reportagen, rekonstruiert die Kamera Arbeitsroutinen, Motivik und die sozialen Kontexte, in denen die Fotografin agierte. Es entsteht ein Bild von einer Künstlerin, die die Grenze zwischen Dokumentation und politischem Eingreifen bewusst überschritt.

Der dramatische Konflikt ist nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die Spannung zwischen der dokumentarischen Behauptung von Wirklichkeit und der subjektiven Perspektive der Fotografin. Der Film stellt die Frage, wie Fotografie Wirklichkeit formt - und wie eine Fotografin zugleich Beobachterin und Teilnehmerin gesellschaftlicher Prozesse sein kann. Die erzählerische Haltung vermeidet spektakuläre Höhepunkte; stattdessen gewinnt die Spannung aus dem Verhältnis von Bildmaterial und Kontextualisierung.

Ton und Atmosphäre werden vom Wechselspiel zwischen ruhigen, oft schwarzen Hintergründen und der Opulenz der Fotografien bestimmt. Ein bedachter Schnittrhythmus, sparsame musikalische Untermalung und der Fokus auf Geräusche der Stadt schaffen eine meditative, manchmal auch spannungsgeladene Stimmung, in der das Bild selbst zum Protagonisten wird.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach dem Blick - wer sieht, wie wird gesehen und welche Macht ist mit dem fotografischen Blick verbunden. Der Film kontextualisiert Tüllmanns Praxis innerhalb von Gender- und Medienfragen und thematisiert die Bedingungen weiblichen Arbeitens in einem dominanten, oft männlich geprägten Fotojournalismus. Damit verweist das Porträt auf größere Fragen nach Repräsentation und Sichtbarkeit.

Weiterhin schichtet der Film Erinnerungsarbeit und Archivpflege: Fotografien werden als Zeugnisse sozialer Kämpfe verstanden, als Material, das Geschichte konserviert, aber auch interpretiert. Die ethische Dimension des Fotografierens - die Verantwortung gegenüber Dargestellten, die Grenzziehung zwischen Dokumentation und Ausbeutung - bleibt fortwährend präsent. Aus fotografischen Details entspringen philosophische Überlegungen zur Zeitlichkeit von Bildern und zur Möglichkeit, Vergangenheit gegenwärtig zu machen.

Formal thematisiert der Film das Verhältnis von Standbild und Bewegtbild und nutzt dieses Spannungsverhältnis, um über Mediengrenzen hinweg zu denken. Motive wie Hände, Gesichter und Kontaktabzüge wiederholen sich und werden zum visuellen Kommentar der filmischen These: Bilder sind nicht nur Abbilder der Welt, sie sind aktiver Bestandteil ihrer Konstruktion.

Filmkritik von Peter Osteried

Der wache Blick durch den Sucher einer Kamera

Es ist ein ruhiger, bedächtiger Anfang, mit dem die Dokumentarfilmerin Claudia von Alemann das Porträt über ihre 1996 verstorbene Freundin, die Fotografin Abisag Tüllmann, beginnt. Über Minuten hinweg dokumentiert sie die Wohnung der gerade erst verstorbenen Fotografin. Sie erzeugt damit ein ganz besonderes Gefühl, von einem Leben, aus dem alles Leben gewichen ist, aber auch von einem Arbeitsmittelpunkt, von dem aus über drei Jahrzehnte hinweg das gesellschaftliche Leben Deutschlands beobachtet wurde.

Es ist ein persönliches Porträt, das von Alemann hier zeichnet. Sie lernte die Fotografin während ihrer Studienzeit kennen. Beide wählten zu ihrer Zeit einen Beruf, der eher eine Männerdomäne war, was vielleicht auch half, dieses enge Band der Freundschaft zu schmieden. Von Alemann nähert sich Tüllmann in Form eines filmischen Essays. Sie deckt die historischen Daten ab und berichtet von Tüllmanns Jugend, lässt aber vor allem deren Bilder sprechen.

Über 500 Bilder der Fotografin sprechen für sich, untermalt von ungewöhnlicher Musik, erhält man sofort das Gefühl, etwas zu sehen, dass die Essenz des Fotografierten einfängt. Das war eines der Talente von Tüllmann, ein anderes war, dass sie mit wachem Auge beobachten konnte. Ob Prominente oder Obdachlose, ob großer historischer oder intimer Moment, immer drückte Tüllmann genau dann auf den Auslöser, wenn der ideale Augenblick gekommen war. Schwarzweiß war dabei ihre bevorzugte Form – etwas, das es im Lauf der Jahre schwieriger machte, überhaupt ihre Arbeiten an den Mann zu bringen. Manche Magazine wie der „Stern“ wollten plötzlich nur noch Farbfotos, und das sogar von historischen Ereignissen, bei denen es höchst unwahrscheinlich war, dass überhaupt jemand ein Farbfoto besitzen konnte.

Im Verlauf von Die Frau mit der Kamera kommen Wegbegleiter und Freunde von Tüllmann zu Wort, aber auch die Fotografin spricht. Es ist älteres Archivmaterial, das sie in ihren letzten Jahren zeigte. Nach wie vor war sie eine wache Persönlichkeit, ein Mensch, der etwas zu sagen hatte, und das bedacht tat. Sie sprach unendlich langsam, wägte ihre Worte sorgsam ab und zeigte gegenüber der wörtlichen Rede denselben Respekt, den sie auch gegenüber ihrer Fotoarbeit empfand.

Ein leichter Film ist Die Frau mit der Kamera nicht. Dies ist mehr als ein dokumentarischer Abriss eines Lebenslaufs. Vielmehr versteht es die Filmemacherin, ihrem Thema gerecht zu werden, indem sie ein Werk abliefert, das auch von Abisag Tüllman stammen könnte – wenn sie denn das bewegte Bild dem Schnappschuss vorgezogen hätte.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de