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Der Marsianer - Rettet Mark Watney

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kritiken.de Redaktion 08.10.2015
Der Marsianer - Rettet Mark Watney© Fox Deutschland
A ca. 1283 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Der Marsianer - Rettet Mark Watney: Überlebensdrama, wissenschaftliche Präzision und menschliche Erzählkunst im Kino

Einleitung

Der Marsianer - Rettet Mark Watney tritt an als exemplarisches Produkt eines Zeitgeists, der Wissenschaft als Hoffnungstor ins Kino bringt. In einer Ära politischer Unsicherheiten und öffentlichen Diskursen über Forschungsetats und Raumfahrtambitionen bietet der Film eine Erzählung, die technische Kompetenz und menschliche Zerbrechlichkeit zusammenführt. Die Dramaturgie setzt weniger auf metaphysische Spekulation als auf die Verfahren und Routinen, die das Leben in Extremsituationen erst ermöglichen.

Regisseur Ridley Scott, dessen Karriere von visuellen Leitmotiven großer, oft rauh-dystopischer Science-Fiction geprägt ist, verleiht dieser Adaption von Andy Weirs Roman eine überraschende Mischung aus pragmatischer Genauigkeit und großem Filmischen. Scott bleibt seinem Interesse an Menschen in Grenzsituationen treu, wandelt es aber in einen Ton um, der Anstrengung, Humor und kollektive Verantwortung genauso ernst nimmt wie das Bedrohliche der Umwelt.

Der Film ist insofern relevant, als er Popkultur und Wissenschaftsbegeisterung miteinander verschränkt: Er behandelt nicht nur das Spektakel einer Rettungsmission, sondern auch die Alltagsarbeit von Ingenieuren, Wissenschaftlern und Entscheidungsträgern. In einer Zeit, in der Raumfahrtprojekte zunehmend als nationale Prestigeprojekte und zugleich als Felder privater Initiative verhandelt werden, markiert der Film eine mediale Verarbeitung dieser Ambivalenz.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Marsianer fußt auf dem Bestseller von Andy Weir und wurde für die Leinwand von Drew Goddard adaptiert. Ridley Scott übernahm die Regie und brachte sein gewohnt sorgfältiges Blickregime ein - von der landschaftlichen Monumentalität bis zur minutiösen Ausstattung technischer Apparate. Die Produktion entstand unter der Ägide von 20th Century Fox mit einem Produktionsbudget im mittleren dreistelligen Millionenbereich, das in überzeugende visuelle Effekte, realitätsnahe Sets und präzise Produktionsdesign investiert wurde.

Die filmische Sprache setzt auf einen Kontrast zwischen der kargen, zugleich erotisch wirkenden Rotheit der Marslandschaft und den kalten, kontrollierten Räumen von Mission Control. Kameramann Dariusz Wolski und Produktionsdesigner Arthur Max schufen eine Welt, die plausibel erscheint - nicht als futuristische Fantasie, sondern als eine technisch nahbare Erweiterung gegenwärtiger Raumfahrtästhetik. In Scott?s Werk nimmt der Film eine Sonderstellung ein: er ist weniger metaphysisch als Alien und weniger philosophisch als Blade Runner, zugleich aber handwerklich präzise und narrativ optimistisch.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Matt Damon als Mark Watney, ein Astronaut und Botaniker, dessen Überlebensstrategie sowohl ingenieurtechnische Klugheit als auch die Fähigkeit zur Selbstironie erfordert. Damon bringt die Mischung aus routiniertem Problemverständnis und verletzbarer Menschlichkeit, die die Figur verlangt. Jessica Chastain verkörpert die Missionsführerin Melissa Lewis als charismatische, verantwortungsbewusste Figur, deren Entscheidungen das Spannungsfeld zwischen Kameradschaft und geordneter Missionsführung ausloten.

Die Nebenfiguren bilden ein ensemblehaftes Netzwerk: Chiwetel Ejiofor spielt die wissenschaftliche und administrative Schnittstelle bei der Raumfahrtbehörde, Jeff Daniels zeichnet eine administrative Instanz, die zwischen Politik und Praxis vermittelt, während Kristen Wiig und Kate Mara Rollen übernehmen, die die mediale und technische Ebene der Rettungsoperation spiegeln. Donald Glover fungiert als exzentrischer, brillanter Kopf, dessen taktische Eingebungen den institutionellen Apparat herausfordern. Diese Besetzung erlaubt eine polyphone Darstellung von Expertise - die Rettung wird nicht als heroische Einzelleistung, sondern als kooperative Anstrengung inszeniert.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einem isolierten Überlebenskampf und den parallelen organisatorischen Anstrengungen, die seine Rettung möglich machen sollen. Auf der einen Ebene folgt die Kamera dem Protagonisten, der auf einem feindlichen Planeten improvisieren, rechnen und neu denken muss, um die Grundlagen des Lebens zu sichern. Auf der anderen Ebene beobachtet der Film Mission Control, internationale Kooperationen und die politischen Rahmenbedingungen, die Entscheidungen erschweren oder beschleunigen.

Der dramatische Konflikt entspringt weniger einem einzelnen Antagonisten als dem Spannungsverhältnis zwischen Zeitdruck, knappen Ressourcen und dem Zwang zu moralisch relevanten Entscheidungen. Die zentralen Figuren sind der einsame Überlebende, die Kommandoebene des Raumschiffs und die Teams auf der Erde, deren jeweilige Perspektiven ineinandergreifen. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen trockenem Pragmatismus, lakonischem Humor und einer permanenten, kaum sichtbaren Bedrohung durch die Umwelt.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach der Rolle von Wissenschaft in Krisenzeiten, nach dem Wert kollektiven Handelns und nach der Form von Heldentum in einer technisierten Welt. Er thematisiert, wie Wissen, Routine und Kreativität zusammenspielen, wenn Zeit und Material begrenzt sind, und zeigt, dass die Rettung weniger ein Akt purer Inspiration als eine Serie kleiner, technisch durchdachter Schritte ist. Ebenso erkundet der Film die psychologische Dimension der Einsamkeit - wie Humor, Protokoll und handwerklicher Eifer zu Überlebensstrategien werden.

Philosophisch rückt die Erzählung Fragen der Verantwortung ins Zentrum: Wem obliegt die Pflicht zu riskieren, wenn Leben auf dem Spiel stehen, und wie verhandelt eine Gesellschaft kollektive Risiken? Psychologisch interessiert sich der Film für Coping-Mechanismen unter Extremsituationen. Schließlich trägt die Erzählung eine moralische Botschaft über die Potenz von Kooperation - die Rettung ist ein soziales, technologisches und symbolisches Unterfangen zugleich.

Filmkritik von Peter Osteried

Matt Damon ist der Marsianer

Als Ridley Scott auf Matt Damon herantrat und ihm die Hauptrolle in Der Marsianer – Rettet Mark Watney anbot, da zögerte der Schauspieler zuerst. Immerhin hatte er nur kurz zuvor einen anderen auf einer fremden Welt gestrandeten Wissenschaftler in Interstellar gespielt. Aber Scott beruhigte ihn: Dies war eine gänzlich andere Rolle und ein völlig anderer Film. Er sollte Recht behalten.

Die Ares-III-Mission auf dem Mars wird von einem verheerenden Sturm überrascht. Die Kommandantin Lewis (Jessica Chastain) entscheidet, dass sie den Planeten verlassen, doch dann wird Mark Watney davon gerissen. Alle glauben, er sei tot, aber er hat überlebt. Nun ist er jedoch allein auf dem Mars, mit Lebensmitteln, die für ein Jahr reichen, während er vier Jahre überbrücken muss, bis die Ares-IV-Mission auf dem Roten Planeten landet. Doch das ist nur eines der Probleme, die er lösen muss. Kontakt zur NASA herzustellen, ist ein anderes. Mit der Einsamkeit zurechtzukommen ein weiteres.

In den letzten Jahren hat Ridley Scott mit seinen Werken mehrheitlich enttäuscht, Der Marsianer – Rettet Mark Watney ist nun die Umkehr dieses Trends. Scott ist zu alter Größe zurückgekehrt, er kann hier aber auch auf ein exzellentes Drehbuch von Drew Goddard zurückgreifen, das sehr feinsinnig den Roman von Andy Weir adaptiert. Dabei konnte Goddard auch den Humor ins andere Medium hinüberretten. Man sollte es kaum glauben, aber es gibt auch zu lachen und zu schmunzeln, und das vor allem wegen der sarkastischen Selbstgespräche, die Mark Watney mit sich führt. Das spielt Matt Damon exzellent. Er interagiert mit einer Kamera und treibt sich dabei selbst zu Höchstleistungen an.

Nur eines muss man dem Film ein wenig ankreiden. Das emotionale Involvieren des Publikums gelingt nicht ganz. Da war der ähnlich gestrickte, aber eigentlich in seiner Geschichte kleinere Gravitydeutlich erfolgreicher. Hier ist es vor allem die interessante Geschichte, wegen der man bei der Stange bleibt, weil man zusieht, wie ein Mensch das (fast) Unmögliche schafft. Was etwas fehlt, ist der Einblick in diesen Menschen. Nur einmal gibt es eine Szene, die das stärker akzentuiert. Wenn Mark mit seiner Kommandantin kommuniziert und bittet, sie etwas für ihn zu tun, sollte er den Roten Planeten nicht mehr verlassen.

Nichtsdestotrotz ist Scott hier ein großer Film gelungen, der mit einem extrem gut besetzen Star-Ensemble aufwartet, wird die Geschichte doch immer größer aufgezogen, wenn man nicht mehr nur Mark auf dem Planeten folgt, sondern auch miterlebt, was auf der Erde getan wird, um ihm zu helfen, und wie seine Kollegen auf dem Raumschiff reagieren, als sie von seinem Überleben erfahren.

In erster Linie überzeugt Der Marsianer – Rettet Mark Watney aber nicht, weil er großartig getrickst ist oder mit seiner Geschichte in den Bann ziehen kann, sondern vor allem, weil er den menschlichen Geist hochleben lässt. Scott ist ein extrem positiver Film gelungen, der im Kleinen wie im Großen zeigt, was möglich ist, wenn man sich nicht brechen lässt und wenn alle an einem Strang ziehen. Dann kann diese Spezies über sich hinauswachsen. Das ist eine Botschaft, die Der Marsianer – Rettet Mark Watney dann doch in die Nähe von Interstellar rückt, das aber auf sehr angenehme Art und Weise.

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