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Er ist wieder da

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kritiken.de Redaktion 08.10.2015
Er ist wieder da© Constantin Film Verleih GmbH
A ca. 867 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

Er ist wieder da: Satirische Demontage der Erinnerungskultur und die Komödie der Gegenwart

Einleitung

Er ist wieder da tritt in eine deutsche Debatte, die zwischen Erinnerung und Vergessen, Analyse und Verdrängung schwankt. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Timur Vermes, 2015 in die Kinos gekommen, fungiert nicht primär als historisches Dokument, sondern als Spiegel auf die Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts. Indem sie eine der radikalsten Figuren der deutschen Geschichte in die Gegenwart transponiert, zielt sie auf die Mechanismen, mit denen öffentliche Aufmerksamkeit hergestellt, kanalisiert und instrumentalisiert wird.

Der Film ist relevant, weil er die Risse im kollektiven Gedächtnis auslotet, ohne sich auf einfache moralische Verurteilungen zu beschränken. Er provoziert, indem er das Lachen nicht verbietet, sondern es zum Prüfstein macht: Welche Formen von Komik sind erlaubt, welche verschleiern, und welche entlarven? In dieser Hinsicht ist der Film weniger ein Versuch der Belehrung als eine dramatische Anordnung von Situationen, die das Publikum dazu zwingt, seine eigene Reaktion zu hinterfragen.

Im Werk seines Regisseurs markiert die Produktion einen Schnitt zwischen politischem Anspruch und massenkompatibler Erzählung. David Wnendt, der zuvor mit Kriegerin Aufmerksamkeit erregte, verlagert hier die Auseinandersetzung von einem sozialrealistischen Rahmengerüst in eine satirische, teils groteske Form. Die Entscheidung, das Sujet als Komödie zu arrangieren, eröffnet besondere filmische und ästhetische Möglichkeiten, zugleich aber auch Gefahren, die der Film bewusst thematisiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Verfilmung basiert auf einem Bestseller, dessen provokante Prämisse bereits vor der Kinoauswertung intensiven medialen Widerhall erzeugte. Regisseur David Wnendt nutzt seine Erfahrung mit kontroversen Stoffen und verbindet dokumentarische Elemente mit klassischer Spielfilmästhetik. Die Inszenierung greift auf variierte Erzähltechniken zurück: Straßenszenen und spontane Begegnungen sind so montiert, dass sie an Mockumentary erinnern, während inszenierte Studioauftritte klar fiktional bleiben.

Die Produktionsbedingungen zielen auf breite Sichtbarkeit. Die Ausstattung, die Wahl urbaner Berliner Schauplätze und das Tempo des Schnitts sind auf ein großes Publikum ausgerichtet, wobei die handwerkliche Durcharbeitung der Kompositions- und Kameraarbeit eine Balance zwischen satirischer Überzeichnung und realistischer Verankerung wahrt. In der deutschsprachigen Kinolandschaft nimmt der Film eine Sonderstellung ein, weil er eine Bestselleradaption mit einem ambitionierten gesellschaftspolitischen Anspruch verbindet, ohne in dokumentarische Strenge zu verfallen.

In der Filmografie des Regisseurs steht Er ist wieder da für eine thematische Weiterführung: Wnendt bleibt der kritischen Auseinandersetzung mit sozialen Milieus verpflichtet, weitet aber seinen Fokus auf mediale Dynamiken aus. Die Arbeit ist damit weniger eine Abkehr von früheren Motiven als eine Form ihrer Komprimierung in ein Format, das Unterhaltung und Diskurs zusammenführt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Oliver Masucci, der die titelgebende Figur übernimmt. Seine Leistung ist keine einfache Imitation; sie basiert auf fein austariertem Spiel zwischen physiologischer Nachahmung und psychologischem Zugriff. Masucci schafft es, die bekannte Gestik und Sprache in eine moderne Körperlichkeit zu übersetzen, die zugleich irritiert und fasziniert. Diese Ambivalenz ist das dramaturgische Kapital seiner Darstellung.

Christoph Maria Herbst bringt seine komödiantische Erfahrung als Gegenpol ein. Bekannt geworden durch prägnante Figuren im Fernsehen, liefert er hier eine Darstellung, die die Mechanismen des Entertainments sicht- und hörbar macht. Fabian Busch, ein profilierter Charakterdarsteller, übernimmt die Funktion des skeptischen Beobachters und verkörpert das institutsnahe Milieu von Journalismus und Kulturbetrieb. Lars Rudolph agiert als randständige, aber prägnante Figur, die die gesellschaftlichen Unterströmungen andeutet, während Katja Riemann eine etablierte, öffentlich präsente Position repräsentiert, die zwischen Professionalität und Opportunismus oszilliert.

Das Ensemble arbeitet zusammen an einer Dramaturgie, in der Nebenfiguren nicht bloß Staffage sind, sondern bestimmte Facetten der Medien- und Alltagsrealität reflektieren. Die Casting-Entscheidungen sind dabei programmatisch: bekannte Gesichter, die mit vorhandenen Zuschauererwartungen spielen, werden genutzt, um die satirische Wirkung zu verstärken.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Prämisse ist knapp: Eine historische Figur wird in der Gegenwart wiederentdeckt und gerät in eine Gesellschaft, die sie zunächst nicht historisch, sondern als Showact einordnet. Aus dieser Konstellation entwickelt sich eine Serie von Begegnungen zwischen der titelgebenden Gestalt und den Medien, dem Publikum sowie Institutionen, deren Reaktionen den dramatischen Konflikt hervorbringen. Zentral ist die Spannung zwischen performativer Darstellung und politischer Wirkung: Wie reagiert eine moderne Öffentlichkeit auf provokante Rhetorik und geltungsbewusste Inszenierung?

Die Tonalität des Films pendelt zwischen slapstickartiger Komik, bitterer Ironie und einer latent beunruhigenden Schärfe. Die Atmosphäre ist oft heiter, doch die Komik ist selten unbeschwert; sie dient eher als Lupe für die Mechanismen, die politische Sprache wirksam machen. Die Figuren sind funktional angelegt, um unterschiedliche Milieus und Reaktionsweisen abzubilden: das mediale Establishment, das Publikum auf der Straße, Intellektuelle und Profiteure öffentlicher Aufmerksamkeit.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach Erinnerung, Verantwortung und der Rolle der Medien im demokratischen Gefüge. Er thematisiert die Leerstelle zwischen historischer Bildung und medialer Verkürzung, untersucht die Verführbarkeit durch einfache Narrative und konfrontiert das Publikum mit seiner eigenen Neigung zu Sensationslust. Dabei bleibt die Auseinandersetzung nicht rein politisch, sondern hat auch eine psychologische Dimension: Es geht um Sehnsüchte nach Orientierung, um die Rolle von Humor als Abwehr- und Aufdeckungsinstrument sowie um die Dialektik von Authentizität und Inszenierung.

Motivisch wiederkehrt die Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart, sichtbar gemacht durch Settings, die historische Konturen in den Alltag der Jetztzeit treten lassen. Die filmische Sprache thematisiert zudem das Spektakel selbst: Kameraführung, Schnitt und Montage setzen Reflexionsmomente, in denen die Mechanismen der Aufmerksamkeit offengelegt werden. Damit ist Er ist wieder da weniger Versuch einer finalen Antwort als ein provokantes Angebot, die Bedingungen unserer Gegenwart kritisch zu lesen.

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