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The Lone Ranger

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kritiken.de Redaktion 08.08.2013
The Lone Ranger© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH
A ca. 1595 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

The Lone Ranger als Mythosmaschine - Hollywoods barocke Rekonstruktion des Wilden Westens und Identität

Einleitung

The Lone Ranger positioniert sich als mehrschichtige Annäherung an ein amerikanisches Urnarrativ. Der Film tritt nicht einfach als weiterer Ausflug ins Abenteuer-Genre an, sondern beansprucht, das Genre selbst zu sezieren und neu zu montieren. In dieser Absicht bleibt er in der Tradition filmischer Ambitionen, die weit über simple Western-Ikonographie hinausgehen und stattdessen auf die Performativität von Heldenmythen und ihre industrielle Produktion zielen.

Für den Regisseur bedeutet dieses Projekt eine Fortsetzung seiner Neigung zu opulenten, zugleich ironischen Spektakeln. Es ist ein Versuch, die Formeln des klassischen Hollywood mit zeitgenössischer Postmoderne zu koppeln - eine Synthese aus Pathos, Komik und überbordender Bildsprache. In seiner Inszenierung zeigt sich eine Handschrift, die zwischen Poptheater und dunkler Groteske oszilliert.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung verweist auf ein Publikum, das in den 2010er Jahren gleichermaßen von Franchise-Ökonomie wie von einem neu entfachten Interesse an nationalen Erzählungen geprägt ist. Die Auseinandersetzung mit Industrie, Expansion und Identitätskonstruktion reflektiert eine Ära, in der nostalgische Mythen neu verhandelt werden müssen - sowohl ästhetisch als auch politisch.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Gore Verbinski, ein Filmemacher, der sich in unterschiedlichen Genres einen Ruf als visueller Geschichtenerzähler erarbeitet hat. Seine bisherigen Arbeiten zeichnen sich durch eine Vorliebe für aufwändige Setpieces, ausgeprägte Figurenkarikaturen und eine Mischung aus düsterer Ironie und sentimentaler Melodramatik aus. The Lone Ranger kann als logische Erweiterung dieser Ästhetik gelesen werden: ein groß angelegtes Studioepos, das zugleich das Genre befragt, aus dem es schöpft.

Produziert wurde der Film unter dem Dach großer Hollywoodstrukturen mit Walt Disney Pictures und dem Produzenten Jerry Bruckheimer. Die Herstellung war durch ein hoch angesetztes Budget gekennzeichnet - Berichte sprechen von einem Aufwand im Bereich von über 200 Millionen Dollar - sowie durch eine Produktionslogistik, die klassische Westernästhetik mit modernen visuellen Effekten verband. Komponist Hans Zimmer steuert einen Score bei, der die Ambitionen des Films musikalisch unterlegt und zwischen Westernmotive und orchestralem Bombast vermittelt.

Im Kanon des Regisseurs nimmt The Lone Ranger den Platz eines ambitionierten Studioprojekts ein, das Verbinskis Neigung zu opulenter Erzählkunst mit kommerziellen Erfordernissen verheiratet. Es steht neben seinen Arbeiten, die durch eine ähnliche Mischung aus Genreflexion und massenkompatiblem Spektakel auffallen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Armie Hammer übernimmt die Doppelrolle des John Reid und seines Alter Egos, des maskierten Gesetzeshüters. Hammer bringt hier eine ruhige, beinahe klassisch-kantige Interpretation des Heldenarchetyps, wie man sie aus seinen vorherigen Arbeiten kennt, wo er oft zwischen stoischer Zurückhaltung und latentem Pathos pendelt. Diese Rolle verlangt ihm sowohl physische Präsenz als auch die Fähigkeit zur ironischen Distanz ab.

Johnny Depp ist in der Figur des Tonto eine zentrale, stilistisch stark akzentuierte Gegenfigur. Die Kollaboration mit Verbinski ist eine Fortsetzung einer langjährigen Arbeitsbeziehung und führt zu einer bewusst theatralischen Performance, die sich am Rande des Ritualhaften bewegt. Depp verwandelt die Figur in eine mythologische Projektion, deren Ambivalenz zwischen Schamanismus, Clownerie und dramatischer Tiefe liegt.

William Fichtner, bekannt als verlässlicher Charakterdarsteller, verkörpert den brutalen Gegenspieler, dessen Existenz den narrativen Motor der Rache- und Gerechtigkeitsfrage antreibt. Helena Bonham Carter tritt als vielschichtige Nebenfigur auf, deren Eigenheiten zwischen, Melancholie und ironischer Distanz changieren. Tom Wilkinson schließlich repräsentiert die zivilisatorische Machtelite - eine Figur, die im Film die strukturellen Kräfte jener Epoche versinnbildlicht.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt in großer Geste die Entstehung der Figur des Lone Ranger als Reaktion auf Gewalt und Gesetzlosigkeit in einem sich rasant verändernden Westen. Im Zentrum steht die ungewöhnliche Partnerschaft zweier Männern aus verschiedenen Welten - ein maskierter Rächer und sein unbeugsamer Begleiter - deren Allianz die lineare Erzählung vom einsamen Helden unterläuft. Der dramatische Konflikt formiert sich aus persönlicher Vergeltung, organisierter Kriminalität und dem Expansionsdrang industrieller Mächte, die das Land durchschneiden.

Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen ausgelassenem Abenteuerkino, bühnenhafter Groteske und schweren, manchmal melancholischen Momenten. Der Film variiert spielerisch zwischen Wildwest-Ikonographie und ironischer Distanz, so dass die Erzählung weniger als gradliniges Westernepos denn als kommentierende Re-Konstruktion zu begreifen ist.

Zentrale Themen und Motive

Die thematische Achse des Films liegt auf der Dekonstruktion von Mythosbildung. Er fragt danach, wie Legenden entstehen, welche Rolle Erzählungen für kollektive Identität spielen und wie sich Machtstrukturen in ihren Narrativen verankern. Zugleich wird das Verhältnis von Individuum und Institution verhandelt - der maskierte Held als Produkt persönlicher Tragödie und sozialer Notwendigkeit.

Eine weitere Schicht des Films befasst sich mit Repräsentation und Erinnerung. Die Figur des Tonto, ihre Mythologisierung und die damit verbundenen ethnischen Dimensionen öffnen Debatten über kulturelle Aneignung, stereotype Bildproduktion und die Möglichkeit einer nuancierteren Darstellung indigener Perspektiven im Mainstreamkino. Ebenso tritt das Thema Industrialisierung als katalytische Kraft hervor - Eisenbahn, Kapital und die Verwandlung von Landschaft werden als Motoren technologischer und moralischer Umwälzungen gezeigt.

Schließlich durchzieht die Frage nach Performanz und Identität das Werk. Masken, Rollenspiele und die Bühne des öffentlichen Handelns sind nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Metaphern für die Art und Weise, wie Gesellschaften ihre Helden kreieren und wie diese Helden in den Kitt sozialer Erwartungen eingeschrieben werden.

Filmkritik von Till Kadritzke

Nicht alles, was in den Vereinigten Staaten zur popkulturellen Grundaustattung gehört, ist in europäischen Gefilden ebenso bekannt. Der maskierte Texas Ranger ohne Namen, der mit seinem treuen Indianerfreund Tonto das Verbrechen im Wilden Westen bekämpft, dürfte den meisten hierzulande fremd sein. In den 1930er Jahren wurde die Figur als Held einer Radio-Show erfunden, die es bis zur Absetzung im Jahr 1955 auf fast 3.000 Folgen gebracht hatte. Obwohl die in der Nachkriegszeit erfolgte Übertragung in ein TV-Serienformat noch durchaus mit Erfolg gekrönt war, tat sich das Kino bislang schwer, dem vergleichsweise harmlosen Helden ein würdiges Leinwandabenteuer zu verschaffen. In der ursprünglichen Radio- wie in der späteren TV-Fassung war der Lone Ranger ein eher friedfertiger Geselle, der Waffen nur benutzte, um Gegner zu entwaffnen, der niemals rauchte oder Alkohol trank – und der sein Pferd stets begleitet vom Trademark-Ruf „Hi-yo, Silver! Away!“ sattelte.

So richtig cool klingt das alles im 21. Jahrhundert nicht mehr, und so verbringt Lone Ranger die erste Stunde seiner Laufzeit vorwiegend damit, die eigene Blockbuster-Existenz zu rechtfertigen und den Lone-Ranger-Mythos in die Gegenwart zu transportieren. Doch während sich die Batmans und Supermans auf der Suche nach der Höhe der Zeit noch in Dark Knights und Men of Steel verwandeln können, sich dabei gleichwohl weiterhin in ihrem eigenen Kosmos bewegen dürfen, ist im Wilden Westen kaum Platz für ernst zu nehmende Superhelden. Vor allem die schwarze Maske wirkt für den genre-geschulten Blick doch eher wie ein Fremdkörper in diesem Setting, ein Gimmick, das leicht ins Lächerliche abzugleiten droht. Verbinski und ein Team von immerhin drei Drehbuchautoren treten auf zunächst amüsante Weise die Flucht nach vorn an: Bei einem Banküberfall zu Beginn können der Ranger und Tonto mit ihrem Auftreten kaum Eindruck schinden. „Was soll denn die Maske?“, fragt einer der so gar nicht eingeschüchterten Bankkunden.

So spielt der Film mit jenen Elementen, die einst abenteuerlich und nun anachronistisch wirken, beschwört dabei ähnlich scheiternde Stars aus Anti-Western wie Butch Cassidy und Sundance Kid. Das reicht leider für nicht viel mehr als eine lobende Erwähnung in Sachen Selbstironie, kann doch nichts darüber hinwegtäuschen, dass Lone Ranger weder im Vergleich zu diesem Vorbild, noch zu den Fluch der Karibik-Filmen, für die dasselbe Team verantwortlich zeichnet, überzeugen kann. Beeindruckend sind allein die rasanten Zug-Sequenzen, die das im klassischen Western häufig als bloßes Fortschrittssymbol benutzte Motiv der Eisenbahn materialisieren und in eine actionreiche CGI-Geschwindigkeits-Maschine einbauen. Doch daneben überzeugen weder Plot noch Figuren, die Gags zünden nicht, sondern irritieren – allen voran die müden Verschrobenheiten von Marketing-Zugpferd Johnny Depp in der Rolle des Tonto. Hinter dessen Gesichtsbemalung schneidet Depp die immergleichen Grimassen und ruht sich derart auf seinen Rollen der Vergangenheit aus, dass man auch gleich Jack Sparrow in die Darsteller-Credits hätte schreiben können.

Aber Piraten und Indianer, das sind doch sehr unterschiedliche Figurationen, mit anderen Geschichtlichkeiten, die an andere Fragen der Repräsentation rühren. Das wissen auch die Filmemacher, und so sorgt das Bemühen um einen vorsichtigen Umgang mit dem indigenen Erbe dafür, dass die Abfederung der Aktualisierungsprobleme mehr Zeit in Anspruch nimmt als die eigentliche Handlung. Zum einen wird uns diese von einem gealterten Tonto präsentiert, der im Jahre 1933 in einer Wild-West-Ausstellung unter dem Titel „Noble Savage“ ausgestellt ist. Zum anderen wird Tonto später selbst als ein aus der indianischen Gemeinde Verbannter enttarnt, seine Verrücktheiten werden mit dem weisen, aber „normalen“ Umgangston zwischen den „echten“ indianischen Figuren kontrastiert. Die Thematisierung des Edlen Wilden als simplifizierende Zuschreibung aus fernen Zeiten sowie das Bemühen um eine ausgewogene Darstellung der Native Americans liefern somit den Freifahrtschein dafür, dass Johnny Depp nach dem Piraten nun den Indianer mimen darf.

Und mit der Autorität des weisen Ureinwohners rechtfertigt er schließlich sogar jenes Gimmick, dem noch zu Beginn der Spott des Films galt. „There are times when good men have to wear masks“, sagt der alte Tonto schon zu Beginn, und der Film liefert die Legitimation dieser These. Zunehmend wird die Maske mit Bedeutung aufgeladen, wird zum Symbol des notwendigen Widerstands gegen Ungerechtigkeiten, selbst wenn diese im Namen des Gesetzes geschehen. Doch die gut gemeinte Protest- und Rebellionsromantik geht in Phrasen und moralischen Plädoyers auf, die das Werk der endlosen Rahmung, Einführung und Aktualisierung der Lone-Ranger-Figur vollenden – nämlich das Abenteuer zu ersticken, auf das man sich gefreut hatte.

Aus Schiff werde Zug, aus bösem Kapitän werde Eisenbahnmagnat, aus Pirat werde Indianer: Lone Ranger überträgt das Prinzip von Fluch der Karibik in den Wilden Westen. Doch scheitert das neue Projekt von Jerry Bruckheimer vor allem am Erbe seiner Vorlage, die der Film zugleich ehren und problematisieren will, ihren Figuren, die er zugleich retten und brechen will. Fast alles, was Spaß gemacht hat an den Jack-Sparrow-Filmen und anderen Blockbuster-Abenteuern, bleibt dabei auf der Strecke.

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