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Das Leuchten der Erinnerung

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kritiken.de Redaktion 04.01.2018
Das Leuchten der Erinnerung© Bildrechte beim jeweiligen Verleiher / Promotional Material (siehe Impressum)
A ca. 1328 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Das Leuchten der Erinnerung: Ein elegisches Abenteuer zwischen Gedächtnis und Landschaft

Einleitung

Das Leuchten der Erinnerung, 2018 in Italien veröffentlicht, tritt in eine lange Linie europäischer Filme, die das Abenteuer nicht als bloße Flucht vor dem Alltag begreifen, sondern als Anlass zu innerer Revision. In einer Zeit, in der filmisches Erzählen oft zwischen Nostalgie und dokumentarischer Schonungslosigkeit oszilliert, verweigert sich dieser Film einfachen Kategoriensetzungen und rückt Erinnerung als aktive Kraft ins Zentrum des Erzählens.

Seine Relevanz liegt weniger in spektakulärer Action als in der Frage, wie Geschichten aus der Vergangenheit die Gegenwart formen. Gerade die Entscheidung, einen Abenteuerfilm mit zwei international prominenten Darstellern eines anderen Kulturraums in eine italienische Kontextualisierung zu setzen, verweist auf das transnationale Begehren des europäischen Kinos: Geschichten über Identität und Vergessen wollen heute grenzübergreifend erzählt werden.

Im Kontext des Regisseurs - dessen Namen hier bewusst nicht als primäre Kategorie geführt wird - lässt sich der Film als konsequente Fortsetzung einer sensiblen, bildbewussten Handschrift lesen. Er verbindet die klassische Haltung des Autorenkinos mit einer narrativen Offenheit, die das Publikum nicht mit finalen Antworten entlässt, sondern mit Bildern und Situationen, die nachdenken lassen. So nimmt der Film den Zeitgeist jener Jahre auf, in denen mediale Erinnerungskultur und die Angst vor kulturellem Verlust in Europa besonders scharf debattiert wurden.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Regiearbeit des Films folgt einer ästhetischen Linie, die Wert auf Beobachtung, räumliche Präzision und eine behutsame Montage legt. Kamera und Licht werden nicht bloß zur Illustration, sondern zur dramaturgischen Instanz: Landschaften fungieren als externe Gedächtnisspeicher, Lichtstimmungen als Indikatoren innerer Zustände. Dieses visuelle Vokabular weist auf eine Regiehandschrift, die sowohl aus dem neorealistischen Erbe Italiens als auch aus unaufgeregten Autorenfilmen jüngerer Prägung schöpft.

Die Produktionsumstände entsprechen dem Profil eines ambitionierten europäischen Arthouse-Projekts: internationale Besetzung, in Italien verankerte Dreharbeiten und vermutlich eine Finanzierung, die auf koproduktive Modelle setzte. Solche Rahmenbedingungen ermöglichen eine Produktion, die zwischen handwerklicher Zurückhaltung und künstlerischer Ambition balanciert, ohne in konventionellen Genrekonventionen zu verharren.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Das Leuchten der Erinnerung eine Phase, in der Themen wie Erinnerung, Alter und räumliche Verwurzelung zunehmend ins Zentrum rücken. Es steht in Kontinuität zu früheren Arbeiten, die sich eher subtil als programmatisch mit der Verflechtung von persönlicher Geschichte und kollektivem Gedächtnis auseinandergesetzt haben.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Donald Sutherland bringt eine lange Karriere mit, in der er immer wieder Figuren des Misstrauens, der Melancholie und gelegentlich des Zynismus verkörpert hat. Seine Präsenz im Film signalisiert eine Neubetrachtung später Lebensphasen: Sutherland verkörpert hier einen Mann, dessen Biografie sichtbar in den Körper eingeschrieben ist, ohne dass die Figur in bloße Sentimentalität verfällt. Die Rolle verlangt Ruhe, Präsenz und die Fähigkeit, Erinnerungen nonverbal anzudeuten.

Helen Mirren steht seit Jahrzehnten für nuanciertes Schauspiel, bei dem Autorität und Verwundbarkeit oft nahe beieinanderliegen. Bekannt geworden durch Leistungen, die von historischen Figuren bis zu komplexen Gegenwartsrollen reichen, übernimmt sie hier die Gegenfigur oder Verbündete des Protagonisten - eine Figur, die Erinnerung nicht nur bewahrt, sondern in Bewegung setzt. Ihre Darstellung arbeitet mit kleinen Gesten und einer klaren, aber zurückgenommenen Emotionalität.

Die Wahl dieser beiden Schauspieler ist nicht zufällig: Sie trägt zur transnationalen Lesart des Films bei und öffnet ihn zugleich für ein Publikum, das auf die Schauwerte späte Karriere großer Namen reagiert. Beide Figuren agieren als Träger von Geschichte, nicht als exemplarische Helden, und bilden zusammen ein Paar von Erinnerungsarbeitern, deren Beziehung weniger romantisch als dialogisch angelegt ist.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einem episodischen Handlungsverlauf, der die Struktur eines Abenteuers nutzt, um innere Prozesse zu veranschaulichen. Ausgangspunkt ist ein persönlicher Anstoß - ein Fund, eine Nachricht oder das Bedürfnis, etwas Unerledigtes zu klären - der die Protagonisten auf eine Reise schickt. Diese Reise ist zugleich äußerlich und innerlich: Straßen, Küsten und verlassene Orte werden zu Stationen, an denen vergangene Entscheidungen überprüft werden.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Spannung zwischen Erinnerung und Gegenwart. Zentrale Figuren sind zwei ältere Protagonisten, deren eigene Biografien, familiäre Bindungen und verlorene Kontinuitäten Thema sind. Die Erzählung gewinnt ihre Dynamik nicht aus spektakulären Hindernissen, sondern aus den Rissen, die das Erinnern in die Beziehungen der Figuren schlägt, sowie aus dem Versuch, diese Risse zu bearbeiten.

Tonalität und Atmosphäre sind von einer gedämpften, manchmal melancholischen Gelassenheit geprägt. Der Film arbeitet mit langen Einstellungen, punktueller Musik und dem Gebrauch der Umgebung als emotionaler Resonanzbodenk. Abenteuer wird hier als Suchbewegung verstanden - nicht als Triumph, sondern als Auseinandersetzung mit dem Unabgeschlossenem.

Zentrale Themen und Motive

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Erinnerung identitätsstiftend wirkt und gleichzeitig der Quelle neuer Konflikte sein kann. Der Film stellt damit grundlegende philosophische Fragen: Was bedeutet es, sich an etwas zu erinnern, das möglicherweise nicht mehr beweisbar ist? Inwieweit definieren persönliche Geschichten die Gegenwart und wie lassen sich Widersprüche zwischen öffentlicher und privater Erinnerung vermitteln?

Motivisch wiederkehrend ist das Spiel mit Licht und Oberfläche - das Leuchten als Metapher für Momente der Klarheit, aber auch für trügerische Helligkeit. Landschaften fungieren als Speicher, in denen kleine Begebenheiten und historische Bruchstücke verwahrt sind. Die narrative Struktur arbeitet häufig mit Fragmenten und Rückblenden - nicht, um den Plot zu verkomplizieren, sondern um das epistemologische Problem von Erinnerung spürbar zu machen.

Psychologisch lotet der Film das Altern als Zustand zwischen Kontinuität und Verlust aus. Gesellschaftlich berührt er Themen wie das Verhältnis der Gegenwart zu historischen Verwerfungen, die Rolle von Erinnerung in einer globalisierten Welt und die Sehnsucht nach Sinnstiftung im Alter. Insgesamt bietet Das Leuchten der Erinnerung ein dichtes Feld an Fragen - über Wahrheit, Erzählbarkeit und die ästhetischen Mittel, mit denen das Kino solche Fragen untersuchen kann.

Filmkritik von Peter Osteried

„Das Leuchten der Erinnerung“: Großes Schauspielkino

Der italienische Regisseur Paolo Virzi gibt mit Das Leuchten der Erinnerung sein englischsprachiges Filmdebüt. Er hat sich dafür einen Roman ausgesucht, den er mit zwei großen alten Mimen adaptiert hat. Dass der Film funktioniert, liegt auch vor allem an Helen Mirren und Donald Sutherland.

Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland) sind seit fast 50 Jahren miteinander verheiratet. Nun begeben sie sich entgegen den Wünschen ihrer beiden Kinder auf einen letzten Road Trip, der sie zu den großen Momenten ihrer Vergangenheit zurückbringen soll. Aber diese letzte Reise, die davon geprägt ist, dass Ella ihrer Krankheit wegen Schmerzen hat und John nur selten den Schleier seiner Demenz durchstoßen kann, ist auch ein Blick zurück auf Geheimnisse, die längst ihre Bedeutung verloren haben.

Man merkt dem Stoff schon an, dass die Erzählung recht manipulativ gestaltet ist. Sie lebt von Klischees, die aber nie über Gebühr strapaziert werden. Stattdessen hat der Film einen Hauch von Authentizität, der immer wieder hilft, ihn über sich hinauswachsen zu lassen. In seiner Darstellung des Alters, das mit Krankheiten einhergeht, aber auch der Demenz, die den Zuschauer an geliebte Menschen erinnert, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, ist der Film nicht völlig akkurat, aber so nahe dran, dass er ein echtes Gefühl heraufbeschwört.

Virzi erzählt dabei mit leisem Humor, der sich aus eigentlich traurigen Umständen ergibt, der aber eben zum Leben dazugehört. Er zelebriert damit nicht nur das gemeinsame Leben seiner beiden Hauptfiguren, sondern den Umstand selbst, dass Leben trotz allen Schmerzes auch immer Hoffnung und Möglichkeiten offeriert. Selbst in den Momenten, in denen alles verloren zu sein scheint. Zugleich zeigt der Film aber auch ein interessantes Verständnis zum selbstbestimmten Leben, da er den beiden Hauptfiguren eine Freiheit gewährt, die sich jeder in dieser Situation wohl wünscht, aber längst nicht jeder bekommt.

Das macht Das Leuchten der Erinnerung zu einer bittersüßen, durchaus auch traurigen Angelegenheit, da er nicht mit dem endet, was man klassischer Weise ein Happy End nennen würde. Aber dafür zeigt er, dass man den eigenen Abgang auch so gestalten kann, wie man sein Leben gelebt hat: in Würde und mit Anstand.

Der Film profitiert dabei von seinen beiden Hauptdarstellern, deren Liebe man wirklich spürt, weil die Mimen es verstehen, sie mit kleinen Gesten und Aufmerksamkeiten erlebbar werden zu lassen. Es ist toll, Helen Mirren und Donald Sutherland zuzusehen, ebenso wie der Film selbst den Zuschauer mit einem guten Gefühl entlässt, auch wenn es im Kern eine eher traurige Geschichte ist, die man hier sieht.

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