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Dieses bescheuerte Herz

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kritiken.de Redaktion 21.12.2017
Dieses bescheuerte Herz© Constantin Film Verleih
A ca. 1379 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Dieses bescheuerte Herz - Verletzlichkeit, Maskerade und der Balanceakt zwischen Sentiment und Authentizität

Einleitung

Mit seinem Titel, der zugleich provokant und zärtlich wirkt, positioniert sich Dieses bescheuerte Herz im deutschsprachigen Kino als ein Film, der um die Darstellung von Krankheit, Freundschaft und jugendlicher Haltlosigkeit ringt. Seit seiner Veröffentlichung am 21.12.2017 fand der Film Aufmerksamkeit nicht primär als experimentelles Kino, sondern als publikumswirksames Drama, das emotionale Nähe sucht und das Spannungsfeld zwischen Melodram und realistischer Beobachtung auslotet.

Die Relevanz des Films liegt weniger in narrativer Kühnheit als in seinem Umgang mit existenziellen Fragen: Wie reagiert eine Generation, die Öffentlichkeit und Selbstdarstellung selbstverständlich verbindet, auf das Alte, das Verletzliche und das Sterben? In einer Zeit, in der Authentizität als kultureller Wert gehandelt wird, verlangt der Film dem Zuschauer eine Einordnung ab - zwischen Mitgefühl und kritischem Blick auf Inszenierungen von Gefühlen.

Innerhalb des Werks seines Regisseurs fügt sich der Film in eine Linie, die Popularität und moralische Ernsthaftigkeit verbindet. Der Regisseur bleibt dem zugänglichen Erzählkino verpflichtet, ohne die Figuren auf plakative Typen zu reduzieren. Das Resultat ist ein Film, der auf unmittelbare Wirkung zielt, dabei aber immer wieder formal zurücknimmt, um die Blickrichtung auf die Protagonisten zu schärfen.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film wurde mit Blick auf ein breites deutsches Publikum inszeniert und trägt die Gestaltungsmerkmale eines studioorientierten Dramas: klare Erzählstränge, sichtbare dramaturgische Setzungen und eine Bildsprache, die Nähe erzeugt ohne zu überfordern. Die Produktionsumstände lassen erkennen, dass es sich um ein mittleres Budget handelt, produziert mit kommerzieller Zielsetzung, was sich in der handwerklich sauberen, aber nie opulenten Ausstattung und in der pragmatischen Regieführung zeigt.

Die Handschrift des Regisseurs zeigt sich weniger in exzentrischen visuellen Signalen als in einer konsequenten Figurenarbeit. Kamera und Schnitt bevorzugen Einstellungen, die Reaktionen und Blicke ins Zentrum rücken, Musik begleitet die Szenen eher kommentierend als dominierend. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen der Konventionalität des Genres und kleinen formalen Entscheidungen, die dem Film eine persönliche Note verleihen.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert dieses Projekt eine Auseinandersetzung mit Themen, die wiederholt auftreten - Verantwortung, moralische Entscheidungen und die Frage, wie Nähe hergestellt wird. Der Film ist damit weniger Bruch als Fortführung einer filmischen Vorliebe für zugängliche, auf menschliche Verhältnisse konzentrierte Erzählungen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Elyas M'Barek, der prominenteste Name des Ensembles, hat sich im deutschen Kino als Publikumsmagnet etabliert. Bekannt wurden seine Auftritte in erfolgreichen Komödien und Unterhaltungsfilmen, in denen er oft zwischen Leichtigkeit und latentem Pathos oszillierte. In Dieses bescheuerte Herz verschiebt sich seine Präsenz zugunsten einer zurückhaltenderen Form der Darstellung. Er spielt nicht die laute Entertainerfigur, sondern einen Charakter, dessen äußere Selbstsicherheit sukzessive Risse zeigt. Diese Rollenarbeit beansprucht eine subtile Mimik und ein Timing, das weniger von Gags als von kleinen, echten Momenten lebt.

Den Gegenpol zum etablierten Star bildet ein jüngerer Darsteller, der die fragile, von Krankheit gezeichnete Mitte des Films verkörpert. Seine Darstellung ist auf Zurückhaltung angelegt und verlangt vom Ensemble, einen Rahmen zu schaffen, in dem persönliche und körperliche Verletzlichkeit spürbar werden, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Die Nebenrollen sind so besetzt, dass sie soziale Milieus und generationsspezifische Haltungen spiegeln, ohne dabei zur Typisierung zu verkommen.

In der Zusammensetzung des Casts zeigt sich ein bewusstes Spiel mit Erwartungshaltungen: Ein bekannter Name zieht Publikum, während frische Gesichter dem Film emotionale Glaubwürdigkeit verleihen. Diese Balance ist für die Wirksamkeit der Geschichte, die auf Beziehung und Gegenseitigkeit baut, entscheidend.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt von einem ungleichen Paar, dessen Begegnung als Katalysator für persönliche Veränderungen fungiert. Im Zentrum stehen die Dynamiken von Nähe und Distanz, Fürsorge und Selbstbehauptung. Der Dramatische Konflikt entsteht nicht aus äußeren Katastrophen, sondern aus der Konfrontation von Lebensentwürfen und der unvermeidlichen Präsenz von Verletzlichkeit.

Die zentralen Figuren werden nicht als heroische Opfer oder schnöde Melodramaträger konstruiert, sondern als Menschen in einer konkreten sozialen Umgebung - mit Gegengewichten aus Humor, Trotz und leiser Verzweiflung. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen heiteren Momenten, die die Alltäglichkeit bewahren, und stillen Passagen, die Raum für Reflexion lassen. Dadurch bewahrt der Film eine Nähe zum Zuschauer, die weder manipulativ noch gleichgültig ist.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach dem Umgang mit Endlichkeit und nach der Bedeutung von Empathie in einer mediatisierten Gegenwart. Er setzt sich damit auseinander, wie Menschen mit dem Unabänderlichen umgehen und welche Rolle persönliche Verwandtschaften - biologisch wie gewählte - dabei spielen. Zugleich problematisiert der Film die Performanz von Gefühlen: Wann ist Zuwendung echt und wann wird sie zur Geste, die die eigene Unsicherheit kaschiert?

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Maskerade - nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Metapher für die Rollen, die Menschen im Alltag annehmen. Diese Maskerade dient als Schutz vor Verwundbarkeit und als Vermittler zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Der Film beobachtet, wie solche Schutzmechanismen brüchig werden und wie in den Rissen Momente von echter Begegnung auftreten.

Philosophisch verweist das Werk auf grundlegende Fragen menschlicher Existenz: Verantwortung, Selbstbestimmung und die Suche nach Sinn in einer beschränkten Zeit. Gesellschaftlich lässt sich die Produktion als Spiegel einer Kultur lesen, die einerseits Sensibilität betont, andererseits schnelle Bilder und einfache Deutungen favorisiert. Psychologisch interessiert der Film an der Art und Weise, wie Menschen Trost finden und wie sie sich gegenseitig stabilisieren - oft in unvollkommenen, aber ehrlichen Versuchen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Ärztliche Verordnung: Lebensfreude

Der 15-jährige David (Philip Noah Schwarz) hat fast immer Schmerzen. Wenn er das Haus verlässt, muss die Sauerstoffflasche in Griffweite sein. Das Leben des seit der Geburt herzkranken Jungen spielt sich zwischen der Tagesbetreuung im Kinderhospiz und dem Zuhause bei seiner besorgten, alleinerziehenden Mutter Betty (Nadine Wrietz) ab. Sein Arzt Dr. Reinhard (Uwe Preuss) hat Angst, dass David den 16. Geburtstag nicht erlebt. Alles hängt davon ab, wie sein Herz die Belastungen der Pubertät verträgt. Es wäre so wichtig, dass sich der Junge wohlfühlt und Spaß am Leben hat. Dr. Reinhard kommandiert seinen erwachsenen Sohn Lenny (Elyas M'Barek) dazu ab, Zeit mit David zu verbringen. Lenny hat nämlich jede Menge Zeit, seit er das Studium geschmissen hat und nichts anderes tut, als die Nächte in der Disco durchzufeiern.

Regisseur Marc Rothemund hat nach „Mein Blind Date mit dem Leben“ erneut eine weitgehend wahre Geschichte inszeniert. Sie basiert auf dem gleichnamigen Buch von Daniel Meyer und Lars Amend über ihre ungewöhnliche Freundschaft. Für den Film wurde nicht allzu viel fiktionalisiert, außer, dass Lenny als verwöhnter Nichtstuer vorgestellt wird, der seine Rolle im Leben erst finden muss. Das ungleiche Paar weckt Erinnerungen an „Ziemlich beste Freunde“. Auch hier trifft ein körperlich stark beeinträchtigter Mensch auf einen Betreuer und Begleiter, dem es am nötigen Ernst zu fehlen scheint.

David himmelt Lenny sofort wie einen großen Bruder an und sprüht vor Unternehmungslust. Er weiß nicht, dass Lenny nur gekommen ist, weil ihm sein Vater sonst den Geldhahn zudreht. Shoppen gehen, einen Sportwagen fahren, ein Lied im Tonstudio aufnehmen, einem Mädchen rote Rosen schenken und auch ein paar verwegenere Dinge stehen auf seiner Wunschliste. Lenny ist aber schockiert, als David beim Shoppen in lebensbedrohliche Atemnot gerät. Er schmeißt hin – und wird vom Vater vor die Tür gesetzt. Nun muss er sich doch um Lenny kümmern, seine Attacken und Zusammenbrüche erleben und die Gefahr aushalten, in der der von Schmerzen geplagte Junge jeden Tag schwebt.

Der Film findet eine sehr gute Balance zwischen Ernst und Spaß. Nicht nur Davids Leid wird in seiner Dramatik sehr realitätsnah geschildert, sondern auch die Rebellion des gestressten Teenagers, der die vielen Medikamente und auch die ängstliche Fürsorglichkeit seiner Mutter leid ist. Lenny ist für Elyas M'Barek keine besonders schwere Rolle, denn zumindest teilweise ähnelt sie mit ihrer schnoddrigen Egozentrik seinem Charakter in den „Fack ju Göhte“-Filmen. Lennys coole Selbstsicherheit hilft David, der Mutter und der eigenen Kindlichkeit ein Stück weit zu entwachsen und sich mehr zuzutrauen.

Der emotionale Magnet des Films aber ist David, dem Philip Noah Schwarz in seiner ersten Kinorolle eine unwiderstehliche Begeisterungsfähigkeit schenkt. Es ist einfach herrlich, wie dieser Junge mit amateurhafter Inbrunst und schrägen Tönen ein Lied im Studio schmettert, oder wie er nicht von seiner Puppe Anna lassen will, die Lenny so peinlich findet. Philip Noah Schwarz legt es nicht darauf an, cool zu sein und schenkt seinem Charakter gerade deswegen eine originelle Lebendigkeit. Solchermaßen unterstützt, gelingt es Rothemund, das hohe Unterhaltungsniveau des ähnlich schnörkellos inszenierten „Mein Blind Date mit dem Leben“ annähernd wieder zu erreichen. Auch diese Geschichte überzeugt mit der richtigen Mischung aus Spannung, Einfühlung und Humor.

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