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The Devil All the Time

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kritiken.de Redaktion 16.09.2020
The Devil All the Time
A ca. 814 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten  📋 Inhalt

The Devil All the Time als amerikanische Gothic-Studie zwischen Glaube, Gewalt und Erbarmungslosigkeit

Einleitung

The Devil All the Time tritt an als ein Film, der weniger über überraschende Wendungen als über atmosphärische Dichte spricht. Die Adaption des Romans von Donald Ray Pollock hat sich seit ihrem Erscheinen 2020 schnell zu einem Referenzpunkt für zeitgenössische Darstellungen ländlicher Gewalt entwickelt. Relevanz gewinnt der Film nicht allein durch seine prominente Besetzung, sondern durch die Art, wie er Fragen von Glaube, Trauma und moralischer Verrohung in eine amerikanische Gegenwartsliteraturtradition überträgt.

Im Kern ist das Werk ein Traktat über die Wiederholung von Gewalt über Generationen hinweg. Gerade in einer Zeit, in der mediale Debatten über religiösen Populismus, ökonomischen Verfall und die Krise männlicher Identitäten lauter werden, wirkt die Erzählung wie ein dichter Spiegel, der historische Narben in die Gegenwart durchzeichnet. Die filmische Umsetzung liefert dabei weniger Erklärungen als suggestive Bilder und trifft damit eine Stimmung, die auf lange Nachwirkung setzt.

Der Film ist zugleich ein Schritt nach vorn in der Karriere des Regisseurs Antonio Campos, der bislang vor allem im indiefilmischen Kosmos auffiel. Hier bündelt sich die Fähigkeit zu ruhiger Beobachtung mit einem größeren, episodenhaften Erzählambitus. In dieser Kombination zeigt sich, warum The Devil All the Time für ein Publikum von Interesse ist, das nach nüchternen, aber dichterisch aufgeladenen Darstellungen der amerikanischen Provinz sucht.

Kurzüberblick zur Produktion

Die filmische Vorlage ist Donald Ray Pollocks gleichnamiger Roman, dessen rauer Ton und kaleidoskopische Figurenzeichnung den Stoff für eine dichte Adaption liefern. Regie führte Antonio Campos, dessen Handschrift sich in der Wahl düsterer Sujets und einer präzisen, oft beklemmenden Bildsprache manifestiert. Campos, bekannt geworden durch frühere Arbeiten, nutzt hier eine ensembleartige Erzählstruktur, die mehrere Zeitebenen und Schicksale verwoben präsentiert.

Produziert wurde der Film für das Streamingangebot von Netflix, was ihm eine weitreichende Sichtbarkeit sicherte. Die Produktionsumstände erlaubten es, eine weitgehend kompromisslose Version der Romanvorlage zu realisieren, inklusive einer erdigen Ausstattung und einer Kinematographie, die die Trostlosigkeit der Schauplätze materialisieren lässt. Budgetangaben sind öffentlich nicht zentral, doch die Arbeit mit bekannten Darstellern und einem sorgfältigen Produktionsdesign lässt auf eine mittlere bis gehobene Streamer-Fertigung schließen.

Innerhalb von Campos Werk markiert The Devil All the Time eine Ausdehnung des thematischen Fokus. Wo seine früheren Filme eher auf intime, psychologische Portraits setzten, entfaltet sich hier ein größer angelegtes Panorama. Das Ergebnis ist kein stilistischer Bruch, sondern eine Verdichtung seiner bisherigen Motive in ein epochenübergreifendes Gesellschaftsbild.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Tom Holland, der hier eine Abkehr von jugendlichen Abenteurerrollen vollzieht und die Figur eines jungen Mannes verkörpert, dessen Ethik und Handlungsfähigkeit in einer Welt ständiger Brutalisierung geprüft werden. Holland fungiert als moralischer Fixpunkt der Erzählung und zeigt dabei eine Zurückhaltung im Spiel, die der Rolle eine latente Zähigkeit verleiht.

Robert Pattinson übernimmt die Rolle eines charismatischen Predigers, dessen Performanz von Glaube und öffentlicher Wirkung eine dunkle Ambivalenz erhält. Pattinson bringt die Erfahrung aus einem Wechsel zwischen Mainstream und autorenfilmischer Arbeit ein und lotet die gefährliche Schnittstelle von religiöser Rhetorik und Manipulation aus.

Bill Skarsgård ist als traumatisierter Patriarch zu sehen, dessen innere Verletzungen wie eine tickende Gefahr in der Familie wirken. Sebastian Stan verkörpert eine Figur, die Autorität und Bedrohung verbindet und so das kampfbereite Moment kleiner Gemeinschaften sichtbar macht. Ergänzt wird das Ensemble durch mehrere starke Nebendarstellerinnen und -darsteller, die jeweils Fragmente einer zerrissenen Gesellschaft repräsentieren.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung folgt mehreren Figuren über Jahre hinweg und begleitet sie in einer postwar geprägten Kleinstadtlandschaft. Im Zentrum steht ein junger Protagonist, dessen Lebensweg durch familiäre Traumata und die Präsenz fanatischer Religiosität geprägt ist. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall persönlicher Loyalitäten mit einer Umgebung, die Gewalt in verschiedenen Formen kultiviert.

Strukturell arbeitet der Film mit verschränkten Zeitebenen und einer episodischen Montage, die vergangene Taten und gegenwärtige Entscheidungen in ein Spannungsverhältnis setzt. Zentrale Figuren sind neben dem jugendlichen Helden predigende Autoritäten, verwundete Familienväter und Repräsentanten staatlicher Gewalt. Tonal ist der Film dicht, schwer und durchdrungen von einer fatalistischen Schwere, die sich in ruhigen, oft langgezogenen Einstellungen materialisiert.

Zentrale Themen und Motive

The Devil All the Time stellt Fragen nach der Herkunft moralischer Verdorbenheit und nach den Mechanismen, durch die Gewalt als Normalität Einzug hält. Religion fungiert hier nicht als Lösung, sondern als Kontaminationsquelle, die Moral zur Bühne macht. Der Film fragt, wie Glaubensrituale instrumentalisiert werden und wie öffentlich zelebrierte Tugenden private Verrohung überdecken.

Ein weiterer thematischer Strang ist das Erbe des Krieges und die Transgenerationale Weitergabe von Trauma. Militärische Erfahrungen kehren in gebrochener Form in familiäre Beziehungen zurück und konstituieren ein Klima von Misstrauen und latentem Zorn. Ergänzt wird dies durch eine Auseinandersetzung mit Männlichkeitsentwürfen, die in Selbstbehauptung und Gewalt ihre Ausdrucksformen finden.

Künstlerisch arbeitet der Film mit wiederkehrenden Motiven wie religiöser Symbolik, Waffensymbolik und dem Bild des durchraubten amerikanischen Hinterlands. Stilmittel wie klaustrophobe Bildkompositionen, eine sparsame Musikuntermalung und eine präzise Lichtregie verstärken die interpretative Ebene: Es geht um gesellschaftliche Blindheit und um die Frage, in welchen Institutionen und Ritualen Gewalt neu erzeugt wird.

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