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Die Bücherdiebin

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kritiken.de Redaktion 13.03.2014
Die Bücherdiebin© Fox Deutschland
A ca. 1576 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Die Bücherdiebin: Erinnerung, Sprache und Moral im historischen Drama zwischen Kindheit und Verdrängung

Einleitung

Die Bücherdiebin erscheint als ein filmisches Unterfangen, das die literarische Popularität seines Vorbilds in eine visuell erzählte Meditation über Sprache, Erinnerung und Gewissen übersetzt. Angesiedelt im Panorama des Zweiten Weltkriegs, gehört die Verfilmung zu jener Reihe zeitgenössischer Adaptionen, die nicht primär die epische Breite historischer Ereignisse anstreben, sondern auf das intime Erleben von Alltag, Verlust und kleinen Auflehnungen gegen die Zumutungen der Zeit fokussieren. In dieser Perspektive gewinnt der Film an Relevanz: Er verhandelt, wie narrative Formen und visuelle Strategien die moralische Betrachtung eines kollektiven Traumas modulieren.

Regisseur Brian Percival, der seine Karriere vornehmlich im Fernsehformat begründet hat, bringt eine Handschrift mit, die auf humanistische Nähe und eine sorgfältige Regie des Charmes setzt. Sein Zugang, bereits in Serienarbeit sichtbar, tendiert dazu, Figuren in einer klaren Bildsprache zu verorten und intime Momente gegen einen historischen Hintergrund zu kontrastieren. Diese Tendenz bestimmt die Adaptation und erklärt die Entscheidung, die Geschichte aus der Perspektive einer heranwachsenden Protagonistin zu erzählen, deren subjektive Wahrnehmung die filmische Welt formt.

Der Film bewegt sich zugleich in einem kulturellen Feld, das seit Jahren vom Bedürfnis nach erinnerungskultureller Aufarbeitung geprägt ist. In Zeiten, in denen die Debatten um historische Verantwortung und Erinnerungspolitik erneut an Schärfe gewonnen haben, bietet Die Bücherdiebin ein Beispiel dafür, wie Populärkino literarische Vorlagen nutzt, um eine demokratische Erinnerungsethik zu vermitteln - nicht als belehrende Chronik, sondern als fokusiertes Porträt von Entscheidungsräumen und moralischen Patenten im Kleinen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Bücherdiebin entstand als aufwändige Studioproduktion mit internationalem Anspruch und stützt sich auf eine literarisch erfolgreiche Vorlage. Produziert wurde der Film im Rahmen eines Studiosystems, das sich auf literaturbasierte Filmprojekte spezialisiert hat; prägnant ist die Zusammenarbeit mit etablierten Komponisten und Kameraleuten, die dem Stoff eine filmische Patina verleihen, die zwischen Heimeligkeit und bedrückender Vorahnung oszilliert. Komponist John Williams steuert eine musikalische Handschrift bei, die den Tonfall melancholischer Wehmut und gelegentlicher Heldentöne prägt. Die Kameraarbeit, die sich durch feine Lichtführung und eine Vorliebe für nahsichtige, texturreiche Bildkompositionen auszeichnet, sucht das Gleichgewicht zwischen Innensicht und historischer Weite.

Innerhalb des Werks von Brian Percival markiert Die Bücherdiebin einen Schritt von der Serienarbeit hin zu eigenständigem, kinowürdigem Erzählkino. Seine Regie bleibt der Figurenorientierung verpflichtet, erweitert diese Ausrichtung jedoch durch eine stärkere Nutzung filmischer Mittel: montagetechnische Brüche, eine variierende Farbpalette und die orchestrierte Rückkopplung von Musik und Bild. Produktionsbedingt zeigt sich der Film als sorgfältig inszenierte Adaption, die Kompromisse eingeht - etwa bei der Reduktion narrativer Nebenstränge - um die emotionale Kernerzählung zu schärfen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

In den zentralen Rollen vereint der Film erfahrene Charakterdarsteller mit jugendlichen Entdeckungen. Geoffrey Rush, bekannt durch seine Rollen in Shine und The King’s Speech, übernimmt die Rolle eines väterlichen Bezugsperson, deren leise Würde und moralische Integrität die filmische Achse bilden. Rushs Erfahrung im Umgang mit filigranen inneren Konflikten bringt eine Ruhe in die Figur, die sowohl Schutz als auch Ambivalenz signalisiert.

Emily Watson, deren Schaffen von intensiven Bühnen- und Filmperformances geprägt ist, spielt die rigide, sprachlich oft raue Gegenfigur, die dennoch über verborgene Zärtlichkeit verfügt. Watsons Interpretation rückt die Spannung zwischen äußerer Härte und innerer Fürsorge in den Mittelpunkt der familiären Dynamik.

Die junge Sophie Nélisse trägt als Titelfigur die erzählerische Last des Films. Ihre Aufgabe besteht darin, kindliche Neugier, literarische Leidenschaft und die schrittweise Konfrontation mit historischer Gewalt miteinander zu verbinden. An ihrer Seite agieren Nico Liersch als Freund und Nebenfigur, deren kindliche Verwegenheit den Ton der Jugendlichkeit setzt, sowie Ben Schnetzer in der Rolle einer komplexen, exponierten Nebenfigur, deren Präsenz zentrale moralische Fragen aufwirft. Das Ensemble ergänzt sich so, dass unterschiedliche Generationenbilder und ethische Perspektiven sichtbar werden.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Bücherdiebin erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in einem kleinen deutschen Ort während des Zweiten Weltkriegs aufwächst und eine besondere Beziehung zu Büchern entwickelt. Aus der Perspektive der Protagonistin entfaltet sich ein Alltag, der zwischen banalen Ritualen und den zunehmenden Härten des Krieges oszilliert. Der dramatische Konflikt baut sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Bildung durch Sprache und der destruktiven Ideologie der Umgebung auf.

Im Zentrum stehen die Beziehungen des Mädchens zu ihren Pflegeeltern, zu einem Freund aus der Nachbarschaft und zu einer Fremdfigur, deren Anwesenheit das moralische Feld des Haushalts verändert. Die Erzählung setzt weniger auf große historische Ereignisse als auf die mikrohistorischen Entscheidungen, denen sich Menschen in Extremsituationen gegenübersehen. Ton und Atmosphäre sind geprägt von einer melancholischen Wärme, die immer wieder von Momenten des Schreckens unterbrochen wird; die Kameraarbeit bevorzugt Nähe und Intimität, die Musik untermalt die Gefühlslage oft mit pathetischer Geste.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach der Wirkmacht von Sprache und Literatur - wie Worte Wirklichkeit formen, trösten und subversiv wirken können. Erzählen fungiert hier nicht nur als ästhetische Praxis, sondern als moralisches Instrument, das Individuen zur Selbstvergewisserung und zur Beziehung zu anderen befähigt. Ein zweites Thema ist das Verhältnis von Erinnerung und Vergessen: Wie lässt sich persönliches Gedenken in eine kollektive Erinnerungspflege einbetten, und welche Rolle spielen intime Narrative dabei?

Psychologisch richtet der Film sein Augenmerk auf die Entwicklungsprozesse eines Kindes, das zwischen spielerischer Unschuld und forcierter Reife hin- und hergerissen ist. Gesellschaftlich verhandelt die Adaption Fragen von Verantwortlichkeit und Komplizenschaft - nicht als große historische Anklage, sondern als tägliche, oft still vollzogene Entscheidung über Mitmenschlichkeit. Wiederkehrende Motive sind Bücher und das Stehlen als symbolische Handlung - nicht allein als transgressive Tat, sondern als Suche nach Selbstermächtigung und Kenntnis. Bildlich arbeitet der Film mit Kontrasten: die Wärme häuslicher Innenräume gegenüber der Kühle des öffentlichen Raums, Nähe gegenüber distanzierender Beobachtung, stille Rituale gegenüber eruptiver Gewalt. So entsteht eine filmische Sprache, die das Politische stets ins Private zurückführt und die ethischen Dimensionen menschlichen Handelns im Kleinen ausleuchtet.

Filmkritik von Peter Osteried

Die Bücherdiebin stiehlt nicht, sie borgt aus

Es ist der Tod, der uns durch diese Geschichte führt. Er hat alles gesehen, die Schönheit und die Hässlichkeit des Menschen, jede Katastrophe und jedes Aufbegehren, das Leben und das Sterben, das Wunder, das mit dem menschlichen Dasein einhergeht. Und doch sind es nur wenige Seelen, die ihn berühren. Eine Seele wie die der kleinen Liesel (Sophie Nélisse), die als Kind zu Hans (Geoffrey Rush) und Rosa (Emily Watson) kommt und dort leben soll.

Es ist das Jahr 1938. Der Krieg steht kurz bevor und Liesel vermisst ihre Mutter, findet in Hans und Rosa jedoch Ersatzeltern, wie sie besser nicht sein könnten. Sie freundet sich mit dem jungen Rudi (Nico Liersch) an und weiß, wie man ein Geheimnis bewahrt. Denn Hans und Rosa verstecken den Juden Max (Ben Schnetzer) im Keller. Hans diente mit dessen Vater im Großen Krieg und schuldet ihm sein Leben. Obschon es brandgefährlich ist, einen Juden zu verstecken, können sie nicht anders. Nicht nur Hans‘ Schuld, auch der menschliche Anstand gebietet es. Aber mit dieser Haltung steht die Familie im Dritten Reich recht alleine. Die Jahre vergehen, der Krieg kehrt in die Heimat zurück, die Verzweiflung wächst und das Leben nimmt seinen Lauf. Denn eines, das erklärt der Tod schon zu Beginn, ist immer gleich: Niemand lebt ewig.

Die Bücherdiebin – der Titel findet im Verlauf der Handlung eine Bedeutung, wenn auch keine allzu große – ist ein ruhiger, ein unaufgeregter Film. Er erzählt nicht die große Geschichte des Krieges. Nein, es ist eine kleine Geschichte kleiner, ganz normaler Menschen in einer Situation, die immer anormaler wird. Markus Zusaks Roman und Brian Percivals filmische Umsetzung konzentriert sich auf Menschen und wie sie ihr Leben leben. Den Tod als Erzähler ins Spiel zu bringen, ist ein Kunstgriff. Ein gefährlicher, denn er droht, den Zuschauer aus dem Geschehen zu reißen. Aber lässt man sich darauf ein, funktioniert es, denn der Tod als Erzähler setzt die Geschichte in den Kontext. Und er verleiht der Geschichte etwas Hoffnungsvolles, denn mit dem Tod als Handlungsträger, ist das Sterben nicht final, sondern nur der Übergang in eine andere Daseinsform. Das beschert Trost in einer Geschichte, die – man ahnt es – nicht ohne eine gewisse Tragik vonstattengehen kann.

Lange Zeit ist in dieser Geschichte, die von 1938 bis 1946 erzählt wird, der Krieg fern, aber mehr und mehr ändert sich das. Der Film zeigt anhand einer normalen Familie, wie sich das Land in den Kriegsjahren verändert. Man möchte fast sagen, welche Höhen und Tiefen es erlebt, doch Höhen gibt es nicht. Aus der Warte eines anständigen Menschen sind es dunkle Jahre, die immer schlimmer werden. Als Zuschauer versteht man, was die kleine Liesel erst lernen muss. Sie blickt mit den Augen eines Kindes auf diese Kriegsjahre. Es ist ein unschuldiger Blick. Doch schon bald ist das Kind gezwungen, vor seiner Zeit erwachsen zu werden. In all dieser Zeit der Verzweiflung und der Angst, sind es die Bücher, die ihr Leben verschönern. „Worte sind Leben“, sagt Max zu seiner kleiner Freundin Liesel und gibt ihr damit an die Hand, was sie durch diese dunklen Jahre des Verlusts und des Schmerzes bringen wird.

Florian Ballhaus hat Die Bücherdiebin in wundervolle Bilder gekleidet, John Williams unterstreicht sie mit einer einschmeichelnd schönen Musik, aber es ist das Spiel der jungen Sophie Nélisse, das so sehr zu beeindrucken weiß. Es ist selten, dass ein Kind eine derartige schauspielerische Bandbreite aufweist. Und dies gilt umso mehr, da die Kanadierin mit deutschem Akzent sprechen musste. Eine weitere Herausforderung, die sie gemeistert hat.

Die Bücherdiebin ist ein im Grunde stiller, leiser Film, eine Geschichte über Menschen in schlimmen Zeiten, aber auch über die Schönheit des Lebens, die selbst unter widrigsten Umständen nie ganz verloren geht. Ein Film, der das Leben zelebriert, selbst wenn es eigentlich nichts zu feiern gibt.

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