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Pettersson und Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft

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kritiken.de Redaktion 13.03.2014
Pettersson und Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft© Senator Filmverleih
A ca. 1527 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Pettersson und Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft: Eine lakonische Studie über Einsamkeit und Fantasie

Einleitung

Die Verfilmung von Pettersson und Findus aus dem Jahr 2014 tritt in eine lange Linie von literarischen Übersetzungen ins Kino, die weniger mit Effekten als mit Atmosphäre zu überzeugen versuchen. Auf den ersten Blick ist das Projekt dem Familienkino zuzuordnen, doch es lohnt sich, genauer hinzusehen: Wer die Kinderbuchvorlagen von Sven Nordqvist kennt, weiß, dass hinter der liebevollen Oberfläche eine präzise Beobachtung von Einsamkeit, Alter und gegenseitiger Abhängigkeit steht. Die filmische Umsetzung dieses Mikrokosmos ist deshalb relevant, weil sie den Versuch unternimmt, buchstäbliche Bildwelten in eine körperliche, raumgreifende Filmästhetik zu überführen.

Für das deutsche Kino markiert der Film einen Moment, in dem popularliterarische Familienstoffe eine Art Rückbesinnung ermöglichen - weg vom Eventkino, hin zu kleinerer, detailverliebter Erzählkunst. Insofern ist die Publikumsrelevanz nicht nur quantitativer Natur, sondern auch kulturell: Es geht um die Frage, wie populäre Kinderliteratur, die in einer sehr illustrativen Form die Welt ordnet, in eine filmische Realität übersetzt werden kann, ohne die feine Balance aus Witz, Melancholie und moralischer Schlichtheit zu verlieren.

Gleichzeitig lässt sich die Produktion als Kapitel im Schaffen ihres Regisseurs lesen. Die Beschäftigung mit Figuren, die zwischen Eigensinn und Fürsorge balancieren, ist kein bloßes Genrediktat, sondern eine thematische Fortführung einer bestimmten Handschrift: der Wunsch, die Nähe zwischen innerer Gefühlslage und äußerer, handwerklich sichtbarer Welt zu zeigen. Die Relevanz des Films liegt deshalb auch in seiner Methodik - in der Materialität von Bühnenbild, Kostüm und animierter Präsenz eines sprechenden Haustiers.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Ali Samadi Ahadi, ein Filmemacher, der zuvor sowohl Spielfilme als auch dokumentarische Arbeiten realisierte und dessen Arbeit von der Neigung zu menschlichen Porträts geprägt ist. In diesem Kontext stellt Pettersson und Findus eine erkennbare Nuancierung seiner bisherigen Werkreihe dar: An die Stelle politischer oder gesellschaftlicher Großthemen rückt hier das Alltägliche, das mitunter ebenso aufschlussreich erscheint.

Die Produktion ist als deutsche Adaption der schwedischen Kinderbücher konzipiert und arbeitet bewusst mit einem Mix aus praktischen Sets und visuellen Effekten, um die titelgebende Katze als eigenwillige Figur in einen realen, greifbaren Raum zu setzen. Diese handwerkliche Ausrichtung schlägt sich in einer Detailobsession nieder, die versucht, die Illustrationsästhetik Nordqvists in die Sprache des Films zu übersetzen. Budgetäre Eckdaten variieren je nach Quelle, doch entscheidend für die Produktion war offenbar die Priorisierung von Ausstattung und Tieranimation vor monumentalen Effekten.

Im Gesamtwerk des Regisseurs nimmt der Film eine Sonderstellung ein: Er ist kein Bruch, wohl aber eine Erweiterung. Während frühere Arbeiten stärker auf narrative Schärfe oder dokumentarische Nähe setzten, fordert diese Adaption ein sensibles Verhältnis zu Tempo, Rhythmus und kindlicher Wahrnehmung, ohne dabei die erwachsenen Zuschauer als Mitleser auszublenden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ulrich Noethen übernimmt die Rolle des Pettersson und bringt die stille Autorität und die lakonische Wärme ein, die das literarische Vorbild verlangt. Noethen, bekannt für seine Vielseitigkeit in anspruchsvollen Spielfilmen und TV-Produktionen, spielt hier einen Mann, dessen Innerlichkeit weniger durch Worte als durch kleine Gesten vermittelt wird. Die Selbstverständlichkeit, mit der er die Balance zwischen Grantigkeit und Zärtlichkeit hält, verortet die Figur im vertrauten Terrain des deutschen Charakterkinos.

Marianne Sägebrecht, eine Darstellerin mit ausgeprägter Neigung zu exzentrischen und herzlichen Typen, fungiert als emotionaler Gegenpol. Ihre Präsenz erinnert an eine alte Schauspieltradition, in der körperliche Expressivität und stimmliche Nuancierung Figuren eine mythische Nahtstelle zwischen Komik und Pathos verleihen. Sägebrecht verkörpert eine Nachbarin oder verwandte Figur, die als sozialer Kitt fungiert und die Gemeinschaftsschicht sichtbar macht.

Max Herbrechter, ein erfahrener Charakterdarsteller des deutschen Fernsehens und Films, besetzt hier eine Rolle, die pragmatische Aspekte der Dorfgesellschaft repräsentiert. Seine Figur bringt notwendige Reibung in den narrativen Ablauf und ermöglicht so ein dynamisches Verhältnis zwischen Individualität und sozialer Erwartung. Zusammen bilden die drei Hauptdarsteller ein Ensemble, das weniger auf große Entwicklungen als auf feine, zwischenmenschliche Nuancen setzt.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Erzählung konzentriert sich auf das Alltagsleben eines alten Mannes und seiner ungewöhnlichen Gefährtin, einer sprechenden Katze mit Eigensinn. Die Struktur des Films folgt episodischen Momenten, die das gemeinsame Leben in einem kleinen Haushalt und seinem nächsten Umfeld in den Blick nehmen. Dabei werden Routinen, kleine Konflikte und versöhnliche Gesten zu dramatischen Motoren, die das Verhältnis der Figuren klären, ohne spektakulär zu eskalieren.

Der zentrale dramatische Konflikt entspringt weniger aus einem einzigen großen Ereignis als aus der Spannung zwischen der Sehnsucht nach Selbstbestimmung und den realen Beschränkungen des Alltags. Das Versprechen des Films liegt in seiner Fähigkeit, diesen Konflikt in humorvollen und rührenden Zwischenräumen auszuspielen. Die Tonalität schwankt zwischen heiterer Verspieltheit und stiller Melancholie, wobei das Tempo die Wahrnehmung der Zeit als Bindeglied zwischen kindlicher Neugier und erwachsenem Erinnern nutzt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum stehen Fragen nach Freundschaft, Fürsorge und dem Umgang mit Alter und Einsamkeit. Der Film stellt die einfache, aber fundamentale Frage danach, wie Gemeinschaft entsteht und was sie erhält. Dabei geht es nicht um moralische Belehrung, sondern um die Darstellung von Aushandlungsprozessen: Wie werden Bedürfnisse artikuliert, wie werden Grenzen gezogen, und welche Rolle spielt Fantasie als soziales Schmiermittel?

Visuell arbeitet der Film mit Motiven der Miniaturisierung und des liebevollen Detailkatalogs, die an die Bilderbücher erinnern, aus denen die Figuren stammen. Diese motive bringen eine eigenständige Ästhetik hervor: Nahaufnahmen von Händen, sorgfältig eingerichtete Interieurs und eine Farbpalette, die Wärme und Gebrauchtsein zugleich suggeriert. Psychologisch betrachtet interessiert sich der Film für das Vermögen der Imagination, materielle Enge zu dehnen und zwischenmenschliche Brücken zu schlagen.

Schließlich lässt sich eine gesellschaftliche Dimension benennen: In einer Zeit, in der Familie und Nachbarschaft sich wandeln, reflektiert der Film eine Sehnsucht nach Stabilität und nach Formen des Zusammenhalts, die nicht durch Institutionen, sondern durch Alltagspraxen erzeugt werden. Die moralische Intention ist dezent, fast unaufdringlich; sie besteht in der leisen Behauptung, dass Zuneigung oft aus kleinen, wiederholten Taten entsteht.

Filmkritik von Peter Osteried

Der erste, bezaubernde Realfilm mit Pettersson und Findus

Die Geschichten des Schweden Sven Nordqvist wurden schon häufiger verfilmt, niemals zuvor jedoch als Realfilm. Davor schreckten die meisten Produzenten wohl zurück, weil sich Findus mit einer echten Katze kaum darstellen lässt. Eine computeranimierte Katze, die derart viel in den Geschichten zu tun hat, ist aber dementsprechend teuer. So wurde Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft mit dem für deutsche Verhältnisse enormen Budget von 8,4 Millionen Euro umgesetzt. Die Mühen und das eingesetzt Geld haben sich gelohnt, herausgekommen ist ein Kinderfilm für alle Altersklassen.

Der alte Pettersson (Ulrich Noethen) lebt in einem kleinen Haus auf dem Land und verbringt seine Tage damit, an Erfindungen zu arbeiten und sich um die Hühner zu kümmern. Ein bisschen einsam fühlt sich Pettersson aber schon, weswegen er ganz froh ist, als Beda (Marianne Sägebrecht) ihm einen kleinen Kater bringt, der ganz allein auf der Welt ist. Pettersson nimmt sich des kleinen Findus an und blüht richtig auf, wünscht sich aber am meisten, dass Findus nicht nur zuhören, sondern auch reden könnte.

Am nächsten Tag geht sein Wunsch in Erfüllung. Findus kann tatsächlich reden, auch wenn es nur Pettersson ist, der ihn versteht. Eine tolle Freundschaft entwickelt sich, die jedoch gestört wird, als ein vorlauter Hahn auf dem Hof einzieht. Denn Nachbar Gustavsson ist des ewigen Hahnengeschreis überdrüssig und hätte den Kochtopf für das Tier vorgesehen, doch Beda rettet es und bringt es zu Pettersson. Ganz plötzlich bekommt der Hahn nicht nur die ungeteilte Aufmerksamkeit der Hühner, sondern auch die von Pettersson, was Findus eifersüchtig werden lässt.

Der Film basiert auf den Kinderbüchern „Wie Findus zu Pettersson kam“, „Eine Geburtstagstorte für die Katze“, „Ein Feuerwerk für den Fuchs“ und „Findus und der Hahn im Korb“. Ihnen allen wird Autor Thomas Springer gerecht, eine episodische Erzählstruktur ließ sich dadurch aber natürlich nicht ganz vermeiden. Sie fällt allerdings auch nicht negativ auf, schafft es doch der Film von Ali Samadi Ahadi, dessen Tochter Roxana Findus ihre Stimme leiht, nicht nur verbindende Elemente zu finden, sondern den Zuschauer vom ersten Moment in die skurrile Welt von Pettersson und Findus hineinzuziehen.

Der fast komplett in einem Studio gedrehte Film hat eine unwirkliche, märchenhafte, ans Theater erinnernde Stimmung, was dadurch verstärkt wird, dass es auch nur drei Schauspieler gibt, die hier interagieren. Natürlich melden sich aber auch eine Reihe anderer Tiere zu Wort oder erleben kuriose Mini-Abenteuer wie die Mucklas – was auch immer die kleinen Burschen eigentlich sein sollen.

Pettersson und Findus ist unschuldig-naives Kino voller guter Absichten und simpler Botschaften. In der Beziehung hat Ali Samadi Ahadi perfektes Kinderkino abgeliefert, aber es gelingt ihm auch, mit den absurden Figuren Erwachsene zu erreichen. Der Film schafft es, den Zuschauer sich daran erinnern zu lassen, wie es war, die Welt mit staunenden Augen kennen zu lernen. Über Findus wird nicht nur Pettersson zurück ins Leben geführt, auch der Zuschauer erhält einen Blickwinkel, der in der Hektik des Erwachsenwerdens und –seins nur allzu schnell vergessen wird.

Technisch überzeugt der Film auch in jeder Beziehung. Das Bühnenbild ist bezaubernd schön und die Animation des kleinen Katers mit der grünen Hose braucht internationale Vergleiche nicht zu scheuen. Die verspielten Abenteuer von Pettersson und Findus, die oft vom Hundertsten ins Tausendste kommen, wenn zur Lösung eines Problems erst ein anderes und dann noch ein anderes bewältigt werden muss, sind herzerwärmend. Dies ist ein Kinderfilm nicht nur für Kinder – oder besser: schon für Kinder, aber solche aller Altersstufen, selbst den ganz großen mit ergrauten Haaren.

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