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The Belko Experiment

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kritiken.de Redaktion 15.06.2017
The Belko Experiment© Kinostar Filmverleih GmbH
A ca. 1447 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Belko Experiment - Büro als Versuchslabor der Gewalt, Kapital und kollektiver Verfall

Einleitung

The Belko Experiment tritt in eine lange Linie von Horrorfilmen, die das Alltägliche zur Versuchsanordnung machen und damit die zivilisatorischen Fassaden seziert. Der Film ist relevant, weil er das Büro als modernen Mikrokosmos nutzt - nicht nur als Kulisse, sondern als ideologischen Messraum, in dem Hierarchien, ökonomischer Druck und soziale Rollen auf tödliche Weise aufeinandertreffen. In einer Phase, in der Debatten über Arbeitsplatzkultur, Entfremdung und die Grenzen der Unternehmenskontrolle laut geführt werden, fungiert der Film als drastisches, programmatisches Konstruktionsbeispiel dieses Diskurses.

Innerhalb des Werkes seines Regisseurs markiert The Belko Experiment eine interessante Verschiebung. Greg McLean, dessen bisherige Handschrift vor allem in rauen, ländlichen Survival-Szenarien sichtbar war, verlegt das Gewaltregime mit diesem Film in eine künstlich-sterile Büroumgebung und testet dort ähnliche Mechanismen von Bedrohung und körperlicher Härte. Das Ergebnis liest sich weniger als bloße Genrekollision denn als Versuch, etablierte Formen des Survival-Horrors in ein industrielles Setting zu übertragen und damit neue Spannungsfelder zu generieren.

Der Film steht auch in einem zeitgeschichtlichen Zusammenhang: Die späten 2010er Jahre sind durch Polarisierung, mediale Beschleunigung und das Auseinanderfallen individueller und kollektiver Verantwortung gekennzeichnet. The Belko Experiment thematisiert diese Konstellation nicht als Metapher allein, sondern materialisiert die sozialen Dilemmata in einer kontrollierten Apparatur - ein Gesellschaftsroman in Miniatur, der Zuschauer zur Reflexion über Zuschauen, Mitmachen und die Bedingungen modernen Zusammenlebens zwingt.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Greg McLean, dessen Inszenierungsweise von einer nüchternen, oft brutalen Direktheit geprägt ist. In The Belko Experiment überträgt er sein Gespür für beklemmende Atmosphären in eine Innenraumästhetik, die klaustrophobische Enge mit klinischer Büroarchitektur verbindet. Die Kamera bevorzugt eingeschränkte Blickachsen und komponiert Räume, in denen Nähe und Bedrohung untrennbar werden.

Das Drehbuch stammt aus der Feder von James Gunn, dessen Beitrag dem Film eine satirische, teils misanthropische Note verleiht. Diese Autorenhandschrift kollidiert mit McLeans pragmatischem Thrilleransatz und erzeugt eine Tonalität, die zwischen schwarzem Humor und gnadenloser Konfrontation oszilliert. Produktionstechnisch ist The Belko Experiment als mittlerer Studio- oder Independent-Mix zu lesen - ein Film mit genretypischem Budget, der statt großer Effekte auf Setting, Ensemble und psychologischen Druck setzt.

Innerhalb der Filmografie McLeans nimmt der Film eine Sonderstellung ein: Er verlagert die Jagd vom australischen Outback in den modernen Arbeitsplatz und verbindet so das altbekannte Motiv des Menschen-gegen-Menschen mit aktuellen Fragen nach Organisationsstrukturen und moralischer Verantwortlichkeit. Gleichzeitig steht der Film in einer Tradition von Experiment- und Gefängnisgeschichten des Horrors, ohne deren Referenzen gänzlich aufzugeben.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

John Gallagher Jr. fungiert als zentraler Identifikationspunkt - ein Mitarbeiter, dessen Zurückhaltung und moralische Zögerlichkeit ihn zum seismographischen Instrument für das Geschehen machen. Gallagher, bekannt durch Stationen im Independent-Kino und Charakterrollen, bringt hier eine verletzliche Authentizität ein, die den Überlebenskampf weniger spektakulär und damit umso bedrohlicher wirken lässt.

Tony Goldwyn übernimmt die Rolle des autoritären Elements im Ensemble - ein Gesicht der Macht, das in der Dynamik des Unternehmens sofort einen symbolischen Stellenwert annimmt. Goldwyns Erfahrung mit dramatischen Serienfiguren erlaubt ihm, eine Figur zu zeichnen, die Macht nicht nur repräsentiert, sondern sie performativ ausübt.

Adria Arjona spielt die junge Kollegin, deren Ambitionen und Prinzipien in der Versuchsanordnung auf die Probe gestellt werden. Ihre Präsenz artikuliert die Spannungen zwischen persönlicher Integrität und beruflichem Opportunismus. John C. McGinley liefert, wie so oft in seiner Karriere, die energetische, manchmal zynische Note eines Büroalltages, der in der Extremsituation groteske Züge annimmt.

Melonie Diaz, Michael Rooker, David Dastmalchian und Sean Gunn gehören zum Ensemble aus markanten Charakterdarstellern, die bekannte Seitengesichter des Films sind und mit unterschiedlichen Stimmfärbungen das soziale Gewebe des Unternehmens representieren. Ihre Erfahrung in Genre- und Charakterrollen erlaubt es dem Film, schnell soziale Klassen, Rollenbilder und persönliche Abgründe zu etablieren, ohne lange Einführungen zu benötigen.

Handlung (spoilerfrei!)

Eine multinational operierende Firma versammelt Angestellte an einem unscheinbaren Ort - das Büro wird zur Arena. Ohne detaillierte Vorwegnahme der Ereignisse lässt sich sagen, dass die Beschäftigten mit einer systemischen Prüfung konfrontiert werden, die sie zwingt, Entscheidungen zwischen Kollaboration, Selbstbehauptung und Überleben zu treffen. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Spannungsfeld individueller Moralvorstellungen versus kollektiver Zwangslagen.

Zentrale Figuren sind Mitarbeiter verschiedener Hierarchieebenen - von der noch unsicheren Nachwuchskraft bis zum etablierten Führungstypus. Die Erzählung bleibt dabei eng am Ensemble und vermeidet weite Ausflüge; Ton und Atmosphäre sind geprägt von Klaustrophobie, stoischer Brutalität und einem schwarzen Humor, der die Absurdität der Situation betont. Die Dramaturgie folgt einem pattern, das Gruppendynamiken, Instinkte und institutionelle Mechaniken freilegt, ohne den narrativen Fokus auf bloßes Blutvergießen zu reduzieren.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach der Natur von Autorität, den Bedingungen moralischer Entscheidung und der Funktion des Zuschauers. The Belko Experiment stellt die bittere These in den Raum, dass institutionelle Strukturen menschliches Handeln systematisch formen und dass unter Extrembedingungen latent vorhandene Gewaltpotentiale freigelegt werden. Die Erzählung befragt zudem das Verhältnis von Individuum und Kollektiv - ob Solidarität in einem System überleben kann, das auf Konkurrenz konditioniert ist.

Philosophisch rührt der Film an Spannungen zwischen Pflichtethik und utilitaristischen Erwägungen; psychologisch interessiert er sich für Mechanismen wie Gruppendenken, Sündenbockbildung und Autoritätsgehorsam. Motive wie das Büro als Labor, das Spiel als Kontrollinstrument und die Performance von Macht wiederholen sich in Bild und Handlung. Zugleich ist The Belko Experiment eine Reflexion über medialisierte Gewalt - über die Art, wie Zuschauer Partizipation imaginieren und wie das Beobachten selbst zu einem moralischen Faktor wird.

Ohne Wertung eröffnet der Film damit eine Reihe diskursiver Türen: Er provoziert Diskussionen über Arbeitsplatzethik, die Legitimität von Hierarchie und die Verletzlichkeit sozialer Bindungen unter Druck. Als Formexperiment funktioniert er, indem er Genrekonventionen nutzt, um eine pointierte, manchmal verstörende gesellschaftliche Diagnose zu stellen.

Filmkritik von Bianka Piringer

Töte oder stirb

Stell dir vor, du kommst eines Morgens ins Büro und etwas ist anders. Es gibt strenge Kontrollen an der Pforte, und dann erklingt plötzlich eine Stimme aus der Lautsprecheranlage, die sagt, dass die meisten der 80 Personen im Gebäude in acht Stunden tot sein werden. Die Stimme verkündet die erste Aufgabe: Es müssen zwei Kollegen in der nächsten halben Stunde getötet werden. An ein Entkommen ist nicht zu denken, denn die Eingangstür und alle Fenster werden auf ein geheimes Kommando mit Stahlplatten verriegelt. Der amerikanische Drehbuchautor James Gunn („Guardians of the Galaxy“) hatte einen Albtraum, der so ähnlich ablief und ihn zu dieser Geschichte inspirierte. Unter der Regie von Horrorfilmspezialist Greg McLean („Wolf Creek“) ist ein Splattermovie entstanden, in dem jegliche inhaltliche Aussage praktisch von Blut besudelt wird.

Natürlich kannte James Gunn auch das berühmte Milgram-Experiment aus dem Jahr 1961. Da sollten Versuchspersonen anderen Teilnehmern Elektroschocks verpassen, wenn sie Testaufgaben nicht richtig lösten. Weil es ihnen befohlen wurde, drückten die meisten Versuchspersonen auf den Knopf, selbst wenn sie Schmerzensschreie hörten und wussten, dass die Stromschläge lebensgefährlich oder gar tödlich wurden. Doch „Das Belko Experiment“ erinnert nur noch von ferne an diese Studien über die menschliche Neigung, sich Autoritäten zu unterwerfen. Denn die 80 Angestellten der amerikanischen Firma Belko, deren Bürogebäude auf freiem Feld am Rande der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá steht, müssen um ihr eigenes Leben bangen.

Wie ernst es die befehlende Stimme meint, zeigt sich, als plötzlich einigen Mitarbeitern buchstäblich der Kopf explodiert. Nun sind manche gewillt, den Anweisungen zu folgen. Unter der Führung von Betriebsleiter Barry (Tony Goldwyn) bildet sich eine Gruppe, die sich bewaffnet und Hinrichtungen durchführt. Der friedfertige Mike (John Gallagher, Jr.) gerät in Konflikt mit seiner Freundin Leandra (Adria Arjona), die die Lage realistischer beurteilt. Die verschiedenen Charaktere und ihre Strategien aber geraten dramaturgisch regelmäßig ins Hintertreffen gegenüber dem puren Bodycount, der präzise wie ein Uhrwerk abläuft.

Wohin die stilistische Reise geht, zeigt sich schon früh. Da beugt sich Barry über eine der ersten Leichen und inspiziert den offenen Schädel, der im Bild zu sehen ist. Bald darauf gibt es eine Besprechung in einem Raum, in dem ein Blutfleck in Menschengröße den Boden verunziert. Die grässlichen Varianten, ums Leben zu kommen, lenken die Aufmerksamkeit ab von den sowieso sparsamen satirischen Seitenhieben auf die Auswüchse unternehmerischer Kontrolle. Die Mitarbeiter haben sich bereitwillig Chips implantieren lassen, um geortet werden zu können, angeblich eine Schutzmaßnahme für den Fall einer Entführung. Die beste Ironie entsteht jedoch, wenn Szenen der Panik und des Hauens und Stechens in leichter Zeitlupe zu klassischer Musik montiert werden.

Auf Kontraste legt auch die visuelle Gestaltung Wert, damit das Blut besser zur Geltung kommt. Also tragen die meisten Mitarbeiter weiße Hemden, die Einrichtung der Räume ist schlicht und in gedeckten Farben gehalten, die weißen Wände schimmern manchmal bläulich. Auf die Textur des spritzenden Bluts wurde sorgfältig geachtet, es gibt darin schon mal feste Gewebepartikel. Doch insgesamt haftet der ganzen Inszenierung etwas Billiges an, schon weil es so simpel wirkt, schreiende Leute kreuz und quer durch Räume laufen zu lassen. Etwas weniger Splatter-Horror und dafür mehr Interesse am zwischenmenschlichen Drama hätten der Geschichte nicht geschadet.

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