Tarzan 3D: Eine visuelle Rekonstruktion des Mythos zwischen Exotismus und moderner Technik
Einleitung
Tarzan 3D tritt an in einer Phase, in der das klassische Abenteuer- und Kolonialepos neu ausgelotet werden will - nicht nur narrativ, sondern vor allem technologisch. Als deutsch produzierte Animationsversion eines ikonischen Stoffes spiegelt der Film die Ambitionen und Spannungen eines europäischen Animationssektors wider, der sich im letzten Jahrzehnt an internationale Standards und an ein Publikum mit hohen visuellen Erwartungen angleicht. Die offensichtliche Geste hin zu einem 3D-Format verweist weniger bloß auf ein Verkaufsargument als auf ein Selbstverständnis: Dieses Projekt versteht sich als visuelles Experiment, das Mythos und Moderne zusammenbringt.
Relevanz besitzt der Film in mehrfacher Hinsicht. Er attestiert dem Tarzan-Mythos weiterhin seine Zugkraft als Projektionsfläche für Fragen von Identität, Naturbeherrschung und kultureller Fremdzuschreibung. Zugleich ist Tarzan 3D ein Fallbeispiel für die Art, wie internationale Besetzungspraxis und englischsprachige Stars für deutsch produzierte Stoffe genutzt werden, um globale Märkte zu erreichen. Als Produkt einer Zeit, in der CGI und stereoskopische Effekte massentauglich geworden sind, lässt sich der Film als Symptom der Konvergenz von Tradition und Technologie lesen.
Ohne eine klare Autorenschaft im Sinne eines dominanten Einzelregisseurs lässt sich Tarzan 3D eher als kollektives Industrieprodukt interpretieren - ein Werk, dessen Handschrift weniger auf einer individuellen Regieführung beruht als auf einer Studioästhetik. Gerade diese Tatsache wirft Fragen auf zur Rolle des Autors im zeitgenössischen Animationskino und zur Verflechtung von künstlerischer Intention und marktorientierter Produktionslogik.
Kurzüberblick zur Produktion
Die offizielle Regieangabe liegt in den zur Verfügung stehenden Informationen nicht vor; dies ist bereits ein Hinweis auf die Produktionsbedingungen des Films. Tarzan 3D entfaltet sich als Studio- und Teamarbeit, in der visuelle Effektabteilungen, Animationsstudios und Castingentscheidungen stärker in den Vordergrund treten als die Signatur einer einzelnen Regiefigur. Solche Konstellationen sind typisch für groß angelegte Animationsprojekte, bei denen technische Expertise und Produktionsplanung den Film maßgeblich prägen.
Als deutsch-produzierte Animation aus dem Jahr 2014 positioniert sich der Film in einem Markt, der damals verstärkt in international angelegte Animationsprojekte investierte. Die Wahl des 3D-Formats signalisiert eine bewusste Anpassung an Zuschauererwartungen jener Zeit - mehr räumliche Tiefe, stärkeres Erlebnisversprechen. Budget- und Studioangaben sind nicht detailliert überliefert; die Besetzung mit etablierten englischsprachigen Stimmen deutet jedoch auf das Bestreben hin, auch im anglophonen Raum wahrnehmbar zu sein. Im Kanon deutschsprachiger Animationsproduktionen nimmt Tarzan 3D eine spezielle Stellung ein - als Versuch, einen global bekannten Stoff mit moderner Technik und internationalem Cast zu koppeln.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung liest sich wie ein Brückenschlag zwischen Jugend- und Action-Appeal. Kellan Lutz, im Kino vornehmlich als körperbetonter Protagonist aus populären Franchises bekannt, wird hier als Stimme der zentralen männlichen Figur eingesetzt - ein Casting, das auf physische Präsenz und heroische Klangfarbe zielt. Sein Background in actionspezifischen Rollen legt nahe, dass die Verkörperung des Tarzan-Mythos in dieser Version weniger psychologische Nuancierung als archetypische Präsenz verlangt.
Robert Capron, der als Kinder- und Jugenddarsteller Aufmerksamkeit durch familiäre Mainstreamfilme erhielt, dürfte die Perspektive einer jüngeren Figur einbringen - eine Stimme, die naiveres Erleben und unmittelbare Reaktion auf das Abenteuer repräsentiert. Jaime Ray Newman, die in Film und Fernsehen meist wandlungsfähige Neben- und Hauptrollen übernahm, steht für die weibliche Sprechrolle, die in klassischen Tarzan-Adaptionen oft zwischen Zivilisationsvertreterin und emotionaler Komplizin oszilliert.
Spencer Locke, eine Vielsprecherin in Animations- und Game-Produktionen, bringt Erfahrung in der dynamischen Stimmgebung mit, während die weiteren Namen im Ensemble - darunter Charakterdarsteller wie Brian Bloom und Mark Deklin - ihr Profil in unterstützenden, oft antagonistischer oder autoritärer Positionen haben. Insgesamt legt die Casting-Strategie ein Gewicht auf markante, sofort erkennbare Stimmtypen nahe - eine Methode, die in Animationen häufig zur schnellen Figurenzeichnung eingesetzt wird.
Handlung (spoilerfrei!)
Tarzan 3D erzählt die vertraute Grundkonstellation neu: eine menschliche Figur, aufgewachsen in der Wildnis, konfrontiert mit Eindringlingen der Zivilisation und den daraus resultierenden Loyalitäts- und Identitätskonflikten. Im Zentrum steht ein dramatischer Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit - auf der einen Seite das unmittelbare Leben im natürlichen Habitat, auf der anderen Seite die Anziehungskraft sowie die Bedrohung, die von wissenschaftlicher Neugier, wirtschaftlichen Interessen und kulturellen Machtansprüchen ausgehen.
Die Erzählstruktur ist auf Abenteuer und Entdeckung ausgerichtet - Begegnungen, Gefahrenmomente und Momente der Begegnung zwischen verschiedenen Welten bestimmen Ton und Rhythmus. Die zentralen Figuren fungieren als repräsentative Pole: die Titelgestalt als Bindeglied zwischen Mensch und Tier, die Vertreter der Zivilisation als Katalysatoren für Konflikt und Veränderung, und jüngere Figuren als moralische oder empathische Vermittler. Die Atmosphäre variiert zwischen idyllischer Naturromantik und suspenselastiger Aktion - stets mit dem Gewicht auf einer familiengeeigneten, animierten Darstellung.
Zentrale Themen und Motive
Tarzan 3D richtet den Blick auf Fragen der Natur versus Kultur, Identität und Zugehörigkeit, sowie auf das Spannungsverhältnis von Fremd- und Selbstbestimmung. Der Film befragt implizit, wie viel von menschlicher Identität durch Umgebung geprägt wird und wie diese Prägung sich verändert, sobald äußere Kräfte in das System eingreifen. Dazu treten Motive der Beobachtung und Ausstellung - Wissenschaftler, Forscher, Unternehmer - die das natürliche Habitat zur Projektionsfläche für Machtinteressen machen.
Auf einer metaästhetischen Ebene thematisiert der Einsatz von 3D-Technik das Verhältnis von Darstellung und Wirklichkeit. Die Stereoskopie verstärkt nicht nur den Erlebniswert, sie evoziert auch eine Art visuelle Erlebnisökologie - der Zuschauer wird in die Tiefe des Raumes gezogen, muss Position beziehen und neu kalibrieren, was Nähe und Distanz bedeuten. Im weiteren Sinn stellt der Film Fragen nach der Instrumentalisierung von Natur - sowohl durch Dokumentation als auch durch Kommerz - und nach Möglichkeiten, dieses Verhältnis ethisch zu denken.
Ohne abschließende Bewertung bleibt Tarzan 3D als ein Film erkennbar, der weniger darauf angelegt ist, den Mythos zu dekonstruieren, als ihn in eine zeitgenössische Medienästhetik zu überführen. In dieser Übersetzung liegt sein Interesse - und zugleich seine Herausforderung: die Balance zwischen technischer Präsentationsmacht und der inhaltlichen Tiefe eines Erzählstoffs, der nach wie vor eine Fülle an kulturellen Spannungen birgt.
Filmkritik von Orlindo Frick
Ein Plastik Tarzan in 3D
„Tarzan“ von Edgar Rice Burroughs. Ein Stoff, den die meisten von uns kennen dürften, obwohl nur die wenigsten das Buch jemals in den Händen hielten. Ähnlich verhält es sich mit anderen berühmten Filmvorlagen. „Robin Hood“, „Die drei Musketiere“, „Dracula“, „Hamlet“. Alles Geschichten, Romane, Tragödien, die dutzende Male in den vergangenen 100 Jahren verfilmt wurden. Zeitlose Stoffe, zweifelsfrei, doch so immens im kollektiven Zuschauergedächtnis verhaftet, dass es für eine lange Zeit vorhalten dürfte. Nichtsdestotrotz wollte Regisseur Reinhard Klooss einen Versuch starten, mit „Tarzan 3D“ dem berühmten Dschungelkönig noch einen Stempel aufzudrücken. Zu diesem Zweck eröffnet der Regisseur seine Tarzan-Interpretation im epischen Maßstab in dem er zeigt, wie ein riesiger Meteorit durch den Weltraum gleitet, der Zuschauer sich im nächsten Augenblick auf der Erde zur Zeit der Dinosaurier wiederfindet und Zeuge ihrer Auslöschung wird. Wahrlich eine aufwändige Eröffnung. Nur leider wird der Zuschauer ab diesem Moment das Gefühl nicht mehr los, im falschen Film zu sitzen.
Der Presse wurde vorab eine unsaubere Kopie, resp. Projektion vorgeführt, die bei Szenenwechseln störende Bildartefakte enthielt. Auch war über den ganzen Film hinweg ein wiederkehrender Flimmern in den gerenderten Bildern festzustellen, besonders bei Fell, Haaren oder bei gewissen Lichtverhältnissen. Nun kann das der ohnehin unsauberen Projektion in die Schuhe geschoben werden oder die Filmemacher mussten diesen grafischen Kompromiss aus produktionstechnischen Gründen eingehen, mit dem regulären Kinostart werden wir es erfahren. Davon abgesehen, kann sich die Renderqualität der Bilder jedoch sehen lassen. Das deutsche Animationsstudio Ambient Entertainment („Back to Gaya“, „Konferenz der Tiere“) erschuf eine detaillierte, lebendige Welt, mit einer Flora und Fauna, die den Zuschauer direkt in den Film zieht. Zumindest bis die Hauptfiguren auf der Bildfläche erscheinen und zu reden beginnen. Denn die Vorahnungen aus den Trailern bewahrheite sich. Die Hauptfiguren ähneln in zahlreichen Shots mehr grotesken Marionetten verloren im Uncanny Valley als glaubwürdigen Lebewesen aus Fleisch und Blut. Die mittels einem 150-köpfigen Filmcrew in den Bavaria Filmstudios in München per aufwändiger Motion Capture Technik eingefangen, hyperrealistischen Körperbewegungen im Kontrast der gewöhnungsbedürftigen Mimik verstärken diesen Eindruck und schaden der Immersion sichtlich. Was umso trauriger stimmt, weil besonders die sekundären Dschungelbewohner (kleinen Affen, Krebse, Vögel) äussert überzeugend wirken.
Inhaltlich machen es grobe Schnitzer in der Erzählung und dem Drehbuch dem erwachsenen Publikum nicht leicht, sich in der Dschungelwelt zu verlieren. Kleine Brüche in der Erzählung, in der Filmlogik und der Glaubwürdigkeit der Figuren vermitteln ein Bild von einem ersten, unausgereiften Drehbuchentwurf, der von Autor und Regisseur Reinhard Kloos ohne Reflektion oder Überarbeitung mit all seinen Schwächen direkt umgesetzt wurde. Angefangen beim wirr inszenierten Kampf zwischen zwei Gorillas, die der Zuschauer nicht ansatzweise auseinanderhalten kann, obwohl es für die Dramaturgie der Szene unerlässlich wäre zu erkennen, welcher der Gute und welcher der Böse ist. Auch der Tod einer Nebenfigur wird dem Zufall überlassen, anstatt sie dramaturgisch sinnvoll mit der Geschichte zu verknüpfen. Von der Liebesbeziehung ganz zu schweigen. Es zeigt sich erneut, dass Reinhold Klooss kein Geschichtenerzähler ist. Ausnahmslos alle seiner bisherigen Regiearbeiten - von den beiden Urmel-Filmen bis zum erschreckend banalen „Konferenz der Tiere“ - krankten an einer ungenauer Inszenierung und mangelhaften Drehbüchern. Vielleicht ist es den Referenzen geschuldet, dass „Tarzan 3D“ zumindest verhältnismäßig glimpflich davon kommt. Filme wie „Avatar“. Disneys „Tarzan“ oder klassische Abenteuerfilme wie „Quatermain“ werden nicht selten Bildgenau zitiert. So gewinnt der Regisseur zwar keinen Blumentopf für Originalität, aber verhindert zumindest eine Katastrophe wie „Konferenz der Tiere“.
Für sein Zielpublikum der 6- bis 12-Jährigen dürfte „Tarzan 3D“ als solider Abenteuerfilm mit reichlich Actionsequenzen funktionieren. Echte Spannung oder Empathie stellt sich zwar zu keiner Zeit ein, aber durch die sehr amerikanische, Vorbild getreue Inszenierung und den für deutsche Verhältnisse beachtlichen technischen Aufwand entfaltet sich eine zwar nach Plastik riechende, dennoch lebendige Welt. Wenn der Showdown akzentuierter und umfangreicher ausgefallen wäre - das Ende wird dem Zuschauer reichlich plötzlich vorgesetzt - hätte es selbst aus erwachsener Sicht einen Pluspunkt geben können. „Tarzan 3D“ ist ein technisch souveräner, für hiesige Verhältnisse gar bemerkenswert gerenderter Animationsfilm, der aber vom halbgaren Drehbuch beträchtlich untergraben wird. So bleibt der neueste Tarzan-Verschnitt einer der schwächeren Dschungelkönige der Filmgeschichte, gleichzeitig aber einer der weniger schmerzhaften Filme der deutschen Animationsgeschichte.

