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Silence

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kritiken.de Redaktion 02.03.2017
Silence© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1333 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Silence - Scorseses asketische Exegese des Glaubens im Zeitalter der Gewalt

Einleitung

Silence tritt als ein bewusstes Kontrapunkt in die filmische Landschaft des 21. Jahrhunderts - ein langsamer, dichter Film, der Fragen des Glaubens, der Sprache und der moralischen Verantwortung in eine historische Kulisse hinein verhandelt. Seine Bedeutung liegt weniger in einer spektakulären Dramaturgie als in der radikalen Verweigerung leichter Antworten: Der Film zieht die Aufmerksamkeit auf Formen des Leidens und der Leerstelle, die sowohl historische als auch gegenwärtige Debatten über Mission, Gewalt und kulturelle Überlagerung betreffen.

Für den Regisseur markiert Silence keinen Bruch, sondern eine konsequente Fortführung wiederkehrender Motive. Es ist das späte Werk eines Autors, der seit Jahrzehnten mit asketischen Figurationen, religiösen Figurationen und moralischer Ambivalenz ringt. In diesem Film ordnet sich die visuelle Strenge dem inneren Konflikt unter - eine Tonalität, die den Regisseur aus früheren Arbeiten kenntlich macht, hier jedoch zugespitzt auf ein Thema von metaphysischer Schwere.

Der gesellschaftliche Kontext, in dem Silence Relevanz gewinnt, ist doppelt: historisch durch die reale Verfolgung Christen in der frühen Neuzeit Japans und gegenwärtig durch Debatten um kulturelle Rücksichtnahme, religiösen Fanatismus und die Verantwortung westlicher Interventionen. Die filmische Arbeit lässt diese Dimensionen zusammenfallen und fordert so eine Lesart, die das Kino als Ort ethischer Reflexion versteht.

Kurzüberblick zur Produktion

Silence basiert auf dem gleichnamigen Roman von Shusaku Endo. Der Stoff war Jahrzehnte ein Herzensprojekt des Regisseurs und durchlief lange Vorbereitungsphasen, an denen namhafte Drehbuchautoren mitwirkten. Die Produktion ist international ausgerichtet - koproduziert in mehreren Ländern - und spiegelt damit die transnationalen Bezüge des Stoffes wider. Gedreht wurde unter anspruchsvollen Bedingungen, wobei Bildgestaltung und akribische Ausstattung einen großen Teil des Budgets beanspruchten, um die historische Welt jener Zeit glaubhaft zu rekonstruieren.

Die filmische Handschrift zeigt sich in einer stringenten Bild- und Klangkonzeption: sparsame Schnittfolgen, dichte Kamerafahrten und ein Fokus auf natürliche Texturen und Umgebungsgeräusche schaffen eine Atmosphäre, in der das Schweigen selbst zur dramatischen Instanz wird. In der Gesamtarbeit des Regisseurs reiht sich Silence ein bei anderen Werken, die religiöse und metaphysische Fragen thematisieren - ein konsequenter, intellektueller Abschluss eines Jahrzehnte währenden Schaffens.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum stehen zwei junge Priesterfiguren, verkörpert von Schauspielern, die bereits in anderen Rollen durch starker Innenpräsenz auffielen. Der Darsteller des Protagonisten bringt eine Mischung aus Idealismus und innerer Zerbrechlichkeit in die Rolle, die für das narrative Spannungsfeld zentral ist. Sein kameradschaftlicher Gefährte wird von einem zeitgenössischen Schauspieler getragen, der körperliche Robustheit mit einer konzentrierten Zurückhaltung verbindet.

Eine weitere Schlüsselrolle übernimmt ein erfahrener Schauspieler mittleren Alters, der in der Geschichte eine ambivalente Funktion innehat - nicht nur als Mentorfigur, sondern als Katalysator moralischer Dissonanzen. Japanische Darsteller im Ensemble sorgen für kulturelle Authentizität und eröffnen durch ihre Präsenz eine Mehrstimmigkeit, in der sprachliche und kulturelle Barrieren selbst zum Thema werden. Die Besetzung insgesamt setzt auf feine, oft zurückhaltende Spielweisen, die die psychologische Komplexität der Figuren eher andeuten als vollständig auszubreiten.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich sagen: Silence begleitet junge Missionare, die in eine geografisch und kulturell fremde Welt eintreten, um dort ihren Glauben zu verkünden. Statt einer triumphalen Bekehrung treffen sie auf hartnäckigen Widerstand - nicht nur politisch und physisch, sondern vor allem existenziell. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall religiöser Überzeugung mit einer Gesellschaft, die das Fremde abwehrt und das religiöse Bekenntnis mitunter brutal unterdrückt.

Die zentralen Figuren sind in erster Linie innere Reisende: Ihre äußere Bewegung durch Landschaften und Dörfer spiegelt zugleich eine innere Konfrontation. Tonal wird der Film getragen von einer Kargheit, die sich in langen, ruhigen Einstellungen manifestiert. Atmosphäre entsteht weniger durch Effekte als durch eine dichte Arbeit an Licht, Textur und Klang - ein Kino, das mehr zuhört als Lärm produziert.

Zentrale Themen und Motive

Silence stellt die Frage nach der Präsenz Gottes in einer Welt, die scheinbar schweigt - eine theologische Konstante, die hier ästhetisch zugespitzt wird. Der Film fragt danach, was Glauben bedeutet, wenn er sich nicht in dogmatischer Sicherheit, sondern in der Erfahrung von Brutalität und kulturellen Missverständnissen behaupten muss. Damit verbunden ist die Frage nach Verantwortung - der Verantwortung des Einzelnen, der Institution und auch des Außenstehers, der meint, retten zu können.

Ein weiteres Motiv ist die Sprache - nicht nur im wörtlichen Sinn, sondern als Medium der Verständigung, des Missverstehens und der Macht. Die Unmöglichkeit, die andere Kultur vollständig zu erreichen, konfrontiert die Protagonisten mit einer ethischen Leerstelle: Wie lässt sich Überzeugung vermitteln, ohne zu übertönen oder zu kolonisieren? Der Film problematisiert die historische Dimension des Missionsprojekts und öffnet es zugleich für gegenwärtige Debatten über kulturelle Souveränität und Gewalt.

Schließlich fungiert das formale Element des Schweigens selbst als Thema. Im Wechselspiel von Bild und Ton arbeitet der Film mit Momenten, in denen das Nichtgesagte lauter wird als jede Erklärung. So entsteht eine cineastische Meditation über Zweifel, Schuld und die Möglichkeit des Trostes - ein filmisches Unterfangen, das eher auf Fragen als auf Antworten setzt und damit den Zuschauer in eine aktive Position der Interpretation zwingt.

Filmkritik von Peter Osteried

„Silence“: Martin Scorseses beeindruckendes Werk über den Glauben

Ein japanischer Christ wird mit dem Tode bedroht. Wenn er auf ein Heiligenbild tritt und seinem Glauben abschwört, darf er leben. Doch der Mann hadert mit seiner Entscheidung: Nachgeben und leben oder sich selbst treu bleiben und sterben? Das ist ein wichtiger Moment in Silence, denn er illustriert den Wahnsinn, der hier herrscht. Einerseits, weil die Herrschenden glauben, damit Glauben ausrotten zu können, andererseits, weil die gefangenen Menschen nicht dem Wunsch nachkommen. Sie alle sind Gefangene eines Symbolismus, dem mehr Bedeutung zugemessen wird, als es sollte. Denn Glauben braucht keine Rituale und Heiligenbilder – er existiert im Innern eines Menschen.

Japan im 17. Jahrhundert: Christen werden vom Regime verfolgt, gefoltert und getötet. Pater Ferreira (Liam Neeson) soll, so heißt es, dem Glauben entsagt haben, doch das können die jungen Priester Rodrigues (Andrew Garfield) und Garrpe (Adam Driver) nicht glauben. Sie brechen nach Japan auf, um herauszufinden, was mit Ferreira passierte, aber auch um dafür zu sorgen, dass das Christentum in Japan nicht untergeht. Doch damit haben sie sich eine Aufgabe aufgebürdet, die zu groß für zwei einfache Menschen ist.

Der 1966 von Shusako Endo publizierte Roman „Silence“ wurde schon einmal zu Beginn der 1970er Jahre in Japan verfilmt. Martin Scorseses Werk benötigte fast 20 Jahre, um Wirklichkeit zu werden, weil es immer wieder an der Finanzierung haperte. Nun hat der Altmeister mit dem fast drei Stunden langen Film ein Werk abgeliefert, das ausgesprochen intensiv ist.

Weil es sich der Versuchung verweigert, eine einseitige Sicht zu präsentieren. Einerseits auf den Glauben, aber auch auf die Menschen, die damals Gläubige verfolgt und vernichtet haben. Silence erlaubt ihnen allen ihre Haltung, ihre Perspektive, ohne sie gutzuheißen oder zu verdammen. Stattdessen befasst sich der Film mit der Frage nach dem Glauben selbst, was ihn ausmacht, wie er sich in verschiedenen Menschen manifestiert und wo die Unterschiede liegen. Er erzählt vom Zweifel, von der Stille, die kommt, wenn das Gebet unbeantwortet bleibt, aber auch von dem Unvermögen der Hauptfigur, den eigenen Hochmut zu erkennen. Denn Rodrigues träumt vom Tod als Märtyrer. Er will in Jesus‘ Fußstapfen treten, bis er erkennen muss, dass er damit nur ein Opfer des eigenen Hochmuts wird.

Das ist die eigentliche Stärke von Silence. Dass er keine absoluten Antworten hat, dass alles fließend ist, dass Gut und Böse sich überall manifestieren. Faszinierend ist dabei auch die Nebenfigur Kichijiro, der ein Christ ist, aber immer wieder nicht nur seinen Glauben, sondern auch andere verrät. In ihm zeichnet sich der Zwiespalt wieder, der auch dadurch ausgelöst wird, dass das japanische Christentum ein anderes ist als das europäische, wie Liam Neesons Figur in einer der eindrucksvollsten Szenen des Films darlegt.

Silence ist ein ruhiger Film, der sowohl Gläubigen als auch Nichtgläubigen etwas zu bieten hat. Tatsächlich bestätigt er beider Perspektive, ohne jemals zu stark das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlagen zu lassen. Das ist inhaltlich enorm befriedigend, weil die Intelligenz, aber auch das Herz des Zuschauers angesprochen werden – und das mit einem Film, der von Scorsese mit Eleganz inszeniert und von Dante Ferreti bildgewaltig aufgenommen wurde.

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