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Logan - The Wolverine

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kritiken.de Redaktion 02.03.2017
Logan - The Wolverine© Fox Deutschland
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Logan - The Wolverine: Ein melancholischer Abgesang auf das Superheldenalter und die Zerbrechlichkeit des Ichs

Einleitung

Logan - The Wolverine tritt in eine Zone ein, die weit entfernt ist von der polierten Überwältigungsästhetik moderner Franchiseproduktion. Der Film verhandelt die Ermattung des Helden als ästhetisches und moralisches Problem und richtet damit einen ungewöhnlich intimen Blick auf eine Figur, die über anderthalb Jahrzehnte als Fetischbild körperlicher Unverwundbarkeit diente. In dieser Hinsicht ist Logans Relevanz nicht allein ein Kapitel in der X-Men-Saga, sondern ein Spiegel für eine Popkultur, die ihre eigenen Mythen aufbraucht und neu verhandelt.

Im Kontext des späten 2010er Jahre Kinoklimas lässt sich der Film als Reaktion auf Superheldenerschöpfung und politisches Unbehagen lesen. Die Wucht der Action weicht einem erdigen Realismus, die Effektivitätsversprechen des Genres werden gegen Fragen nach Erbe, Fürsorge und moralischer Verantwortung eingetauscht. Diese Neuausrichtung macht Logan zu einem filmischen Moment, in dem Blockbusterformate Gratwanderungen zwischen Unterhaltung und existenzieller Reflexion eingehen.

Zugleich steht Logan exemplarisch für ein künstlerisches Interesse an Alter, Männlichkeit und Vergänglichkeit. Die Inszenierung sucht weniger das spektakuläre Finale als das Porträt eines gebrochenen Alltagslebens, in dem Gewalt und Zärtlichkeit auf beunruhigende Weise koexistieren. Damit öffnet der Film einen Raum, in dem die Ikone Wolverine entmythologisiert und in ihre menschlichen Bruchlinien überführt wird.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte James Mangold, dessen Handschrift in der Balance zwischen Genrehandwerk und psychologischem Tiefgang sichtbar wird. Mangold, zuvor bekannt für Arbeiten wie 3:10 to Yuma und Walk the Line, bewegt sich hier erneut in einem Feld zwischen amerikanischem Mythos und individueller Moral. Seine Vorliebe für reduzierte, aber präzise Figurenführung sowie für klassische Genremotive - Western, Road Movie, Familienmelodram - prägt das Narrativ von Logan maßgeblich.

Die Produktion wurde von 20th Century Fox getragen und präsentierte sich als vergleichsweise zurückgenommene Superheldenadaption, die das übliche CGI-Feuerwerk zugunsten praktischer Effekte, körperlicher Präsenz und einer rauen Bildästhetik reduzierte. Die Entscheidung für eine erwachsene, grimmigere Tonlage - unter anderem manifestiert in einer R -Freigabe - markiert einen Bruch im Produktionsdenken und signalisiert den Willen, das Material konsequent zu humanisieren. Kameraführung, Lichtsetzung und Locations unterstreichen das Bestreben, eine raue, fast dokumentarische Textur zu erzeugen, die das Genre in eine andere Richtung zieht.

Innerhalb von Mangolds Schaffen lässt sich Logan als Zuspitzung seiner Themen begreifen. Wo frühere Werke schon traditionelle Formen neu lasen, nutzt Logan die Ikonographie des Superheldenfilms, um Fragen nach Verantwortung, Alter und Versagen auszuformulieren. Es ist ein Film, der weniger die Marke bedient als die Figur, und in dieser Priorisierung liegt seine formale Eigenart.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Hugh Jackman fungiert seit der ersten X-Men-Adaption als Identifikationsfläche für Wolverine. Hier reduziert sich sein Starbild auf körperliche Präsenz und gesteigerte Zurückgenommenheit. Jackman arbeitet mit einer verschlissenen Körperlichkeit und einer Stimme, die weniger Heroik als Ermattung vermittelt. Die lange Bindung des Darstellers an diese Rolle erlaubt es ihm, Nuancen des Alterns und der Schuld einzubringen, die in früheren Blockbusterausprägungen kaum Platz fanden.

Patrick Stewart kehrt in der Rolle des Charles Xavier zurück und bringt eine Form von intellektueller Zerbrechlichkeit und moralischer Autorität ein, die das filmische Zentrum auf subtile Weise erweitert. Stewart, dessen Karriere eine Wandlungsbreite vom Shakespeareschen Schauspiel bis zu Science-Fiction umfasst, liefert eine Figur, die von Kontingenz und Erinnerung geprägt ist.

Dafne Keen tritt als junge Schauspielerin in Erscheinung und übernimmt eine Scharnierfunktion für die Dramaturgie. Ihre Präsenz verändert die Tonlage des Films; sie ist sowohl Bedrohung als auch Hoffnung, und ihr Spielkolorit verschiebt das Verhältnis von Pflege und Kampf. Boyd Holbrook, Stephen Merchant und Richard E. Grant runden das Ensemble mit Rollen ab, die institutionelle und technologische Gewalt verkörpern. Ihre Figuren repräsentieren verschiedene Aspekte des Systems, gegen das die Protagonisten ihre Schutzbemühungen ausrichten.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film spielt in einer nahen Zukunft, in der der titelgebende Protagonist mit einem abgeschwächten, erschöpften Leben hadert. Er lebt in relativer Isolation und übernimmt die Sorge für eine ihm nahestehende, angeschlagene Person. Die Ruhe wird durch das Auftauchen einer jungen Gestalt gestört, die die Situation eskalieren lässt und eine Reise erforderlich macht - eine Route, die sowohl geographische als auch existenzielle Entfernungen überbrückt.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus der Spannung zwischen Schutzverpflichtung und der Unfähigkeit eines alternden Körpers, die Mittel zu mobilisieren, die früher zur Verfügung standen. Auf dieser Grundlage entwickelt sich ein Road Movie, dessen äußere Bedrohungen - administrative, privatwirtschaftliche und gewaltsame Interessen - die innere Frage nach Verantwortung und Bestimmung spiegeln. Zentrale Figuren sind der titelgebende Held, sein alter Mentor und die junge Begleiterin, deren Beziehung das moralische Gewicht der Erzählung formt.

Ton und Atmosphäre bewegen sich zwischen lakonischer Resignation und plötzlicher, brutaler Intensität. Die Bildgestaltung reduziert das Superheroische auf eine kontingente Körperlichkeit, wobei Stille und Nahaufnahmen mehr über Zustände verraten als spektakuläre Actionszenen.

Zentrale Themen und Motive

Logan verhandelt Fragen nach Altern, Erbe und der Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Der Film stellt die Frage, inwiefern Macht und Gewalt legitim bleiben, wenn die Quelle dieser Macht selbst zu bröckeln beginnt, und wie Fürsorge in einem Umfeld institutionalisierten Pragmatismus bestehen kann. Er bringt damit ethische Dilemmata in Stellung, die über das Genre hinausweisen.

Philosophisch öffnet der Film Diskurse über Identität und Autonomie - wer darf über Leben und Körper entscheiden, und welche Rolle spielt Erinnerung dabei, ein Selbst zu erhalten? Gesellschaftlich evoziert Logan Brüche in Institutionen, die Schutz versprechen, und die Verwundbarkeit von Individuen gegenüber ökonomischen und technologischen Mechanismen. Psychologisch geht es um Trauma, Fürsorge und das Verhältnis von Gewalt und Nähe.

Formal greifen Motive wie Straße, Desertifikation, enge Innenräume und wiederkehrende Bildsymbole eine amerikanische Genrestradition auf und unterlaufen sie zugleich. Die Kombination von Neo-westlichen Elementen mit einem intimen Familiendrama schafft ein Spannungsfeld, in dem das Superheldenepos zur Meditation über Endlichkeit und Würde wird. In dieser Verdichtung liegt die eigentliche Leistung des Films - nicht als Hymne auf Macht, sondern als Porträt der Fragilität, die hinter jeder Mythenkonstruktion lauert.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Es hätte keinen skurrileren Abschluss für die Berlinale 2017 geben können: Nach einem Wettbewerb voller Sozialdramen und politischer Komödien war es ausgerechnet ein Superheldenfilm, der – wenn auch außer Konkurrenz – das Finale des Wettbewerbs bildete. Andererseits ist „Logan“ vielleicht tatsächlich der „Berlinale-Film“ unter den Superheldenfilmen, ist er mit seiner betont realistischen und düsteren Atmosphäre doch weit entfernt von den Hochglanz-Superhelden des zeitgenössischen Kinos. Aber reicht das?

Logan (Hugh Jackman), auch bekannt als Wolverine, ist ein körperlich ausgezehrter Held im selbst gewählten Exil. Getarnt als Limousinen-Chauffeur spart er das notwendige Kleingeld, um sich mit Professor X (Patrick Stewart) und Caliban (Stephen Merchant) auf einer Yacht in Sicherheit vor all jenen zu bringen, die ihm und den anderen Mutanten nach dem Leben trachten. Doch ein unerwarteter und vor allem unerwünschter Auftrag macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Logan soll ein kleines Mädchen nach Kanada bringen. Als er zu begreifen beginnt, was es mit seinem Mündel Laura auf sich hat, steht nicht mehr nur das Leben des Kindes, sondern auch sein eigenes auf dem Spiel.

Wolverine gehörte noch nie zu jenen moralisch integren Superhelden, die sich mit Elan in eine Weltrettung nach der anderen stürzen. Aber noch nie haben wir ihn in einem derart desaströsen Zustand erlebt. Logan ist nicht nur von Depressionen und Selbstzweifeln gequält, sondern auch von einem fortschreitenden körperlichen Verfall. Dabei scheint die Ursache für seinen Niedergang vor allem in ihm selbst zu liegen: Mit starkem Alkoholkonsum und Selbstverletzungen arbeitet er beständig an einem Suizid auf Raten. Im Kern ist „Logan“ ein Film über den Kampf eines Superhelden mit sich selbst - zunächst im übertragenen, später im buchstäblichen Sinne.

Als tragische Figur lädt Wolverine erneut weit mehr zur Identifikation ein als andere Superhelden. Die unfreiwillige Vaterrolle für Laura verleiht seiner Figur eine weitere Facette, einen inneren Konflikt, an dem er charakterlich wachsen kann. Dabei ist das Mädchen augenscheinlich nur als Erweiterung der Heldenfigur relevant. Ihre Funktion besteht einzig und allein darin, Logan zu einem „besseren Mutanten“ zu machen, wodurch es selbst eine bedauerlich eindimensionale Figur bleibt. Das ist auch deshalb schade, weil Kinderdarstellerin Dafne Keen eine bemerkenswerte Leistung abliefert, die ein in dieser Rolle verschwendetes Potential vermuten lässt.

Wenn schon nicht durch Charaktertiefe, beeindruckt die Figur der Laura auf einer anderen Eben: Das Mädchen entpuppt sich als versierter Sidekick und die Actionszenen, in denen sie sich Duelle mit muskelbepackten Männern liefert, haben großen Unterhaltungswert. Diese Passagen - Verfolgungsjagten, Zweikämpfe und andere Spannungsmomente – sind definitiv die Stärke des Films. Das Drehbuch findet die richtige Balance zwischen dynamischen Gefechten und ruhigeren Szenen, die die Handlung und Entwicklung der Hauptfigur vorantreiben. Auch wen sich die meisten „Twists“ recht vorhersehbar gestalten, ist „Logan“ insgesamt gelungene Kinounterhaltung.

Der politische oder gesellschaftskritische Subtext, den inzwischen so mancher Marvel-Film mit sich bringt, hält sich hier gut versteckt. „Logan“ mag sich den Anschein eines „realistischen“ Superhelden-Blockbusters geben, ist aber viel stärker als beispielsweise die letzten Ensemble-Filme des X-Men-Universums von einer Schwarz-Weiß-Ideologie gekennzeichnet. Ohne Graustufen, lassen sich die Guten und die Bösen auf den ersten Blick voneinander unterscheiden, wie die Cowboys mit schwarzen bzw. weißen Hüten im klassischen Western. Die wiederholte Anspielung auf den Western-Klassiker „Mein großer Freund Shane“ unterstreicht diese vereinfachte Moral: Gewalt ist schlecht und sollte immer vermieden werden – aber erst dann, wenn alle Bösen dahingemetzelt sind.

Ein paar recht unmotivierte Seitenhiebe auf eine von jeglicher Ethik befreite Wissenschaft und böse kapitalistische Großunternehmen, die braven Bürgern ihre Existenz rauben, wirken mehr als gewollte denn als gekonnte Versuche, „Logan“ eine politische Dimension zu verleihen. Wenn dem Film denn überhaupt eine Botschaft angedichtet werden sollte, dann die der Hoffnung. Während sich Wolverine augenscheinlich aufgegeben hat, träumt Laura noch den Traum vom Paradies, einem Ort der Sicherheit und Geborgenheit. In Lauras Welt gibt es noch die Aussicht auf Frieden, die dem ausgemergelten Helden vollkommen abhanden gekommen ist. Der paradiesische Sehnsuchtsort weckt durch seinen Namen „Eden“ religiöse Assoziationen. In dieser Hinsicht bleibt „Logan“ allerdings sehr ambivalent. Einerseits spielen der Glaube an eine bessere Welt und die Idee der Bekehrung zum aufrichtigen Menschen für die Geschichte eine wichtige Rolle. Andererseits bietet Aufrichtigkeit hier keinen Schutz vor dem Bösen, wie sich am Schicksal einer betont gottesfürchtigen Familie zeigt.

Aus moralisch-ethischer Sicht ist an „Logan“ so Einiges zweifelhaft. Nicht nur der vereinfachte Umgang mit der Unterscheidbarkeit von Gut und Böse, auch rassistische Stereotypen bilden nicht zu leugnende Wermutstropfen. So treten Mexikaner nur als gewaltbereite Kleinganoven auf und die schon erwähnte Familie wirkt wie der verzweifelte Versuch, noch ein paar afroamerikanische Figuren in die Geschichte einzuführen. Der Effekt ist aber kein inklusiver, sondern vielmehr ein positiv diskriminierender, da die Figuren übertrieben gutherzig, unschuldig, ja gar naiv gezeichnet sind.

Alles in allem war „Logan“ im Berlinale-Wettbewerb, ob nun in oder außer Konkurrenz, absolut fehlplatziert. In einem Festival, das sich als Plattform für gesellschaftskritisches Kino versteht, hat dieser Film wahrlich nichts verloren. Im Popkornkino, dem es ausschließlich um Unterhaltung geht, ist „Logan“ allerdings bestens aufgehoben.

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