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Sausage Party - Es geht um die Wurst

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kritiken.de Redaktion 06.10.2016
Sausage Party - Es geht um die Wurst© Sony Pictures Germany
A ca. 1312 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Sausage Party - Es geht um die Wurst: Glauben, Konsum und Obszönität im Supermarkt-Kosmos

Einleitung

Sausage Party - Es geht um die Wurst erschien 2016 als ein vermeintlich paradoxes Kunstprodukt: eine US-amerikanische Computeranimation, die formal an familienfreundliche Blockbuster erinnert, inhaltlich aber R-Rated-Vulgärsprache und radikale Tabubrüche ins Zentrum stellt. Die Relevanz des Films liegt weniger in seiner narrativen Neuheit als in der Weise, wie er populäre Animationsästhetik als Vehikel für eine provokante Gesellschaftssatire nutzt. In einem Kinojahr, das von Superhelden und nostalgischen Fortsetzungen geprägt war, setzte Sausage Party einen markanten Kontrapunkt.

Als kollaboratives Werk zwischen Komödienschaffenden und Animationsregisseuren verknüpft der Film die Handschriften verschiedener Popkulturakteure: Die experimentelle Haltung der Autoren und Produzenten trifft auf das etablierte visuelle Vokabular großer Studios. Dadurch wird die filmische Oberfläche zur Ironiequelle - die freundliche Farbigkeit und die glatte CGI-Oberfläche kontrastieren mit einer Sprache und einem Humor, die bewusst provozieren.

Im weiteren Sinne spiegelt Sausage Party einen Zeitgeist wider, in dem Genregrenzen aufgelöst und Kinder- und Erwachsenenwelten miteinander kollidieren. Zugleich markiert der Film die Professionalisierung eines Subgenres: die theatrale, explizit erwachsene Animationskomödie, die gesellschaftliche Normen auslotet, ohne sich an traditionelle familienfreundliche Konventionen zu binden. Diese Konstellation macht ihn zu einem interessanten Fall für die Frage, wie Animation heute genutzt wird, um kulturelle und religiöse Narrative zu verhandeln.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führten Greg Tiernan und Conrad Vernon - zwei Figuren mit langjähriger Erfahrung in der Animationsbranche, die hier erstmals einen ausgesprochen provokanten Stoff ins Zentrum eines Kinoprojekts stellten. Produziert wurde Sausage Party in Kooperation mit Point Grey Pictures, dem Produktionsbetrieb von Seth Rogen, und mit Unterstützung kleinerer Animationsstudios. Das Budget des Films lag, verglichen mit großen Pixar- oder DreamWorks-Produktionen, auf moderatem Niveau, was sich in einer straffen ökonomischen Arbeitsweise und in sichtbaren ästhetischen Entscheidungen äußerte.

Die Produktionsgeschichte ist geprägt von einem Hybrid aus Independent-Mentalität und kommerzieller Ambition: etablierte Hollywood-Komiker als Autoren und Stimmen, kombiniert mit einer technischen Umsetzung, die bewusst die Optik klassischer CGI-Filme zitiert. In der filmhistorischen Perspektive steht Sausage Party für eine Phase, in der die kommerzielle Animation offener für subversive Inhalte wurde und Produzenten experimentelle, erwachsene Stoffe auf die Leinwand brachten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Sprecherriege des Films besteht aus einem Who-is-Who der zeitgenössischen US-Komödie. Seth Rogen leiht der zentralen Figur, einer Wurst namens Frank, seine Stimme und Präsenz; Kristen Wiig spricht die weibliche Hauptfigur, eine Brötchenfigur, die dem Protagonisten nahe steht. Edward Norton, James Franco, Jonah Hill, Paul Rudd, Salma Hayek und Michael Cera komplettieren das Ensemble und sorgen für einen ständigen Wechsel zwischen ironischer Distanz und karikaturhafter Nähe.

Viele der Beteiligten bringen mit ihren Stimmen etablierte Komödiensprachen mit: Rogen und Hill die stoner-komische Nonchalance, Wiig die feinsinnige Sprechrhythmik, Norton und Franco die Möglichkeit, ambivalente oder provokante Nuancen einzubringen. Salma Hayek übernimmt eine Rolle, die bewusst mit Sexualisierung und Exotik spielt, während Michael Cera die typische verletzliche, jüngere Stimme liefert. Die Besetzung operiert somit nicht nur als Stimmarchiv, sondern als semantisches Feld, dessen Vorzeichen die Figuren und ihre gesellschaftlichen Zuschreibungen mitformen.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne die erzählerischen Überraschungen vorwegzunehmen, lässt sich der Plot von Sausage Party als die Geschichte einer Gemeinschaft anthropomorpher Lebensmittel beschreiben, deren Weltbild von einer mythischen Vorstellung des "Großes-Über-das-Regal-Hinaus" zusammengehalten wird. Als ein Mitglied dieser Gemeinschaft eine fundamentale Erkenntnis erlangt, gerät die idyllische Nahrungsmittelkultur in einen Konflikt zwischen Glauben und Erkenntnis -, ein Konflikt, der sowohl komische Eskapaden als auch existentielle Fragen provoziert.

Der dramatische Konflikt ist demnach nicht ein persönlicher Liebeskummer oder ein klassischer Bösewichtkampf, sondern eine epistemische Erschütterung: Die Figuren müssen mit der Diskrepanz zwischen ihrer religiös aufgeladenen Erwartungshaltung und der weltlichen Realität umgehen. Als Protagonist fungiert eine Figur, deren Erkenntnisdrang die Gemeinschaft in Bewegung setzt; die Tondichte der Inszenierung wechselt zwischen derben Gags und Momenten, die die Absurdität sozialer Konventionen deutlich machen.

Ton und Atmosphäre des Films oszillieren zwischen bunter, hektischer Heiterkeit und roher, oft vulgärer Direktheit. Die visuelle Freundlichkeit der Einkaufswelt steht im kontrastreichen Gegensatz zu einer Sprache, die Tabus auszuschöpfen sucht, wodurch eine beständige Unruhe entsteht, die den Zuschauer nicht nur unterhält, sondern auch irritiert.

Zentrale Themen und Motive

Sausage Party verhandelt Fragen nach Glauben, Autorität und dem Verhältnis von Konsumentenwelt zu Konsumgut. Der Supermarkt fungiert als Metapher für eine Gesellschaft, die ihre Bedeutungen externen Mächten zuschreibt -, sei es Religion, Marktlogik oder Medienmythen. Die Erzählung stellt fundamentalere Fragen: Was bedeutet es, in einer Welt zu leben, deren Sinn von anderen erzeugt wird? Welche Gewalt geht von unbegriffenen Glaubenssystemen aus?

Philosophisch lässt sich der Film als Auseinandersetzung mit Desillusionierung und Selbstermächtigung lesen. Psychologisch betrachtet thematisiert er das Ringen mit Identität, Rollenprojektionen und der Angst vor dem Fremden. Gesellschaftlich funktioniert die Satire als Spiegel für Konsumkultur und deren sakralisierte Rituale: Produkte werden nicht nur konsumiert, sie werden verobjektiviert und mit metaphysischen Erwartungen aufgeladen.

Motivisch wiederkehrt das Bild des Regals und des Einkaufwagens als Bühne sozialer Hierarchien, die durch Materialität und Konsumgüter verankert sind. Die bewusste Diskrepanz von lieblichen Bildern und obszöner Sprache wird zum formalen Mittel, um heilige Begriffe zu entzaubern und die Mechanik kollektiver Glaubensbildung sichtbar zu machen. In dieser Verflechtung von Form und Inhalt offenbart sich der eigentliche Reiz des Films: Die Animation wird hier nicht nur zur Quelle leichter Unterhaltung, sondern zum Instrument einer expliziten kulturellen Reflexion.

Filmkritik von Peter Osteried

Im Supermarkt wird eine Sausage Party gefeiert: mit Sex und Gewalt

Er sieht schon niedlich aus, der neue Film von Seth Rogen und Evan Goldberg, die als Autoren schon für so manchen derben Spaß wie The Interview verantwortlich gewesen sind. Nun also ein Animationsfilm, aber einer, der garantiert nichts für die lieben Kleinen ist. Denn bei Sausage Party geht’s wirklich um die Wurst – Sex und Gewalt inklusive.

Im Supermarkt freuen sich die Lebensmittel darauf, dass die Götter kommen und sie mitnehmen. Es heißt, dass sie in Große Jenseits gebracht werden, einem Ort, der ein wahres Paradies sein soll. Raus aus der Verpackung und rein in ein Leben in Saus und Braus. Aber all das ist nur ein Märchen, mit dem die Lebensmittel ruhiggestellt werden sollen. Denn in Wahrheit landen sie in den Küchen dieser Welt und werden aufs Brutalste niedergemetzelt. Das Würstchen Frank kann diesem Schicksal entgehen und setzt nun alles daran, seine Kameraden die Wahrheit zu sagen.

Es ist schon derbe, was hier geboten ist. Denn an Sex, Gewalt und Drogen ist dieser Film nun wirklich nicht arm. Ersteres manifestiert sich schon im Aussehen des Würstchens Frank und seiner geliebten Brenda, einem Brötchen. Letzteres ist in einer wundervollen Sequenz zementiert, in der ein Junkie auf dem Trip die Nahrungsmittel als das sieht, was sie sind: fühlende Wesen. Aber richtig krass ist der Gewaltpegel des Films. Sollte man nicht meinen, aber Sausage Party nimmt es hier mit jedem Horrorfilm auf.

Besonders gilt das für die Sequenz, die schon im Trailer angespielt wird: Als die Lebensmittel in der Küche ausgepackt werden. In voller Länge ist das so inszeniert, als würde man Backwoods-Psychopathen dabei zusehen, wie sie in bester Torture-Porn-Manier unschuldige Figuren Stück für Stück auseinandernehmen.

Das ist reichlich derbe, aber auch krude, wobei letzteres für viele Elemente dieses Streifens gilt. Sausage Party ist reich an schrägen, oftmals politisch völlig inkorrekten Ideen. Die Details machen es hier, es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Aber nicht nur das: Dieses nur 19 Millionen Dollar teure Werk ist auch reich an Überraschungen und zudem höchst originell.

Einerseits, weil man dem Zuschauer eine emotionale Verbindung zu den Lebensmitteln aufzwingt, ihn dann aber mit dem Horror konfrontiert, andererseits, weil immer wieder noch einer draufgesetzt wird. Das gipfelt dann in einer furiosen Orgie, die man so bei einem Realfilm nie zu sehen bekäme. Aber mit Würstchen, Obst, Gemüse, Brötchen und Abgepacktem ist das alles leicht möglich.

Das Ende ist dann völlig irre. Es passt nicht im Mindesten zur Geschichte, ist aber so verrückt, dass es doch zugleich reichlich cool ist. Und es bereitet die Plattform für ein Sequel, das noch ausgelassener sein kann als dieser wundervolle Film, der zum lustigsten gehört, was dieses Jahr im Kino zu sehen ist.

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