Die Insel der besonderen Kinder - Burtons nostalgische Suche nach Fremdheit, Trauma und kindlicher Imagination
Einleitung
Die Insel der besonderen Kinder landet im Kino als ein filmisches Laboratorium für Tim Burtons wiederkehrende Obsessionen - Außenseiter, morbide Kindlichkeit und eine Ästhetik, die zwischen Märchen und Grusel changiert. Als Adaption des gleichnamigen Romans von Ransom Riggs tritt der Film in einen kulturellen Austausch mit dem zeitgenössischen Strom an Young-Adult-Fantasy und nostalgischen Rückbesinnungen auf vergangene Bilderformen. Seine Relevanz ergibt sich weniger aus narrativer Innovation als aus der Frage, wie ein etablierter Stilist mit populärer Vorlage und modernster Technik verhandelt, was anderssein bedeutet.
Für Burton markiert dieser Film eine Fortsetzung seines langjährigen, aber nicht statischen Umgangs mit Figuren, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind und zugleich eine kindliche Weltwahrnehmung bewahren. Dabei bleibt das Werk weder rein nostalgisch noch ausschließlich referentiell: Es verknüpft familiäre Traumata mit einer visuellen Sprache, die bekannte Burton-Motive - die viktorianische Patina, die skurrile Liebe zum Grotesken, die poetische Melancholie - in ein Hollywood-Studioformat überführt.
Der Film trat 2016 in einer Zeit an, in der das Popkino verstärkt auf moralische Komplexität, Diversität der Figuren und elaborierte Weltentwürfe setzte. Zugleich bedient er die Sehnsucht nach Sicherheiten - nach Schutzräumen, Ritualen und wiederkehrenden Zeiten - und reflektiert dadurch beiläufig die Gegenwart: Wie reagiert eine Gesellschaft auf Andersheit, und welche Geschichten erzählen wir uns, um Traumata zu ordnen?
Kurzüberblick zur Produktion
Die Insel der besonderen Kinder ist eine Studio-Produktion, die das visuelle Kapital Burtons mit dem kommerziellen Apparat eines großen Studios koppelt. Regisseur Tim Burton bringt seine unverkennbare Handschrift ein - eine Mischung aus gotischer Romantik, popkultureller Ironie und einer Vorliebe für Figuren, die zugleich verletzlich und exzentrisch sind. Diese Handschrift zeigt sich in der Inszenierung von Raum und Licht, in der Wahl von Farben und Texturen sowie in einer ausgeprägten Mise-en-scene, die Alltag und Fantastik verschränkt.
Produktionsseitig ermöglicht ein großzügiges Budget aufwändige Szenenbilder und digitale Effekte, die praktische Effekte ergänzen statt ersetzen. Die Zusammenarbeit mit erfahrenen Designern und einem routinierten Team für Maske und VFX verschafft dem Film eine sichtbare Handarbeit, die zu Burtons oft zitierten Tugenden zählt. Als Adaption steht der Film im Spannungsfeld zwischen literarischer Vorlage und der Notwendigkeit, Filmtempo sowie visuelle Klarheit für ein breiteres Publikum zu schaffen.
Im Gesamtwerk Burtons nimmt Die Insel der besonderen Kinder den Platz eines Films ein, der stilistische Konstanten bestätigt und zugleich ein größeres Studioformat umarmt. Er steht in Reihe zu früheren, thematisch verwandten Werken - etwa Beetlejuice oder Big Fish - ist aber produktionsästhetisch näher an seinen post-2000er-Projekten, bei denen digitale Techniken eine größere Rolle spielen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung kombiniert etablierte Charakterdarsteller mit jungen Talenten. Eva Green übernimmt die Titelfigur - die geheimnisvolle und distanzierte Hüterin der Zuflucht - und bringt ihrer Anwesenheit eine kurze, aber markante Aura von Rätsel und Autorität. Asa Butterfield spielt den zentralen jugendlichen Blickpunkt - einen sensiblen, suchenden Protagonisten, der zwischen Alltag und dem Sog des Wunderbaren gerät. Butterfields frühere Arbeiten ließen bereits seine Fähigkeit erkennen, innere Zerrissenheit und poetische Verletzlichkeit zu transportieren.
Ella Purnell verkörpert eine der jüngeren Bewohnerinnen des Hauses und steht für die körperliche und emotional getragene Seite der Besonderheit - sie bringt eine physische Fragilität und gleichwohl eine stoische Stärke in die Rolle. Samuel L. Jackson ist als personifizierte Bedrohung zu sehen - eine antagonistischer Präsenz, die dem Ensemble eine raue, fast archaische Energie entgegenstellt. Neben diesen Hauptfiguren geben erfahrene Nebendarsteller dem Film strukturelle Tiefe; Namen wie Judi Dench, Terence Stamp, Allison Janney und Rupert Everett erscheinen in Nebenrollen, die eher atmosphärische als psychologische Funktionen übernehmen - sie liefern Gewicht und Traditionslinien, ohne die jugendlichen Figuren zu überlagern.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von einem jungen Mann, dessen Suche nach familiärer Herkunft ihn zu einem abgeschiedenen Refugium führt - einem Heim für Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, bewacht von einer rätselhaften Erzieherin. Diese Zuflucht funktioniert als abgeschotteter Kosmos, in dem Zeit, Erinnerung und Rituale anders geordnet sind als in der Außenwelt. Der dramatische Konflikt entsteht aus dem Zusammentreffen zweier Logiken: der Sehnsucht nach Schutz und Zugehörigkeit einerseits, und den Bedrohungen durch Kräfte, die Andersheit nicht dulden, andererseits.
Die zentralen Figuren sind die neu eintretende Perspektive des Jugendlichen, die ambivalente Leitungsperson und eine Schar von Kindern, deren Besonderheiten weniger Effekthascherei als Charakterisierungsmittel sind. Tonal bewegt sich der Film zwischen düsterer Fabel und melancholischer Kindheitserinnerung - eine beständige Gratwanderung zwischen versponnener Romantik und latentem Unbehagen.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern fragt der Film nach den Bedingungen des Behaustseins - was Schutzräume leisten und wie sie zugleich Gefängnisse werden können. Andere zentrale Fragen betreffen die Bedeutung des Anderen - ist Anderssein ein Makel, eine Gabe oder ein soziales Urteil? Die filmische Erzählung verhandelt Trauma als etwas, das weitergegeben wird - vererbte Erinnerungen und familiäre Lasten prägen die Psyche der Protagonisten, und die Suche nach Heilung führt in Räume, die zwischen Heiligtum und Schauplatz des Konflikts schwanken.
Philosophisch berührt der Film Fragen von Zeit und Kontinuität - wie Erinnerung organisiert wird und wie Rituale Orientierung stiften. Psychologisch ist die Arbeit mit metaphorischen Figuren interessant: die physischen Besonderheiten fungieren als externalisierte Innenwelten, durch die Verlust, Angst und Begehren sichtbar werden. Gesellschaftlich reflektiert die Filmerzählung eine Sehnsucht nach inklusiven Gemeinschaften und die Schwierigkeit, sie in einer feindlich gesinnten Außenwelt zu bewahren.
In seiner ästhetischen Anlage reiht sich der Film in eine Linie von Werken ein, die Fantastik nicht als Flucht, sondern als Prüfstand gesellschaftlicher und psychischer Realitäten nutzen. Burtons Umgang mit dem Stoff bleibt dabei ambivalent - er zelebriert das Skurrile, ohne einfache Antworten zu liefern, und bietet dem Zuschauer eine melancholische Einladung, über Fremdheit, Erinnerung und die Zerbrechlichkeit von Zufluchtsorten nachzudenken.
Filmkritik von Peter Osteried
Der Besuch auf der Insel der besonderen Kinder lohnt sich!
Es ist lange her, dass man sich über einen Tim-Burton-Film wirklich freuen konnte. In den letzten Jahren schien Burton das gewisse Etwas verloren zu haben. Seine Filme muteten nur noch an wie fahle Abbilder dessen, wozu er wirklich fähig ist. Mit Die Insel der besonderen Kinder ist Burton nun aber zurück – und das recht fulminant.
Als der Großvater des jungen Jake (Asa Butterfield) stirbt, wird ihm klar, dass die Geschichten des alten Mannes wahr sein müssen. Er erzählte ihm von einer Insel, auf der Miss Peregrines Heim für besondere Kinder stand. Und er zeigte ihm Bilder dieser Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Sie alle sind nun in Gefahr, weswegen sich Jake aufmachen muss, diese Insel zu finden. Doch dafür muss er die Welt der Gegenwart verlassen und ins Jahr 1943 reisen.
Die Romane von Ransom Briggs sind der ideale Nährboden für einen Tim-Burton-Film. Es ist eine phantastische Geschichte, die der Autor für seine Trilogie ersonnen hat. Eine Geschichte, die sich natürlich an den klassischen Mustern von Jugendliteratur orientiert, aber es auch versteht, sie mit eigenen und originellen Gedanken zu versehen. Das zeigt sich insbesondere, weil die Fähigkeiten der Kinder – heute würde man sie Superkräfte nennen – nicht so ungewöhnlich sind, wenn es um diese Art von Erzählung geht. Aber die Umsetzung macht es. Das war schon beim Roman so und gilt nun auch für den Film.
Burton hat die Geschichte dieser jungen Mutanten mit viel Gespür fürs Visuelle umgesetzt. Es ist eine phantasievolle Darbietung, die hier zu sehen ist. Mit erstaunlichem Detailreichtum, der bis in die letzten Ritzen dieser Produktion reicht. An Die Insel der besonderen Kinder kann man sich gar nicht sattsehen. Am 3-D leider schon, denn das ist im höchsten Maße überflüssig. Über weite Strecken könnte man den Film auch ohne Brille ansehen, so wenig effektiv ist die dritte Dimension hier.
Man braucht sie aber auch nicht. Die Stärke der Geschichte ist es, die mehr als ausreicht, um das Interesse des Zuschauers zu halten. Bei ihr bedient man sich natürlich einiger klassischer Archetypen, aber die Umsetzung ist so frisch, dass man dennoch gespannt mitfiebert, wie das Ganze enden wird. Und es ist ein gutes Ende, das den Film für sich stehen lässt, aber so er erfolgreich genug ist, würde man schon noch gerne Adaptionen der zwei abschließenden Romane sehen.
Burton schafft es hier immerhin, Samuel L. Jackson etwas Spielfreude zu entlocken – etwas, das man in den letzten Jahren bei dem Mimen vermisste. Bis in die Nebenrollen ist Die Insel der besonderen Kinder superb besetzt. Großartig ist Rupert Everett als Vogelkundler, bei dem man sich fragt, was er wirklich im Schilde führt.
Phantasievoll, spannend, detailreich, mysteriös, mit großartigen Monstern und menschlichen Helden – dass und noch vielmehr ist diese Fantasy-Geschichte, mit der Tim Burton endlich wieder zu alter Größe zurückkehrt.

