R.I.P.D. und die Inszenierung des Jenseits - Populäre Mythen, Buddykino und visuelle Überlastung
Einleitung
R.I.P.D. tritt in die filmische Landschaft der frühen 2010er Jahre als ein Produkt, das Genrekonventionen und Popkulturmotive ineinander schichtet. Als Adaption eines gleichnamigen Comics bedient der Film ein Publikum, das an die spektakulären Bilder und schnellen Gags moderner Hollywoodproduktionen gewöhnt ist, und setzt die Vorstellung vom Leben nach dem Tod in die Mechanik eines kriminellen Verbrechens hinein. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer Neuinterpretation metaphysischer Fragen als in seiner Exemplifizierung dessen, wie Mainstreamkino das Übernatürliche mit etablierter Filmkomik und Action verbindet.
Innerhalb der Karriere seines Regisseurs markiert R.I.P.D. einen weiteren Schritt in die effiziente Handhabung von Genre-Mischformen. Robert Schwentke hatte sich bereits an Thrillern und Actionkomödien versucht, und sein Umgang mit erzählerischer Ökonomie und visuellem Flair setzt sich hier fort. Der Film fungiert als Knotenpunkt zwischen boulevardesker Unterhaltung und dem Bedürfnis des Publikums nach vertrauten Figuren- und Erzählmustern.
Im zeitlichen Kontext steht R.I.P.D. für eine Periode, in der Hollywood verstärkt auf Comicvorlagen zurückgriff, nicht nur auf bekannte Superhelden, sondern auch auf Nischenstoffe, die sich als Filmstoffe instrumentalisieren ließen. Die Vorstellung eines bürokratisierten Jenseits spricht zudem eine moderne Lesart des Transzendenten an - ein strukturiertes, reguliertes Danach, das letzte Gewissheiten verhandelbar macht. Diese Prämisse reflektiert, ohne philosophisch abzuschweifen, die Tendenz zu Effizienz und Kontrolle in der Popkultur jener Jahre.
Kurzüberblick zur Produktion
R.I.P.D. ist eine Studioproduktion, die visuelle Effekte, starbesetzte Hauptrollen und ein deutungsfreudiges, aber auf Unterhaltung angelegtes Drehbuch zusammenführt. Die Vorlage des Films stammt aus dem Comic-Universum und bot die Möglichkeit, eine filmische Welt zu schaffen, die zwischen Westernanleihen, Noir-Ästhetik und moderner Action oszilliert. Robert Schwentke, der zuvor Filme wie Flightplan, The Time Traveler's Wife und Red inszeniert hatte, bringt eine Handschrift ein, die den narrativen Fluss dem Setpiece unterordnet: klare Figurenkonstellationen, rhythmische Schnittfolgen und eine Neigung zur visuellen Geste.
Produziert als großer Studiofilm, verlangt R.I.P.D. nach aufwendiger Postproduktion und Effektarbeit, um das imaginäre Büro des Jenseits und dessen Bewohner glaubhaft zu gestalten. Diese Produktionsbedingungen prägen die Erzählung: Szenen werden so angelegt, dass sie visuelle Effekte tragen und zugleich die komödiantische Dynamik zwischen den Protagonisten ermöglichen. Innerhalb von Schwentkes Werk steht der Film für die konsequente Fortsetzung seines Interesses an populären Genrekonvergenzen und an der Frage, wie sich ernste Themen in einem zugänglichen Entertainmentformat verarbeiten lassen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Ryan Reynolds, der als einer der markantesten Vertreter des jungen US-Kinos in den 2000er und frühen 2010er Jahren gilt, bringt seine gewohnte Mischung aus leichtem Zynismus und körperlichem Komödiantentempo in die Rolle des Neulings der R.I.P.D. Reynolds, zuvor mit romantischen Komödien und kleineren Thrillern bekannt geworden, spielt hier den ungelösten, frisch Verstorbenen, dessen urbane Herkunft mit der bizarren Logik des Jenseits kollidiert.
Jeff Bridges steht für eine andere Registerkarte amerikanischer Leinwandtradition: Seine Präsenz evoziert eine mythische, alternde Männlichkeit, die Erfahrung und Weltabgeklärtheit verbindet. In der Figur des routinierten Partners fungiert Bridges als Gegengewicht zu Reynolds: der abgeklärte Veteran, an dem sich das Genre des Buddyfilms samt seiner Kodizes ablesen lässt.
Mary-Louise Parker verkörpert innerhalb der bürokratischen Ordnung des R.I.P.D. eine ranghohe Amtsperson, deren Professionalität und lakonische Distanz die institutionelle Seite des Jenseits repräsentiert. Parker, in der Öffentlichkeit vor allem durch ihr Fernseh- und Bühnenwerk bekannt, bringt dem Ensemble eine nüchterne, präzise Energie. Kevin Bacon tritt als Antagonist bzw. als figurative Bedrohung auf; seine Karriere mit häufig ambivalenten, oft charismatischen Neben- und Hauptrollen macht ihn zur geeigneten Wahl für eine Rolle, die Anziehungskraft und Gefährlichkeit zugleich kommuniziert.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film setzt die bekannten Codes des Buddycop-Formats in eine übernatürliche Ordnung: Ein moderner Polizist findet sich nach seinem Tod in einer Organisation wieder, die abtrünnige Seelen jagt und das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod sichern soll. In dieser Struktur wird er einem erfahrenen, weltgewandten Partner zur Seite gestellt. Die zentrale Dramaturgie entspinnt sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum, das an seine irdische Identität gebunden ist, und einer Institution, die Regeln des Jenseits durchsetzt.
Der dramatische Konflikt speist sich aus der Kollision zweier Weltbilder: dem ungebändigten, persönlichen Gerechtigkeitssinn des Neulings und der routinierten Systematik der R.I.P.D.-Mitglieder. Während die Suche nach abtrünnigen Wesen eine episodische, actionorientierte Struktur erzeugt, bildet die Beziehung der beiden Protagonisten das emotionale Zentrum, an dem Motive wie Loyalität, Reue und Verantwortung verhandelt werden. Tonal bewegt sich der Film zwischen lakonischem Humor und ironischer Distanz, wobei die Atmosphäre von einer bewusst inszenierten Bildsprache getragen wird - mal urban, mal mythisch aufgeladen.
Zentrale Themen und Motive
R.I.P.D. stellt Fragen nach Schuld und Sühne, nach Identität jenseits des physischen Lebens und nach der Möglichkeit von Ordnung in einem metaphysischen Raum. Das Konzept eines bürokratischen Jenseits lädt zu einer doppelten Lesart ein: Zum einen als leicht zugängliche Allegorie auf Institutionen, die moralische Fragen standardisieren; zum anderen als Spiegel für persönliche Abrechnungen, die Figuren dazu bringen, ihr vergangenes Handeln neu zu betrachten.
Philosophisch betrachtet berührt der Film das klassische Motiv der Verwobenheit von Gerechtigkeit und Vergeltung. Psychologisch liegt das Interesse weniger auf introspektiver Tiefe als auf der Dynamik zwischen Verdrängung und Anerkennung: Figuren müssen ihre irdischen Bindungen und Schwächen konfrontieren, um innerhalb eines anderen Regelwerks handlungsfähig zu bleiben. Gesellschaftlich lässt sich die Fiktion als Ausdruck einer Kultur lesen, die nach Vereinfachungen und klaren Zuständigkeiten verlangt - selbst für das Mysterium des Todes.
Formal und motivisch arbeitet der Film mit wiederkehrenden Bildern des Dualismus - Leben gegen Tod, Neu gegen Alt, Chaos gegen Ordnung - und nutzt das Buddykino als Struktur, um diese Dualismen in einer unterhaltsamen Dramaturgie zu verhandeln. So entsteht eine Pop-Erzählung, die weniger endgültige Antworten gibt als prägnante Szenarien, in denen existentielle Fragen in der Logik des Mainstreamkinos reflektiert werden.
Filmkritik von Michael Kienzl
Der Tod eines Menschen muss nicht gleich das Ende bedeuten. Allerdings auch nicht zwangsläufig ein von christlichen Vorstellungen geprägtes Jenseits, das sich mit den Begriffen Himmel und Hölle umschreiben lässt. Der Tod kann auch eine leicht abgewandelte Fortsetzung des alten Lebens sein, bei der man nicht einmal von seiner Arbeit verschont bleibt. Polizist Nick (Ryan Reynolds) muss das am eigenen Leib erfahren. Er schlägt sich mit weltlichen Sorgen wie Geldproblemen herum, hat aber auch die Liebe zu seiner Frau, die sein Leben lebenswert macht. Als er von einem korrupten Kollegen ins Jenseits befördert wird, scheint es zunächst, als würde er in den Himmel auffahren. Doch das Licht, das ihn am Ende eines nebelumfluteten Tunnels erwartet, ist nicht das Göttliche, sondern lediglich ein steriler Verhörraum, in dem Nick von einer seiner neuen, zynischen Vorgesetzten empfangen wird. Da wären wir dann doch wieder beim Christentum. Denn das „Rest in Peace Department“, das tote Gesetzeshüter wie Nick rekrutiert, um jene Verstorbenen dingfest zu machen, die es nicht in die Oberwelt schaffen und als Monster auf der Erde ihr Unwesen treiben, ist letztlich nichts anderes als das Fegefeuer, in dem sich Nick den ewigen Frieden verdienen muss.
Der deutsche Regisseur Robert Schwentke hat nach seinen ersten beiden Filmen der Heimat den Rücken gekehrt und versucht seitdem sein Glück in Hollywood. Drei Filme hat er dort bereits gedreht, unter anderem „Flightplan“ mit Jodie Foster und die Romanverfilmung „Die Frau des Zeitreisenden“. „R.I.P.D.“ ist nun seine vierte amerikanische Regiearbeit und erinnert mit ihrer Geschichte stark an Barry Sonnenfelds erfolgreiche „Men in Black“-Filme. Hier sind es zwar keine Aliens, sondern grotesk deformierte und notorisch übergewichtige Untote, denen es an den Kragen geht, das Grundrezept einer fantastischen Actionkomödie, die auf ein ungleiches Paar setzt, ist aber doch das gleiche. Nick bekommt nämlich einen leicht debil vor sich hin nuschelnden Jeff Bridges an die Seite gestellt, der schon eine Weile länger als er im Dienst ist – und zwar seit seinem unwürdigen Tod als US-Marshal im 19. Jahrhundert.
Schwentkes auf dem gleichnamigen Dark-Horse-Comic von Peter M. Lenkov basierender Film will vor allem ein Kino der Attraktionen sein. Die Erzählung vom schießfreudigen Duo, das sich schließlich auf die Suche nach Nicks Mörder macht, ist dabei von erstaunlicher Banalität. Ganz ohne Nebenerzählstränge und überraschende Wendungen kämpfen sich die beiden durch Actionszenen und exzessive Effektschlachten, während das Publikum mit einer ebenso schematischen wie blutarmen Story unterfordert wird. Wenigstens durch den angeberischen Umgang mit seinen Schauwerten ist „R.I.P.D.“ noch ganz interessant. Schwentke lässt keine Gelegenheit aus, um zu zeigen, was im Jahr 2013 alles mit modernster Technologie möglich ist. Der einst durch „Matrix“ (1999) populär gewordene Bullet-Time-Effekt wird etwa in völlig neue Dimensionen übertragen.
Und wenn Kameramann Alwin H. Küchler immer wieder ungewohnte Blickperspektiven einnimmt und sich die Bilder wie in einem Karussell zu drehen beginnen, fühlt man sich fast ein wenig an Benoît Debies entfesselte Kamera aus den Filmen von Gaspar Noé erinnert. Seine Ambitionen trägt der Film dabei stets deutlich nach außen. Während sich andere, nicht minder stumpfsinnige Werke auch gerne mit einer vermeintlich sozialkritischen Botschaft schmücken, gibt sich Schwentke ganz damit zufrieden, Kirmeskino für ein Massenpublikum zu inszenieren.
Allerdings ist „R.I.P.D.“, selbst wenn man ihn an den relativ niedrigen Erwartungen, die er an sich selbst stellt, misst, ein ziemlicher Rohrkrepierer. Man muss Jeff Bridges und Ryan Reynolds nicht gleich ihr komödiantisches Talent absprechen – das haben sie auch schon in anderen Filmen bewiesen –, als sich ständig dissendes Duo werden sie das Publikum aber kaum bei Laune halten können. Das liegt weniger an ihnen selbst als an einem Drehbuch, das neben seiner lieblosen Story aus dem Baukasten vor allem auf Oneliner setzt, die einem oft nicht einmal ein müdes Lächeln abringen können. Manche Einfälle sind dagegen so doof, dass man sie schon wieder schätzen muss: Um während ihrer Zeit auf der Erde der Gefahr zu entgehen, alten Bekannten über den Weg zu laufen, nehmen die Ermittler eine falsche Identität an, auf deren Hülle der Film immer wieder kurz den Blick freigibt. Während Reynolds für die Lebenden wie ein älterer chinesischer Herr mit Fischerhut aussieht, ist Bridges für seine Umwelt als blondes Busenwunder sichtbar. Es ist schon ein wenig komisch, wenn der in schwarzem Mantel und Cowboyhut gekleidete Bridges ständig aufdringliche Verehrer abwimmeln muss. Allerdings wird der Film auch nicht müde, diesen Witz ständig zu wiederholen.
Eigentlich hat „R.I.P.D.“ gute Ansätze für einen verschwenderischen, schnell vergessenen Blockbuster. Mit seinem einschläferndem Humor und einer weitgehend fantasielosen Umsetzung schafft er es jedoch kaum ins Mittelfeld.
Filmkritik von Peter Osteried
An einer Verfilmung von „R.I.P.D.“ hat man lange gearbeitet. Der zugrundeliegende Comic hat schon mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel. Wo der Comic einigermaßen eigenständig ist, erscheint der Film jedoch wie eine Melange aus „Men in Black“ und „Dead Heat“. Originelle Ideen sucht man in diesem Buddy-Movie vergeblich, auch wenn die Geschichte weit größer aufgezogen ist als in der Vorlage.
Nick Walker (Ryan Reynolds) ist seit 15 Jahren Polizist, als er von seinem Partner Hayes (Kevin Bacon) erschossen wird. Das Nachleben ist anders, als er es sich vorgestellt hat. Nick taucht beim R.I.P.D., dem Rest in Peace Department auf, wo man ihm einen Job anbietet. Um seine Karten für das Jenseits zu verbessern, soll er 100 Jahre als Polizist in der Einheit dienen und entflohene Tote wieder dorthin bringen, wo sie herkamen. Nick lässt sich darauf ein, auch, weil er hofft, dass er seine Frau Julia wiedersehen könnte. Doch da ahnt er noch nicht, dass er für die Lebenden nicht mehr so aussieht, wie früher. Nicks neuer Partner ist Roy, der zu Zeiten des Wilden Westens ins Gras biss und noch immer eine entsprechende Attitüde mitbringt. Gemeinsam machen sie sich auf, Nicks Mörder zur Strecke zu bringen, doch dazu müssen sich die ungleichen Partner erst zusammenraufen. Und bekommen es mit mehr zu tun, als sie erwartet hätten.
„R.I.P.D.“ ging an der US-Kinokasse unter wie ein Stein. Geschätzten Produktionskosten von 130 Millionen Dollar stehen gerade mal gut 30 Millionen Dollar Einspiel gegenüber. Überraschend ist das nicht, geboten wird nichts anderes als ein Film nach Baukastenprinzip, bei dem man sich auf Altbewährtes verlässt, aber nicht einmal etwas Ungewöhnliches probiert. Natürlich mögen sich die beiden Protagonisten nicht und lernen sich doch schätzen, natürlich gibt es Ärger mit dem R.I.P.D., natürlich steht das Ende der Welt auf dem Spiel, natürlich ist alles so vorhersehbar, wie es das nur sein kann. Zugegeben, der Comic hat eine kleinere Geschichte erzählt, aber sie war auch persönlicher und letzten Endes interessanter. Gleich noch das angedrohte Ende der Welt in den Film zu packen, ist ein perfektes Beispiel für die typische Hollywood-Denke. Größer, schneller, lauter, unter der Apokalypse geht es nicht. Die irrige Annahme ist, dass der Zuschauer Spektakel am laufenden Band sehen will, unter Umständen hätte der Film eher sein Publikum gefunden, wenn man die Extravaganzen zurückgeschraubt und sich stattdessen auf die Figuren konzentriert hätte. Stattdessen mäandert das Ganze etwas ziellos, da auch die Schurkenfigur lange Zeit kaum etwas zu tun hat und dementsprechend die Helden auch nicht glänzen können.
Die Besetzung ist dabei durchaus in Ordnung. Speziell Jeff Bridges ist als alter Cowboy dank kernigem texanischen Akzents schwer unterhaltsam. Die Menschen wiederum sehen ihn als heiße Blondine. Das ist für ein oder zwei Gags gut, beim dritten oder vierten Mal wirkt es ideenlos. Denselben Witz mehrmals aufzuwärmen, ist einfach nur kontraproduktiv und unterstreicht, wie uninspiriert der Film letzten Endes ist.
Obwohl der Film dem „Men in Black“-Muster peinlich genau folgt, gelingt es in mehr als einer Beziehung nicht, ihn zu kopieren. Inhaltlich am Auffälligsten? Obwohl das R.I.P.D. im Geheimen agieren soll, ist das Finale so gestaltet, dass die ganze Welt von den Monstern auf Erden erfährt. Aber davon weiß natürlich mit Einsetzen des Abspanns niemand mehr etwas – und dem Zuschauer kann es letztlich auch egal sein, ein Sequel wird’s sowieso nicht geben.
„R.I.P.D.“ ist durchaus anschaubar, wenn man einfach nur eine Actionkomödie mit vielen Spezialeffekten, halbgaren Monstern, reichlich Ballerei und ein paar mehr oder minder gelungenen Witzen sehen will. Seine Standardgeschichte spult der Film recht zügig ab, wobei die kompakte Laufzeit von weniger als 90 Minuten entgegenkommt. Ob man das aber unbedingt im Kino sehen muss, ist natürlich diskutierbar.

