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Plötzlich Papa

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kritiken.de Redaktion 05.01.2017
Plötzlich Papa© Tobis Film
A ca. 1306 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Plötzlich Papa - Eine sensible Studie über Männlichkeit, Verantwortung und die Ökonomie der Zärtlichkeit

Einleitung

Mit Plötzlich Papa, in Deutschland am 5. Januar 2017 gestartet, legte Hugo Gélin ein Werk vor, das sich an der Schnittstelle von Familienmelodram und populärem Kino bewegt. Der Film setzt auf die Präsenz eines der prägenden Gesichter des französischen Kinos der 2010er Jahre, Omar Sy, und zielt darauf ab, persönliche Wandlungsgeschichten in ein zugängliches, zugleich emotional arbeitendes Gewand zu kleiden. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer radikalen formalen Neuerung als in seiner thematischen Nähe zum Zeitgeist: Die Frage, wie Männer Verantwortung übernehmen und sich neu definieren, ist seit Mitte der 2010er Jahre ein wiederkehrendes Sujet in europäischen Film- und Debattenlandschaften.

Gélin bietet dabei kein intellektuelles Experiment, sondern eine erzählerische Arbeit, die künstlerische Popularität anstrebt. Im Kontext seines Schaffens markiert Plötzlich Papa eine Fortführung seiner Neigung, zwischen gängigen Genre-Erwartungen und einer sensiblen Figurenzeichnung zu balancieren. Der Film spricht ein Publikum an, das einerseits leichte Zugänglichkeit sucht und andererseits die Bereitschaft mitbringt, sich auf emotionale Schichtungen einzulassen.

In gesellschaftlicher Hinsicht korrespondiert der Film mit einer breiteren kulturellen Verschiebung: Väterlichkeit wird nicht mehr als Nebenrolle, sondern als aktive Leistung dargestellt, die intime wie institutionelle Aspekte des Lebens berührt. Plötzlich Papa operiert in diesem Feld - nicht als programmatisches Statement, sondern als erzählerische Vergegenwärtigung dessen, wie Alltagsbeziehungen Identität formen und neu definieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Hugo Gélin, dessen Handschrift weniger in einem markanten formalen Vokabular als in einer verlässlichen Mischung aus menschlicher Nähe und kommerzieller Erzählökonomie liegt. Geboren in eine filmische Familie, hat Gélin früh gezeigt, dass er Dramaturgie begreift als Balanceakt zwischen Pathos und Plausibilität. Plötzlich Papa reiht sich ein in seine Filmpraxis, die von einem Gespür für Timing und Figurenkonstellationen geprägt ist.

Die Produktion lässt sich als französische Mainstream-Aufstellung beschreiben, die bewusst auf Starpower und breite thematische Ansprache setzt. Als Vehikel für Omar Sy angelegt, verwebt der Film komödiantische Elemente mit klassischem Familiendrama und nutzt ein Produktionsdesign, das Nähe erzeugt - warme Lichtstimmungen, intime Innenräume und eine Montage, die auf die rhythmische Abstimmung von Humor- und Rührmomenten abzielt. In seiner Stellung im Gesamtwerk fungiert Plötzlich Papa als konsequente Fortsetzung von Gélins Interesse an zwischenmenschlichen Verwandlungen, ohne sich formale Experimente aufzudrängen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Omar Sy, dessen Karriere nach dem internationalen Erfolg von Intouchables eine Brücke zwischen französischem Kino und globaler Sichtbarkeit geschlagen hat, steht im Zentrum des Films. Hier spielt er die Rolle des unwahrscheinlichen Vaters - eine Figur, die seine bewährte Mischung aus Charme, körperlicher Präsenz und emotionaler Zugänglichkeit nutzt. Sy fungiert als Identifikationsfigur, deren Wandel die Erzählung trägt.

Clémence Poésy, international bekannt durch Film- und Fernsehauftritte sowie ihre Arbeit im französischen Kino, übernimmt die Rolle der Abwesenden und damit die Funktion einer Auslöserin für die Handlung. Ihre Figur bleibt in gewisser Weise Projektionsfläche; Poésys zurückhaltende Präsenz schafft Raum für die Entwicklung der Titelrolle. Antoine Bertrand und Ashley Walters gehören zum Umfeld des Protagonisten und prägen das soziale Feld, in dem sich die neuen Verantwortlichkeiten entfalten. Das Ensemble ist so besetzt, dass es unterschiedliche kulturelle und performative Referenzen zusammenführt - eine Absicht, die dem Film eine gewisse Breitenwirkung verleiht.

Handlung (spoilerfrei!)

Plötzlich Papa erzählt von einem Mann, dessen behütetes, sorgloses Leben aus der Bahn gerät, als er unerwartet mit einer neuen familiären Verantwortung konfrontiert wird. Die dramatische Prämisse ist schlicht und zielgerichtet: Ein unvorhergesehener Umstand zwingt den Protagonisten, seine bisherigen Prioritäten zu überdenken und einen Alltag zu organisieren, der zuvor fremd für ihn war. Die Geschichte bleibt konzentriert auf die Beziehung zwischen dem Vater und dem Kind - ihre kleinen Routinen, Missverständnisse, aber auch schrittweise Annäherungen.

Der dramatische Konflikt entspringt weniger äußeren Antagonismen als der Spannung zwischen Freiheit und Verpflichtung. Die zentrale Figur ringt mit eigenen Unzulänglichkeiten, gesellschaftlichen Erwartungen und der praktischen Realität von Fürsorgearbeit. Dabei führt der Film durch Szenen, die von komödiantischer Leichtigkeit in eine ernstere Tonalität kippen können, ohne die erzählerische Kohärenz zu verlieren. Die Atmosphäre ist geprägt von einer Wärme, die nicht vollständig sentimentalisierend wirkt, sondern auf die Entwicklung konkreter Alltagssituationen setzt.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Identität und Verantwortungsübernahme in einer Zeit, in der traditionelle Rollendefinitionen in Bewegung sind. Vatersein wird hier nicht als biologisches Faktum abgehandelt, sondern als performative Praxis, die gelernt, geübt und gleichzeitig infrage gestellt wird. Plötzlich Papa interessiert sich für die Praktiken, Gesten und Rituale, die Fürsorge ausmachen - und für die Friktionen, die entstehen, wenn diese Praktiken in ein Leben eingeführt werden, das zuvor andere Maßstäbe kannte.

Auf einer philosophischen Ebene thematisiert der Film die Spannung zwischen Selbstbestimmung und relationaler Abhängigkeit. Psychologisch rückt er die Frage ins Zentrum, wie Bindungen das Selbst formen und welche Kompromisse nötig sind, um Verantwortung zu übernehmen. Gesellschaftlich lässt sich der Film als Beitrag zu einer Debatte lesen, die moderne Vaterschaft neu bewertet - weg von Modellvorstellungen der Selbstoptimierung, hin zu einem Bild, das emotionale Arbeit anerkennt.

Formale Motive unterstützen diese Thematisierung: Wiederkehrende Bildgesten, intime Kameraeinstellungen und eine Montage, die das Tempo des Familienalltags reflektiert, betonen Lernprozesse und kleine akustische wie visuelle Rituale. Ohne große Experimente setzt der Film auf narrative Klarheit, die es ihm erlaubt, die feinen Schattierungen zwischen Komik und Ernsthaftigkeit auszubreiten.

Filmkritik von Peter Osteried

„Ziemlich beste Freunde“-Star Omar Sy wird „Plötzlich Papa“

Der deutsche Verleih hofft offenbar, mit Omar Sy, dem Star aus Ziemlich beste Freunde, ein ebenso großes Publikum ins Kino locken zu können. Doch Plötzlich Papa ist nicht die Komödie, die man angesichts des Titels erwartet hätte. Selbst angesichts der ersten 20 Minuten hätte man einen ganz anderen Film erwartet. Aber das ist die Stärke – oder auch Schwäche – von Hugo Gélins Werk. Es macht zu viele Sprünge.

Samuel (Omar Sy) ist immer noch ein großes Kind, das im Süden Frankreichs vor allem auf Party und heiße Frauen aus ist. Doch dann steht Kristin (Clemence Poesy) vor ihm und drückt ihm das Baby Gloria in die Hand – seine Tochter. Danach verschwindet sie. Samuel fliegt nach London, um dort nach der Mutter zu suchen, aber ergebnislos. Darum wird er für die kleine Gloria der Vater, den sich alle Kinder wünschen: Ein großes Kind mit Hang zum Spaß, das als Stuntman sein Geld verdient. Die Jahre vergehen und Gloria sehnt sich danach, ihre Mutter kennen zu lernen. Samuel versucht, dies möglich zu machen – und startet damit eine Ereigniskette, wie sie dramatischer nicht sein könnte.

Was anfangs wie eine ganz normale Komödie über einen Mann anmutet, der erst lernen muss, Vater zu sein, wird sehr schnell zu etwas ganz Anderem: einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Denn die Geschichte rumpelt einigermaßen rabiat dahin. Erst ist alles da, was für eine Situationskomödie vonnöten ist, dann schleicht sich Dramatik ein, schließlich wird das ganze bittersüß und irgendwann dann hochdramatisch, bevor auf einer schmerzhaftschönen Note geendet wird.

In Plötzlich Papa verbergen sich im Grunde verschiedene Filme. Manchmal eine Komödie, manchmal eine Tragödie, dann sogar noch ein Gerichtsdrama – und all das innerhalb von knapp zwei Stunden. Das kann überfordern, weil es zu viel erscheint, aber das bringt den Vorteil mit sich, dass sich der Film nicht nur einer konsequenten Einordnung entzieht, sondern auch erstaunlich überraschend ist. Da man nie fassen kann, was sich das Drehbuch als nächstes ausdenkt. Den Pfad des Realismus verlässt Plötzlich Papa dabei sehr schnell, reißt den Zuschauer aber dafür mit einer wundervollen Darstellung von Omar Sy mit. Aber nicht nur er brilliert in diesem Film, auch Poesy als leidende Mutter und Antoine Bertrand als Samuels bester Freund, der in jedem anderen Mann einen verkappten Schwulen sieht, sind rührend. Eine echte Entdeckung ist darüber hinaus Gloria Colston, die hier ihr Leinwanddebüt gibt, aber spielt, als hätte sie ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan.

Das Format eines späteren Klassikers hat dieser Film einwandfrei nicht. Dafür ist er zu vollgestopft mit zu vielen Ideen, aber er überzeugt durch Herz. Denn so unwahrscheinlich die Geschichte auch sein mag, die Gefühle, die hier transportiert werden, sind echt.

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