Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind - Eine Erweiterung des magischen Rezepts mit historischem Blick
Einleitung
Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind betritt die vertraute, aber zugleich fremde Sphäre des Potter-Universums und fordert die Erwartungshaltung des Publikums zu einem Umdenken heraus. Als Neustart einer von J. K. Rowling initiierten Filmreihe wirkt der Film nicht nur als nostalgische Rückkehr in die Zauberwelt, sondern als programmatische Erweiterung des Materials: ein Versuch, die bekannten Ästhetiken und Themen in einen anderen historischen und geografischen Kontext zu überführen. Die Relevanz des Films liegt dabei weniger in der Fortsetzung eines einzelnen narrativen Strangs als in der Absicht, die Infrastruktur einer globalen Fantasy-Mythologie zu institutionalisieren.
Regisseur David Yates, der bereits die abschließenden Harry-Potter-Filme verantwortete, bringt seine vertraute Handschrift ein - eine Präferenz für gedämpfte Farbpalette, klaustrophobische Bildkompositionen und eine Tendenz zur politischen Lesbarkeit. In diesem Sinne steht der Film in einer Linie mit Yates' Vorhaben, die Zauberwelt unter dunkleren, realpolitischeren Vorzeichen zu zeigen: nicht nur als Spielplatz der Magie, sondern als Feld sozialer Konflikte und legislativer Kontrolle.
Im Jahr 2016, in dem der Film erschien, war das kollektive Klima von globaler Unsicherheit, Diskussionen über Migration und einer Rückkehr populistischer Erzählungen geprägt. Auch wenn Phantastische Tierwesen kein direktes politisches Manifest ist, entfaltet die Verlagerung in das New York der 1920er Jahre eine bemerkenswerte Resonanz mit zeitgenössischen Debatten über Fremdheit, Registrierung von Minderheiten und die Angst vor dem Anderen. Diese Parallelen machen den Film zu einem Spiegel, der die vertrauten Märchenstrukturen auf eine gegenwartsnahe Problematik befragt.
Kurzüberblick zur Produktion
Der Film ist eine Großproduktion von Warner Bros., konzipiert als Auftakt einer mehrteiligen Filmreihe, deren Ursprung in einem fiktiven Lehrbuch von J. K. Rowling liegt. Rowling schrieb das Drehbuch persönlich - ihr erster Ausflug in die Form des Originalscreenplays - und übernahm damit eine ungewöhnliche Rollenverschiebung von Autorin zu Weltenschöpferin auf filmischer Ebene. Produziert wurde auf der Basis eines hohen Budgets, das die aufwendige Kreaturengestaltung, detailreiche Sets und aufwendige visuelle Effekte ermöglichen sollte.
David Yates fungierte als Regisseur und als Brücke zwischen der filmischen Vorgeschichte der Franchise und ihrem neuen Kapitel. Seine Regieführung ist von einer kontrollierten, oft düsteren Bildsprache geprägt, unterstützt von der Kameraarbeit von Philippe Rousselot und der musikalischen Unterstützung durch James Newton Howard. Kostüme und Produktionsdesign zielen darauf ab, die 1920er-Jahre-Ästhetik mit den extravaganten Möglichkeiten der magischen Welt zu verschränken. Die Produktion setzte bewusst auf ein Gleichgewicht zwischen altbekannter Ikonographie und neuen visuellen Einfällen, um sowohl bestehende Fans als auch ein breiteres Publikum anzusprechen.
Im Gesamtwerk Yates' markiert Phantastische Tierwesen weniger einen Bruch als eine konsequente Fortsetzung: die Übernahme eines etablierten Franchises und dessen Umprägung durch politische und atmosphärische Dichte. Gleichzeitig ist der Film der Startpunkt eines Plans, der die narrative Bühne weit über die britischen Internatsmauern hinaus erweitert.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Eddie Redmayne übernimmt die Rolle des Newt Scamander und bringt seinen Charaktertypus des leicht weltfernen, wissenschaftlich geleiteten Außenseiters ein, den er zuvor in biografischen Dramen mit psychologischer Feinheit gespielt hat. Redmaynes Newt ist Forscher, Tierschützer und ein einsamer Beobachter - eine Figur, die sich durch stille Präsenz und empathische Neugier definiert.
Katherine Waterston spielt Tina Goldstein, deren Hintergrund als ehemalige Aurorin und ihr Konflikt zwischen Institution und Gewissen dem Film einen moralischen Kern geben. Alison Sudol als Queenie Goldstein stellt eine leichtere, emotionale Gegenstimme dar, während Dan Fogler als Jacob Kowalski die Perspektive eines No-Maj - eines Nichtmagiers - verkörpert und damit die Kollision zweier Welten besonders deutlich macht. Ezra Miller bringt eine verstörende Intensität in die Rolle eines geheimnisvollen jungen Mannes, deren psychische Brüchigkeit zum narrativen Motor werden kann.
Colin Farrell, der in einer stilistisch überraschenden Maskierung als ambivalenter Amtsträger auftritt, rundet die Besetzung mit einer routinierten, aber schwer zu fassenden Präsenz ab. Ergänzt wird das Ensemble durch Schauspielerinnen und Schauspieler wie Zoë Kravitz, Ron Perlman, Jon Voight und Samantha Morton, die unterschiedliche Facetten des neuen Weltgeflechts verkörpern - von persönlicher Tragik bis zur repräsentativen Macht des Establishments.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film verlagert die Handlung in das New York der 1920er Jahre und folgt einem Exzentriker, dessen Buch über magische Kreaturen mehr ist als nur ein Feldführer. Ein entflohenes Bestiarium entfacht eine Reihe von Ereignissen, die verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenführen: Gesetzeshüter, idealistische Magier, verängstigte Bürger und eine unsichtbare Gemeinschaft der Nichtmagier. Der dramatische Konflikt entsteht aus der Konfrontation von Wissen und Angst, individueller Fürsorge und institutioneller Kontrolle.
Zentrale Figuren sind der Tierforscher, eine ehemalige Aurorin, zwei Schwestern mit kontrastierenden Lebensentwürfen sowie ein weiterer junger Mann mit einer schwer zu fassenden inneren Bürde. Ton und Atmosphäre des Films oszillieren zwischen phantastischem Wunder, noirigem Stadtbild und unterschwelliger Bedrohung. Die Erzählung hält sich an ein episodisches Muster, in dem kleine Entdeckungen und Interventionen sukzessive ein größeres tableau von Macht und Misstrauen enthüllen.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum des Films stehen Fragen nach dem Umgang mit Fremdheit, der Regulierung des Andersartigen und der Rolle von Empathie gegenüber dem Unbekannten. Die magischen Kreaturen fungieren nicht nur als Schauwerte, sondern als metaphorische Träger für Themen wie Schutz, Ausgrenzung und die Ambivalenz von Zähmung. Die Präsenz staatlicher Institutionen und ihre Reaktionen auf wahrgenommene Gefahren öffnen den Blick auf Mechanismen von Kontrolle - wie Beschneidung von Freiheiten, Überwachung und die Konstruktion von Sündenböcken.
Psychologisch interessiert sich der Film für die Auswirkungen von Trauma und Verdrängung, für die Art und Weise, wie Individuen und Gesellschaften mit ungelöster Angst umgehen. Philosophisch lässt die Erzählung Fragen nach Verantwortlichkeit im Umgang mit dem Anderen und nach den Grenzen wissenschaftlicher Neugier aufkommen. Insgesamt liest sich Phantastische Tierwesen als Versuch, die große alteingesessene Fantasy-Maschine so zu justieren, dass sie nicht nur für magische Effekte empfänglich ist, sondern auch für die Reflexion über Macht, Moral und Menschlichkeit.

