kritiken.de› Filme›
Filme

Only God Forgives

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 18.07.2013
Only God Forgives© Tiberius Film
A ca. 1667 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Only God Forgives: Neonoirische Choreographie von Gewalt, Schweigen und moralischer Exilität in Bangkok

Einleitung

Only God Forgives steht am Schnittpunkt von Stil und Provokation. Nicolas Winding Refn schuf 2013 einen Film, der weniger auf erzählerische Erklärung als auf visuelle und klangliche Suggestion setzt. Die Rezeption war entsprechend polarisiert; der Film provozierte leidenschaftliche Fürsprecher wie konsequente Ablehner. Gerade dieser Widerspruch macht ihn relevant als Zeugnis einer Ästhetik des 2010er Jahres, in der Form oft als inhaltlicher Träger fungiert.

Im Werk Refn ist Only God Forgives kein Bruch, sondern eine Zuspitzung. Nach dem internationalen Durchbruch mit Drive intensiviert der Däne hier Motive, die sich bereits in früheren Arbeiten andeuteten: die Mythisierung männlicher Gewalt, eine Vorliebe für lang gehaltene Tableaus und eine musikalische Klammer, die die filmische Logik eher strukturiert als kommentiert. Nur geschärfter, extremer und noch weniger nach konventioneller Identifikation trachtend.

Gleichzeitig spiegelt der Film eine spezifische kulturelle Konstellation. In der frühen Dekade des 21. Jahrhunderts wachsen filmische Experimente mit Neonoir und Art House zusammen, wobei westliche Regisseure häufig exotische Schauplätze zur Projektionsfläche für innere Konflikte nutzen. Only God Forgives nutzt Bangkok nicht als Kulisse im touristischen Sinn, sondern als fremden Raum, in dem Fragen von Schuld, Ehre und kollektiver Gewalt in hyperästhetisierter Form verhandelt werden.

Kurzüberblick zur Produktion

Nicolas Winding Refn führt Regie mit jener kompromisslosen Handschrift, die seine Filme markiert: reduzierte Dialoge, präzise Bildkompositionen und eine Tendenz zur ritualisierten Gewalt. Die Produktion ist eine europäisch geprägte Koproduktion mit französischer und dänischer Beteiligung, realisiert auf einem vergleichsweise sparsamen Budget, das Refn zugunsten kontrollierter, stilistischer Entscheidungen einsetzte. Gedreht wurde in Bangkok, wobei die Wahl des Schauplatzes nicht nur atmosphärische Authentizität, sondern auch einen physischen Kontrast zur inneren Isolation des Protagonisten liefert.

Musikalisch und soundtechnisch baut der Film auf eine elektronisch reduzierte Klanglandschaft, die die Bilder oft mehr begleitet als erklärt. Kameraführung und Lichtführung arbeiten gezielt mit gesättigten Farben und harten Kontrasten; die Inszenierung erinnert an eine choreografierte Form von Bildgewalt, in der jede Einstellung eine eigene, fast sakrale Funktion hat. Im Gesamtwerk Refn nimmt Only God Forgives eine Position als radikale Verdichtung ein: weniger narrativ zugänglich als Drive, aber konsequent in der Fortführung seiner ästhetischen Fragen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ryan Gosling übernimmt hier die Rolle des schweigsamen, innerlich zerrissenen Protagonisten, eine Figur, in der Refn die stille, beinahe stoische Variante des modernen Antihelden weiterführt. Goslings zurückgenommene Spielweise, die bereits in Drive Auffälligkeit zeigte, wird in Only God Forgives zur Projektionsfläche für eine unterkühlte Gewaltbereitschaft.

Kristin Scott Thomas ist in einer ungewohnten, dominanten Rolle zu sehen; sie verkörpert die Mutterfigur, deren Forderung nach Vergeltung den dramatischen Motor des Films antreibt. Ihre Präsenz ist weniger psychologisch erklärend als symptomatisch gestaltet sie steht für ein Imperativ der Rache, das familiäre Bindungen in eine existentielle Verpflichtung verwandelt.

Vithaya Pansringarm übernimmt eine Schlüsselrolle als Repräsentant von extralegaler Autorität. Seine Figur wirkt wie eine mythische Instanz, die zwischen Gesetz und Opfer urteilt und damit einen moralischen Parallelraum eröffnet. Tom Burke fungiert als impulsiver Gegenpart innerhalb der familiären Dynamik, während die thailändische Darstellerin Yayaying Rhatha Phongam die verweisenede lokale Dimension einbringt: sie personifiziert eine Verbindung zur unmittelbaren Umgebung, die dem westlichen Blick entzogen bleibt, aber die Handlungsvoraussetzungen prägt.

Handlung (spoilerfrei!)

Only God Forgives konzentriert sich auf eine kleine, geschlossene Welt: eine Familie, ein Boxclub, ein Mietshaus und die Stadt, die diese Figuren umgibt. Der Film entfaltet ein Geflecht aus Schuldansprüchen und emotionellen Forderungen, in dem Vergeltung zur zentralen Triebkraft wird. Der Protagonist bewegt sich zwischen Passivität und Handlung, seine Entscheidungen werden weniger durch Dialog als durch Gesten, Blicke und physische Konfrontation vermittelt.

Der dramatische Konflikt entsteht aus der Kollision von persönlichen Loyalitäten und einer überpersönlichen Idee von Gerechtigkeit. Zentrale Figuren sind die schweigende männliche Hauptfigur, die fordernde Mutter und eine autoritäre Instanz, deren Eingreifen das moralische Gefüge erschüttert. Ton und Atmosphäre sind dicht und gedrängt: der Film reduziert erzählerische Exposition zugunsten einer dichten Bild- und Geräuschkulisse, die Räume als emotive Zellen begreift.

Zentrale Themen und Motive

Die Fragen, die Only God Forgives stellt, kreisen um Vergeltung, Verantwortung und die Inszenierung von Männlichkeit. Refn interessiert sich weniger für Motivationen im psychologischen Sinn als für die Manifestation von Gewalt als kulturelle und ritualisierte Praxis. Der Film fragt, wer das Recht auf Gerechtigkeit besitzt und wie sehr subjektive Rachekonzepte gesellschaftliche Grenzen überschreiten können.

Auf einer philosophischen Ebene verhandelt der Film Konzepte von Schuld und Sühne in einem Spannungsfeld zwischen Gesetz und Moral. Die wiederkehrende Bildsprache lässt religiöse und mythische Metaphern anklingen ohne dogmatisch zu werden; die Idee eines letzten Urteils, das jenseits juristischer Instanzen steht, läuft als thematische Leitlinie durch den Film.

Gesellschaftlich lässt sich eine kritische Lesart auf die Begegnung westlicher Protagonisten mit einem fremden urbanen Raum anwenden. Refn spielt mit der Idee von Exilität und Entfremdung: Figuren, die aus ihren Herkunftszusammenhängen verdrängt scheinen, stoßen in einer fremden Stadt auf Formen von Macht, die anders funktionieren als verinnerlichte Rechtsempfindungen. Zugleich stellt der Film die Frage nach Repräsentation und Perspektive: Wie verhält sich ein westlicher Blick, der psychologische Tragödien in einem nicht-westlichen Kontext ästhetisiert?

Only God Forgives bleibt in seiner Intention klar: weniger narrative Aufklärung, mehr atmosphärische Verhandlung. Als filmisches Statement rückt er die Form in den Vordergrund und lädt dazu ein, Gewalt nicht nur als Ereignis, sondern als choreografiertes, kulturell aufgeladenes Phänomen zu lesen. In dieser Hinsicht liefert der Film mehr Fragen als Antworten und fordert vom Publikum eine Bereitschaft, sich der ästhetischen Logik zu unterwerfen.

Filmkritik von Nino Klingler

Sextouristen mit Vorliebe für asiatische Mädchen haben es nicht leicht dieser Tage. Früher reichten wohl ein Pfennigbetrag, ein Hemmschwellen senkender Suff und ein bisschen Triebstau, um sich durch die gebeutelten Entwicklungsländer zu vögeln. Aber jetzt, da Südostasien allmählich die Krallen ausfährt, geht das nicht mehr so einfach. Auf einmal ist der prassende Westler auch in der Fremde das, was er zu Hause beim Bier in der Spelunke immer schon war: lächerlich und arm. Ein Verlierer.

Nicolas Winding Refn richtet in Only God Forgives dieses menschliche Auslaufmodell, geboren aus finanzieller Ungerechtigkeit und perversem Überlegenheitsempfinden, zugrunde. Wenn da in Gestalt des hasenschartigen Billy (Tom Burke) so was wie das Abziehbild eines nur dank Geldbeutel potenten Exoten-Freiers erst ein thailändisches Mädchen vergewaltigt und abschlachtet, um danach von ihrem Vater mit der Keule zu Brei geschlagen zu werden, entlädt sich ein dumpfer, tiefsitzender Rachedurst.

„Time to meet the devil", sagt Billy zu Julian (Ryan Gosling), seinem Bruder mit dem Teddybärblick, bevor er loszieht in den Tod. Die ehemaligen Könige im zügellosen Freizeitpark Bangkok wissen, dass ihre Zeit gekommen ist. Und so wird die auf Glücksspiel und Drogenhandel spezialisierte Sippschaft samt der blondierten White-Trash-Mama (Kristin Scott Thomas), die wie ein Direktimport aus Jersey Shore ausschaut mit ihren Trainingshosen und Slim-Zigaretten, von einem verschwiegenen thailändischen Cop (Vithaya Pansringarm) und seinem Samuraischwert nach und nach hingerichtet.

Der Däne Winding Refn war immer schon ein Regisseur, der alles ziemlich deutlich macht. Allein der Titel: Only God Forgives. In einem Film, in dem nichts auf göttliche, aber alles auf eine teuflische Existenz hindeutet, heißt das so viel wie: Hier vergibt niemand nichts. Und ähnlich oberflächlich verfährt der ganze Film. Der thailändische Todesengel-Polizist mit der japanischen Waffe singt Karaoke vor einer Fototapete der chinesischen Mauer; der proletenhafte Brite richtet sein Kitschbordell ein wie französische Rokoko-Salons, an der Wand hängt das Bild eines griechischen Adonis. Hier trifft, bewusst vage und wenig subtil, der „Westen“ auf den „Osten“. Und es ist von Anfang an klar, wer den Kürzeren zieht.

Bei Winding Refn wird dieser angedeutete kulturelle Konflikt ganz und gar sexuell. Es geht um Sado und Maso, und wie sich das Geben und Nehmen von Gewalt verschiebt. Julian, dem der Posterboy und „sexiest man alive" Gosling seinen ewig verpennten, schiefen Blick schenkt, verirrt sich dauernd in labyrinthischen Albträumen. Ihm werden in dunklen Türrahmen die Hände abgehackt, und seine Freundin, die Hure ist, fesselt ihn, um es sich dann selbst zu besorgen. Julian ist ganz und gar Masochist. Er ist ein Voyeur ohne Überlegenheitsgefühl, ein hilflos starrender Zaungast. Aber er ist auch der einzige Vertreter der als durch und durch widerlich gezeichneten Westler-Clique, der die Zeichen der Zeit erkannt hat. Und die stehen auf Unterwerfung.

Only God Forgives ist purer Style, mehr noch als sein Vorgänger Drive (2011). Wo dort immerhin so etwas wie das Genreskelett eines Action- und Gangsterfilms eingebaut war, löst Winding Refn die Nähte zwischen den Bildern nun komplett auf. Zurück bleiben Echos und Erinnerungen: Es schmeckt nach Asia Extreme, wenn der Todesengel Körper aufschlitzt, nach Martial Arts, wenn er Julian im Thaiboxduell vermöbelt, nach Arthouse, wenn er seinen andächtig schweigenden Kollegen ein Ständchen hält.

Aber die Verbindungen zwischen diesen stets wie eingefrorenen Momenten sind äußerst lose. Eben noch gafft Julian auf eine Stripperin hinter roten Perlenvorhängen, dann starrt schon seine Mutter, in einem anderen Raum, knapp an der Kamera vorbei: Auf uns, auf ihn, auf was? Sexindustrie und Ödipuskomplexe, Blicke ins Nirgendwo und Blicke in die Seele der anderen. Die Leinwand, auf der sich die Oberflächen der Filmgeschichte spiegeln, wird zum Irrgarten, in dem sich Julian und mit ihm wir Zuschauer verlaufen. Die Zeit steht still, der Tag der Abrechnung dauert endlos.

Winding Refn ist glücklicherweise zu clever, um der Illusion zu verfallen, dass er hier wirklich in eine fremde Kultur eindringen könnte. Only God Forgives ist ein Trip in die Untiefen der westlichen Kultur, die sich ihre Bilder des Fremden schon selbst gebiert. Seine Strategie ist eine altvertraute: die des Surrealismus. Winding Refn zitiert die berühmte „Rasierklinge-durch-Augapfel"-Einstellung aus der Buñuel/Dalí-Kollaboration Ein andalusischer Hund (1929) nicht ohne Grund: Wie sich bei ihm Traum und Wirklichkeit ununterscheidbar vermischen, wie die Gewalt allgegenwärtig ist, aber selten direkt sichtbar, weil halb in der Seele des Zuschauers beheimatet, all das zeugt von einer tiefen Faszination für surreale Welten aus Wahn und Trieb, in denen er seinen west-östlichen Clash of the Cultures ansiedelt.

Only God Forgives ist sicherlich kein Film, für den sich viele begeistern können: zu offen mit seiner eigenen Kultur verhasst ist er, zu raunend und vage, stilistisch zu überzeichnet. Aber wer in seiner Seele auch ein paar hässliche Ecken trägt, kann sich hier gut in sie versenken und sinnieren über die veränderten globalen Verhältnisse und über sadomasochistische Komplexe.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de