kritiken.de› Filme›
Filme

Lommbock

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 23.03.2017
Lommbock© Wild Bunch Germany
A ca. 1387 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Lommbock: Eine lakonische Bestandsaufnahme von Reife, Erinnerung und subkultureller Verwurzelung im heimatlichen Spiegel der deutschen Komödie

Einleitung

Lommbock tritt an als Fortsetzung eines kleinen Kinoereignisses, das sich im Lauf der Jahre zum Kultfilm erhoben hat. Der Nachfolger verbindet die leichten Tonlagen der Komödie mit einer merkbaren Schwere des Nachdenkens über Zeit und Biographie. In einer deutschen Filmlandschaft, die zwischen Retrospektive und Gegenwartsdiagnose oszilliert, markiert dieser Film das Interesse, populäre Figuren nicht als bloße Nostalgieobjekte zu konservieren, sondern als Träger veränderter sozialer und existenzieller Fragen.

Die Relevanz des Films liegt weniger in der spröden Pointe als in seinem Versuch, eine Kulturfigur der späten 1990er und frühen 2000er Jahre in die Gegenwart zu überführen und dadurch die Kollision zwischen Subkultur und Alltagsverantwortung sichtbar zu machen. Lommbock zielt auf ein Publikum, das mit den Figuren gealtert ist; zugleich offeriert er jüngeren Zuschauern ein Bild dessen, wie Rebellion zur Routine werden kann und wie Erinnerung als dramaturgischer Motor fungiert.

Formal und tonal bewegt sich der Film zwischen vertrauter Komödienmechanik und einer manchmal fast dokumentarisch wirkenden Beobachtung des Alltäglichen. Diese Balance verweist auf das filmhistorische Interesse an Fortsetzungen, die weniger Fortführung als Revision sind. In diesem Sinne liest sich Lommbock als Statement darüber, wie weit sich eine Komödie leisten kann, die Konsequenzen ihres eigenen kulturellen Erfolgs zu thematisieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Lommbock erschien am 23.03.2017 unter der Regie von Christian Zübert, der bereits das Vorgängerwerk inszenierte und damit eine klare Autorenbindung zu seinen Figuren herstellt. Züberts Handschrift zeichnet sich durch einen lakonischen Humor, eine Vorliebe für naturalistische Dialoge und die Fähigkeit aus, Milieus mit wenigen filmischen Mitteln atmosphärisch dicht auszustatten. Sein Interesse gilt weniger Effekthascherei als der Charakterarbeit und der Ehrlichkeit des Erzähltons.

Die Produktion positionierte sich als kommerzielle deutsche Komödie mit Huddelcharme und professioneller Studioanbindung; sie zielte auf ein breites Kinopublikum und nutzte die Wiederbegegnung mit vertrauten Gesichtern als Zugkraft. Budget und Produktionsumstände folgten dem üblichen Muster eines mid-level kommenziellen Films, der auf bekannte Markenwerte zurückgreift und zugleich Raum für kleinere, persönlicher geprägte Regieentscheidungen lässt. Im Gesamtwerk Züberts nimmt Lommbock die Rolle eines späten Kapitels ein, das bestehende Themen wie Freundschaft, Identität und Alltagskomik nochmals unter veränderter persönlicher Prägung verhandelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Moritz Bleibtreu ist die dominante Präsenz des Films, ein Schauspieler, der über zwei Dekaden hinweg ein Spektrum zwischen intensiver Dramatik und ungemein wandlungsfähiger Komik aufgespannt hat. Seine Karriere umfasst markante Rollen in Genres von Thriller bis Tragikomödie, und in Lommbock kehrt er zu einer Figur zurück, die ihm die Möglichkeit bietet, Reife und Verhaltensmuster ironisch zu spiegeln. Wotan Wilke Möhring verkörpert die Gegenfigur, deren stoische Verlässlichkeit und subtile Melancholie dem Duo Kontur verleihen; er ist ein Gesicht der deutschen Gegenwartsdramaturgie, oft zu sehen in Arbeiten, die zwischen Krimi und Sozialdrama changieren.

Melanie Winiger, Louis Hofmann und Antoine Monot jr. ergänzen das Ensemble und repräsentieren unterschiedliche Erfahrungsstufen und Gattungen des zeitgenössischen Schauspielens. Winiger bringt eine internationale Coolness ein, Hofmann steht für die neue Generation, die mit anderen Erwartungen an Identität und Verantwortung herantritt, und Monot jr. verbindet komische Präzision mit einem augenzwinkernden Boulevardton. Alexandra Neldel, Lucas Gregorowicz, Mavie Hörbiger und Elmar Wepper liefern ein Gerüst aus vertrauten Gesichtern, die dem Film Breite und Herkunft geben. Die Anwesenheit von Persönlichkeiten wie Mehmet Scholl oder Marie von den Benken verweist auf die Praxis populärer deutscher Filme, punktuelle Cameos als kulturelle Marker zu setzen.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne in erzählerische Detailfallen zu tappen, lässt sich sagen, dass Lommbock die wiederkehrende Begegnung alter Freunde ins Zentrum stellt und daraus sein dramatisches Moment schöpft. Die Protagonisten sehen sich mit veränderten Lebensumständen konfrontiert: Familie, berufliche Verpflichtungen und die Frage nach persönlicher Integrität stehen der alten Freiheit gegenüber. Die Handlung entfaltet sich in Episoden, die das Wiedersehen nutzen, um Konflikte anzureichern und Entscheidungen zu provozieren.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich nicht aus einem einzigen Ereignis, sondern aus dem Spannungsfeld zwischen Nostalgie und Gegenwart. Die Figuren müssen prüfen, in welchem Ausmaß sie an vergangenen Identitäten festhalten können oder wollen, und wie sie mit den Erwartungen ihres sozialen Umfelds umgehen. Die Erzählung ist dabei komödiantisch geerdet: Groteske Momente und leichte Slapstickwendungen werden immer wieder von stilleren, fast introspektiven Sequenzen gebrochen, wodurch eine Tonalität entsteht, die weder rein heiter noch ausschließlich ernst ist.

Die zentrale Figurenkonstellation bleibt klar fokussiert auf das Duo in der Mitte und deren Beziehungen nach außen. Atmosphärisch bewegt sich der Film zwischen verrauchter Intimität von Kneipenräumen und offenen, hellem Tageslicht bietenden Alltagsszenen; dieser Wechsel spiegelt die thematische Dichotomie aus Flucht und Alltag wider.

Zentrale Themen und Motive

Lommbock stellt Fragen nach Reife, Verantwortung und dem Fortbestehen subkultureller Identität in einer Welt, die Romantisierung von Rebellion zunehmend in ökonomische und normative Bahnen lenkt. Der Film interessiert sich für das Nachwirken jugendlicher Anmaßungen im Alter, für Rituale der Männlichkeit und für die Art und Weise, wie Freundschaften im Angesicht familiärer Bindungen und sozialer Erwartungen revidiert werden.

Philosophisch berührt der Film Grundfragen von Freiheit versus Bindung. Dabei geht es nicht um abstrakte politische Reflexionen, sondern um die Alltagsphilosophie von Kompromissen: Was bedeutet es, eine Lebensform aufzugeben oder zu transformieren? Welche Rolle spielt Erinnerung als konstruktiver und destruktiver Faktor? Gesellschaftlich gelesen, bietet Lommbock eine kleine Bestandsaufnahme des deutschen Mittelstands und der Popkultur, die sich im Auslaufen einer Generation befindet und zugleich ihren kulturellen Wert behaupten will.

Psychologisch interessiert der Film an der Verzahnung von Selbstbild und Fremdwahrnehmung. Figuren, die einst als Außenseiter galten, werden nun an der Schwelle zu konventionellen Rollen gespiegelt, und daraus entstehen Momente, die mehr über die Bedingungen des Erwachsenwerdens verraten als über die Komik selbst. In dieser Verbindung von persönlicher Anamnese und kollektiver Erinnerung liegt die Qualität des Films als kulturelles Dokument einer bestimmten Lebensphase.

Filmkritik von Peter Osteried

„Lommbock“: Die Kiffer sind zurück

Gespräche über ein Sequel zu Lammbock gab es über die Jahre immer wieder. Die beiden Hauptdarsteller sprachen drüber, der Produzent wollte es, nur Regisseur Christian Zübert war unschlüssig. Weil er fürchtete, dass ein schlechtes Sequel auch dem ersten Film schaden würde. Und weil er nicht wirklich wusste, welche Geschichte seine beiden kiffenden Helden erleben könnten. Aber irgendwann machte es dann Klick.

Vor 15 Jahren hat Stefan (Lucas Gregorowicz) Würzburg verlassen, weil er eigentlich eine Strandbar eröffnen wollte. Letztlich wurde er Anwalt und lebt nun in Dubai, wo er in das Geschäft seines Stiefvaters in spe einsteigen soll. Die Hochzeit mit seiner Tochter steht kurz bevor, doch dazu benötigt er noch ein Dokument, weswegen er nach Würzburg muss. Dort trifft er nicht nur seinen alten Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) wieder, sondern auch seine alte Flamme Jenny (Alexandra Neldel), was nicht nur mit allerhand Turbulenzen und Problemen einhergeht, sondern ihn sich auch fragen lässt, ob er wirklich heiraten will.

Lommbock zeigt vor allem, dass die Zeit zwar nicht still stehen bleibt, die Menschen es aber doch tun. Denn alle Figuren in diesem Film sind so, wie sie es im Jahr 2001 waren, als der erste Streifen in die Kinos kam. Sie sind nur älter, aber nicht zwangsläufig weiser geworden. Bei manchen wie Stefan mag das anders aussehen, im Kern ist er aber immer noch der Kerl von damals. Dementsprechend ist Lommbock auch die Geschichte seiner emotionalen Reise zurück zu sich selbst.

Das klingt hochgestochener, als es ist, denn in erster Linie soll dieser Film unterhalten – und das nicht nur, indem man auf der Nostalgieschiene fährt, sondern die Figuren in immer absurder werdende Geschichten stürzt. Denn Lommbock ist ein eher episodisch strukturierter Film, was durch entsprechende Kapiteltitel auch unterstrichen wird. Die wiederum sind so absonderlich, dass man immer gespannt ist, was sich daraus entspinnen mag. In der Regel gilt: Probleme, die Kai und Stefan lösen müssen.

Das Zusammenspiel von Bleibtreu und Gregorowicz ist großartig. Man merkt die Chemie zwischen den beiden. Aber auch die anderen, liebgewonnenen Figuren sieht man gerne wieder. Besonders toll ist dabei Wotan Wilke Möhring, der als Frank ein paar der größten Lacher auf seiner Seite hat.

Lammbock erwies sich als Überraschungserfolg, weil er roh, kantig und sehr persönlich war. Das gilt in gewisser Weise auch noch für das Sequel, das ebenso davon profitiert, keine Großstadtgeschichte zu erzählen, sondern quasi in der Provinz angesiedelt zu sein. Der Film huldigt dabei dem Vorgänger, wenn er Kai weiterhin seine bekifften Thesen zum Besten geben lässt. Zudem lebt er davon, das Wiedersehen für die Zuschauer so angenehm zu gestalten. Das Ende ist dann derart knackig, dass man nur hoffen kann, dass es nicht wieder gut 15 Jahre dauert, bis ein dritter Teil kommt.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de