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John Wick: Kapitel 2

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kritiken.de Redaktion 16.02.2017
John Wick: Kapitel 2© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1605 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

John Wick: Kapitel 2 - Anatomie einer modernen Racheoper zwischen Mythos und Profession

Einleitung

John Wick: Kapitel 2 tritt nicht nur als Fortsetzung einer Erfolgsformel auf, sondern als konsequente Erweiterung eines fiktionalisierten Universums, das sich um Gewalt als Ritual und Beruflichkeit rankt. Die Fortsetzung verlagert die Perspektive vom individuellen Trauma des Protagonisten hin auf die institutionellen Mechanismen, die seine Rückkehr in die Unterwelt erst möglich machen. Insofern ist der Film relevant als Studie dafür, wie Gegenwartskino Genres rekombiniert - Neo-Noir, Gangsterästhetik und Martial-Arts - um ein neues Bild des Actionhelden zu formen.

Für Regisseur Chad Stahelski markiert Kapitel 2 eine Konsolidierung seiner Handschrift. Als ehemaliger Stuntkoordinator und Mitbegründer der Stuntfirma 87Eleven bringt Stahelski eine kinästhetische Präzision in die Bildsprache, die stärker noch als im ersten Teil die körperliche Logik von Kämpfen und Bewegungsabläufen in den Vordergrund rückt. Die Fortsetzung schreibt damit weniger eine konventionelle Rachegeschichte fort als ein operatives Regelwerk, das seine Figuren und deren Entscheidungen bindet.

Im kulturellen Kontext steht der Film für eine Rückkehr zur Materialität des Actionszenarios. In einer Ära, in der digitale Effekte oft Regie übernehmen, behauptet John Wick: Kapitel 2 praktische Stunts, choreografische Genauigkeit und eine bewusste Ästhetik von Licht und Klang als Gegengewicht. Gleichzeitig reflektiert der Film gesellschaftliche Vorstellungen von Ehre, Schuld - und den ökonomischen Strukturen einer Schattenwirtschaft, die gesellschaftliche Kontrolle ausspart.

Kurzüberblick zur Produktion

Chad Stahelski, selber aus dem Bereich Stunts kommend, führt Regie mit dem Fokus auf Kontinuität von Körperlichkeit und Bildrhythmus. Das Drehbuch stammt von Derek Kolstad, dessen Konzentration auf Codes und weltumspannende Konventionen die narrative Architektur liefert. Kameramann Dan Laustsen setzt ein kontrastreiches Lichtschema ein - tiefes Schattenlicht, punktuelle Neonakzente - das die urbanen Schauplätze als labyrinthische Bühnen inszeniert. Die musikalische Begleitung durch Tyler Bates und Joel J. Richard untermalt die Szenen nicht nur mit Tempo, sondern mit einer Mischung aus perkussiven und orchestralen Elementen.

Produziert wurde der Film im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Thunder Road Pictures, 87Eleven und dem Studiopartner Lionsgate/Summit, mit einem Budget in mittlerer Studiohöhe - ausreichend, um aufwendige Setpieces, internationale Schauplätze wie New York und Rom sowie umfangreiche Stuntsequenzen zu realisieren. Bemerkenswert ist die Produktionspraxis: Kampf- und Fahrsequenzen basieren weitgehend auf realer Choreografie und praktischen Effekten, eine Herangehensweise, die Stahelski und sein Team zur Marke gemacht haben.

Im Gesamtwerk steht Kapitel 2 als Ausbau und Verfeinerung: Der erste Film etablierte den Protagonisten und seine Mythologie; die Fortsetzung systematisiert diese Mythologie und bereitet den Boden für eine Serie von Variationen über Loyalität und Schuld. In dieser Hinsicht fungiert der Film als Mittler zwischen originellem Setup und zukünftiger Serialisierung.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Keanu Reeves bleibt das Zentrum des Narrativs. Seine Darstellung des John Wick ist geprägt von einer Zurückgenommenheit, die körperliche Präsenz und innerliche Leere kombiniert - eine Figur, die durch rhythmische Präzision und physische Glaubwürdigkeit charakterisiert wird. Reeves’ Karriere ist ein Feld zwischen Mainstream und Kult - von frühen Actionrollen bis zu einer neueren Zurückgezogenheit, die seine Spielweise formt.

Riccardo Scamarcio übernimmt die Rolle des Santino D'Antonio - ein Vertreter der organisierten, fast bürokratischen Schattenwelt. Sein Gegenpart ist nicht allein ein persönlicher Widersacher, sondern Repräsentant eines Systems von Verpflichtungen. Ruby Rose tritt als Ares auf, eine stumme Vollstreckerin, deren physische Präsenz und nonverbale Darstellung die filmische Aufmerksamkeit auf Körperkommunikation lenken.

Ian McShane und Lance Reddick führen die pädagogischen und administrativen Figuren des Universums: McShane als Winston, der die Regeln kennt und moderiert, Reddick als Charon, der Repräsentant der formalen Infrastruktur des Continentals. Common und Laurence Fishburne erscheinen als variable Spiegelfiguren, die Loyalität, Rivalität und Netzwerkstrategie ausloten. Das Ensemble vereint klassische und internationale Schauspieler mit Berufsstuntperformern, wodurch eine Vielstimmigkeit entsteht, die sowohl archetypisch als auch funktional in der Erzählung wirkt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film setzt eine Situation in Gang, in der eine frühere Obligation den Protagonisten erneut in den Dienst alter Verhältnisse ruft. Die erzählerische Prämisse basiert auf dem unvereinbaren Spannungsverhältnis zwischen individueller Autonomie und kollektivem Kodex. John Wick wird aus der Ruhe gerissen - nicht bloß durch ein persönliches Motiv, sondern durch einen formalisierten Anspruch, der in der Unterwelt ebenso bindend ist wie ein Vertrag.

Der dramatische Konflikt entspinnt sich aus dieser Zwangslage: Ein Mann, dessen Handeln früher privat geregelt war, steht nun im Sog institutionalisierter Erfordernisse. Die zentralen Figuren agieren weniger als psychologisch komplexe Subjekte im klassischen Sinn, sondern als Funktionsträger innerhalb eines Systems von Regeln, in denen Verrat, Loyalität und Vergeltung die Währung sind. Tonal bewegt sich der Film zwischen düsterem Neo-Noir und choreografiertem Actionkino, wobei die Atmosphäre von einer distanzierten Eleganz geprägt ist.

Zentrale Themen und Motive

John Wick: Kapitel 2 stellt Fragen nach Identität und Professionalisierung von Gewalt: Wann wird Gewalt zur Arbeit, und welche ethischen Implikationen entstehen, wenn blinde Pflichten über individuelle Moral gestellt werden? Der Film verhandelt das Motiv der Schuld nicht als singularen psychologischen Zustand, sondern als soziales Band - ein Vertrag, der Anspruch erhebt und Handlungen determiniert.

Das Werk reflektiert zudem die Konstruktion von Mythos. John Wick ist weniger ein Individuum als eine Legende, deren Wirkungen auf die Umgebung größer sind als seine Intentionen. Diese Metareflexion über Rolle und Person zieht sich durch Inszenierung, Narrative und Casting - die Figur wird zum Projektionsfeld für Vorstellungen von Rache, Ehre und Profession.

Schließlich darf die ästhetische Ebene als thematischer Träger verstanden werden: Choreografie, Lichtführung und Sounddesign formen ein dichtes Regelwerk, das die Gewalt ritualisiert - nicht als bloße Eskalation, sondern als performative Form mit eigenen Codes. In einer Zeit, in der Kino sich neu zum Körper bekennen muss, fungiert John Wick: Kapitel 2 als exemplarischer Fall, wie formale Disziplinen genutzt werden, um Gewalt als kulturellen Text zu lesen und zu arrangieren.

Filmkritik von Peter Osteried

Keanue Reeves ist im zweiten Kapitel von JOHN WICK zurück – und killt noch mehr!

Der erste Teil war ein Überraschungserfolg, dabei war das Ganze gestaltet wie ein klassischer Einzelkämpferfilm der 1980er Jahre - nur deutlich dynamischer und moderner. Für Keanu Reeves war die Rolle von John Wick so etwas wie das Comeback. Und nun wird das mit dem zweiten Kapitel zementiert. Man merkt es schon an der Titelwahl: Hier plant man Großes. Oder zumindest noch einiges, was kommen soll, denn mit einem zweiten Kapitel kann eine Geschichte natürlich nicht enden.

Diese hier tut es auch nur bedingt, denn am Ende wird alles größer aufgezogen, was heißt: Noch mehr Action. Die gibt es auch schon in diesem Film, bei dem der Bodycount von 78 Leuten, die der Erstling vorzuweisen hatte, sicher noch überschritten wird.

John Wick (Keanu Reeves) hat abgeschlossen. Er hat seine Rache bekommen und möchte nun sein Leben weiterleben, doch dann taucht der Mafiosi Santino bei ihm auf und fordert eine Schuld ein. Wick will sich dem nicht beugen, woraufhin Santino sein Haus in die Luft sprengt. Rächen kann sich Wick aber nicht. Nach den Regeln der Assassinen muss er Santinos Auftrag ausführen. Aber danach ist er frei und kann seine Rache einfordern.

Die Geschichte ist noch schmaler ausgefallen als beim Erstling. Das merkt man schon in der ersten, vor Wahnwitz starrenden Action-Sequenz, in der es nur darum geht, dass John Wick sein Auto wiederhaben will. Das erhält emotionale Aufladung, indem dem Zuschauer kurz gezeigt wird, wieso ihm das Auto so viel bedeutet, das alles gibt aber auch den Ton für den restlichen Film vor.

Denn wirklich ernstnehmen kann man diese Actionorgie nicht mehr. John Wick, der in etwa so legendär ist wie der Schwarze Mann, hat längst den Status eines Normalsterblichen verlassen. Er ist ein Übermensch, den man mit dem Auto überfahren, anstießen, abstechen und durch die Gegend prügeln kann, der aber immer wieder aufsteht, als sei gerade gar nichts geschehen.

Vielleicht hätte es der Figur, aber auch dem Film ganz gutgetan, Wick etwas Verletzlichkeit zuzugestehen, aber Reeves spielt ihn mit stoischer Gelassenheit. Er definiert neu, was Coolness für einen Action-Helden heißt.

Die bekannten Gesichter des ersten Teils sind wieder mit dabei. Sie verleihen den Figuren eine gewisse Gravitas, wo ansonsten eigentlich nicht viel ist. Das gilt für Lance Reddick als Concierge, aber auch für Ian McShane, der das Hotel Continental leitet. Ein paar neue Gesichter gibt es auch. Neben Peter Stormare, der nur am Anfang zu sehen ist, gilt vor allem Franco Nero zu nennen. Die Szene mit Reeves ist großartig, treffen hier doch zwei Action-Helden ganz unterschiedlicher Art aufeinander.

Das Drumherum dieses Hotels, aber auch der Dienste, die es offeriert, wird hier etwas stärker ausgespielt. Faszinierend ist dabei vor allem der Zusammenprall von Tradition mit Moderne, wenn Computertechnik auf analogen Telefondienst trifft oder ein Mordauftrag von den „Fräulein“ vom Amt per Rohrpost weitergegeben wird.

Das ist natürlich abstrus, hat aber Stil und verleiht John Wick: Kapitel 2 auch eine sehr eigene Atmosphäre.

So armselig die Geschichte auch letztlich ist, John Wick: Kapitel 2 macht richtig Spaß. Hier kommt auch nie Stillstand auf, da Reeves‘ Figur sich konstant in Bewegung und auf der Jagd befindet. Gegenspieler hat er dabei reichlich, die meisten sind aber nur Kanonenfutter. Ein paar extrem coole Fights gibt es aber schon, vor allem auch mit dem von Common gespielten Kollegen, der Wick in fast nichts nachsteht.

Die Regie übernahm erneut Chad Stahelski, während sein Kollege David Leitch sich auf Deadpool 2 einstellt. Das Skript ist erneut von Derek Kolstad, der John Wicks Geschichte als Trilogie sieht.

Dieser Mittelteil bringt Veränderungen mit sich, die im dritten Teil dann zum Tragen kommen. Darauf darf man sich jetzt schon freuen, denn inmitten von Superhelden und anderen Kinospektakeln wirkt John Wick mit seiner exakten Methode, zu schießen, sich zu bewegen und zu kämpfen, fast schon wieder wie ein ganz normaler Mensch. Nur halt einer, der extrem viel wegsteckt und eiskalt alles abserviert, was ihm im Wege steht. Für Fans handfester und bodenständiger Action wird es in diesem Jahr nichts Besseres im Kino zu sehen geben!

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