Hin und weg: Ein poetischer Umgang mit Sterblichkeit, Freundschaft und Komik im Kino
Einleitung
Hin und weg betritt ein Feld, das im deutschen Gegenwartskino selten ohne moralische Gnadenlosigkeit behandelt wird. Der Film verhandelt Abschied und Selbstbestimmung nicht als finale Tragödie, sondern als Parforcezug aus Lakonie, Humor und verletzlicher Intimität. Gerade weil das Thema Sterben in öffentlichen Debatten und juristischen Kontroversen präsent ist, gewinnt der Film an Relevanz als künstlerische Reflexion über Autonomie, Verantwortung und die Mechanik von Abschiednehmen.
In seiner Tonalität bewegt sich Hin und weg zwischen Komödie und Drama, ohne einer der beiden Kategorien reinen Dienst zu leisten. Das Ergebnis ist kein sentimentaler Epitaphfilm, sondern eine fein austarierte Charakterstudie, die das Publikum an der Gratwanderung zwischen empathischem Mitgehen und beobachtender Distanz teilhaben lässt. Die Inszenierung lädt dazu ein, über Solidarität in engen Freundeskreisen, die Performanz von Männlichkeit und die Mechanismen kollektiver Bewältigung nachzudenken.
Für den Diskurs um den Film ist auch seine Platzierung im deutschsprachigen Kino von Bedeutung. An einem Punkt, an dem soziale Fragen wieder stärker ins Zentrum narrativer Filme rücken, fungiert Hin und weg als Beispiel für einen Trend: gesellschaftlich aufgeladene Themen werden nicht nur dokumentarisch ambitioniert, sondern auch erzählerisch vielstimmig bearbeitet. Der Film stellt sich damit in eine Linie mit der jüngeren deutschen Dramaturgie, die das Persönliche als Vehikel für breitere Fragestellungen nutzt.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Christian Zübert, ein Filmemacher, der sich früh durch ein Gespür für lakonische Figurenzeichnungen und eine pointierte Mischung aus Humor und Melancholie auszeichnete. Zübert, dessen Werk sich durch eine Vorliebe für ensemblegetragene Erzählungen und eine unmanierierte Kameraarbeit auszeichnet, setzt in Hin und weg seine Handschrift fort: eine präzise Beobachtung alltäglicher Gesten, gepaart mit einer sensiblen Rhythmisierung von komischen und rührenden Momenten.
Die Produktion positioniert sich dem deutschen Kinomarkt entsprechend als spielerische, aber ernsthafte Programmarbeit mit mittlerem Budget, die auf Standortauthentizität und eine dichte Schauspielerdarstellung setzt. Sichtbar sind handwerkliche Entscheidungen, die den Film zwischen Intimkino und zugänglicher Dramödie verorten: reduzierte Ausstattung, natürliche Beleuchtung und ein Schnitt, der Tempo und Nachdenklichkeit austariert. In Züberts Gesamtwerk markiert Hin und weg eine Reifung des thematischen Interesses, weg von reiner Kultkomik hin zu existenziellen Fragestellungen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Florian David Fitz übernimmt die zentrale Rolle und legt jene Mischung aus Zugänglichkeit und innerer Zerrissenheit an den Tag, die sein Profil als führender Darsteller zeitgenössischer deutscher Dramen und Komödien prägt. Fitz hat sich in der Rolle des Alltagshelden etabliert, dessen Charme und verletzliche, manchmal ironische Kontur es dem Zuschauer erleichtern, komplexe emotionale Entscheidungen nachzuvollziehen.
Jürgen Vogel bringt seine bewährte Intensität in die Ensemblekonstellation ein. Vogel, bekannt für seine Vielseitigkeit und für Figuren mit rauer Kante, fungiert hier als Energielieferant, dessen Präsenz die Gruppendynamiken stets neu justiert. Hannelore Elsner, eine Grande Dame des deutschen Films, verleiht dem Projekt Würde und eine historisch gewachsene Tragfähigkeit; ihre Darstellung steuert Erfahrungswissen und stille Autorität bei.
Miriam Stein und Volker Bruch stehen für eine jüngere Generation deutschsprachiger Schauspieler, die sich durch subtile Präsenz und präzise Mimik auszeichnen. Ihre Vorhersehbarkeit in Rollenverteilungen wird hier aufgehoben durch eine geschickte Balance aus Empathie und Widerstand. Die Nebenfiguren, getragen von Johannes Allmayer und Victoria Mayer, vervollständigen das Bild einer heterogenen Gemeinschaft, in der jede Figur als Projektionsfläche für Fragen von Schuld, Liebe und Vergebung fungiert.
Handlung (spoilerfrei!)
Im Kern erzählt Hin und weg von einem Mann, dessen Konfrontation mit einer tödlichen Diagnose eine Kette von Entscheidungen in Gang setzt. Ohne die Auflösung vorwegzunehmen, ist die prägnante erzählerische Prämisse die Organisation eines finalen, gemeinschaftlichen Aktes, der Freundschaften auf die Probe stellt. Die Dramaturgie entfaltet sich weniger durch äußere Ereignisse als durch die Konfrontation der Figuren mit sich selbst und miteinander.
Der dramatische Konflikt ergibt sich aus dem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und den moralischen, rechtlichen und emotionalen Schranken des Umfelds. Im Verlauf des Films verschieben sich Loyalitäten, alte Ressentiments blitzen auf, und verdrängte Gefühle kommen ans Licht. Zübert kommt das Kunststück zu, die Reise der Figuren als Road Movie zu nutzen, ohne die Reise selbst zum bloßen Plotmechanismus verkommen zu lassen.
Ton und Atmosphäre des Films oszillieren zwischen lakonischem Witz und nachdenklicher Stille. Die Kamera bleibt nah an den Gesichtern, lässt Raum für Pausen, und der Schnitt gewährt Figurenmomente, in denen das Nichtgesagte lauter wirkt als jede Dialogzeile. Insgesamt entsteht so ein filmischer Atemrhythmus, der das Thema mit Zurückhaltung, aber nicht mit Distanz behandelt.
Zentrale Themen und Motive
Hin und weg wirft Fragen auf, die über die individuelle Schicksalsgeschichte hinausweisen. Zentral ist die Frage nach Autonomie: Wer entscheidet über das Ende eines Lebens, und welche Verantwortung tragen Freunde und Familie in diesem Prozess? Der Film zwingt das Publikum, die Spannung zwischen gesetzlicher Normierung, ethischer Ambivalenz und persönlicher Notwendigkeit auszuhalten.
Ein weiteres Motiv ist die Performanz von Zugehörigkeit. Die Freundesgruppe fungiert als mikrogesellschaftliches Feld, in dem Masken fallen, Rollen neu besetzt werden und kollektive Erinnerung verhandelt wird. Humor wird hier nicht als bloßes Stilmittel eingesetzt, sondern als Überlebensstrategie, die Ambivalenz aushält und gleichzeitig offene Wunden sichtbar macht. Der Road Movie als Form erlaubt zudem eine metaphysische Topographie: Reiseetappen werden zu Etappen der Selbstkonfrontation.
Philosophisch arbeitet der Film mit Fragen nach Würde, Verantwortung und Vergebung. Gesellschaftlich bietet er eine Kommentierung des Zeitgeists, in dem individuelle Lebensentwürfe auf normativen Druck treffen und rechtliche Rahmenbedingungen zunehmend Teil persönlicher Entscheidungen werden. Psychologisch interessiert sich Hin und weg für die Mechanismen kollektiver Trauer, die Rolle von Ritualen im Abschied und die Art, wie Menschen einander im Angesicht des Unausweichlichen aushalten.
Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger
Amyotrophe Lateralsklerose – bis vor einigen Monaten wusste noch kaum jemand etwas mit diesem Begriff anzufangen, doch dann verhalf die „Ice Bucket Challenge“, bei der sich Prominente wie Normalbürger mit Eiswasser begießen und dabei filmen, der auch als ALS bekannten Nervenerkrankung zu weltweiter Aufmerksamkeit. Das konnte Produzent und Dozent Florian Gallenberger freilich nicht wissen, als er beschloss, das Skript seiner Studentin Ariane Schröder zu verfilmen. Dass die Festivaltour und der Kinostart von „Hin und Weg“ nun vor dem Hintergrund des weltweiten Internetphänomens „Ice Bucket Challenge“ stattfinden, wirkt schon fast zu perfekt um ein Zufall zu sein. Ein besseres Marketing hätten sich die Macher wohl kaum wünschen können.
Doch die ALS-Erkrankung der Hauptfigur ist hier eigentlich nur eine Nebenbaustelle. Es spielt keine Rolle, woran Hannes (Florian David Fitz) erkrankt ist. Wichtig ist nur, dass es für ihn keinerlei Aussicht auf Heilung gibt. Deshalb entscheidet sich der junge Mann, den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen und Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Ohne dass Motiv seiner Reise zu verraten, überzeugt Hannes seinen Freundeskreis daher, die alljährliche Radtour diesmal nach Belgien zu unternehmen.
Drehbuchautorin Ariane Schröder und Regisseur Christian Zübert gelingt mit Hannes und seinem Freundeskreis eine überzeugende Zusammenstellung unterschiedlicher Typen, die trotz ihrer wohl komponierten Eigenschaften eine große Natürlichkeit ausstrahlen. Es sind vor allem die Gruppenszenen, die in „Hin und Weg“ überzeugen. Die Interaktion der Freunde wirkt auf authentische Weise vertraut und verspielt, als würden hier tatsächlich alte Bekannte beieinander sitzen. Ausgerechnet der Moment, in dem Hannes gezwungener Maßen die Wahrheit über das Ziel der Reise verrät, wirkt bedauerlich gestellt und wenig kraftvoll, doch bleibt diese Szene eine absolute Ausnahme. Über weite Strecken gelingt Schröder und Zübert die schmale Gratwanderung der Tragikomödie. Immer wieder droht die Inszenierung ins Rührselige zu kippen, kann sich jedoch stets rechtzeitig fangen. Dabei hilft die ausgesprochen gute Dramaturgie der Geschichte. Die Fahrradtour ist zugleich eine Achterbahn der Gefühle, bei der Momente großen Glückes von Tragik und Trauer und diese wieder von Albernheiten abgelöst werden. So wie auch der Weg mal bergauf, mal bergab führt, ist die Atmosphäre des Films anhaltenden Schwankungen ausgesetzt. Und genau das macht seine Stärke aus.
Es gibt da diesen Moment, in dem die Stimmung auf dem Nullpunkt angelangt ist. Die Reisegefährten haben gerade von Hannes’ Krankheit und seinem nahenden Tod erfahren. Man sitzt sprachlos beieinander. Niemand weiß, wie mit der Situation umzugehen sei, ob in Anbetracht des traurigen Ereignisses überhaupt noch Spaß erlaubt sei. Die Situation der Protagonisten geht nahe. Der Zuschauer spürt ihre Hilflosigkeit. Und alle – Protagonisten wie Kinozuschauer - sind erleichtert als urplötzlich Michael (Jürgen Vogel) in Frauenkleidern das Lokal betritt und mit seinem lächerlichen Outfit die Runde aufmischt. Auf diese Weise durchbricht „Hin und Weg“ immer wieder bedrückende Momente und lockert sie durch komödiantische Passagen auf, ohne dabei jemals konstruiert zu wirken. Das Auf und Ab wirkt wie der natürliche Lauf der Dinge, denn auch das wahre Leben ist in der Regel kein gleichförmiger Abwärtstrend.
Es ist die authentische Interaktion der durchweg sympathischen Figuren, die den Zuschauer am stärksten an die Geschichte bindet. Die Protagonisten sind keine bloßen Typen, sondern durchweg runde Charaktere. Die zunächst klischeehaft wirkende Spaßbremse Mareike (Victoria Mayer) entpuppt sich als zu Recht frustrierte Ehefrau und Hannes’ Bruder Finn (Volker Bruch), dessen starke Abwehrreaktion auf die Krankheit seines Bruders anfänglich konstruiert wirkt, gewinnt durch die Artikulation von Schuldgefühlen schließlich seine Natürlichkeit zurück. Vor allem aber sind es Hannes und Kiki (Julia Koschitz), deren glaubwürdiger Kampf mit der schwierigen Situation schließlich zu Tränen rührt.
Im letzten Akt erliegt der Film dann doch der Versuchung, die Geschichte künstlich zu dramatisieren. Als wollte Christian Zübert seinem Publikum die größtmögliche Menge an Tränen abluchsen, zieht er den dritten Akt unnötig in die Länge und macht dabei nicht nur Hannes, sondern auch dem Zuschauer das Leben schwer. Dabei ist diese Art der emotionalen Zuschauervergewaltigung bei der bis hierhin doch so kraftvollen Inszenierung eigentlich gar nicht notwendig. Erfrischend ist demgegenüber Hannes nüchternes Ableben. Ohne Duselmusik, in einem hellen, auffällig neutral gehaltenen Raum. Hier verlässt sich Zübert endlich ganz auf seine Schauspieler, die die starken Emotionen des Moments auch problemlos ohne audiovisuelle Effekte vermitteln können.
Auch wenn Florian David Fitz mit seiner Darstellung des todkranken Hannes ein wenig heraussticht, ist „Hin und Weg“ im Kern doch ein Ensemblefilm. Es geht nicht nur um eine persönliche Entscheidung für oder gegen Sterbehilfe, sondern ebenso auch um die Gefühle und Reaktionen des sozialen Umfelds. Dabei will der Film nicht die Argumente der Euthanasie-Debatte verhandeln, sondern positioniert sich ganz klar dafür. Dass die „Ice Bucket Challenge“ viele Zuschauer für die Krankheit ALS sensibilisiert hat, ist in diesem Zusammenhang ein klarer Vorteil. Doch „Hin und Weg“ hat dieses Zufallsmarketing nicht notwendig, sondern ist auch für sich genommen ein immens berührendes Filmerlebnis.

