Coming In als komödiantische Umkehr - Identität, Begehren und urbane Verwandlung im Kino
Einleitung
Coming In tritt in eine Grenze, die das zeitgenössische Komödienkino gern auslotet - die unstete Begegnung von Begehren, Selbstbild und sozialer Erwartung. Der Film interessiert sich weniger für die plakativen Wendungen einer Liebesgeschichte als für die Verschiebungen, die ein einziger, scheinbar irrationaler Impuls in einem sozialen Gefüge auslöst. In dieser Hinsicht ist Coming In relevant als Beispiel dafür, wie populäres Kino komplexe Fragen von Identität und Anpassung in eine zugängliche, komische Form übersetzt.
Das Werk positioniert sich innerhalb einer deutschsprachigen Kinematographie, die seit den Nullerjahren zunehmend mit Themen von sexueller Identität, urbaner Subkultur und dem Feingefühl für Milieustudien operiert. Coming In nutzt die Register der Romantikkomödie, um konservative wie progressive Erwartungen zugleich zu spiegeln und zu irritieren - ein Motiv, das in jüngeren deutschen Filmen eine verstärkte Präsenz zeigt. Dadurch eröffnet der Film einen Blick auf einen gesellschaftlichen Zeitgeist, in dem Plausibilitäten von Orientierung und Zugehörigkeit neu verhandelt werden.
Auf der Ebene des gesellschaftlichen Hintergrunds steht Coming In in einer Zeit, in der Debatten über Ehegleichheit, Selbstbestimmung und die Kommodifizierung individueller Lebensstile in Deutschland sichtbar waren. Der Film nimmt diese Debatten nicht als programmatische Forderung, sondern als material für komödiantische Reflexion - und zwar mit einem Fokus auf die Alltagsmechanismen, die Identität herstellen und bestätigen.
Kurzüberblick zur Produktion
Der Film wurde als kinotaugliche Komödie konzipiert, die sich formal dem klassischen Erzählkino verpflichtet zeigt: stringente Plotführung, enger Figurenfokus und ein Setting, das urbane Räume als soziale Bühne nutzt. Konkrete Angaben zur Regie sind in den vorliegenden Produktionsnotizen nicht aufgeführt; die Handschrift der Inszenierung lässt sich dennoch beschreiben. Die Regiearbeit orientiert sich an einem geradlinigen, rhythmisch sensiblen Erzählton, der komödiantische Beats mit Momenten leiser Beobachtung verbindet.
Produktionsseitig wirkt Coming In wie eine mittelgroße deutsche Kinoproduktion - kein Festivalkammerspiel, aber auch kein Hochglanzblockbuster. Die handwerkliche Ausstattung legt Wert auf realistische Milieudarstellung: Interioraufnahmen in Salons und Wohnungen, städtische Außenräume und eine Ausstattung, die Figuren als typische Vertreter ihrer sozialen Sphären markiert. Diese Produktionsentscheidungen dienen weniger der Schau als der Figurenzeichnung und ermöglichen dem Film, in vertrauten Bildern komplexe Beziehungsdynamiken zu entfalten.
Innerhalb des deutschsprachigen Filmspektrums nimmt Coming In die Rolle eines populären, aber reflektierten Beitrags ein: ein Werk, das sich am Mainstream orientiert, dabei aber Themen aufgreift, die sowohl persönlichen als auch politischen Resonanzraum besitzen. Es reiht sich somit ein in eine Tradition, die Komik weniger als Abwehrmechanismus denn als Zugang zu ernsten Fragen versteht.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Kostja Ullmann steht im Zentrum der Erzählung und bringt die spezifische Mischung aus Empfindsamkeit und komödiantischem Timing mit, die die Figur benötigt. Ullmanns Darstellung ist getragen von einer körperlichen Präsenz, die Verletzlichkeit und urbane Lässigkeit zugleich kommuniziert. Aylin Tezel verkörpert die weibliche Gegenfigur mit einem Tonfall, der Direktheit und eine gewisse Bodenständigkeit verbindet - Eigenschaften, die für die narrative Umkehrung zentral sind.
Ken Duken, Katja Riemann und die weiteren Ensemblemitglieder schaffen ein Netz aus verschiedenen Alters- und Milieuperspektiven. Duken übernimmt hier die Funktion des stabilisierenden Nebenparts, der Konflikte spiegeln oder verstärken kann. Katja Riemann als erfahrene Darstellerin fungiert als Verankerung innerhalb des sozialen Umfelds der Hauptfigur und bringt eine raffinierte Mischung aus Autorität und Empathie in die Szene. Das übrige Ensemble - darunter jüngere wie etablierte Namen - arbeitet auf subtile Weise daran, die Welt des Films als lebendiges Beziehungsgeflecht auszugestalten.
Handlung (spoilerfrei!)
Coming In erzählt von einer Figur, deren Selbstbild und soziales Umfeld klare Zuschreibungen kennen. Der narrative Motor des Films ist ein Wendepunkt, der die gewohnten Beziehungs- und Identitätskonstellationen ins Rutschen bringt. Aus dieser Störung entwickelt sich eine Reihe von Situationen, in denen Missverständnis, Verlegenheit und komische Überzeichnung die dramatischen Momente tragen.
Der dramatische Konflikt ist weniger ein äußerer als ein innerer und sozial vermittelte Kampf - die Frage, wie man sich selbst deklariert und wie die Umwelt auf Abweichungen von Erwartungen reagiert. Zentrale Figuren sind die Person im Zentrum der selbst erlebten Zerrissenheit, die Frau, die das Begehren auslöst, und ein Umfeld, das zwischen Solidarität, Spott und echtem Interesse schwankt. Tonal bewegt sich der Film zwischen leichter Ironie und warmherziger Beobachtung; die Atmosphäre bleibt dabei urban, dialog- und situationsgetrieben.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt Coming In Fragen nach der Plastizität von Identität und nach der Grenze zwischen Wahl und Antrieb. Der Film lotet aus, inwiefern sexuelle Orientierung als feststehende Kategorie gegenüber situativen Transformationen gezeichnet wird - und wie Gemeinschaften darauf reagieren. Dabei geht es nicht allein um eine biographische Rechtfertigung, sondern um das prekäres Gleichgewicht von Authentizität, Selbstdarstellung und sozialem Druck.
Philosophisch greift der Film Motive von Freiheit und Determination auf - die Idee, dass persönliches Begehren nicht vollständig in Narrative passt, die Gesellschaften gern anlegen. Gesellschaftlich bietet der Film eine Beobachtung der Mechanismen, mit denen Individualität normiert wird - sei es durch komödiantische Stereotype, durch ökonomische Zwänge oder durch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Psychologisch interessiert ihn, wie Identität performativ hergestellt wird: durch Kleidung, Sprache, Freundeskreise und berufliche Situationen.
Coming In arbeitet also mit einem doppelten Impuls. Es will unterhalten und dabei zugleich einen Spiegel vorhalten - einen Spiegel, der nicht mit demonstrativer Moral zeigt, sondern mit der feinen Präzision des Komischen. Der Film lädt dazu ein, die Stabilitäten des Selbst als das zu sehen, was sie sind - Konstruktionen, die sowohl brüchig als auch veränderbar sind.
Filmkritik von Sven Weidner
Schwule Oberflächenbetrachtung
Das Spiel mit den Geschlechtern und den Identitäten ist in vielen Komödien schon Thema gewesen. Und auch die verschiedenen Klischees über schwule und schwules Leben sind weithin -mal mehr mal weniger überzeugend- in diesen durchdekliniert worden. Robin Williams wird unvergesslich als überdrehter wie charmanter Barbesitzer Armand Goldman in die schwule Filmgeschichte eingehen, der im wunderbaren US-Remake The Birdcage (1996) brillant jene Vorurteile und Eigenschaften desavouiert –aber ebenso bestätigt- die Schwulen zugeschrieben werden. Nicht minder witzig, ironisch und mit komischen Einlagen gespickt das Road Movie Priscilla (1997). Während die Angelsachsen mit engagierten und gleichsam hintergründigen Filmen schwules Leben und die Vorstellungen davon gegen den Strich bürsten, und überdies einen guten Schuss Selbstironie in ihre Geschichten einzubringen wissen, sind die deutschen Komödien auch im Jahr 2014 über den biederen, platten, immer vorhersehbaren und schlussendlich gar nicht komischen Humor der 1990er Jahre nicht hinaus gekommen.
Marco Kreuzpaintner, Regisseur von Coming In hat dem Zuschauer schon 2004 eine Komödie beschert, in dem es um das Coming-Out eines schwulen Teeangers ging. Zehn Jahre später dreht er die Vorzeichen um: es geht keineswegs mehr um ein schmerzliches Coming-Out und Selbstbekenntnis zur eigenen Identität. Vielmehr sind wir in medias res, in der grellen, lauten wie überkantitelten Welt des schwulen Starfriseurs Tom Herzner, der in Berlin als Schwulenikone gefeiert, in einer durchkomponierten, sytylishen Wohnung in Berlin-Mitte residiert und sogar einen Chauffeur mit eigener Limousine hat. Hier ist gleich zu erwähnen, dass der fesche, ja mithin androgyne Kostja Ullmann seine Rolle überzeugend verkörpert, und ganz und gar als smarter, hipper Schwuler durchgeht. Herzner muss ein Schampoo für Frauen entwickeln, da ihm andernfalls die Sponsoren abspringen.
Um herauszufinden was Frauen mögen wird er dazu verdonnert im Friseursalon von Heidi (Aylin Tezel) im tiefsten Neukölln eine Woche zu arbeiten. Schicki-Micki Mitte trifft auf Prolo Neukölln, und smart gay guy meets Berliner Göre, die nicht nur redet und berlinert wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sondern die bei Tom seine tief verborgene Heteroader entdeckt und zum Leben erweckt. Mit allerlei Klamauk und reichlich absehbaren Kalauern wird der Clash dieser beiden Lebenswelten inszeniert. Die Love-Story nimmt ihren Lauf, und nach einigen Hindernissen werden sie ein glückliches Paar und leben noch heute.
Problematisch ist, dass die jeweiligen Klischees derart aufdringlich, gefällig und fantasielos daherkommen, dass man meint man wohne einem Märchen bei. Dass Herzner einen frauenverstehenden Heteromaker –wunderbar gespielt von Denis Moschitto- als Chauffeur angestellt hat, der ja eigentlich ein weiches Herz in sich trägt, ist ebenso überzogen, wie die Tatsache, dass Heidis Freund ein Berliner Prolet mit dem albernen Namen Didi (Frederick Lau) erster Güte ist. Er liebt Fußball, vögelt fremd, liebt Fanschals und Jogginghosen. Oder die Figur des Salvatore, den August Zirner als schrille Tunte mimt, die in pinkfarbenen Hosen und Pelzmantel schmollt, wenn nicht alles nach ihrer Pfeife tanzt.
Kreuzpaintner staffiert sein komplettes Ensembles mit einsilbigen Zuschreibungen regelrecht aus, und reiht alle nur erdenklichen wie halbwegs stimmigen Klischees heillos aneinander, in der vagen Hoffnung einen Rest Witz und Ironie aus diesen herauspressen zu können. Mit schnellen Schnitten, popigem Soundtrack und einer Panorama Einstellung aus dem Helikopter, die das flirrende Berlin um die Warschauer Brücke einfängt, wird der Film eröffnet und der Film wird die Geschwindigkeit und Oberflächenbetrachtung im weiteren auch beibehalten.
Das Thema der Identitätsfrage, der Toleranz bei Homos und Heteros soll, ja muss in beide Richtungen gestellt werden. In einer Zeit in der selbst in liberalen Ländern die Homophobie wieder salonfähig wird, ist dies unbedingt notwendig. Gerade der Film kann mit seiner großen Breitenwirkung viel leisten. Hervorragende Filme aus Polen oder Deutschland wie Im Namen des... (2013) oder Freier Fall (2013) legen jüngst davon Zeugnis ab. Prinzipiell vermag es eine überzeugende Komödie ebenso wie die klassische Tragödie ernsthafte und wichtige Themen zu transportieren. 2010 offenbarte Dennis Todorovic in seiner Komödie Sascha -das gleichzeitig auch sein Langfilmdebut war- das schwierige Coming Out eines jugendlichen Immigranten mit südosteuropäischen Wurzeln. Freilich dienen auch hier Vorurteile und Klischees als Folie vor der die Geschichte entrollt wird. Sind es aber bei Kreuzpaintner blasse Versatzstücke, die auf Biegen und Brechen einen Brüller nach dem anderen evozieren wollen, sind bei Todorovic Lachen, Schmunzeln, Weinen, Wut, also alle Gefühlregungen wohlproportioniert vorhanden.
Filmkritik von Peter Osteried
Was kommt nach dem Coming Out? Das Coming In!
Das Coming Out kennt jeder. Filme, die sich mit Homosexuellen befassten, die sich nicht länger verstecken wollten, gibt es einige, natürlich auch Komödien. Aber was ist eigentlich, wenn ein Schwuler merkt, dass er sich gerade in eine Frau verliebt hat? Ist das dann ein Coming In?
Tom (Kostja Ullmann) ist ein erfolgreicher Friseur mit einem eigenen Edel-Salon. Gerade bringt er auch eine eigene Shampoo-Marke heraus, da würde es sich anbieten, das Image ein bisschen aufzupolieren. Denn es ist zwar bekannt, dass Tom homosexuell ist, man möchte aber schon auch das Shampoo an die Frau bringen. Ein Termin in einem Friseursalon in Neukölln wird gemacht, wo Tom die freche Heidi (Aylin Tezel) kennen lernt. Die beiden starten nicht unbedingt auf dem richtigen Fuß, aber verbringen dann doch Zeit miteinander – und merken: da knistert’s. Aber kann das gutgehen? Und was werden Toms schwule Freunde dazu sagen?
Was Marco Kreuzpaintner präsentiert, ist im Grunde eine ganz normale Romcom. Ein bisschen Würze erlangt sie, weil das Hindernis größer ist. Immerhin stehen hier nicht nur andere Partner im Weg, sondern auch die sexuelle Orientierung. Aber die scheint das ganz große Problem eigentlich nicht zu sein. Das wiederum zeichnet sich als das größte Problem des Films ab, denn die Wandlung von Tom ist nicht gänzlich nachvollziehbar. Sicher, es ist eine Komödie, dementsprechend fehlen Szenen, in denen er mit seiner Verwirrtheit hadert, aber das alles kommt ein bisschen plump daher.
Die Problematik ist dabei nicht, dass ein Mensch seine sexuelle Orientierung neu einordnet – oder einfach merkt, dass er auf beiderlei Geschlecht steht –, sondern dass diese Neuordnung nur mit viel Wohlwollen und allen zugedrückten Augen wirklich geschluckt werden kann. Der Film hätte hier mehr draus machen können, auch und gerade, was dies für Tom und seine Beziehung zu seinen Freunden bedeutet. Zwar spielt der Film damit, dass seine schwulen Freunde nicht akzeptieren wollen, dass er plötzlich „andersrum“ ist, aber auch das wird im Vorbeigehen aufgelöst. Das ist die Crux des Witzes, die Bürde des Humors, denn offensichtlich traute man sich nicht, in den Momenten, wo es wirklich wichtig ist, einen ernsthaften Ton anzuschlagen.
Dabei ist Coming In keineswegs ein Film des Schenkelklopferhumors. Er hat einige sehr gute Gags, ergeht sich aber nicht in durchgehendem Witz-Stakkato, so dass die Balance zwischen Humor und Anspruch durchaus stärker zum Tragen hätte kommen können. Das hätte dem Film auch insofern geholfen, weil er abseits der ungewöhnlichen Konstellation, dass ein homosexueller Mann seine Liebe für eine Frau entdeckt, keinerlei originellen Knochen im Leib hat. Coming In verläuft in jeder Sekunde vorhersehbar und steckt damit knietief in der Klischeekiste gängiger Romcoms fest.
Dass der Film dennoch vergnüglich ist, ist nicht nur der sympathischen Situationskomik geschuldet, sondern vor allem den beiden Hauptdarstellern, zwischen denen eine hervorragende Chemie herrscht. Dass Tom und Heidi sich ineinander verlieben, ist dabei gar keine Frage, so wie hier die Funken fliegen. Letzten Endes ist Coming In ein schöner, harmloser, leicht anzusehender Film. Er macht Spaß, er geht nie zu sehr in die Tiefe, er ist entspannt. Es gibt Schlimmeres, das man über einen Film sagen könnte.

