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Get On Up

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kritiken.de Redaktion 09.10.2014
Get On Up© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 914 Worte Lesezeit ca. 3 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Get On Up - Die künstlerische Choreographie einer ruhelosen Legende

Einleitung

Get On Up tritt an, nicht als staubtrockene Chronik, sondern als filmische Versuchsanordnung, die das Phänomen James Brown in Bewegung und Bruchstücken begreift. Die Biografie des "Godfather of Soul" wird hier nicht einzig narrativ durchlaufen, sondern als Bühnenakt inszeniert: Auftreten, Rhythmus, Bruch - und das Verhältnis zwischen öffentlicher Performance und privatem Riss. Damit beansprucht der Film eine doppelte Relevanz: er ist Beitrag zur Populärkulturgeschichte und zugleich eine Reflexion darüber, wie Hollywood Ikonen bildet, verkauft und mit Ambivalenzen versieht.

In einer Zeit, in der die filmische Erinnerung an afroamerikanische Kulturträger von wachsender Bedeutung ist, fordert Get On Up eine differenzierte Wahrnehmung. Er verhandelt die Widersprüche eines Mannes, dessen künstlerische Innovationskraft im Spannungsfeld von Armut, Rassismus, Selbstinszenierung und persönlicher Zerrissenheit entstand. Gerade die Entscheidung, James Brown nicht nur als Mythos, sondern als verletzliche, streitbare Person zu zeigen, macht den Film für das kulturelle Gedächtnis interessant.

Für den Regisseur ist Get On Up ein weiterer Schritt in seiner Arbeit mit starken Darstellern und sozial aufgeladenen Stoffen. Die filmische Sprache vermeidet das pathetische Monumentalbild, sie sucht das Detail, den Ausdruck im Körper, die Spannung zwischen Sound und Stille. Dadurch wird der Film weniger zur biographischen Abrechnung als zur performativen Analyse eines Künstlers, dessen Werk ohne die Rekonstruktion seines Tanzes, seiner Stimme und seiner Bühnenkontrolle kaum zu verstehen ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Get On Up entstand 2014 unter der Regie von Tate Taylor, der sich zuvor mit charakterzentrierten Stoffen wie The Help einen Namen gemacht hatte. Taylors Handschrift zeigt sich auch hier: der Fokus liegt auf Schauspielperformance, auf intimen Szenen, die gesellschaftliche Milieus in kleinen Gesten sichtbar machen. Im Unterschied zu tableauartigen Epen setzt Get On Up auf ein temporeiches Erzählmuster, das Konzertmitschnitte, Rückblenden und direkte Ansprache miteinander verwebt.

Die Produktion bewegt sich im Rahmen eines klassischen Hollywood-Biopics, wobei die materiellen Herausforderungen weniger in opulenten Kulissen als in der akkuraten Reproduktion musikalischer Events und in der Sicherung von Rechten und Arrangements lagen. Solche Verpflichtungen prägen das Projekt; die Musik ist nicht nur akustischer Unterbau, sondern strukturelles Element. Die filmische Gestaltung verweist weniger auf das große Studioepos als auf ein handwerklich präzises, interpretatives Porträt, das sich am Schauspiel orientiert.

Im Gesamtwerk des Regisseurs markiert Get On Up eine thematische Kontinuität: das Interesse an Rasse, Geschichte und den persönlichen Konsequenzen sozialer Ordnungen bleibt zentral. Zugleich erweitert der Film Taylors Palette um choreografische und musikdramaturgische Mittel, die seine bisherige Arbeit ergänzen und neu ausrichten.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Chadwick Boseman als James Brown. Nach seiner Darstellung von Jackie Robinson in 42 fungiert diese Rolle als weiterer biographischer Eckstein in Bosemans Karriere: die Darstellung setzt körperliche Disziplin und die Übersetzung von Musik in Mimik und Gestus voraus. Boseman interpretiert Brown nicht nur stimmlich, sondern besonders körpersprachlich - die Hände, die Hüfte, das mikrodramatische Spiel am Mikrofon sind dramaturgisch bedeutsam.

Unterstützt wird er von einem Ensemble, das aus unterschiedlichen Formaten des afroamerikanischen Schauspielens stammt. Nelsan Ellis, bekannt aus der Serie True Blood, nimmt die Rolle eines langjährigen Weggefährten ein und fungiert als Spiegel für Browns berufliche wie persönliche Konflikte. Viola Davis und Octavia Spencer, beide zuvor in Taylors The Help prominent, liefern tragende Nebenparts, die familiäre und moralische Spannungen verkörpern. Ergänzt wird das Ensemble durch Gesichter aus Komödie und Drama wie Dan Aykroyd und Craig Robinson, die die Branche, das Management und die Außenwelt James Browns repräsentieren.

Die Besetzung ist auf Vielstimmigkeit angelegt: sie ordnet bekannte Performer in Rollen ein, die weniger Klischee als Konfrontation mit Browns Ambivalenzen zulassen. Die Figuren bleiben dabei als historische Bezugspunkte erkennbar, ohne zur bloßen Ikone zu verflachen.

Handlung (spoilerfrei!)

Get On Up skizziert den Werdegang eines Künstlers vom ärmlichen Umfeld in den amerikanischen Südstaaten bis zur globalen Bühne. Die Erzählung vermeidet lineare Chronologie zugunsten einer episodehaften Montage: Szenen aus Auftritten, Studioarbeit und privaten Auseinandersetzungen werden einander gegenübergestellt, sodass sich ein kaleidoskopisches Bild ergibt. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen dem Drang zur Selbstbehauptung und den sozialen und persönlichen Kräften, die diesen Drang formen und beschränken.

Die zentralen Figuren sind James Brown selbst, seine musikalischen Weggefährten und die Menschen aus seiner Biographie, die ihm sowohl Stabilität als auch Widerstand liefern. Dramaturgisch baut der Film auf Spannungsbögen, die sich aus Machtkämpfen innerhalb der Band, Rechtskonflikten und der konstanten Herausforderung der Selbstinszenierung ergeben. Ton und Atmosphäre wechseln zwischen elektrisierenden Konzertsequenzen und gedämpfter Intimität; die Kamera folgt dem Puls der Musik und nimmt zugleich Rücksicht auf Momente der persönlichen Erschütterung.

Zentrale Themen und Motive

Get On Up stellt Fragen nach der Natur von Performance: Wann endet die Show und beginnt das Ich? Wie transformiert die Bühne persönlichen Schmerz in kollektive Ekstase? Der Film thematisiert zudem die Ökonomie der Musikindustrie - die Aneignung, die Verwertung, die ungleich verteilten Profite - ohne diese Debatte plakativ zu instrumentalisieren. Vielmehr zeigt er, wie künstlerische Autonomie hart errungen und fragil bleibt.

Psychologisch interessiert sich der Film für die Komplexität von Selbstdefinition unter Druck. James Brown erscheint als Produkt von Bedürftigkeit und absoluter Disziplin, als jemand, dessen Obsession mit Kontrolle und Perfektion sowohl Überlebensstrategie als auch persönliche Falle ist. Gesellschaftlich nimmt der Film Bezug auf Rassendynamiken der 1950er bis 1970er Jahre: auf die Art, wie schwarzer Erfolg gleichzeitig Anerkennung und Auslieferung bewirken kann.

Als durchgängiges Motiv fungiert die performative Geste - vom mikrotonalen Vibrato bis zur choreografischen Linie. Diese Gesten sind im Film nicht rein ästhetisch, sie tragen Erinnerung, Schmerz und Widerstand. Get On Up rückt damit nicht nur einen Musiker ins Zentrum, sondern fragt nach dem, was Musik als kollektive Erinnerung möglich macht.

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