The Riot Club - Ein scharfes Porträt britischer Macht, Privileg und eskalierender Hybris
Einleitung
The Riot Club setzt an einem Ort an, der in der britischen Imagination besonders aufgeladen ist: der universitären Elite von Oxford. Der Film rückt eine geschlossene Männerrunde ins Zentrum und nutzt deren Rituale als Lupe für gesellschaftliche Fragen, die über die Hochschule hinausweisen. In der filmischen Übertragung einer viel diskutierten Bühnenfassung begegnet uns kein melodramatisches Enthüllungsstück, sondern eine präzise befragende Studie darüber, wie Privilegien performativ hergestellt und geschützt werden.
Die Bedeutung des Films liegt weniger in einem einzelnen Skandal als in seiner Fähigkeit, eine soziale Konstellation sichtbar zu machen: junge Männer, die sich in einem Raum gegenseitig zu immer extremeren Verhaltensweisen anstacheln, vor einem Publikum aus Tradition, Loyalität und Macht. In einer Zeit, in der öffentliche Debatten um Ungleichheit, Elitenbildung und Verantwortlichkeit nach Finanzkrise und politischen Skandalen wieder aufflammten, liest sich The Riot Club als zeitgenössischer Kommentar zu diesen Spannungen.
Für die Regisseurin markiert der Film einen anderen Tonfall innerhalb ihres bislang facettenreichen Werks: weg vom behutsamen Beobachterdrama, das Intimität und skurrile Menschlichkeit verwebt, hin zu einem schärfer konturierten Gesellschaftsbild. Diese Verschiebung macht The Riot Club zu einem interessanten Kapitel in der Auseinandersetzung mit ihrem filmischen Anliegen - die Frage, wie Individuen in restriktiven sozialen Gefügen handeln und wie filmische Mittel dies offenlegen können.
Kurzüberblick zur Produktion
The Riot Club entstand in der Adaption eines Theaterstücks, dessen Bühne bereits eine konzentrierte Dynamik geliefert hatte. Die filmische Umsetzung bewahrt die klaustrophare Qualität großer Tafel- und Trinkszenen, erweitert sie jedoch mit einer visuellen Sprache, die Innenräume, Korridore und Nachtaufnahmen nutzt, um ein Gefühl von Enge und Eskalation zu erzeugen. Die Regie folgt dem Skript in dem Bestreben, die ritualisierte Gewalt der Gruppe nachvollziehbar, aber nicht entschuldigend darzustellen.
Als britische Produktion bewegt sich der Film im Rahmen einer Mittelklasseproduktion, die Wert auf Ausstattung und Kammerspiel legt. Die Kulisse der Colleges, die Kostümierung und das Produktionsdesign arbeiten präzise an der Rekonstruktion eines Milieus, das sowohl vertraut als auch bedrohlich wirkt. Aus der Theaterherkunft resultiert zudem ein bewusstes Setzen auf lange Einstellungen und auf das Zusammenspiel der Ensemblekräfte, weniger auf spektakuläre Montageeffekte.
Im Gesamtwerk der Regisseurin ist The Riot Club kein Bruch, sondern eine Variationen ihrer Interessen: die Untersuchung sozialer Regeln, die Frage nach persönlicher Moral und die Art, wie Institutionen Charakter formen. Die Filmografie davor zeichnet bereits eine Vorliebe für Figurenporträts, hier jedoch findet diese Vorliebe einen offeneren, kritischen Impetus gegenüber Machtstrukturen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung vereint ein Ensemble junger Schauspieler, teils aus populären Franchises, mit erfahreneren Darstellern. Sam Claflin bringt die Erfahrung aus größeren Produktionen mit und verkörpert hier die Figur des Neulings, dessen Ambivalenz zwischen Anpassung und moralischem Widerstand erzählerisches Zentrum bildet. Max Irons und Douglas Booth personifizieren Varianten des Privilegierten: charmant, aber scharfklingend, jeweils mit anderen Nuancen von Selbstsicherheit und Unsicherheit.
Natalie Dormer und Jessica Brown Findlay, beiden bekannt aus Serienformaten, übernehmen bedeutende Nebenparts, die den Blick von außen auf die Clubdynamik richten. Ihre Figuren sind nicht bloß Dekoration, sondern dienen als Spiegel und Kontrastfolie zu den männlichen Protagonisten. Erfahrene Charakterdarsteller wie Tom Hollander ergänzen das Ensemble und stehen für die institutionelle Seite der Welt, in der sich die Affekte und Machtspiele der Jüngeren entfalten.
Das Ensemble insgesamt nutzt die Nähe zur Bühne: Es arbeitet mit gefassten, oft präzise dosierten Ausbrüchen, sodass kollektive Energie und individuelle Brüche gleichermaßen spürbar werden. Die Besetzung ist so konzipiert, dass das Geschehen sowohl aus der Perspektive der Täter als auch aus der der Beobachter gelesen werden kann.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film verfolgt den Eintritt junger Männer in eine exklusive, traditionsreiche Studentenverbindung und die Rituale, die dort gepflegt werden. Im Kern steht der Konflikt zwischen persönlicher Integrität und gruppendynamischem Druck: Neue Mitglieder sehen sich der Erwartung ausgesetzt, Zugehörigkeit durch Konformität und Überschreitung sozialer Grenzen zu beweisen. Diese Spannung wird nicht als isolierter Vorfall erzählt, sondern als Prozess der Allmählichkeit, in dem Eskalation organisch aus Interaktionen erwächst.
Zentrale Figuren sind die unterschiedlichen Typen innerhalb des Clubs: der Ambitionierte, der Provokateur, der Mitläufer und jene, die sich innerlich abgrenzen. Ergänzt werden sie von außenstehenden Figuren, die familialen, romantischen oder institutionellen Druck repräsentieren. Ton und Atmosphäre sind von Kühle und Präzision geprägt; die filmische Sprache beobachtet mit distanziertem Blick, ohne die Figuren zu karikieren, und lässt die bedrückende Logik des Gebildes sichtbar werden.
Zentrale Themen und Motive
The Riot Club stellt die Frage nach der Produktion von Macht: Wie wird Macht ritualisiert und legitimiert? Welche Rolle spielen Tradition, Zusammengehörigkeitsrituale und soziales Kapital in der Erzeugung von Enthemmung? Der Film untersucht nicht nur individuelles Fehlverhalten, sondern das systemische Umfeld, das Übergriffigkeit ermöglicht und normalisiert.
Ein weiteres Motiv ist der Widerspruch zwischen ziviler Bildung und barbarischem Verhalten. Die Hochschulumgebung, die Bildung und Kulturelles verspricht, steht kontrastierend zu den Ausschweifungen einer Clique, die gerade aus dieser Bildung eine Bühne für Privilegien macht. Psychologisch interessiert sich der Film für Gruppendruck, für die Mechanismen der Entmenschlichung innerhalb homogener Gruppen und für die Art, wie Loyalität als Gegenleistung für moralischen Verfall fungieren kann.
Schließlich enthält der Film eine politische Dimension: In einer Gesellschaft, in der Herkunft und Netzwerke oft gewichtiger sind als Leistung und Verantwortungsbewusstsein, fungiert die Erzählung als diagnostisches Bild. Sie zeigt, wie gesellschaftliche Ungleichheiten nicht nur materiell, sondern kulturell und psychologisch reproduziert werden. Die Auseinandersetzung mit diesen Mechanismen ist weniger moralischer Zeigefinger als analytische Präzision: The Riot Club legt frei, wie Privileg als Selbstverständlichkeit internalisiert und performativ verteidigt wird.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
„The Riot Club“ lässt es krachen
Zwei Mal widmete sich die dänische Filmemacherin Lone Scherfig bereits spezifisch britischen Themen und zeichnete Sittenbilder des Vereinigten Königreichs zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Nach „An Education“ und „Zwei an einem Tag“ folgt nun die nächste Regiearbeit, die ihren Blick auf das britische Gesellschaftssystem richtet. Im konkreten Fall das Oxford der Gegenwart. Einen traditionsreichen Ort, der in erster Linie für seine Eliteuniversität bekannt ist. Eben hier nimmt die Adaption des Theaterstücks „Posh“ aus der Feder von Laura Wade ihren Anfang. Auf dem Campus und in den Kneipen der Stadt, wo sich zahlreiche junge Frauen und Männer aus angesehenen Familien tummeln. Studenten, die auf ihren Namen setzen können und irgendwann einmal wichtige Posten in Politik und Wirtschaft bekleiden werden.
Zu den Allerprivilegiertesten zählt der Neuankömmling Miles (Max Irons) sicher nicht. Was die sympathische Lauren (Holliday Grainger), die aus dem Arbeitermilieu stammt, allerdings nicht davon abhält, sich mit ihm über Schichtzugehörigkeiten zu unterhalten. Da Miles für Klassendenken nur wenig übrig hat, freundet er sich wie selbstverständlich mit Lauren an. Und nicht nur das. Schon bald verliebt er sich in die bodenständige Kommilitonin. Deutlich schwerer fällt es dem verbissenen Alistair (Sam Claflin), sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Wohl auch, weil er die großen Fußstapfen seines beliebten Bruders füllen muss, der einst sogar der Vorsitzende des legendären Riot Clubs war. Einer elitären Geheimgesellschaft, bestehend aus zehn männlichen Studenten, die zu Ehren des Genussmenschen Lord Riot einmal im Jahr ein ausschweifendes Abendessen abhält.
Als Alistair einige Mitglieder der Verbindung (die an den realen Bullingdon Club erinnert, dem der britische Premierminister David Cameron angehörte) kennenlernt, erhält der unsichere Neu-Student umgehend das Angebot, dem erlesenen Zirkel beizutreten. Da zudem noch ein weiterer Platz zu vergeben ist, kommt auch Miles in den Genuss des harten Initiationsmarathons. Beide bestehen die Prüfungen mit Bravour und sollen beim traditionellen Dinner offiziell in die Vereinigung aufgenommen werden. Auch wenn Lauren es nur ungern sieht, dass sich Miles mit den Oberschichten-Sprösslingen abgibt, fühlt er sich immer mehr zu seinen Club-Mitstreitern hingezogen. Eine fatale Entscheidung, wie sich beim berüchtigten Abendessen in einem Landgasthof außerhalb der Stadt zeigt. Denn die ausgelassene Stimmung kippt recht schnell ins Uferlose.
Der Eindruck täuscht sicher nicht. Das von Bühnenautorin Laura Wade selbst verfasste Drehbuch gleicht in so mancher Hinsicht einer gezielt konstruierten Versuchsanordnung. Hier die arroganten Söhne aus gutem Hause, die ihre Stellung und ihren Wohlstand offen zur Schau stellen, dort einfache Leute wie Lauren oder der heillos überforderte Besitzer des Pubs, in dem das dekadente Sauf- und Fressgelage stattfindet. Irgendwo dazwischen befindet sich Miles, dem überhebliche Ansichten fremd sind, der aber doch zum erlauchten Kreis der Verbindungsstudenten gehören will. Anders als in der Vorlage steht er im Zentrum des Geschehens und nimmt zunächst die Rolle des klassischen Sympathieträgers ein. Kein Wunder also, dass der erste Akt, der im Theaterstück also solcher nicht zu finden ist, vor allem seine Eingewöhnung in Oxford beleuchtet. Der Zuschauer lernt Miles als aufgeschlossenen, charmanten und witzigen Menschen kennen, der alles andere als oberflächliche Gefühle für Lauren entwickelt.
Ein positives Bild, das allerdings durch seine Bekanntschaft mit den Riot-Club-Mitgliedern schrittweise untergraben wird und im Verlauf des eskalierenden Dinners komplett auseinanderfällt. Hier, im Herzstück des Films, das entsprechend seines Bühnenursprungs kammerspielartigen Charakter annimmt, entpuppt sich Miles als leicht beeinflussbarer Mitläufer. Moralische Zweifel stehen dem jungen Mann zwar ins Gesicht geschrieben, erfolgreich auflehnen kann er sich gegen seine immer grotesker auftretenden Club-Genossen aber nicht. Beleidigungen machen die Runde, sexuelle Ausschweifungen sind geplant, und immer wieder wird das einfache Volk verhöhnt. Besonders hervortun kann sich dabei der bislang eher reservierte Alistair, der allmählich zum Rädelsführer mutiert.
Zurückhaltend oder subtil ist das, was sich im Hinterzimmer des ländlichen Pubs abspielt, eher selten. Dafür jedoch umso eindringlicher, da Wade und Scherfig ihren Figuren direkt auf die Pelle rücken und uns unmissverständlich zu verstehen geben, dass irgendetwas schrecklich schieflaufen wird. Intelligente Menschen benehmen sich plötzlich wie Wahnsinnige und erheben den schrankenlosen Exzess zu ihrem Privileg. „Carpe Fucking Diem!“ ist das Motto der jungen Männer, das sicherlich nicht ganz zufällig an Peter Weirs Internatsklassiker „Der Club der toten Dichter“ denken lässt, in dem Robin Williams als freigeistiger Lehrer seine Schüler dazu auffordert, jeden Tag sinnvoll zu nutzen und selbstverantwortlich zu handeln. Von diesen positiven Konnotationen ist in „The Riot Club“ jedoch nichts zu spüren. Stattdessen regieren Maßlosigkeit und Selbstbeweihräucherung.
Ob man einer Horde verwöhnter Studenten wirklich dabei zuschauen will, wie sie sich in obszönem Maße vergnügt, muss jeder Zuschauer selbst entscheiden. Grundsätzlich festhalten kann man allerdings, dass das von Scherfig beklemmend in Szene gesetzte Drama niemanden unberührt zurücklassen wird. So oder so.

