G.I. Joe: Die Abrechnung - Populäre Männlichkeitsfantasien im Spiegel zeitgenössischer militärischer Spektakelinszenierung
Einleitung
G.I. Joe: Die Abrechnung tritt nicht nur als Fortsetzung einer Spielzeug- und Comic-Adaptation auf, sondern als ein Marker der populären Filmindustrie im frühen 21. Jahrhundert, in dem Franchise-Fortschreibung, Starpower und geigerzählte Schauwerte miteinander konkurrieren. Der Film steht stellvertretend für ein Kino, das militärische Ästhetik, patriotische Symbolik und große Actionsequenzen als kulturelles Kapital verarbeitet. Seine Relevanz liegt darin, wie er die Erzählformate des Actionkinos mit zeitgenössischen Sehervorstellungen über Sicherheit, Macht und Männlichkeit verknüpft.
Im Vergleich zu seinem Vorgänger verschiebt Die Abrechnung die Tonalität zugunsten einer direkteren, spektakulären Gangart, die auf prominente Besetzung und set-piece-orientierte Dramaturgie setzt. Diese Entscheidung lässt sich als Reaktion auf Marktmechanismen verstehen: der Wunsch, die Marke zu revitalisieren und ein globales Publikum anzusprechen, das visuelle Opulenz und klare Identifikationsfiguren verlangt. Das Ergebnis erzählt weniger von originären Abenteuern als von einer Neugestaltung bekannter Ikonen unter veränderten Produktionsbedingungen.
Auf gesellschaftlicher Ebene fällt der Film in eine Periode, in der Fragen von Intervention, Geheimoperationen und postnationaler Sicherheit verstärkt in Populärkultur und Politik verhandelt werden. Diese Konstellation macht Die Abrechnung zu einem interessanten Text für eine kulturkritische Betrachtung - nicht weil er Antworten gibt, sondern weil er Spiegelungen von Zeitgeist und Ängsten liefert, die sich in Actionästhetik und Figurenkonstellation materialisieren.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Jon M. Chu, ein Filmemacher, der sich zuvor vor allem durch Tanz- und Jugendfilme einen Namen gemacht hatte. Seine visuelle Handschrift, geprägt von rhythmischer Montage und bewegter Kameraführung, trifft hier auf das konventionelle Vokabular des Blockbuster-Actionkinos. Die Verlegung seiner früheren choreografischen Energie in groß angelegte Gefechtssequenzen ist ein Merkmal des Films: Bildkomposition wird zum Mittel, um Bewegung und Körperlichkeit dramatisch zu akzentuieren.
Produziert von einem Major-Studio mit einem entsprechend üppigen Etat, ist Die Abrechnung Teil einer bewussten Franchise-Strategie, die auf spektakuläre Effekte, Statusbesetzung und internationale Vertriebswege baut. Dreharbeiten fanden unter Bedingungen statt, die typischerweise mit Steueranreizen und umfangreichen Stunt- und Spezialeffekt-Teams verbunden sind, was die materielle Präsenz des Films erklärt. In Jon M. Chus Filmografie markiert dieses Werk eine Schnittstelle: die Öffnung seiner Praxis hin zu großmaßstäblichen Franchise-Produktionen und die Herausforderung, persönliche Stilmittel in eine industriegerechte Form zu überführen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Die Besetzung des Films liest sich wie eine Studie in kontrastierender Starästhetik. Dwayne Johnson, der als Roadblock auftritt, hat sich bis dahin als neu definierter Actionstar etabliert, dessen physische Präsenz und Mediencharisma ein eigenes Subgenre populär gemacht haben. Channing Tatum, als Duke, bringt die Kontinuität der Reihe mit und verkörpert den klassischen Feldkommandanten, dessen skillet zwischen Führung und Belastbarkeit variiert.
Adrianne Palicki, die als Lady Jaye eine der prägenden weiblichen Kampfrollen einnimmt, repräsentiert die Versuche des Franchises, weibliche Agenten stärker zu profilieren. Lee Byung-hun als Storm Shadow und Ray Park als Snake Eyes repräsentieren das ninjaartige, ostasiatisch konnotierte Element der Serie, das zwischen Mythos und Martial-Arts-Konvention oszilliert. Élodie Yung bringt als Jinx eine neuere Form der jungen, disziplinierten Kämpferin in die Hierarchie der Figuren.
Aufseiten der älteren Generation sind Jonathan Pryce und Bruce Willis in repräsentativen Positionen zu sehen: Pryce in einer politisch symbolischen Rolle, Willis als Veteranenfigur Joseph Colton, die auf eine längere Popkulturtradition verweist. Arnold Vosloo übernimmt die Rolle des manipulativen Gegenspielers Zartan, während Ray Stevenson einen weiteren Antagonisten verkörpert. Die Ensemblestruktur schafft so ein Panorama verschiedener Alters- und Typenlagen, das filmische Autorität und militärische Legitimationsfiguren gegeneinander ausspielt.
Handlung (spoilerfrei!)
Die narrativen Grundlinien des Films sind klassisch: ein Eliteverband gerät in eine Lage existenzieller Bedrohung, die das Team auseinanderreißt und isolierte Überlebensszenarien gegenüber koordinierter Machtinszenierung stellt. Im Zentrum steht der Kampf um Wahrheit und Handlungsfähigkeit, während äußere und innere Gefahren die Loyalitäten der Figuren auf die Probe stellen. Der dramatische Konflikt ergibt sich weniger aus komplexen Intrigen als aus dem Kontakt zwischen individuellen Kompetenzen und institutioneller Gewalt.
Die zentralen Figuren, ein Gemisch aus Militärs, Spezialagenten und politischen Repräsentanten, agieren in einem Setting, das zwischen realistischen Einsätzen und comic-haften Überzeichnungen schwankt. Ton und Atmosphäre bewegen sich in weiten Teilen zwischen nüchterner Gefechtslogik und dem Einsatz übersteigerter Aktion: Kollisionen, Verfolgungen und handwerklich arrangierte Nahkämpfe dominieren die Inszenierung, ergänzt durch Momente, die den Mythos der Figurengruppe kultivieren.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum der filmischen Reflexionen stehen Fragen von Autorität, Identität und Repräsentation. Wer darf im Namen einer Nation handeln, und wie wird Macht sichtbar gemacht? Der Film thematisiert diese Fragen weniger analytisch denn als ästhetische Prämissen: Militärische Effizienz, Kameradschaft und individuelle Opferbereitschaft werden zu den narrativen Bausteinen einer größeren rhetorischen Geste über Legitimation und Heldenbild.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Maskierung - im wörtlichen und bildlichen Sinne - und damit verbunden die Frage nach Täuschung und Authentizität. Die Figurenkonstellation rekonstruiert gleichzeitig klassische Männlichkeitsbilder und deren Kontrapunkte; weibliche Figuren und Figuren nicht-westlicher Herkunft werden in eine Dynamik eingeschrieben, die sowohl Stereotypen reproduziert als auch durchbricht. Schließlich konfrontiert der Film den Zuschauer mit der Ambivalenz von Gewaltästhetik: Die Form des Spektakels macht sie attraktiv, während die dargestellte Anwendung von Macht normative Fragen aufwirft, die über die Erzählung hinausweisen.
Filmkritik von Jochen Werner
Unter den zwei großen Hasbro-Spielzeugverfilmungen des Blockbustersommers 2009 war Stephen Sommers’ G. I. Joe: Geheimauftrag Cobra die klar bessere Wahl. Das war allerdings auch nicht schwer angesichts der Komplettkarambolage, die Michael Bay mit seiner desaströsen Transformers-Fortsetzung Die Rache fast zeitgleich auf die Leinwände losließ. Stephen Sommers hingegen tat das, was er seit seinem kommerziellen Durchbruch mit Die Mumie (1999) immer tut, und inszenierte eine oberflächenpolierte, harmlos-alberne Spezialeffektparade, die laut, bunt und blöd genug war, um zwei Stunden lang ein jedenfalls mildes Interesse am zerstörerischen Geschehen wachzuhalten. Dass in die Fortsetzung zuletzt doch vermehrt größere Erwartungen gesetzt wurden, liegt also weniger an Sommers’ Film als an der Wahl des Regisseurs.
Mit G. I. Joe 3D: Die Abrechnung gibt nämlich mit Jon M. Chu ein Regisseur sein Debüt im Multimillionendollar-Blockbustersegment, der sich zuletzt ganz unerwartet mit dem wunderbaren, bonbonbunten Teeniepop-Tanzfilm Step Up 3D zum neben Paul W. S. Anderson vielleicht größten Hoffnungsträger des 3D-Genrekinos etablieren konnte. Kaum eine bessere Wahl hätte es also geben können, um auch das mit Pop-Art-Potenzial bis zum Bersten gefüllte Militärspielzeug-Franchise um die Spezialeinheit der G. I. Joes in den dreidimensionalen Kinoraum zu übertragen. Leider aber löst der Film dieses Potenzial nur in vereinzelten, seltenen Augenblicken ansatzweise ein und bleibt im Hinblick auf Tempo, Witz, Selbstironie und Attraktionen oftmals sogar hinter seinem Vorgänger zurück.
Die Story hingegen knüpft fast unmittelbar an das offene Ende von G. I. Joe: Geheimauftrag Cobra an, der mit der Entführung des amerikanischen Präsidenten (Jonathan Pryce) und dessen Ersetzung durch einen Doppelgänger in Diensten der Terrororganisation Cobra schloss. Für die G. I. Joes zeitigt dies fatale Folgen, da der gefälschte Machthaber seine privilegierte Position schnell nutzt, um durch eine militärische Attacke die als Dissidenten gebrandmarkten Joes nahezu vollständig auszulöschen. Lediglich drei der Soldaten überleben den Angriff und machen sich unter der Führung von Roadblock (Dwayne Johnson) – und mit tatkräftiger Unterstützung des pensionierten Generals Joe Colton (Bruce Willis) – daran, der Intrige auf die Spur zu kommen. Diese hingegen spitzt sich schnell in ein ausgewachsenes nukleares Bedrohungsszenario zu: Nach der Befreiung von Terroristenführer Cobra Commander aus einem streng geheimen Militärgefängnis in Deutschland (wo, dies wohl der herzigste Augenblick des Films, auf Stoppschildern ein großes HÄLT geschrieben steht) und nachdem im ersten Teil bereits in einer sehr ansehnlichen Action–Einlage Paris aufgemischt wurde, kulminiert die Story vorerst in der Auslöschung Londons von der Weltkarte.
Das entscheidende Problem von Jon M. Chus Film ist wohl, dass er sich nicht so richtig entscheiden mag, wie er diese Geschichte eigentlich erzählen will. Über weite Strecken scheint er seinen Verschwörungsplot fast ernst zu nehmen, was aber all den blühenden Blödsinn, der drumherum so abgefeuert wird, nicht unbedingt stärker mit Bedeutung auflädt – sondern all das einfach etwas wahllos und uninspiriert zusammengezimmert wirken lässt. Das soll nicht heißen, dass es nicht – wie bereits im Vorgänger – eine ganze Reihe wirklich hübscher Momente darin gibt. Obgleich im Vergleich zum etwas rasanteren Film von Sommers hier nur eine einzige der großen Actionsequenzen – ein Klettern, Schwingen, Gleiten, Stürzen an einer steilen Gebirgswand und über einem klaffenden Abgrund – wirklich erinnerungswürdig ist, reißt doch immerhin hier und da pointierter Wortwitz aus der gelegentlich drohenden Langeweile heraus.
Vielleicht ist ein solch monströs überbudgetierter Sommerblockbuster einfach die falsche Form für einen Regisseur wie Jon M. Chu und dessen Talent, stark vorformatierten Genreproduktionen durch filmhistorisches Bewusstsein und eine knallig-überkandidelte Unbekümmertheit frischen Atem einzuhauchen. Trotz aller Kleinigkeiten in diesem Film, die man mit etwas gutem Willen doch mögen könnte: Unbekümmert wirkt an diesem 185-Millionen-Dollar-Monstrum wirklich nichts. Auch die Fortsetzung ist bei weitem nicht so schlecht, wie es der Konkurrenzfilm aus dem Transformers-Franchise 2009 war, und auch vor dem letztjährigen Spielzeugblockbuster Battleship hat Chus Film noch einige Längen Vorsprung. Stellenweise akzeptables Handwerk allein genügt aber nicht, um aus einem so rigide nach Schema F gestrickten Kinoprodukt einen wirklich sehenswerten Film zu machen.

