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Jack and the Giants

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kritiken.de Redaktion 14.03.2013
Jack and the Giants© Warner Bros. Pictures Germany
A ca. 1594 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Jack and the Giants - Moderne Mythenbildung zwischen Monumentalfantasie und erzählerischer Skepsis im Kino

Einleitung

Mit dem Datum 14. März 2013 betrat Jack and the Giants die Arena des modernen Fantasykinos als Versuch, ein klassisches Volksmärchen in die Bildsprache des Blockbusters zu überführen. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer radikalen Neuerfindung des Stoffs als in seiner Positionierung innerhalb eines frühen 2010er-Kinos, das Märchenmotive systematisch in monumentale, kommerzielle Erzählungen transferierte. In dieser Hinsicht fungiert der Film als Spiegel für die Ambivalenz eines Genres, das zwischen intimem Erzählkern und digitaler Opulenz vermittelt.

Regisseur Bryan Singer, der sich zuvor mit Filmen wie The Usual Suspects und den ersten X-Men-Filmen profiliert hat, bringt ein spezifisches Interessensfeld mit: die Verbindung von Ensemblefiguren, formal klaren Figurenkonstellationen und einer Neigung zur Ambivalenz moralischer Positionen. Jack and the Giants setzt diese Handschrift in einem anderen Feld fort - weg vom Superhelden- und Kriminalfilm hin zur adaptiven Märchenästhetik - und zeigt damit, wie ein Auteur sich an gattungstypische Bedingungen anpasst.

Die Produktion ist zugleich Produkt ihres Zeitgeists. Anfang der 2010er Jahre verhielten sich Hollywoodstudios besonders experimentell gegenüber dem Volksmythos - der eine Strang suchte originelle, junge Helden, der andere erzeugte sichere Closed-World-Settings für visuelle Effekte. In diesem Spannungsfeld offenbart der Film kulturelle Motive jener Zeit: eine Sehnsucht nach großen Bildern, kombiniert mit einer Skepsis gegenüber simplen Heldenmythen.

Kurzüberblick zur Produktion

Bryan Singers Regiegriff zeichnet sich hier durch die sorgfältige Komposition von Szenenbildern und die Betonung von Figurenensemble aus. Sein Ansatz zielt auf die Balance zwischen erzählerischer Klarheit und einem inszenatorischen Bedürfnis nach Monumentalität. Das Projekt wurde als großes Studiovorhaben angelegt, das auf ausgeprägte visuelle Effekte, umfassende Set- und Kostümarbeit sowie eine aufwändige Postproduktion setzt, was für das Genre in den Jahren um 2013 typisch war.

In Produktionsfragen manifestiert sich die Doppelperspektive des Films: einerseits die handwerkliche Sorgfalt klassischer Abenteuerfilme, andererseits die Abhängigkeit von CGI und 3D-Techniken, die das erzählerische Angebot erweitern, aber auch überlagern können. Die Stellung von Jack and the Giants im Gesamtwerk Singers ist ambivalent: Er wechselt von urbanen, psychologisch dicht gezeichneten Stoffen zu einer nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch breit angelegten Fantasieproduktion - ein Schritt, der sein Interesse an großen, ensemblegetragenen Stoffen sichtbar macht.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Nicholas Hoult übernimmt die Titelrolle und steht für die metamorphische Karriere eines Darstellers, der vom Kinder- und Jugendstar zur facettenreichen Figur des jungen Erwachsenen gereift ist. Hoult bringt in der Rolle die Mischung aus körperlicher Präsenz und verletzlicher Unsicherheit, die für Coming-of-Age-Geschichten dieses Typs zentral ist. Eleanor Tomlinson als weibliche Protagonistin fungiert als Gegenpol - sie verkörpert die prinzessinnenhafte Würde mit einem Hauch von Eigenständigkeit, wie sie moderne Adaptionen von Märchenfiguren verlangen.

Ewan McGregor, Stanley Tucci und Ian McShane stehen für eine Riege erfahrener Schauspieler, die dem Film texturale Tiefe verleihen. McGregor liefert die bekannte Mischung aus Charme und emotionaler Erdung, Tucci die präzise gesetzte Nutzung von Ironie und Kontur, McShane eine raue Autorität. Eddie Marsan, Ewen Bremner, Ralph Brown und Warwick Davis arbeiten als profilierte Charakterdarsteller, die dem narrativen Gefüge Nuancen hinzufügen - sie strukturieren Nebenwege, die den Erzählraum konkretisieren, ohne den mythischen Kern zu verwässern.

Handlung (spoilerfrei!)

Die Handlung von Jack and the Giants umkreist einen klassischen Kern: einen jungen Protagonisten, der durch eine Reihe von Entscheidungen in ein Konfliktfeld gerät, das das Verhältnis von Mensch und monströser Andersheit thematisiert. Der dramatische Konflikt wird von zwei Ebenen gespeist - einer persönlichen Prüfungsreise des Helden und einer allgemeineren Auseinandersetzung, in der politische, gesellschaftliche und existentielle Interessen kollidieren. Im Mittelpunkt stehen wenige, klar gezeichnete Figuren, deren Beziehungen zueinander den narrativen Motor bilden.

Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen ländlich-archaischen Szenerien und spektakulären, raumgreifenden Setpieces. Die Bildsprache setzt auf Kontraste: intime Momente werden gegen weitgestellte, von CGI bestimmten Sequenzen hingestellt, um Größe und Bedrohung sinnlich erfahrbar zu machen. Die Dramaturgie bleibt dabei dem Abenteuer verpflichtet - Prüfungen, Fluchten und Aushandlungen von Loyalität strukturieren den Plot, ohne ihn in konventionelle Schablonen zu pressen.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Größe - im wörtlichen und symbolischen Sinn. Wer besitzt Raum, wer beansprucht Ressourcen, und wie verhält sich das Individuum gegenüber einer übermächtigen Anderenheit? Auf der Ebene der Figuren wird das Thema Reifebearbeitet: Das Erwachsenwerden ist nicht nur ein innerer Prozess, sondern ein gesellschaftliches Ereignis mit Konsequenzen für Machtverhältnisse.

Philosophisch berührt der Film Fragestellungen zur Identität des Helden und zur Konstruktion von Feindbildern - insbesondere wie Angst vor Fremdheit instrumentiert werden kann. Gesellschaftlich lässt sich eine Lektüre anbringen, die den Umgang mit dem "Andere" als Projektionsfläche für Ängste und Euphorien der Gegenwart sieht - etwa im Angesicht ökonomischer Unsicherheiten oder technologischer Beschleunigung. Psychologisch arbeitet der Film mit archetypischen Mustern: das Unheimliche der Übergröße, die Dialektik von Furcht und Faszination, die Notwendigkeit, Bündnisse einzugehen, um existenzielle Bedrohungen abzuwenden.

Ästhetisch sind Motive wie Vertikalität und Maßstab zentral: Die Bildkompositionen thematisieren Höhe und Tiefe, Nähe und Distanz. Diese visuellen Parameter fungieren zugleich als erzählerische Parameter - sie machen die moralischen und sozialen Konstellationen sichtbar. Insgesamt bietet Jack and the Giants ein Feld, in dem traditionelle Märchenthemen in die Toolkit des zeitgenössischen Hollywoods eingebettet werden - eine Mischung aus vertrauten Mythenstrukturen und industriellen Mitteln, die das Genre neu austariert.

Filmkritik von Maurice Lahde

Der Weg zum Himmel führt direkt auf den Grund der Kindheitsängste. Oder genauer: in einen Märchenwald, in dem grässliche Riesen umherstreifen und die Witterung nach frischem Menschenfleisch aufnehmen, um es in Brotteig gehüllt in ihrem Ofen zu brutzeln. Nachdem ihnen die letzte Mahlzeit jahrhundertelang verwehrt wurde, ist es nun der menschliche Bauernjunge Jack (Nicholas Hoult), der die Verbindung zu den Riesen wieder herstellt. Aus einer der magischen Bohnen, die er zum Groll seines Onkels im Tausch gegen ein Pferd erworben hat, sprießt eine gigantische Ranke zum Himmel und wird zur Leiter in das lang verschollene Riesenreich. Und da in Jacks nach oben katapultierter Hütte zufällig die junge Prinzessin Isabelle (Eleanor Tomlinson) saß, die auf der Flucht vor ihrer Zwangsverheiratung war, hat der junge Held auch gleich eine Mission.

Der Film basiert auf dem Märchen Hans und die Bohnenranke, angereichert um Motive aus dem Artussagen-Ableger Jack the Giant Killerund um die archetypische Erzählung von der Befreiung einer Prinzessin. Im Vorfeld wurde der Stoff als besseres Gegenstück zu The Hobbit gehandelt, und tatsächlich ist der in einem Fantasy-Mittelalter spielende Film schneller und präziser inszeniert als Peter Jacksons jüngstes Opus. Vergleichbar ist der ernsthaft-barocke Umgang mit dem Märchenstoff. Auf die im zeitgenössischen Blockbusterkino so beliebten ironischen doppelten Böden haben Regisseur Bryan Singer und Drehbuchautor Christopher McQuarrie, seit Die üblichen Verdächtigen(1995) ein Erfolgsteam in Hollywood, komplett verzichtet.

Die Anfangssequenz, die die Legende von den verbannten Riesen als Gute-Nacht-Geschichte erzählt und dabei Jacks und Isabelles Kindheiten parallelisiert, gerät in der deutschen Synchronfassung etwas zäh, weil dem Publikum der Charme des eigens für den Film erdachten irischen Akzents zugunsten steifer deutscher Verse vorenthalten wird. Doch mit dem Aufkeimen der Zauberbohne findet Jack and the Giants in sein erzählerisches Herz. Die acht Kilometer in den Himmel ragende Bohnenranke ist der heimliche Star des Films – eine Erzählidee, die um eine Visualisierung in CGI und 3D geradezu bettelt, und auf dem Gelände der klassischen Heldenreise ein Übungsgerät mit Schwierigkeitsgrad A.

Schon der Aufstieg von Jack und seinen Gefährten gleicht der Darstellung eines Höhenangst-Albtraums. Und noch bevor die ersten Riesen auftauchen, ist der Grundton für einen als Familienevent gedachten Film ausgesprochen düster. Denn auch im menschlichen Ensemble herrscht mehr Schatten als Licht, führen Missgunst und Gier bald zu Mord und Totschlag. Oben angekommen, begegnen wir den Riesen als zunächst wortlos durch die Wälder streifenden Unholden von abgrundtiefer Hässlichkeit und voller roher, ungestümer physischer Energie. Sobald sie zu sprechen anfangen und einen der winzigen Menschen als ihren Anführer akzeptieren, nur weil er ihre Krone aufhat, verlieren sie zwar ein wenig von ihrer Bedrohlichkeit – aus direkt dem Unbewussten entsprungenen Schatten werden nun ziemlich geerdete Bösewichter. Aber immerhin wird die Bosheit der Riesen bis zum Filmende von keinem gutherzigen oder auch nur ambivalenten Charakter in ihren Reihen angekränkelt.

Mit dem Fällen der Ranke nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit verliert Jack and the Giants jedoch sein dramatisches und symbolisches Zentrum. Bis zu diesem Punkt hätte die Erzählung den Charakter einer Novelle gehabt – und tatsächlich ist man als Zuschauer kurz versucht zu glauben, dass der Film jetzt zu Ende sein könnte. Dagegen sprächen eher außerhalb der Story liegende Gründe wie die noch recht kurze Spielzeit und die Unwahrscheinlichkeit, dass der aufwändig animierte Riesen-Haufen ohne eine einzige richtige Schlachtszene von der Leinwand entlassen würde. Für die restliche Story verbleiben noch vier Bohnen – aus dreien sprießen denn auch flugs die Ranken, über die die Riesenarmee zum Showdown ins Menschenreich hinabklettert. Und der Film erscheint auf einmal so, als würde nach einem liebevoll erzählten ersten Akt der gesamte Rest im Eiltempo abgehakt.

Im ebensolchen Tempo beginnen nun auch die Zutaten vom mythologischen Grund an die formelhafte Oberfläche zu steigen. Etwa, wenn einem aufgeht, wie reißbretthaft aufrichtig und gut die Heldenfiguren des Films sind. Die obligatorische „Frechheit“ der Prinzessin tut dem wenig Abbruch, einzig dass Ewan McGregor – der Jacks treuen Freund und Helfer Elmont gibt – die Obi-Wan-Kenobi-Tradition fortsetzt, sich in Fantasy-Rollen immer spürbar leicht fehl am Platz zu fühlen, gibt dem Ganzen etwas Pep. Auch das tumbe Reiz-Reaktions-Muster der Riesen, sich stets vor demjenigen in den Staub zu werfen, der gerade ihre Krone ergattert, nutzt sich dramaturgisch schnell ab – was um so bedauerlicher ist, als man aus diesem Motiv durchaus auch komische oder gar „herrschaftskritische“ Funken hätte schlagen können. Doch will diese Szene auch noch bei der x-ten Wiederholung im großen Finale mit hehrem Pathos Eindruck machen und wirkt damit umso mehr als leicht zu habender Kniff für die nächste Handlungswendung.

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