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Frances Ha

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kritiken.de Redaktion 01.08.2013
Frances Ha© MFA+ FilmDistribuion
A ca. 1706 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Frances Ha als urbane Elegie: Selbstentwurf, Scheitern und komische Präzision im Gegenwartsballett

Einleitung

Frances Ha tritt auf die Leinwand wie eine Figur der Gegenwartsliteratur - unruhig, charmant unvollkommen und in ständiger Bewegung. Der Film, der 2013 ein überraschend klares Bild vom Leben junger Erwachsener in der Großstadt zeichnete, hat sich schnell als ein Schlüsselwerk des unabhängigen amerikanischen Kinos etabliert. Seine Relevanz liegt nicht allein in der warmherzigen Darstellung einer Protagonistin, sondern in der Art, wie Form und Erzählung zusammen ein Porträt einer Generation entwerfen, die zwischen künstlerischem Ehrgeiz und ökonomischer Unsicherheit navigiert.

Im Zusammenspiel von Schauspiel, Bildsprache und Rhythmus verdichtet Frances Ha existentielle Fragen ohne große Gesten. Anstatt psychologische Abgründe mit melodramatischen Mitteln zu beleuchten, nutzt der Film leise Komik und präzise Körpersprache - vor allem die einer Tänzerin - um Brüche und Fortgänge des Erwachsenwerdens sichtbar zu machen. Damit steht er in einer Tradition des amerikanischen Autorenkinos, das Alltagssituationen zu minutiösen Seelenstudien transformiert.

Gleichzeitig markiert der Film einen Zeitpunkt in der Karriere seiner kreativen Köpfe: Er ist sowohl Fortsetzung als auch Umschreibung bekannter Motive aus dem Werk des Regisseurs - eine Reflexion über Beziehungen, Ambivalenzen und urbane Identität. Zugleich ist Frances Ha ein Zeugnis der Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin - eine Kooperation, die Fragen nach Autorschaft, Performance und Geschlechterperspektive neu auslotet.

Kurzüberblick zur Produktion

Frances Ha wurde von Noah Baumbach inszeniert, der sich in seinem bisherigen Werk wiederholt mit Figuren beschäftigt hat, die zwischen familiären Erwartungen und individueller Selbstentfaltung stehen. Baumbachs Handschrift zeigt sich auch hier in der präzisen, dialogorientierten Inszenierung und in einem Blick, der neurotische Selbstbeschreibungen nicht lächerlich macht, sondern als Ausgangspunkt für Empathie nutzt. In Frances Ha jedoch verschiebt sich der Fokus stärker in Richtung Körperlichkeit und choreografischer Rhythmik - ein Ton, der maßgeblich durch die Zusammenarbeit mit der Hauptdarstellerin geprägt ist.

Produktionstechnisch fiel die Entscheidung für Schwarzweißfotografie sofort ins Auge: Ein distanzierender, zugleich nostalgischer Filter, der das urbane Setting reduziert und Figurenbewegungen stärker akzentuiert. Gedreht wurde vornehmlich on location in New York - in einer Stadt, die nicht Kulisse, sondern aktiver Verhandlungspartner der Figuren wird. Der Film arbeitet mit einem vergleichsweise schlanken Budget und einer Ästhetik, die Nähe durch kleine, oft improvisiert wirkende Szenen herstellt - ein Ton, der an unabhängige Strömungen des amerikanischen Kinos anschließt, ohne in deren Klischees zu verfallen.

In der Werkchronologie Baumbachs steht Frances Ha für eine subtile Weiterentwicklung: Weg von den familiendramatischen Setpieces früherer Filme hin zu einer komödiantischeren, zugleich introspektiveren Form, in der Körper- und Städtebilder zu narrativen Trägern werden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Greta Gerwig ist das unbestreitbare Zentrum des Films. Ihre Darstellung der Titelheldin beruht weniger auf expressivem Schauspiel als auf einer feinen Beherrschung von Timing, Gestus und Atem - Qualitäten, die eine Figur mit Widersprüchen glaubwürdig machen. Gerwig hatte bereits in der Independent-Szene durch naturalistische, wortgewandte Rollen Aufmerksamkeit erregt; Frances Ha jedoch verwandelt diese Präsenz in eine Art physische Komödie, die en passant Tiefe und Verletzlichkeit freilegt.

Mickey Sumner bringt der Figur der Freundin eine präzise Gegentonalität: Sie verkörpert eine Form von pragmatischer Realität, deren Rückzug aus intimen Arrangements einen der zentralen Brüche des Films markiert. Die übrigen Darsteller - darunter Michael Esper, Adam Driver und Michael Zegen - fungieren als feine Knotenpunkte im Beziehungsgeflecht der Protagonistin. Ihre Parts sind weniger auf dramatische Konfrontation als auf funktionale Skizze angelegt - Partner, Kollegen und Bekannte, die Frances in ihrem Bewegungsfeld spiegeln oder ihm Widerstand entgegensetzen.

Das Ensemble trägt die Tonalität des Films durch präzise, oft zurückgenommene Leistungen, die Raum für kontemplative Pausen lassen. Die Figurenzeichnung setzt weniger auf große Offenbarungen als auf die kumulative Wirkung kleiner Charakterzüge.

Handlung (spoilerfrei!)

Frances Ha begleitet eine junge Frau, die in New York versucht, eine Karriere als Tänzerin mit dem Bedürfnis nach sozialer Verankerung zu verbinden. Ausgangspunkt sind berufliche und private Übergänge - Wegzüge, Jobwechsel und die ruckartige Erosion von Vertrautheit. Der dramatische Konflikt des Films entsteht aus der Spannung zwischen dem Wunsch nach künstlerischer Freiheit und der materiellen Realität eines prekären Lebensentwurfs.

Im Zentrum stehen Freundschaft und die Suche nach Zugehörigkeit: Wie formt sich Identität, wenn vertraute Lebensstrukturen sich auflösen? Welche Strategien entwickeln Menschen, um trotz ökonomischer und emotionaler Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben? Die Erzählung vermeidet große Plotwendungen zugunsten einer Abfolge von Momenten - missglückte Dates, berufliche Proben, flüchtige Begegnungen -, deren Summe ein realistisches Bild von Fragmentierung und Hoffnung ergibt.

Tonal ist der Film leichtfüßig, melancholisch und komisch zugleich. Atmosphärisch dominiert ein urbaner Alltag, dessen Rhythmus vom Gehen durch Stadtlandschaften, von Tanzsequenzen und von Gesprächen in kleinen Wohnungen bestimmt wird. Die Inszenierung legt großen Wert auf Timing und Rhythmus - fast so, als sei der Film selbst choreographiert.

Zentrale Themen und Motive

Frances Ha stellt Fragen nach Autonomie, Zugehörigkeit und künstlerischem Selbstverständnis. Zentral ist die Analyse der Performativität des Alltags - wie sehr Identität durch Rollen konstruiert wird, sei es die der Tänzerin, Freundin oder Mieterin. Die Figur fragt immer wieder neu: Was bedeutet es, „erfolgreich“ zu sein im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit?

Gesellschaftlich öffnet der Film einen Blick auf die Ökonomie urbaner Kreativarbeit - die Risiken und Freiheiten eines Lebens, das auf flexiblen Jobs und sozialen Netzwerken basiert. Psychologisch geht es um die Ambivalenz des Erwachsenwerdens - nicht als finaler Zustand, sondern als fortdauernder Prozess des Vermessens von Bindungen. Ästhetisch verhandelt Frances Ha das Motiv der Choreographie - nicht nur als berufliche Disziplin, sondern als Metapher für den Versuch, das eigene Leben in koordinierte Bewegungen zu überführen.

Schließlich ist der Film eine Studie über Freundschaft als verhandeltes Gut: Nähe und Distanz, Solidarität und Selbstbehauptung prägen die Beziehungen, die Frances durchschreitet. In ihrer Summe bieten diese Motive kein pathetisches Fazit, sondern eine präzise Beobachtung dessen, wie Menschen heute ihr Leben ausbalancieren - mit allen Widersprüchen, den kleinen Komödien und der stillen Tragik des Alltäglichen.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Nach den Generationen X und Y hat Noah Baumbach jüngst die Generation HA ausgerufen: Greta Gerwig spielt die Endzwanzigerin Frances, für die es irgendwie schon zu spät ist, ihre Träume an den Nagel zu hängen. Der Film erzählt unaufgeregt und ironisch warm, was aus Lebensentwürfen wird, die weder platzen noch zu etwas Wirklichem werden – sie werden zu etwas anderem. Zwischen Truffaut, Woody Allen und J.D. Salinger gefällt sich Baumbach in seinem gewohnt adoleszent-intellektuellen Ton und erinnert in simplem Schwarz-Weiß an den deutschen „Oh Boy“. Doch anstelle des beherzten Phlegmatikers Tom Schilling gibt es die energisch spielwütige Hauptdarstellerin und Co-Autorin Greta Gerwig. „Frances Ha“ atmet zwar erfrischenderweise einen aufgeklärten Optimismus, doch dünstet er dabei auch reichlich großstädtische Selbstverwirklichungsversessenheit aus.

Während die Menschen um sie herum langsam biographische Formen annehmen, ist Frances hauptberuflich Zweitbesetzung in einer kleinen Brooklyner Tanzgruppe. Am liebsten verbringt sie zwanglose Stunden und Tage mit ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Sophie. Als Sophie in eine größere und teurere Wohnung zieht und außerdem versucht, sich ernsthaft zu verlieben, stürzt sich Frances gezwungenermaßen in eine Selbstfindungsodyssee. Sie macht sich auf die Suche nach einer Wohnung, die sich wie ein Zuhause anfühlt, nach einem Kontostand, der das zulässt und nach einem Ich, das vielleicht auch jenseits ihrer Freundschaft zu Sophie Bestand hat.

Noah Baumbach wirft uns das jung erwachsene New Yorker Leben ungefiltert an den Kopf. Wie unromantisch kann das Wort Paris aus dem Mund eines jungen Anwalts klingen? Wie sexy ist es wirklich, einen Motorrad fahrenden Bildhauer als Mitbewohner zu haben? Gerade die Nebenfiguren schaffen in vielen Szenen den magischen Spagat zwischen fremdschämelndem Naturalismus und pointiert zugespitztem Drehbuch-Dialog. Adam Driver (bekannt aus der Serie „Girls“) und Michael Zegen („Adventureland“) sorgen als saturierte Jungs-WG für zufriedenes Dauerschmunzeln. Greta Gerwig und Noah Baumbach beweisen als Script-Autoren Klarblick für die Figuren des hippen, weißen Brooklyn und viele Situationen erinnern in ihrer einfühlsam warmen Schärfe an den „Fänger im Roggen“. Obwohl die Komik oft auf Klassiker wie „Manhattan“ oder „Der Stadtneurotiker“ abzielt, ist die Titelheldin doch meilenweit entfernt von der jazzigen Gemütlichkeit eines Woody Allen und greift eher nach der Quirlichkeit eines Antoine Doinel.

Die ungeschlachte Energie von Greta Gerwig und ihrer Frances ist der Motor des Films. Immer wieder sprengt sie die Bildeinstellung durch einen tollpatschigen Sturz, durch eine übermütige Pirouette. Sie bringt die Dialoge oftmals auf interessante Nullpunkte, weil sie jedes Gesprächsmuster durch ein unvorhersehbares Maß an Ehrlichkeit und Launigkeit durchbricht. Frances passt nirgendwo rein und die grundlegende Frage des Films lautet: ist das schlimm? Die Antwort wird in schönen musikalischen Kamerafahrten gegeben, wenn Frances an den gemächlichen Gehweg-Flaneuren mit der Würde eines Rocky Balboa vorbeisprintet. In einer nie still stehenden Offenheit jeder Situation gegenüber zeigt sie, dass Unangepasstheit schlussendlich ein Segen ist, den es zu packen gilt, den es auszuleben gilt. Und wenn man die Augen offen hält, erkennt man am Ende des Tages, dass da genügend Erfahrung in den eigenen Händen liegt, um aus der seltsam fragilen Blase der eigenen Fantasie etwas zu schaffen, was nicht mehr an den Erwartungen anderer Leute zerplatzt.

„Frances Ha“ ist die unkonventionelle Entwicklung einer jungen Frau zum individuellen Glück. In seiner Unkompliziertheit, seiner Verweigerung von Tragik jeglicher Art und seinem völlig eigenen Zugang zu romantischer Stimmung gibt es da auch einiges zu entdecken. Doch der Film bleibt in seiner Inszenierung stecken. Er lässt den Figuren keinen medialen Raum, um zu atmen. Die Filmsprache öffnet keine visuelle Entsprechung zu dem, was Frances darstellt. Hier hätte Noah Baumbach durchaus vom zeitgenössischen Kino lernen können: Athina Rachel Tsangari kümmert sich im griechischen „Attenberg“ um eine vergleichbare Sinnsuche ähnlicher Figuren. Tsangari bietet im Gegensatz zu Baumbach eine Bildsprache, die dem Zuschauer mehr gibt als das Gefühl einer jungen Frau bei der Lösung ihrer speziellen und persönlichen Probleme zuzuschauen. Identität, Verwandlung, Traum, Realität – Attenberg findet filmische Wege diese Phänomene durch die Figuren zu kommunizieren und in langen Einstellungen auf den Punkt zu bringen.

Diese Figuren-Magie, die eben auch durch Kamera und Schnitt transportiert werden muss, haut für Frances Ha nicht ganz hin. Das Schwarz-Weiß wechselt in seiner Stimmung zwischen nostalgisch und nüchtern. Der Schnitt wirkt gerade in Verbindung mit dem zwar schönen, aber überladenen Soundtrack sehr unruhig und manipulativ und so wird Frances nicht der Sprung in eine sinnliche Kino-Erfahrung gestattet. Es bleibt das schale Gefühl, einer interessanten, aber selbstgefälligen New Yorkerin bei ihrem abwechslungsreichen Leben zuzuschauen und durch die seltsam unentschiedene Art der Inszenierung fragt man sich zwischendurch, weshalb man das eigentlich nötig hat. Die Frage ist dann letztlich einfach, ob man sich in Greta Gerwigs sympathisch verspulte Art verliebt oder nicht.

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