Eyjafjallajökull - Der unaussprechliche Vulkanfilm: Die Komödie als Vehikel für Beziehungsdiagnose und gesellschaftlichen Stillstand
Einleitung
Eyjafjallajökull - Der unaussprechliche Vulkanfilm erscheint als eine dem Zeitgeist verpflichtete Komödie, die ein meteorologisches Ereignis zur Lupe für zwischenmenschliche Brüche macht. Was auf den ersten Blick wie ein Gag über unaussprechliche Namen und Reisechaos wirkt, entpuppt sich als sorgfältig arrangiertes Tableau, das persönliche Unzulänglichkeiten und kollektive Ohnmachtsgefühle in der postmodernden Mobilitätsgesellschaft auslotet. Gerade in seiner Kombination aus Masseneffekt und intimen Begegnungen haftet dem Film ein aktuelles Interesse an Resilienz, Kommunikation und Routine an.
Der Film steht in einer Tradition französischer Mainstream-Komödien, die mit starbesetzten Ensembles und einer Mischung aus Slapstick und psychologischem Feinschliff arbeiten. Die prominente Rolle von Dany Boon als Publikumsmagnet verbindet kommerziellen Anspruch mit einem Anspruch an Beobachtung und Volksnähe. Die Entscheidung, die vulkanische Eruption nicht als Effekthascherei, sondern als Katalysator für menschliche Konflikte zu nutzen, markiert die Relevanz des Films als Spiegelung aktueller gesellschaftlicher Unsicherheiten.
Als kulturelles Dokument reflektiert der Film eine Epoche, in der globalisierte Mobilität und ihre Verwundbarkeit an Signifikanz gewonnen haben - Flughäfen, Tourismus, Dienstreisen werden hier zu Orten, an denen Identität und Vergangenheit aufeinandertreffen. In diesem Sinne ist der Film weniger ein Katastrophenstück im klassischen Sinne als eine Komödie, die aus dem Stillstand gesellschaftliche Bewegungen abliest und so eine spezifische, zeitgebundene Lesart des Alltäglichen anbietet.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Alexandre Coffre, dessen Handschrift sich durch eine nüchterne, beobachtende Kameraführung und die Neigung zu situativem Humor auszeichnet. Coffre balanciert zwischen komödiantischer Präzision und einer gewissen Empathie für seine Figuren - er interessiert sich für die kleinen, ambivalenten Momente, in denen Komik und Tragik ineinanderfließen. Das Ergebnis ist ein Film, der auf die Leistung seiner Darsteller vertraut und weniger auf spektakuläre visuelle Effekte.
Die Produktion bewegt sich im Rahmen einer midrange französischen Komödie - in finanzieller Hinsicht nicht als opulentes Spektakel angelegt, sondern als ensembleorientiertes Projekt, das stark auf bekannte Gesichter und präzise Drehbucharbeit setzt. Charakteristisch ist der bewusste Verzicht auf eine spektakuläre Darstellung der Naturkatastrophe; die vulkanische Asche bleibt eher erzählerischer Impuls als filmischer Schauwert. Dadurch entstehen Möglichkeiten für eine intime, oftmals klaustrophobisch anmutende Inszenierung.
Im Werk Coffres nimmt Eyjafjallajökull eine Position als Versuch ein, populäre Komik mit einer reflektierten Gesellschaftsbeobachtung zu koppeln. Der Film reiht sich ein in eine Phase französischer Kinos, in der stargetriebene Komödien zugleich soziale Diagnosen versuchen und dabei das Publikum ernst nehmen, ohne es moralisieren zu wollen.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht das Paar, dessen dynamics den narrativen Motor liefert - verkörpert von Dany Boon und Valérie Bonneton. Boon, international bekannt durch seinen Kassenschlager aus dem Norden Frankreichs, bringt eine bekannte komödiantische Präsenz und Timing mit, die hier weniger auf lautes Pathos als auf die Nuancen von Unbehagen und Selbstüberschätzung setzt. Bonneton, eine Darstellerin, die in jüngeren Komödien und Fernsehformaten als präsente Charakterdarstellerin auffällt, ergänzt diese Präsenz mit einem subtilen Spiel zwischen Verletzlichkeit und stoischer Gelassenheit.
Denis Menochet, in der internationalen Wahrnehmung für seine dramatischen Rollen bekannt, übernimmt in diesem Ensemble eine für ihn ungewöhnlichere, komödiantisch eingefärbte Nebenrolle, was dem Film zusätzliche schauspielerische Tiefe verleiht. Malik Bentalha, aus der Stand-up-Szene kommend, bringt frische, jungakzentuierte Energie in die Nebenfiguren, während weitere Ensemblemitglieder wie Tiphaine Daviot, Bérangère McNeese, Albert Delpy und andere das Bild einer heterogenen Gesellschaft vervollständigen. Diese Mischung aus etablierten Komikern und ernsteren Charakterdarstellern erlaubt dem Film, verschiedene Tonschichten zu bedienen.
Handlung (spoilerfrei!)
Die Prämisse ist denkbar einfach und zugleich reich an Möglichkeiten: Eine vulkanische Eruption führt zur Schließung des europäischen Luftraums und löst eine Kaskade logistischer Probleme aus, die zahlreiche Figuren in eine Art Warteschleife schicken. Im Zentrum steht ein Paar, dessen auseinandergerissene Beziehung durch die äußere Zwangslage wieder in direkte Interaktion gezwungen wird. Die Mobilitätskrise fungiert hier als erzählerischer Hebel - sie erzeugt Bedrängnisräume, in denen alte Konflikte und unausgesprochene Wahrheiten plötzlich Gewicht bekommen.
Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem einzigen Ereignis als aus der Zuspitzung alltäglicher Divergenzen unter den Bedingungen eines erzwungenen Stillstands. Neben dem Hauptpaar sind es die Begegnungen mit anderen Reisenden, mit bürokratischen Instanzen und mit unerwarteten Verbündeten, die die Handlung vorantreiben. Tonal oszilliert der Film zwischen heiterer Situationskomik und nachdenklichen Intervallen - Atmosphärisch bleibt er dabei meist leichtfüßig, mit gelegentlichen, prägnanten Momenten der Bitterkeit.
Zentrale Themen und Motive
Im Kern stellt der Film Fragen nach Kommunikation, Verantwortung und dem Zustand moderner Beziehungen. Wie sprechen Menschen miteinander, wenn die Routinen, die ihren Alltag strukturieren, wegfallen - und welche Macht hat das Unvorhergesehene, um eingefahrene Muster zu reaktivieren oder zu zerstören? Die vulkanische Asche fungiert als leitendes Motiv - als sichtbarer, aber unfassbarer Stoff, der Zeit unterbricht und einen Raum erzeugt, in dem persönliche Verhandlungen unausweichlich werden.
Darüber hinaus reflektiert der Film die Verwundbarkeit globaler Infrastrukturen und die Art und Weise, wie Individuen in einem vernetzten System auf Kontrollverlust reagieren. Psychologisch gelesen geht es um die Performanz von Identität unter Bedingungen des Unbehagens - wer sind wir, wenn die Rolle entfallen ist, die uns der Alltag zuweist? Gesellschaftlich klingt ein Interesse an Solidarität und Misstrauen an - die Begegnungen zwischen unterschiedlich sozialisierten Figuren machen deutlich, wie Klassen-, Alters- und Geschlechterdifferenzen in Stresssituationen sichtbar werden.
Als Komödie stellt der Film zudem die Frage nach der Funktion von Humor selbst - er ist weder reiner Ventilator noch bloße Ablenkung, sondern ein Mittel, um Spannungen zu kanalisieren und unerträgliche Nähe erträglich zu machen. In dieser Doppelrolle als Unterhaltungsformat und als Sensor für Gegenwartsprobleme behauptet sich Eyjafjallajökull - Der unaussprechliche Vulkanfilm als ein Werk, das mehr sein möchte als eine kurzlebige Reaktion auf ein Naturereignis.
Filmkritik von Christopher Diekhaus
Der „Eyjafjallajökull“ bringt frühere Eheleute zusammen
Im Frühjahr 2010 ging der Name eines isländischen Vulkans um die Welt, der so manchem Nachrichtensprecher die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Fast 190 Jahre nach seiner letzten Eruption zeigte sich der Eyjafjallajökull erneut aktiv und sorgte mit der ausgetretenen Vulkanasche für ein noch nie dagewesenes Chaos im internationalen Luftverkehr. Eben dieses unvorhergesehene Ereignis dient im zweiten Spielfilm des französischen Regisseurs und Drehbuchautors Alexandre Coffre („Une pure affaire“) als großer Aufhänger für den widerwilligen wie ereignisreichen Roadtrip eines geschiedenen Ehepaares, das sich durch immer neue Täuschungsmanöver auszustechen versucht.
Alain (Dany Boon) und Valérie (Valérie Bonneton) sind seit knapp 20 Jahren geschieden und können sich schon lange nicht mehr ausstehen. Während er ihr egozentrisches Wesen und ihr dekadentes Leben verabscheut, hält sie ihren Ex-Mann für einen bemitleidenswerten Spießer. Dummerweise befinden sich die beiden nun gemeinsam auf dem Weg nach Griechenland, wo die Hochzeit ihrer Tochter Cécile (Bérangère McNeese) in Kürze stattfinden wird. Als ihre Maschine aufgrund des Vulkanausbruchs in München notlanden muss und vorerst nicht weiterfliegen kann, ist plötzlich guter Rat teuer. Alain gelingt es schließlich, am Flughafen den letzten verfügbaren Mietwagen zu ergattern, und sieht der Reise gen Süden mit neuer Zuversicht entgegen. Dabei hat er allerdings die Rechnung ohne seine Ex-Frau gemacht. Denn Valérie erwischt ihn beim Einladen der Koffer und nimmt, ohne lange zu fragen, auf dem Beifahrersitz Platz.
Was auf den ersten Blick nach einem amüsanten und kurzweiligen Beziehungstrip klingen mag, entpuppt sich leider viel zu schnell als flache Nummernrevue, die ihre Figuren nicht wirklich ernst nimmt. Schon die Eröffnungssequenz lässt Schlimmeres befürchten, da das Geplänkel der verkrachten Protagonisten alles andere als komisch ausfällt. Erstmals peinlich wird es dann am Münchener Flughafen, wenn Alain mit einem gespielten Heulkrampf versucht, den unnachgiebigen Mitarbeiter der Autovermietung zu erweichen. Billigster Klamauk scheint Coffre und seinen Co-Autoren Laurent Zeitoun und Yoann Gromb zu genügen, um ihre etwas konstruiert erscheinende Ausgangsidee auf Touren zu bringen.
Besserung tritt auch danach nicht ein. Haarsträubende Zufälle, alberne Scharmützel und betont abgedrehte Episoden – etwa die Begegnung mit einem psychopathischen Jesus-Fan samt umfunktioniertem Wohnmobil – sollen ausreichend Schwung in die erzwungene Europa-Odyssee bringen, führen den Film und sein streitlustiges Gespann aber mehr und mehr auf Abwege. Selbst banalste Klischeevorstellungen wie der Verkauf von Ein-Meter-Würsten an deutschen Raststätten finden Eingang in die Handlung und werden allen Ernstes als große Pointen verkauft.
All das wäre vielleicht nur halb so schlimm, wenn Coffre und Co wenigstens ihre Hauptfiguren interessant gestaltet hätten. Doch weit gefehlt. Alains und Valéries Charakterzeichnung beschränkt sich auf das Nötigste und kommt zudem über sattsam bekannte Muster nicht hinaus. Die beiden bilden ein verfeindetes Ex-Paar, das so oder ähnlich schon viel zu oft auf der Leinwand zu sehen war. Noch schwerer wiegt jedoch, dass die genre-typische Annäherung der Kontrahenten zu keinem Zeitpunkt emotional berühren kann. Sicher auch, weil der Film ständig zwischen unterschiedlichsten Extremen hin- und herschwankt. In einer Szene sind Alain und Valérie wild entschlossen, den jeweils anderen zu töten. Dann herrscht plötzlich eitel Sonnenschein, nur um kurz darauf wieder härtere Töne anzuschlagen. Bedauerlicherweise gelingt es Frankreichs Komik-Star Dany Boon und seiner Kollegin Valérie Bonneton nicht, die dramaturgischen Unzulänglichkeiten entscheidend abzufedern. Im Gegenteil, ihr Zusammenspiel funktioniert nur in den seltensten Fällen, was der gleichgültigen Haltung des Zuschauers zusätzliche Nahrung gibt.
Wirklich überzeugen können lediglich die von Kameramann Pierre Cottereau eingefangenen Landschaftsimpressionen (vor allem im letzten Drittel) und die routiniert inszenierten Actionszenen, von denen es erstaunlich viele gibt. Gerade hier wird deutlich, wo sich ein Großteil des, gemessen an europäischen Verhältnissen, stattlichen Budgets (mehr als 20 Millionen Euro!) von „Eyjafjallajökull“ versteckt. Für ein Roadmovie, das gleichzeitig eine hemmungslos unterhaltsame Komödie sein will, ist das freilich viel zu wenig.

