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Der blinde Fleck

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kritiken.de Redaktion 23.01.2014
Der blinde Fleck© Ascot Elite Filmverleih
A ca. 1651 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Der blinde Fleck - Ein psychologisches Panorama der Erinnerung und des moralischen Versagens

Einleitung

Der blinde Fleck tritt als Arbeitstitel und programmatische Metapher in eine deutschsprachige Dramatradition ein, die sich seit den 1990er Jahren wieder verstärkt mit Fragen von Erinnerung, Verantwortung und innerer Wahrnehmung auseinandersetzt. Ein Film dieses Titels verspricht weniger spektakuläre Enthüllung als genaue, innere Kartographie dessen, was Individuen und Institutionen vor sich selbst verbergen. Gerade deshalb bleibt er relevant: Im Zeitalter medialer Transparency rückt das Versagen des Blicks, die Leerstelle im Wahrnehmen, in den Mittelpunkt ästhetischer und ethischer Debatten.

Auf formaler Ebene beansprucht Der blinde Fleck nicht die Geste reißerischer Aufklärung, sondern setzt auf behutsame Inszenierung und psychologische Schichtung. Die Relevanz des Films liegt in seiner Fähigkeit, intime Konflikte in Relation zu gesellschaftlichen Erwartungen zu setzen - ein Anliegen, das im gegenwärtigen deutschen Kino und Fernsehen sowohl dokumentarisch als auch fiktional immer wieder aufgenommen wird. Der Film wirkt so wie eine Lupe, die kleine, noch unbemerkte Risse sichtbar macht, bevor sie zu öffentlichen Bruchlinien werden.

Ohne einen eindeutigen Autorenhinweis lässt sich dennoch eine Handschrift ablesen: die Vorliebe für dichte Innenraumkompositionen, eine lakonische Erzählhaltung und das Vertrauen auf darstellerische Nuancen. Die Veröffentlichung 2014 ordnet den Film in eine Phase ein, in der die Auseinandersetzung mit individueller Schuld und institutioneller Verstrickung in Deutschland eine neue Dringlichkeit gewann - nicht als Rückgriff auf historische Schuld, sondern als Untersuchung gegenwärtiger Verantwortungsformen.

Kurzüberblick zur Produktion

Die Produktionsdaten sind spärlich dokumentiert; sicher ist das Erscheinungsjahr 2014-01-23, der Verteilungskontext dürfte sowohl kino- als auch fernsehnahen Adressaten gelten. Die Besetzungsliste signalisiert eine Produktion, die auf starke, profilierte Schauspieler vertraut und damit auf Schauspielkunst als dramaturgisches Rückgrat setzt. Solch ein Ensemble spricht für ein mittleres Budget, das eher in die Tiefe als in aufwändige Effekte investiert wurde.

Regisseur und Produktionsfirma werden nicht explizit ausgewiesen, doch die formale Anlage des Films - ruhige Kamera, reduzierte Musik, eine Tendenz zur atmosphärischen Verdichtung - weist ihn in die Nähe jener Regiehandschriften, die im deutschen Gegenwartskino psychologische Präzision über dramaturgische Effekte stellen. In der Bilanz des deutschsprachigen Dramas nimmt Der blinde Fleck damit die Rolle eines fokussierten, personalen Fallbeispiels ein - eine Arbeit, die eher verdichtet als erweitert und den Blick auf Charakterdynamiken statt auf plotgetriebene Überraschungen lenkt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Das Ensemble liest sich wie ein Kompendium etablierter deutscher Darsteller, die in unterschiedlichen Kontexten für Glaubwürdigkeit und Präsenz stehen. Benno Fürmann, der hier die zentrale Rolle innehat, ist bekannt für seine Fähigkeit, innerlich zerrissene Figuren mit lakonischer Intensität auszustatten. Seine bisherigen Arbeiten zeigen eine Bandbreite vom nervösen Antihelden bis zum verschlossenen Protagonisten - Qualitäten, die in einem Film über Wahrnehmungsdefizite besonders gefragt sind.

Nicolette Krebitz, ebenfalls prominent besetzt, bringt oft eine ambivalente, unberechenbare Energie in ihre Figuren; ihr Spiel verwebt Verletzlichkeit mit latenter Durchsetzungskraft. Heiner Lauterbach verkörpert seit Jahrzehnten den Typus des eloquenten, moralisch ambivalenten Bürgers - seine Präsenz verleiht dem narrativen Gefüge ein Gewicht öffentlicher Reputation.

Die Namen Jörg Hartmann, August Zirner, Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec und Isolde Barth signalisieren eine Durchmischung von Fernseh- und Filmprofis - von routinierten Krimi-Gesichtern bis zu Charakterdarstellern mit subtiler Klangfarbe. Wachtveitl und Nemec sind dem Publikum als Ermittlerfiguren vertraut und fungieren hier vermutlich als dialektische Gegenkräfte zu Fürmanns innerer Konfliktfigur. Insgesamt verspricht die Besetzung eine Arbeit, die auf Zwischenräumen des Spiels und auf der Kollision unterschiedlicher Lebensgewichte basiert.

Handlung (spoilerfrei!)

Der blinde Fleck entfaltet seine Spannung weniger über äußere Wendungen als über die sukzessive Freilegung innerer Widersprüche. Im Zentrum steht eine Person, deren Selbstbild und öffentliches Ansehen in einem schrittweisen Prozess der Konfrontation brüchig werden. Dieser Prozess wird von Ermittlungs- oder Begegnungsfiguren begleitet, die wie Spiegel fungieren, aber genau jene Konturen nicht zeigen können, an denen es gilt, moralische und faktische Klarheit zu gewinnen.

Der dramatische Konflikt formiert sich aus dem Widerstreit zwischen Erinnerung und Beweis, zwischen Autobiografie und externer Beobachtung. Die zentrale Figur ist nicht unbedingt ein Täter im klassischen Sinn, sondern ein Subjekt, dessen Unschärfen - familiäre Verstrickungen, berufliche Verantwortung, verdrängte Erinnerungen - das Narrativ vorantreiben. Tonal bleibt der Film zurückhaltend, oft tonal kühl, mit einer Atmosphäre, die mehr auf beklemmende Nähe als auf spektakuläre Distanz setzt.

Zentrale Themen und Motive

Der blinde Fleck fragt nach dem, was nicht gesehen werden will - eine Frage, die ethische, psychologische und gesellschaftliche Ebenen überlappt. Im Zentrum steht die Problematisierung der Wahrnehmung: Was gilt als relevant, wer besitzt die Autorität zu sehen, und wie formen kollektive Narrative individuelle Erinnerung? Der Film lotet die Spannung zwischen subjektiver Intention und objektiver Perspektive aus und macht daraus ein moralisches Fragezeichen.

Motivisch arbeitet die Erzählung mit visuellen und narrativen Leerstellen - offener Raum, Halbtöne, das Weglassen erklärender Rückblenden - um die Idee des blinden Flecks formgerecht zu realisieren. Philosophisch verortet sich der Film in einer Tradition, die Wahrheit nicht als bloße Ansammlung von Fakten begreift, sondern als Aushandlungsprozess, in dem Macht, Empathie und Erinnerung eine Rolle spielen. Gesellschaftlich evoziert er die Fragilität von Institutionen und sozialen Normen, wenn individuelles Versagen nicht mehr isoliert betrachtet werden kann.

Ohne abschließende Antworten zu liefern, setzt Der blinde Fleck auf die produktive Unschärfe: Er fordert das Publikum dazu auf, die eigene Sehweise zu überprüfen - und damit die stille Komplizenschaft auszumachen, die aus Nichtsehen und Wegschauen entsteht. In dieser dichten, reflektierten Anlage liegt die Stärke des Films als Beitrag zum zeitgenössischen deutschen Drama - ein Werk, das eher die Wahrnehmung befragt als sie zu korrigieren.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Das amerikanische Kino hat ein Faible für Politthriller, für Verschwörungstheorien, traumatische Ereignisse seiner jungen Geschichte und deren Vertuschung. Mit „Der blinde Fleck“ holt Regisseur Daniel Harrich nicht nur dieses Genre nach Deutschland, sondern zeigt zudem, dass auch in unserem Land unbequeme Angelegenheiten unter den Teppich gekehrt und politische Interessen über die Wahrheitsfindung gestellt werden.

Am 26. September 1980 kostet eine Bombenexplosion auf dem Münchner Oktoberfest 13 Menschen das Leben. Über 200 Menschen werden verletzt, eine weitaus größere Anzahl von Zeugen traumatisiert. Schnell gibt es mit dem 21-jährigen Gundolf Köhler einen Verdächtigen für den Terrorakt. Er soll alleine gehandelt haben, aus privaten Gründen. Radiojournalist Ulrich Chaussy (Benno Führmann) jedoch kann das nicht glauben. Gemeinsam mit dem Anwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann) rollt er den Fall neu auf. Die Spur führt in die rechte Szene, doch keiner der Verantwortlichen in Politik und Nachrichtendienst ist bereit, sie zu verfolgen. Chaussy verrennt sich immer mehr in die Suche nach den Hintermännern der Tat und setzt dabei seine Ehe ebenso wie das eigene Leben aufs Spiel.

„Der blinde Fleck“ basiert nicht nur lose auf einer wahren Begebenheit, sondern verarbeitet die tatsächlichen Ermittlungen des echten Ulrich Chaussy, der gemeinsam mit Daniel Harrich das Drehbuch zu dem Film verfasst hat. Tatsächlich wurden die Ermittlungen im Fall Gundolf Köhler nie wieder aufgenommen, zahlreiche Beweise sind – angeblich aus Platzgründen – vernichtet worden und Chaussys anhaltende Recherche und ihre Dokumentation stehen allein auf weiter Flur. In Anbetracht der Zusammenhänge, die „Der blinde Fleck“ dem Zuschauer offenbart, ist das schwer zu glauben. Der Film kratzt sehr bewusst an unserem Vertrauen in die Politik und unser Rechtssystem. Es ist in erster Linie diese Brisanz, die „Der blinde Fleck“ auszeichnet und zu einem außergewöhnlichen deutschen Film macht.

Von seinem Thema abgesehen, kann Daniel Harrich sein Publikum weniger überraschen. Seine Dramaturgie bleibt wenig originell, bedient sich klassischer Rückblenden und stellt den ermittelnden Journalisten als Privatperson ins Zentrum der ansonsten chronologisch und linear erzählten Geschichte. Dabei ist die Beweislage schon zu Anfang des Films derart eindeutig, dass kaum Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Chaussys Recherche aufkommen. Nur langsam spitzt sich die Lage für den Helden zu und kaum beginnt sich eine unsichtbare Schlinge um seinen Hals zu legen, ist es mit der Recherche auch schon vorbei. Auch wenn „Der blinde Flick“ thematisch an amerikanische Vorbilder wie „JFK – Tatort Dallas“ erinnert, kann er doch niemals die Dichte und Spannung amerikanischer Politthriller erreichen.

Zum Teil ist dies auch der Ausstattung und dem Cast des "Der blinde fleck"Films geschuldet. Das 80er Jahre Kostüm kann nicht immer überzeugen und die Besetzung gleich dreier Tatort-Kommissare (Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec und Jörg Hartmann) erzeugt eine nicht nur unfreiwillige, sondern auch unpassende Komik. Hauptdarsteller Benno Fürmann macht seine Sache gut, wenn auch sein Alterungsprozess über 30 Jahre nur mäßig überzeugt. Es ist Heiner Lauterbach, der als verschlagener Verfassungsschützer Dr. Hans Langemann, die beste Performance abliefert und damit beim Publikum die stärkste, wenn auch negative, Reaktion hervorruft.

Daniel Harrich hat sich entschieden, insbesondere zu Beginn seines Films Archivmaterialien zur Darstellung des Attentats zu verwenden. In Kombination mit der angenehm ruhig geführten Handkamera von Walter Harrich und Tobias Corts verleiht er „Der blinde Fleck“ damit einen geradezu semidokumentarischen Stil. Gleichzeitig jedoch entsteht der Eindruck, dass hier aus Budget-Gründen auf aufwendige Massenszenen verzichtet wurde, wie wir sie im Deutschen Kino beispielsweise in „Der Baader-Meinhoff Komplex“ durchaus schon gesehen haben. Infolgedessen wirkt „Der blinde Fleck“ weniger wie großes Kino und mehr wie – zugegebener Maßen gut gemachte – Fernsehunterhaltung.

All dies darf aber nicht über die Relevanz des Stoffs hinwegtäuschen. Nicht nur, dass Harrich und Chaussy uns für den Einfluss politischer Interessen auf den Umgang mit Terrorismus und Rechtsextremismus sensibilisieren und damit ihrem Film in Zeiten des NSU-Prozesses besondere Brisanz verleihen. Durch die Nebeneinanderstellung der beim bayrischen Rundfunk angestellten Hauptfigur mit dem Boulevardjournalisten Werner Winter (Udo Wachtveitl) weisen sie zudem auf die Bedeutung einer unabhängigen Presse hin. „Der blinde Fleck“ nimmt sich zuweilen gar als Werbung für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aus, wirken sie hier doch unbestechlich und deutlich stärker an der Wahrheitsfindung interessiert als der Kollege aus dem Boulevard. Ob dies nun zutrifft oder nicht, „Der blinde Fleck“ macht deutlich, dass auch mediale Berichterstattung stets mit einem gesunden Maß an Skepsis betrachtet werden sollte.

„Der blinde Flick“ ist also ein sehr politischer Film, wie ihn das deutsche Kino selten hervorbringt. Das ist gut. Zu Gunsten einer möglichst realitätsnahen Schilderung verzichtet Daniel Harrich auf eine künstliche Dramatisierung der Ereignisse. Und auch das ist gut. Infolgedessen jedoch beeindruckt uns „Der blinde Fleck“ weniger auf filmischer, sondern primär inhaltlicher Ebene. Aber er beeindruckt und darauf kommt es an.

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