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Deadpool

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kritiken.de Redaktion 11.02.2016
Deadpool© Fox Deutschland
A ca. 1427 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Deadpool als Metakommentar: subversive Komik, verletztes Ich und Superhelden-Ermüdung im Popzeitalter von Selbstironie und Gewaltästhetik

Einleitung

Deadpool trat 2016 in eine Kinolandschaft, die vom Überangebot an Superheldengeschichten geprägt war, und fungierte sofort als Störsender im etablierten Franchise-Betrieb. Nicht als bloße Genrekopie, sondern als Programm: ein filmisches Verhalten, das Konventionen unterläuft, die Form des Blockbusters irritiert und das Publikum zur Reflexion über Erwartung, Authentizität und Kommerz auffordert. Gerade weil Deadpool auf der Oberfläche des Mainstreams surft, ist seine Bedeutung weniger in der Narration als in der Haltung zu finden.

In dieser Haltung spiegelt sich eine spezifische Momentaufnahme des Popkultur-Jahrs 2016. Streaming-Plattformen veränderten Sehgewohnheiten, Franchise-Friktionen waren omnipräsent, und das Kino reagierte mit Varianten von Selbstreferenzialität und Ironisierung. Deadpool greift diese Stimmung auf und verdichtet sie zu einem Ton, der zugleich zynisch und verletzlich, laut und zärtlich ist. Die Relevanz des Films liegt somit nicht allein in seiner kommerziellen Performance, sondern in seiner Reflexion über Authentizität und medial vermittelte Männlichkeit.

Regisseur Tim Miller, der aus dem Bereich visueller Effekte kommt, nutzte diese Ausgangslage, um eine Ästhetik zu entwickeln, die Popkultur-Referenzen, spielerische Brechungen der vierten Wand und handwerkliche Präzision verbindet. Der Film markiert in seinem Werk weniger eine Abkehr als eine Verdichtung technischer Kompetenz hin zu narrativer Subversion. Deadpool ist damit zugleich Produkt und Kommentar der industriellen Mechanismen, innerhalb derer er entstanden ist.

Kurzüberblick zur Produktion

Deadpool entstand bei 20th Century Fox und wurde mit einem im Vergleich zu anderen Superheldenfilmen moderaten Budget realisiert. Diese ökonomische Begrenzung ist nicht nebensächlich: Sie trug zu einer stringenten Fokussierung auf Tonalität und Charakterisierung bei, statt auf endlose set pieces. Die R-Rating-Ausrichtung war für das Studio eine kalkulierte Abkehr von jugendfreier Maximalverwertbarkeit - eine Entscheidung, die dem Film seine spezifische Frechheit und Brutalität ermöglichte.

Tim Miller, dessen frühe Arbeiten im Bereich visueller Effekte und Kurzfilme ihn als präzisen Techniker kennzeichnen, brachte eine klare formale Handschrift ein. Seine Inszenierung arbeitet mit temporeichen Schnitten, pointierter Farbsetzung und choreografierter Gewalt, die zugleich ironisch gebrochen wird. In der Produktionsgeschichte des Films findet sich zudem eine intensive, teils kämpferische Vermarktung, in der Social-Media-Kampagnen und Viralvideos eine ebenso große Rolle spielten wie traditionelle Trailer-Strategien. Deadpool positioniert sich dadurch als ein Projekt, das industriellen Pragmatismus und kreativen Trotz verbindet.

Im Gesamtwerk der beteiligten Kreativen steht der Film für eine populäre, aber eigenwillige Kurve: Er zeigt, wie ein etablierter Stoff durch Ton und Struktur neu verhandelt werden kann, ohne das Spektakelprinzip des Kinos zu verleugnen. Die Produktion ist somit ein Beispiel dafür, wie Genreästhetiken in Zeiten serialisierter Franchises variiert werden können.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Ryan Reynolds trägt den Film in der Doppelfunktion von Charismaträger und Ironiker. Seine früheren Auftritte in Komödien und Actionproduktionen haben ihn als Figuren-Darsteller etabliert, der Selbstironie mit physischer Präsenz verbindet. In Deadpool bündelt Reynolds diese Qualitäten zu einer Spielfigur, die zwischen narzisstischer Pose und emotionaler Verletzbarkeit oszilliert.

Morena Baccarin nimmt die Rolle der romantischen Verankerung ein. In früheren Arbeiten, etwa in Fernsehserien, hat sie eine Mischung aus Wärme und Eleganz gezeigt, die hier als Gegenpol zur zynischen Energie ihres Partners fungiert. T.J. Miller bietet als Freund und Sidekick eine komödiantische Klammerstruktur, die häufig die narrativen Übergänge kommentiert. Gina Carano, mit ihrem Hintergrund im Kampfsport, bringt physische Glaubwürdigkeit in die Gewaltsequenzen und exemplifiziert eine andere Form von Präsenz jenseits verbal vermittelter Ironie.

Weitere Besetzungen, wie Ed Skrein oder Brianna Hildebrand, liefern Kontrapunkte in Ton und Alterität. Sie erweitern das Ensemble um Archetypen des Genres - Antagonist, junge Rebellin - und lassen sie in einem Setting agieren, das zwischen Parodie und ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Superhelden-Mythos changiert.

Handlung (spoilerfrei!)

Ohne ins Detail zu gehen, lässt sich Deadpool als eine origin story beschreiben, die den klassischen Weg der Verwandlung - von der verletzlichen Person zum überzeichneten Rächer - aufnimmt und zugleich dekonstruiert. Im Zentrum steht ein Individuum, das mit körperlicher und existenzieller Verletzung konfrontiert ist; der charismatische Protagonist reagiert auf diese Bedrohung mit einer Mischung aus aggressiver Komik und obsessiver Rachehaltung.

Der dramatische Konflikt formiert sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Bindung und öffentlicher Gewalt. Die zentralen Figuren sind mehrschichtig angelegt: Neben dem titelgebenden Antihelden existiert ein enger Kreis von Bezugspersonen, die moralische und emotionale Ankerpunkte liefern. Tonal ist der Film geprägt von einem schnellen Wechsel zwischen derbrachialen Action und satirischen, häufig meta-lustigen Kommentaren, die das Genre selbst adressieren.

Zentrale Themen und Motive

Deadpool stellt Fragen nach Identität, Authentizität und der Ökonomisierung von Trauma. Der Film problematisiert, wie Heldenfiguren in populären Narrativen hergestellt werden und in welchem Maße Selbstinszenierung zur Überlebensstrategie wird. Das wiederkehrende Motiv der Maske - sowohl wörtlich als auch metaphorisch - dient als Vermittler zwischen individuellem Schmerz und medialer Performance.

Philosophisch bewegt sich der Film im Spannungsfeld von Freiheit und Determinismus: Welche Handlungsräume bleiben dem Individuum in einem durchökonomisierten Unterhaltungsbetrieb? Gesellschaftlich lässt sich Deadpool als Reflex auf die Ermüdung an konventionellen Heroismen lesen; er entzieht dem klassischen Pathos die Legitimationsbasis, indem er Pathos mit Groteske koppelt. Psychologisch interessant ist die Verbindung aus Selbstironie und Verletzlichkeit - eine Praxis, die Schutz bietet, aber auch die Verletzung perpetuiert.

Formal und motivisch nutzt der Film Brechungen der Erzählperspektive, Ironisierung der Gewalt und eine ästhetische Verkürzung, die das Publikum in die Rolle des Komplizen versetzt. Diese Strategien erzeugen nicht nur Spannung, sondern animieren zur kritischen Distanznahme gegenüber dem, was Superheldenfilme traditionell versprechen.

Filmkritik von Peter Osteried

Deadpool ist meta – und spricht mit dem Publikum!

Mittlerweile hat man den Punkt erreicht, an dem die Formel, nach der Superhelden-Geschichten funktionieren, wohlbekannt ist. Allerdings gibt es nun auch immer mehr Bestrebungen, diese Formel aufzubrechen. Jüngstes - und vielleicht bestes - Beispiel dafür ist Deadpool.

Natürlich zerlegt dieser Streifen die X-Men-Kontinuität noch weiter, da einfach nichts von einer Filmreihe zur nächsten zusammenpassen will, hier ist das aber verziehen. Denn Deadpool ist reichlich meta, weiß die Hauptfigur doch, dass sie in einem Film agiert und richtet auch gerne mal das Wort ans Publikum.

Der ehemalige Special-Forces-Soldat Wade Wilson ist in die Nutte Vanessa verliebt. Beide könnten nicht glücklicher sein, doch dann wird bei ihm Krebs im Endstadium festgestellt.Wade entscheidet sich, seine Freundin zu verlassen. Er lässt sich auf ein Angebot ein, das ihm vielleicht ein neues Leben bescheren könnte: Eine Organisation will an ihm experimentieren und latente Mutantenkräfte wecken, doch das läuft nicht so, wie erwartet. Erstens steigt sich Wade hier gleich einen Erzfeind namens Ajax ein, zweitens kann er die Klappe nicht halten, drittens ist er nun ein unansehnliches Gesichts-Gulasch. Höchste Zeit also, dem fiesen Ajax den Garaus zu machen, aber das ist leichter gesagt als getan.

Für den Film entwickelt man eine gänzlich neue Ursprungsgeschichte für Deadpool. Das funktioniert, weil die Figur einigermaßen obskur ist. Was man aber beibehalten hat, ist der Drang zu drastischer Gewalt, die niemals still stehende Schnodderschnauze und der Umstand, dass Wade Wilson gerne auch mal mit dem Publikum spricht.

Das wird hier sogar richtig auf die Höhe getrieben, denn nicht nur weiß Deadpool, dass er der Star in einem Film ist, er kennt auch das übrige filmische X-Men-Universum. So gibt es reichlich Sprüche, die auf die Ungereimtheiten und logischen Brüche in diesem Universum eingehen. Aber nicht nur das eigene Franchise, auch andere bekommen ihr Fett weg. So macht sich Ryan Reynolds auch gleich noch über seinen Ausflug als Green Lantern lustig.

Indem man Deadpool in einer Art eigenem Meta-Universum ansiedelt, kann man auch einige Änderungen vornehmen. So gibt es ein Wiedersehen mit dem stählernen Colossus, der nun aber analog zur Comic-Vorlage auch wirklich wieder Russe ist.

Der Film legt sofort los, mit der aus dem Trailer bekannten Szene in und um das Auto, das von Deadpool attackiert wird. Die Ursprungsgeschichte wird später in Rückblicken damit verwoben, der Film selbst startet aber sofort mit knallharter, sehr stylischer Action durch - und das nach einem Vorspann, der aus der Norm fällt und die wohl kreativsten Stabsangaben enthält, die es je im Kino zu sehen gegeben hat.

Die Action ist feist - wenn Deadpool killt, und das geschieht hier zuhauf, dann ist das blutig. Weil er eben kein Superheld ist, auch wenn Colossus ihn immer wieder bekehren will. Daraus ergibt sich die vielleicht lustigste Szene des Films, die ganz offensichtlich eine Hommage an den Kampf mit dem Schwarzen Ritter aus Die Ritter der Kokosnuss ist.

Deadpool ist herrlich respektlos, ein knallharter, höchst sympathischer, auf vielerlei Ebenen witziger Film, der schon zu Beginn des Jahres die Superhelden-Latte ganz weit oben ansetzt. Mag sein, dass andere Superhelden heldenhafter sind, amüsanter sind aber wohl nur die wenigsten. Ryan Reynolds hat nach zahlreichen Versuchen endlich die Comic-Figur gefunden, die ihm auf den Leib geschneidert ist. Abstruser wird es wohl kaum noch, außer natürlich, wenn Deadpool sein zweites Abenteuer erlebt oder doch noch zum X-Man wird ...

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