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Das Tagebuch der Anne Frank

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kritiken.de Redaktion 03.03.2016
Das Tagebuch der Anne Frank© Universal Pictures Germany
A ca. 1336 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Das Tagebuch der Anne Frank - Intime Erinnerung zwischen Privatem und historischem Anspruch

Einleitung

Mit dem deutschen Spielfilm Das Tagebuch der Anne Frank, der am 03.03.2016 erschien, betritt die nationale Filmkunst erneut das Terrain einer der wirkmächtigsten Stimmen der europäischen Erinnerungskultur. Der Stoff ist historisch verbrieft und kulturell aufgeladen; zugleich fordert jede filmische Begegnung mit Anne Frank ein sensibles Ausloten des Verhältnisses von Authentizität, Fiktionalisierung und mediativer Vermittlung. In diesem Spannungsfeld zeigt der Film, wie sehr das private Dokument zum öffentlichen Text geworden ist und wie die filmische Darstellung diese Übersetzung neu verhandelt.

Die Relevanz des Films liegt nicht allein in der Biografie seiner Protagonistin, sondern in der Frage, welche Form die Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert annimmt. Angesichts eines europäischen Zeitgeistes, der von Revisionismen, migrationspolitischen Debatten und einem verstärkten öffentlichen Ringen um kollektive Verantwortung geprägt ist, liest sich eine Neuverfilmung des Tagebuchs als kulturelles Statement über die Bedingungen des Erinnerns und des Zeigens.

Auch in ästhetischer Hinsicht stellt der Film eine bewusste Position dar: Er ist Teil einer Traditionslinie, in der die filmische Interpretation historischer Zeugnisse nicht nur dokumentarisch, sondern auch dramatisch zugänglich gemacht wird. Diese Einordnung betrifft sowohl den Umgang mit Innenräumen, mit der Perspektive eines heranwachsenden Subjekts, als auch die Frage, wie Nähe zu einer real existierenden Person erzeugt werden kann, ohne deren biografische Kontur zu trivialisieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Das Tagebuch der Anne Frank wurde als deutschsprachige Produktion realisiert und versammelt ein Ensemble aus etablierten Film- und Theaterschauspielern sowie jungen Talenten. Die konkrete Nennung der Regie liegt in den vorliegenden Angaben nicht vor; dennoch lässt sich die Handschrift der Inszenierung anhand der filmischen Entscheidungen ablesen: eine Tendenz zur Intimität, zur Fokussierung auf Innenräume und zur präzisen Ausstattung, die historische Gegenstände und Alltagsgegenstände als Träger von Erinnerung aktiviert.

Produktionen dieses Zuschnitts zeichnen sich oft durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Produktionsteam, historischen Beratern und Ausstattern aus, um das Spannungsverhältnis von Authentizität und dramatischer Verdichtung auszuloten. In der bundesdeutschen Filmlandschaft nehmen solche Stoffe zudem eine besondere Stellung ein: Sie sind sowohl kulturpolitisch relevant als auch dramaturgisch herausfordernd, weil sie eine Balance suchen zwischen dokumentarischer Wucht und narrativer Intimität.

Innerhalb des filmischen Schaffens, in dem historische Erinnerungen wiederholt Gegenstand sind, wirkt dieser Film als Beitrag zu einer anhaltenden Auseinandersetzung. Seine Position lässt sich als Versuch lesen, die Figur Anne Frank weniger als bloße Ikone denn als komplexe junge Erzählerin in Szene zu setzen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Lea van Acken, die die Figur der Anne verkörpert. Van Acken, eine junge Darstellerin aus dem deutschsprachigen Raum, tritt damit in die schwierige Rolle, die innere Stimme eines ikonisierten Tagebuchs auf die Leinwand zu tragen. Ihr Spiel verlangt eine Gratwanderung zwischen jugendlicher Direktheit und dem Gewicht historischer Repräsentation.

Das Ensemble wird ergänzt durch erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler wie Martina Gedeck und Ulrich Noethen, deren Präsenz dem Film eine etablierte, ruhige Gravitas verleiht. Beide sind in der deutschen Film- und Theaterszene langjährig verankert und bringen eine performative Dichte mit, die bei historischen Stoffen oft als Stabilisierung fungiert. Weitere Ensemblemitglieder wie Stella Kunkat, Margarita Broich, Leonard Carow und Gerti Drassl ergänzen das Beziehungsgefüge des Films und legen unterschiedliche Generations- und Temperamentsprofile an die Leinwand.

Die Besetzung kombiniert damit jugendliche Intimität und erfahrene Charakterarbeit. Diese Mixtur ist für die dramatische Balance entscheidend, weil sie die privaten Spannungen und die äußere Bedrohung, denen die Figuren ausgesetzt sind, in unterschiedliche stimmliche und körperliche Register übersetzt.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film begleitet das enge private Milieu einer Familie und ihres Umfelds in einer von Angst und Versteckten Gegebenheiten durchsetzten Zeit. Im Zentrum steht die junge Erzählerin, deren Tagebuch als innerer Kommentar und strukturierendes Prinzip fungiert. Die Dringlichkeit der Handlung entsteht nicht aus großen äußeren Wendungen, sondern aus einem permanenten Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Normalität und dem Bewusstsein einer sich zuspitzenden historischen Katastrophe.

Im dramatischen Zentrum stehen Fragen des Zusammenhalts, der Suche nach Identität in der Adoleszenz und der Spannung zwischen öffentlichem Zwang und privatem Rückzug. Die zentralen Figuren agieren innerhalb begrenzter Räume, deren Enge und Wiederholung den Ton des Films prägen. Die Atmosphäre ist getragen von einer Mischung aus Intimität, latentem Unheil und einer sensiblen Beobachtung des Aufwachsens in extremen Umständen.

Zentrale Themen und Motive

Das Tagebuch der Anne Frank beschäftigt sich mit fundamentalen Fragen der Erinnerungsethik: Was bedeutet es, eine intime Stimme in den Dienst kollektiver Erinnerung zu stellen? Welche Verantwortung hat die Darstellung gegenüber der historischen Wahrheit und gegenüber der Figur selbst? Der Film thematisiert die Ambivalenz von Zeigen und Bewahren, die Frage, ob und wie private Niederschriften in öffentliche Diskurse eingehen, ohne sie zu instrumentalisieren.

Philosophisch rückt die Filmerzählung Fragen nach Subjektivität und Zeugenschaft ins Zentrum. Die Perspektive einer jungen Autorschaft, die inmitten gesellschaftlicher Zerstörung literarisch wird, eröffnet Überlegungen zur Macht der Sprache, zur Konstruktion von Identität und zur Resilienz des Ich in Extremsituationen. Psychologisch gesehen verhandelt der Film das Spannungsfeld zwischen kindlicher Hoffnung, künstlerischem Ausdruck und dem Druck äußerer Realität.

Formale Motive wie der wiederkehrende Fokus auf Interieurs, das Spiel mit Licht und Schatten sowie die Fokussierung auf Mimik und Stimme dienen dazu, die Dialektik von Innenwelt und Außenwelt zu visualisieren. Das Tagebuch als narratives Objekt fungiert dabei zugleich als Reflexionsfläche: Als Medium macht es das Private zum Ereignis und das Subjekt zur Erzählerin, dessen Perspektive den Zuschauer zum teilnehmenden Zeugen macht.

Filmkritik von Peter Osteried

Kompletter denn je: Das Tagebuch der Anne Frank

Verfilmungen des Tagebuchs der Anne Frank gab es im Lauf der Jahrzehnte viele. Einige sind hervorragend und von zeitloser Brillanz, so dass man sich natürlich die Frage stellen muss, ob es eine weitere Adaption wirklich gebraucht hätte. Die Antwort ist ja, und das nicht nur, weil dies eine Geschichte ist, die nachwachsenden Generationen immer wieder aufs Neue erzählt werden muss, sondern auch, weil der Film auf dem ungekürzten Tagebuch basiert.

An ihrem 13. Geburtstag erhält Anne Frank von ihren Eltern ein Tagebuch geschenkt. Wenige Monster später muss sich die Familie in Amsterdam verstecken, um der Deportation zu entgehen. Die Franks sind nicht die einzige Familie in dem Unterschlupf, schon bald halten sich weitere Menschen dort auf. Auf engstem Raum gibt es kaum Platz für Privatsphäre. Es ist für alle eine die Nerven strapazierende Situation, in der sich Anne zum ersten – und letzten – Mal in ihrem Leben verliebt. In ihrem Tagebuch hält sie ihre Gefühle und Gedanken fest. Sie träumt vom Ende des Krieges, das sie nicht mehr erleben wird …

Erst in den frühen 2000er Jahren wurde die ungekürzte Version des Tagebuchs publiziert. Annes Vater Otto hatte zuvor Stellen entfernt, die sich mit Annes aufkeimender Sexualität, aber auch mit den Diskrepanzen zu ihrer Mutter befassten. Es sind aber gerade diese Momente, die helfen, das Bild des jungen Mädchens abzurunden.

Der Film zeichnet dabei das authentische Bild eines Mädchens, das auch seine dunklen Seiten hatte. In keiner Sekunde verklärt Das Tagebuch der Anne Frank seine Protagonistin, sondern wagt tatsächlich, Anne als Mensch mit Stärken und Schwächen zu zeigen. Schwächen, wie Jugendliche sie haben, wenn sie im Konflikt mit ihren Eltern stehen, insbesondere dann, wenn ein Mädchen auf keinen Fall wie seine Mutter werden will.

Das ist ein mutiger, auch schonungsloser Ansatz, der vorbereitet, dass der Film nicht mit dem letzten Tagebucheintrag endet, sondern dem Zuschauer auch in kurzen Vignetten zeigt, was Anne nach der Festnahme widerfahren ist. Das sind schmerzhafte Bilder, die mit unmittelbarer Wucht auf den Zuschauer niederprasseln und umso stärker wirken, weil man ein so exaktes Gefühl für diesen Menschen erhalten hat, der Anne Frank gewesen ist.

Die neuerliche Verfilmung des Stoffs ist sehenswert, auch und gerade, weil man es versteht, die Grauen der Zeit des Nationalsozialismus am Schicksal einer Familie spür- und erlebbar werden zu lassen. Das macht diesen Film auch so wichtig, weil er gerade in der heutigen Zeit den Blick des Zuschauers darauf richtet, dass derartiges nie wieder passieren darf. Das ist eindringlicher und wirkungsvoller als jede Geschichtsstunde – und darum ist es auch immer wieder nötig, sich dem Stoff erneut zu nähern. Weil die Geschichte von Anne Frank universell und zeitlos ist, und weil man nie vergessen darf, da man sonst Gefahr läuft, die eigene Menschlichkeit zu verlieren.

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