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Ganz weit hinten

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kritiken.de Redaktion 05.12.2013
Ganz weit hinten© Fox Deutschland
A ca. 2541 Worte Lesezeit ca. 9 Minuten  📋 Inhalt

Ganz weit hinten - Ein subtiles Bildungsdrama über verlorene Väter und zarte Selbstfindung

Einleitung

Ganz weit hinten bettet sich in die anhaltende Tradition amerikanischer Coming-of-Age-Erzählungen ein, ohne die vertrauten Klischees plump zu reproduzieren. Das Jahr 2013 markiert für diese Geschichte eine verschränkte Beobachtung von Erwachsenwerden und familiärer Dysfunktion, erzählt in einem Ton, der sensibel zwischen Komik und Melancholie vermittelt. Die Relevanz des Films liegt weniger in spektakulären dramaturgischen Wendungen als in seiner genauen Registrierung kleinster Gesten, die das Verhältnis von Jugendlichen zu den Erwachsenen, die sie prägen, auslotet.

In der frühen bereits kommerziell wie kritischen Wahrnehmung der 2010er Jahre spiegelt Ganz weit hinten eine filmische Neigung wider, die Innenwelt jugendlicher Protagonisten ernst zu nehmen. Das Werk spricht eine Zeit an, in der Fragen nach Männlichkeitsmodellen, Verantwortungsübernahme und emotionaler Vernachlässigung verstärkt in kulturelle Debatten traten. Als ruhiges, beobachtendes Drama fügt sich der Film in einen Diskurs ein, der aus der Balance zwischen Humor und Verletzlichkeit neue Einsichten über familiäre Dynamiken zieht.

Formal ist die Arbeit als Ensemblestück angelegt: Sie verlässt sich auf kleine Szenen, präzise Dialoge und die Ausstrahlungskontraste zwischen etablierten Charakterdarstellern und jungen Newcomern. Ganz weit hinten gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit - nicht durch Überdramatisierung, sondern durch eine Haltung, die den Figuren Zeit zur Entfaltung gibt. Die Seriosität des Tons erlaubt es, die Balance zwischen Komik und Tragik als dramaturgisches Prinzip zu lesen, nicht als bloße Stilmittelmischung.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte das Duo Nat Faxon und Jim Rash, die zuvor als Drehbuchautoren und Darsteller bekannt geworden waren. Der Film zählt zu ihren ersten Regiearbeiten, ein Schritt, der sich wie eine konsequente Erweiterung ihrer bisherigen filmischen Praxis liest. Nach Anerkennung in der Drehbucharbeit suchten sie mit diesem Film eine eigene Regiehandschrift zu etablieren - eine, die geprägt ist von fein austarierten Dialogen und einem Sinn für die Mechanik zwischenmenschlicher Peinlichkeiten.

Produktionstechnisch präsentiert sich Ganz weit hinten als Indie-angehauchte Studioarbeit: ein moderates Budget, eine klare Fokussierung auf Schauspielerführung und Drehbuch, sowie die Platzierung auf Festivals, die dem Film frühe Sichtbarkeit verschafften. Die Zurückhaltung im Einsatz großartiger Effekte oder kunstvoller Extravaganzen verweist auf eine bewusste Entscheidung, das Gewicht auf Erzählpräzision und Ensemblechemie zu legen. In der filmischen Biographie der Regisseure nimmt der Film die Rolle des formalen Debüts ein, das zugleich ihr Interesse an alltagsnahen, psychologisch fein gearbeiteten Figurenkonstellationen zeigt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung mischt etablierte Charakterdarsteller mit jüngeren Gesichtern, was dem Film eine polyphone Qualität verleiht. Steve Carell, lange Zeit vornehmlich als Komiker bekannt, bringt hier die eines Erwachsenenfigur ein, die auf Selbstsicherheit nach außen baut und innerlich fragil ist. Diese Ambivalenz nutzt der Film, um die Taktiken von Kontrolle und Unsicherheit zu untersuchen, die erwachsene Autorität oft durchziehen.

Sam Rockwell übernimmt die Rolle des charmant-unkonventionellen Mentors. Sein Spiel ist von lakonischer Wärme geprägt; er bietet eine alternative Form von Männlichkeit an, die weniger auf Dominanz als auf Empathie beruht. AnnaSophia Robb tritt als jugendliche Gegenfigur auf, deren Souveränität und Selbstbewusstsein den Protagonisten zugleich herausfordern und anziehen. Liam James fungiert als die erzählerische Perspektive, ein heranwachsender Blick, der die Widersprüche der Erwachsenenwelt zunächst registriert und allmählich zu eigenen Urteilen findet.

Die Nebenriege - darunter Toni Collette, Maya Rudolph, Allison Janney und Rob Corddry - fungiert nicht nur als komödiantische Färbung, sondern als Variationen erwachsener Unvollkommenheit. Ihre Figuren sind in der Summe kein Hintergrundrauschen, sondern Kontrapunkte, die das zentrale Gefüge von Vernachlässigung, Verantwortung und Versöhnungsbedürftigkeit plastisch machen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der erzählerische Ausgangspunkt ist simpel und bezieht seine Spannung aus der Alltäglichkeit: Ein Teenager verbringt einen Sommer an der Küste, in einer Umgebung, in der familiäre Spannungen und soziale Unsicherheiten sichtbar werden. Die zentrale Dynamik entsteht durch die Kollision unterschiedlicher Erwachsenenvorstellungen und die Suche des jungen Protagonisten nach einem Ort, an dem er sich selbst definieren kann. Die Handlung entfaltet sich eher episodisch als entlang großer Plotbögen; kleine Begegnungen, Missverständnisse und intime Momente formen den dramatischen Bogen.

Der dramatische Konflikt beruht auf der Frage, wer als Vorbild fungiert und wie die Machtverhältnisse innerhalb der Familie und des Ferienmilieus die persönliche Entwicklung beeinflussen. Zentrale Figuren sind der jugendliche Protagonist, die Bezugspersonen aus dem Erwachsenenkreis und eine Figur aus dem Arbeitsumfeld, die als Gegenpol zur familiären Struktur fungiert. Ton und Atmosphäre sind von einer warmen Melancholie durchzogen: Sommerhitze und Wasserpark-Ästhetik werden zu einer Kulisse für innere Unruhe und leise Transformation.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und dem Zuschreibungsmechanismus von Erwachsensein. Ganz weit hinten thematisiert, wie Rollenbilder reproduziert werden und wie junge Menschen, bedingt durch inländische Spannungen, alternative Wege der Selbstermächtigung finden. Die Geschichte denkt über Männlichkeit nach - nicht theoretisch, sondern anhand konkreter Verhaltensmuster: Dominanz versus Fürsorge, Zurückweisung versus Anerkennung.

Das Wasserpark-Motiv funktioniert als metaphorischer Raum - ein Ort zwischen Arbeit und Vergnügen, zwischen Kindsein und dem Eintritt in eine bewusstere Selbstwahrnehmung. Wiederkehrende Bilder von Wasser, Hitze und schattigen Rückzugsorten strukturieren eine Erzählung, die nach emotionaler Orientierung sucht. Philosophisch interessiert sich der Film für die Frage, ob und wie persönliche Entwicklung außerhalb tradierter Familienbilder möglich ist, gesellschaftlich gelesen als Kommentar zu sich wandelnden Verantwortungsmodellen in modernen Familiengefügen.

Gesamt betrachtet markiert Ganz weit hinten eine präzise, auf Beobachtung beruhende Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden - weniger als dramatischer Umsturz denn als sukzessive Neujustierung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die filmische Form entspricht dieser Haltung: zurückhaltend, texturiert und auf die kleinsten Bewegungen menschlicher Beziehungen achtend.

Filmkritik von Martin Beck

Eine „coming of age“-Geschichte. Ein amerikanischer Sommer. Ein verschlossener Teenager, der langsam aus seinem schüchternen Schneckenhaus kommt. Irre bis verpeilte Erwachsene. Ein süßes Nachbarsmädel, das bei dem Verlassen des Schneckenhauses eine beträchtliche Rolle spielt. Und ein klassisches Indie-Drama amerikanischer Prägung, das all diese klassischen Zutaten unter einem zugleich lächelnden und dezent wehmütigen Dach vereint.

Der Titel diesmal ist „Ganz weit hinten“, aber wenn da jetzt z.B. „Adventureland“ oder „Little Miss Sunshine“ stehen würden, wären das ebenfalls passgenaue Treffer. Spätestens seit dem Erfolg von letzterem Film sind zurückgelehnte Familien-Dramen eine Art eigenes Genre, dessen Wohlfühl-Mechanismen im besten Fall so subtil geölt sind, dass man kaum noch merkt, zum x-ten Mal den gleichen Film zu sehen. Der Ausgangspunkt für „Ganz weit hinten“ war „The Descendants“, der ebenfalls irgendwie in die Wohlfühl-Schublade passt und von zwei Herren namens Nat Faxon und Jim (mit)geschrieben wurde. Der Grund, warum diese beiden Herren George Clooney bunte Hawaii-Hemden anziehen durften, war das Drehbuch für „Ganz weit hinten“, das zu dem Zeitpunkt auf der sogenannten „black list“, einer Art Drehbuch-Empfehlungstopf Marke Hollywood, stand und den „The Descendants“-Produzenten anscheinend sehr gut gefiel.

Nach dem Erfolg von „The Descendants“ rückte „Ganz weit hinten“ natürlich ganz nach oben auf der „black list“ und fand schließlich so kulante Geldgeber, dass die beiden Autoren sogar Regie führen durften. Das einstige Indie-Genre mikroskopischer Familien-Konflike, gerne gekoppelt mit einem Kommentar zu aktuellen gesellschaftlichen Befindlichkeiten und eben „coming of age“-Romantik, ist inzwischen in die Multiplex-Liga aufgestiegen – jedes Mal natürlich vollkommen überraschend und getarnt als Sleeper-Underdog.

Der hier mal eben Toni Collette, Steve Carell und Sam Rockwell vereint und bereits dadurch eine gewisse Diskrepanz zum „kleinen“ Image erzeugt, die durch das nett gemeinte Abhaken all der oben genannten Zutaten nicht unbedingt kleiner wird. Der verschlossene Teenager ist hier Duncan (Liam James), die irren Erwachsenen geben Carell und Collette, das Mädel für den ersten Kuss heißt im richtigen Leben AnnaSophia Robb und der väterliche Freund, der das Schneckenhaus schließlich knackt, ist Bademeister Sam Rockwell.

“Ganz weit hinten” ist kein Film der großen Konfrontationen oder gar aufwühlender Extreme, sondern pendelt scheinbar mühelos zwischen amüsanter Komik und melancholischer Dramatik. Das einschneidenste Erlebnis kommt gleich am Anfang, als nämlich Duncan sich selbst eine 6 auf der 1-10 Skala gibt und der Stiefvater in spe den Jungen dann auf eine 3 zurückstuft. Kein Wunder, dass der Teenager sich ganz furchtbar unwohl fühlt und darüber eine Marschrichtung für den Film ausgibt, die erst viel, viel später einen emotionalen Aufwärtstrend verzeichnen darf.

Mit Verlaub, das Drehbuch von „Ganz weit hinten“ erzählt überhaupt nichts Neues und erweckt dabei unweigerlich den Verdacht, dass all diese „coming of age“-Schreiber verkappte Nerds sind, die sich auf diese Weise den Psychiater sparen wollen. Duncan zuzusehen, ist manchmal nicht ganz einfach, so unbeholfen wurschtelt er sich durchs Leben, und wenn dann endlich die Sonne etwas heller scheint, nimmt man jeden Ansatz eines Lächelns sehr gerne mit. Die Rache der Nerds eben, inklusive peinlicher Stille, gescheiterten Ex-Jocks und (unerklärlichem) Interesse seitens der süßen Nachbarin.

Dass „Ganz weit hinten“ nicht der gleiche Erfolg wie z.B. „Little Miss Sunshine“ beschieden war, liegt wohl vor allem an dieser generischen Geschichte...die aber zum Glück auch wunderbar geformte Charaktere und ein weitgehend sicheres Händchen in Sachen Gefühle kennt. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass Nerds überdurchschnittlich oft verpeilte Eltern haben und über einen Job in einem Aquapark erste Selbstsicherheit bekommen, doch wenn dann diese Konstellationen mit sympathischen Personen, gut geschriebenen Dialogen und angenehm gewärmter Einfühlsamkeit ausgestattet werden, ist das schon bald nicht mehr wirklich wichtig.

Nat Faxon und Jim Rash spielen genau an diesem Punkt die richtigen Karten aus und überwinden die Déjà-vu-Eindrücke zugunsten wohliger Indie-Unterhaltung. Mit eigentlich zu nettem Zuckerguss. Und Erwachsenen, die entschieden mehr Spaß haben, als ihnen von Alterswegen her eigentlich zusteht. Und einer zentralen Beziehung zwischen Duncan und dem Bademeister, die zum Glück auf mehreren Ebenen funktioniert. Und dabei, wie eigentlich überall in dem Film, ein Interesse für die Figuren weckt, das den alles entscheidenden Spagat zwischen Realitätsnähe und filmischer Überhöhung mit Bravour meistern kann. „Ganz weit hinten“ mag gerne kalkuliert und wenig innovativ erscheinen. Ein schöner, sehenswerter Film ist es aber trotzdem geworden. Memo für den nächsten „coming of age“-Anlauf: Der Junge kann reden und hat zumindest einen guten Freund. Man möchte es ja kaum glauben, aber solche Kindheiten soll es auch gegeben haben.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Marlon Brando hat gesagt, dass dich niemand überholen kann, wenn du deinen eigenen Weg gehst. In Coming-of-Age-Filmen geht es darum, diese Binsenweisheit in ein fühlbares, cineastisches Initiationsritual zu verwandeln. Nat Faxon und Jim Rash etablieren mit „Ganz weit hinten“ ein althergebrachtes Thema in ihrer Geschichte: den Familienurlaub. Wir erleben das Beach-House-Paradies aus der verknisterten Perspektive des 14-Jährigen Duncan, der den Sommer lieber mit seinem Vater verbringen würde, als mit seiner Mutter, ihrem neuen Lover und dessen zickiger Tochter. Die beiden Drehbuchautoren schrieben mit „The Descendants“ ein erfrischend ergreifendes Road-Movie, das durch eine unkonventionelles Setting, einen herrlich unglamourösen George Clooney und die lakonische Regie von Alexeander Payne zu einem stillen Highlight 2012 wurde. „Ganz weit hinten“ watet mit ähnlichen Ansprüchen auf und hält neben der Neu-Erfindug des Steve Carell, der narrativen Entdeckung der Wildwasserrutsche und einem gut aufgelegten Sam Rockwell noch einige Überraschungen bereit. Auch wenn die Regie doch ein wenig selbstgefällig wirkt und sich allzu oft in seinen Stimmungen suhlt, steht „Ganz weit hinten“ auf eigenen Beinen und hat ein richtig gutes Herz.

„Auf einer Skala, von eins bis zehn, für was hältst du dich?“ Dass Duncan (Liam James) den Sommer lieber bei seinem Vater in San Diego verbringen würde, ändert sich auch nicht, als sein neuer Stiefvater Trent (Steve Carell) ihm erklärt, dass er keinesfalls mehr als eine „Drei“ sei, aber während des gemeinsamen Sommers in seinem Beach-House ja glücklicherweise die Möglichkeit hätte, seinen Score ein bisschen hochzupeitschen. Während Duncans Mutter (Toni Collette) Trents resolute Art schätzt und genießt, kann der linkische Teenager den jovialen Patriarchen kaum ertragen. Während die Erwachsenen mit Trents Sommerfreunden und -Nachbarn ständig trinken und feiern, sitzt Duncan nur wie der schwerhörige Großvater am Rand und grübelt. Obwohl sich die Nachbarstochter Susanna eigentlich für ihn interessiert, ist Duncan viel zu fleißig am selbstzweifeln, als dass er ein gemeinsames Gespräch über das Wetter hinausführen könnte. Als er beim Streunern den lebendigen Owen kennenlernt, Manager des nah gelegenen Wildwasserparks, freundet er sich an und nimmt heimlich einen Sommerjob an, der ihm nicht nur die Kunst des Wasserrutschens verständlich macht, sondern auch gehörig den Rücken stärkt, um Bösewicht Trent und holde Maid Susanna mit den Augen eines Helden entgegenzutreten.

Der Sommerjob, der sich als Selbstfindung entpuppt. Da denkt man sofort an Jesse Eisenberg in Greg Mottolas herrlichem „Adventureland“. Nat Faxon und Jim Rash unterstreichen ihre große Begeisterung für abgestandene Freizeitparks als Lebensschule. Neben Sam Rockwell als Owen und Maya Rudolph als Caytlin stellen die Regisseure als Roddy und Lewis schauspielerisch einen essentiellen Teil des Water Wizz-Parks. Auch der Küstenurlaub an sich ist Setting-Zunder. Susanna fasst die Beach-House-Siedlung knackig zusammen, als „Springbreak für Erwachsene“. Die Brutalität und Respektlosigkeit, die diese Ausgangssituation für den unzufriedenen Duncan bedeutet ist symptomatisch. Saß er schon die ganze Hinfahrt über, allein im Kofferraum (englisch: way back), nimmt die Isolierung am Strandhaus ihren Fortgang. Das kränkende Gefühl der Pubertät ausgeschlossen zu sein, wird in diesem hedonistischen Erwachsenenkosmos zu einem stabilen Dauerzustand. Die dysfunktionale Familie mischt sich mit der Unwirklichkeit der Pubertät.

Zu Jung, um auch einfach zu trinken und zu alt, um mit Starwars-Puppen zu spielen. Duncan sind die zwischenmenschlichen Hände gebunden. Aus der Sicht des Außenseiters erfahren wir die Sommerresidenz als berechenbares, immergleiches Muster, als soziales Programm, das nichts mit uns zu tun hat. Duncan wird gleichzeitig der Mutter entfremdet, die er trinkend und kiffend kaum wiedererkennt. Als sich mit Susanna endlich eine Schublade öffnet, die ihn anspricht, schiebt er sie frustriert wieder zu, weil er wieder nur ein Spiel sieht, dessen Regeln er nicht kennt. Owen lernt er kennen als dieser zwar nicht gerade herausragend, aber doch sehr leidenschaftlich am Arcade-Automat seine Mittagspause verzockt. Bei Pac-Man geht es nicht darum, den High-Score zu knacken, sondern den unbändigen Hunger auf die vielen Früchte zu spüren und keine Angst vor den Geistern zu haben. Wer sich auf den Algorithmus des Gewinnens einlässt, vergisst dabei, den eigenen Weg zu gehen. Wer nicht den eigenen Weg geht, macht keine Erfahrungen.

Nach dem düster zynischen „A Single Shot“ ist es Balsam für jeden Sam Rockwell-Fan, den Schauspieler wieder in einer gesprächigen Rolle zu sehen. Sein lebensfroher Owen trennt nicht zwischen Leben und humoriger Philosophie. Seine prolligen Scherze gehen fließend in liebevolle Aktionen über und münden wieder in dem zufriedenen Blick, aus jeder Dummheit etwas über das Leben gelernt zu haben. Diese unkonventionelle, kreativ-chaotische Art befreit Duncan von der erfolgsorientierten und korrekten Art seines Stiefvaters, für den selbst sozialer Umgang und Freizeit sich nicht wirklich vom Assessment-Center unterscheidet. Nach George Clooney ist Steve Carrell als bulliger Patriarch einer dieser seltenen Glücksgriffe im Casting. Die Essenz der Figur und die Publikumserwartungen an den Schauspieler spannen ein tolles Wirkungsfeld auf dem sich der Comedian mal richtig humorlos austoben kann. Steve Carrell als Alphatier zu sehen, hat einen psychologischen Impact. Als Zuschauer fühlt man sich durch dieses Spiel mit Persona und Erwartungen direkt selbst überrumpelt und bestiefvätert.

„Ganz weit hinten“ ist das Regie-Debüt des Teams Faxon/Rash. Nachdem sie letztes Jahr gleich den Oscar für ihr erstes Drehbuch abholten, zeigt die erste Regie-Arbeit doch einige Schwächen. Die ehrlich saloppe Schreibe der beiden, ihr Gefühl für ungesunde Familien-Aufstellungen, unkonventionelle Problemstrategie und unsentimental herzliche Dialoge verbanden sich in „The Descendants“ umwerfend mit der still reflektierten Regie von Alexander Payne (About Schmidt, Sideways). Die Faxon/Rash-Regie wirkt im direkten Vergleich dann doch noch etwas unpräzise. Die befreienden Sequenzen von Duncan plätschern oft generisch geschnitten und mit allzu eindeutigem Soundtrack daher. Doch der teils schale Beigeschmack wird durch beste Dialoge, und den abgestimmten Cast ausgeglichen. Die romantische Halbwelt zwischen Susanna und Duncan überzeugt in stiller Unerfülltheit und letztlich wird der Initiationsritus erfolgreich mit der dysfunktionalen Familie verbunden – ein Hoch auf den Kofferraum und die Kunst in ihm zu leben.

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