Carrie als Spiegel der Wut: Adoleszenz, Gewissen und Zerstörung im modernen Gewand
Einleitung
Carrie tritt nicht nur als weitere Verfilmung eines Stephen King Klassikers auf, sondern verlangt nach einer Lektüre, die das Bild der jugendlichen Entfremdung und die Mechanik von öffentlicher Demütigung in unserer Gegenwart untersucht. Die 2013er Fassung positioniert sich in einem kulturellen Moment, in dem digitale Öffentlichkeit und mediale Beschämung den Alltag Jugendlicher durchdringen. In diesem Sinne liest sich der Film weniger als reines Horrorerlebnis denn als diagnostischer Blick auf Gewalt, Scham und die politische Dimension jugendlicher Wut.
Als Remake steht das Werk in einem doppelten Dialog: mit der literarischen Vorlage von King und mit Brian De Palmas ikonischer Verfilmung. Es ist dabei weniger die Frage nach Originalität als die nach Aktualisierung. Welche Bilder erzeugt man heute von psychischer Zerstörung? Wie lässt sich telekinetische Macht in Zeiten sozialer Netzwerke filmisch verorten? Diese Fragen geben dem Film seine kulturelle Relevanz.
Die Tonalität des Films trägt die Spannung zwischen Tradition und Moderne. Er versucht, die vertrauten Topoi des Highschool-Horrors in eine Ära zu übersetzen, in der Voyeurismus und Performance kulturelle Normen sind. Damit wird Carrie zu einer Art psychologischem Barometer für die Ängste, die unsere Gesellschaft gegenüber verletzlichen Körpern und kontrollierten Subjekten hegt.
Kurzüberblick zur Produktion
Regie führte Kimberly Peirce, deren früheres Werk vor allem durch die intensive Charakterstudie Boys Don’t Cry bekannt wurde. Peirce bringt eine Formensprache mit, die psychologische Präzision und eine Neigung zu sozialkritischer Thematisierung verbindet. In Carrie nutzt sie dieses Potenzial, um das Grauen nicht allein als Schockeffekt, sondern als sozial bedingte Eskalation zu inszenieren.
Die Produktion entstand im Rahmen eines Hollywood-Interesses an Neuverfilmungen etablierter Stoffe, das sich sowohl ökonomisch als auch kreativ auf Sicherheitsdenken stützt. Entsprechend ist der Film als studiogetragenes Projekt zu lesen, das genretypische Mechanismen wie visuelle Effekte und klares dramaturgisches Raster einsetzt, um die telekinetischen Manifestationen narrativ und visuell tragfähig zu machen. Dabei dominiert die Absicht, eine jüngere Generation anzusprechen und zugleich die ikonographischen Elemente der Vorlage zu bewahren.
Im Gesamtwerk von Peirce markiert Carrie weniger eine Abkehr denn eine Erweiterung. Dort, wo Boys Don’t Cry und Stop-Loss gesellschaftliche Außenseiterporträts mit humanistischer Dringlichkeit kombinierten, verlagert Carrie die Brennlinie ins Fantastische. Die Regisseurin nutzt das Genre, um bekannten moralischen Konflikten eine neue Bildlichkeit zu geben.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Im Zentrum steht Chloe Grace Moretz, die als junge Darstellerin bereits für ihre Präsenz in Filmen wie Kick-Ass und Hugo bekannt ist. Moretz bringt eine zurückhaltende Intensität mit, die es erlaubt, verletzliche Körperlichkeit und latent explosive Energie nebeneinander bestehen zu lassen. Julianne Moore übernimmt die Rolle der Mutterfigur, eine Performance, die auf ihre Fähigkeit zur Darstellung komplexer, ambivalenter Frauenfiguren aufsetzt. Moore füllt die Rolle mit religiöser Inbrunst und psychischer Bedrohung, ohne sie zur bloßen Karikatur zu reduzieren.
Gabriella Wilde und Portia Doubleday bilden das gegensätzliche Ensemble der Mitschülerinnen, deren Privilegien und Peinigungen den sozialen Kontext des Protagonismus ausleuchten. Ansel Elgort und Alex Russell stehen als männliche Bezugspersonen für die Ambivalenz des Highschool-Milieus, zwischen Beschützerinstinkt und Verantwortungsdiffusion. Judy Greer als Lehrerin bringt eine nüchterne, erwachsene Perspektive hinein, die die institutionelle Reaktion auf jugendliche Krisen reflektiert.
Die Besetzung insgesamt zielt darauf ab, verschiedene Facetten von Jugendlichkeit, Autorität und Opferstatus zu repräsentieren, ohne die Figuren ausschließlich zu Typen zu degradieren. Vielmehr werden sie zu Trägern gegensätzlicher gesellschaftlicher Erwartungen, die im Spannungsverhältnis der Erzählung sichtbar werden.
Handlung (spoilerfrei!)
Im Kern erzählt Carrie die Geschichte einer schüchternen Schülerin, die zwischen der strengen religiösen Erziehung ihrer Mutter und dem grausamen Alltagsleben in der Schule hin- und hergerissen ist. Parallel zur Entdeckung eigener, außergewöhnlicher Fähigkeiten wächst der Druck durch Mobbing und soziale Ausgrenzung. Aus diesen Konflikten speist sich der dramatische Impuls des Films.
Der zentrale Konflikt ist kein klassischer Kampf Gut gegen Böse. Vielmehr steht die Spannung zwischen innerer Autonomie und äußerer Kontrolle im Mittelpunkt. Die Figuren sind eng an ihre sozialen Rollen gebunden - Opfer, Täter, Zuschauer, Institution - und der Film beobachtet, wie diese Rollen sich verfestigen und kollabieren können.
Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen realistischer Kleinstadtintimität und surrealen, in Bildern übersetzten psychischen Zuständen. Die Bildsprache versucht dabei, die subjektive Wahrnehmung der Protagonistin mit visuellen Mitteln erfahrbar zu machen, ohne die Erzählung in pure Effekthascherei zu verwandeln.
Zentrale Themen und Motive
Carrie stellt Fragen nach Gewalt und Verantwortung, nach der Grenze zwischen Schutz und Kontrolle sowie nach der sozialen Konstruktion von Schuld. Der Film thematisiert, wie Gemeinschaften mit Andersartigkeit umgehen, und wie Demütigung als Katalysator für destruktive Energie fungieren kann. Das Motiv der religiösen Moral als Kontrollmechanismus wird mit dem der jugendlichen Selbstbehauptung verwoben, sodass Moral als Machtverhältnis sichtbar wird.
Hinzu kommt eine Reflexion über Sichtbarkeit und Publikum. In einer Zeit, in der Peinigung leicht digital teilbar wird, wird die traditionelle Szenerie des Schulhorrors mit modernen Formen der Beschämung konfrontiert. Die telekinetische Begabung der Protagonistin ist dabei weniger allegorisches Fantasyelement als Indikator für die Gewalt, die entsteht, wenn innerer Druck keine Form des Ausdrucks findet.
Schließlich dreht sich der Film um Fragen nach Agency und Identität. Wer besitzt das Recht auf Selbstbestimmung, wenn soziale Normen die Möglichkeiten eines Individuums lähmen? Diese Fragestellung macht Carrie zu einem Fallbeispiel dafür, wie Horrorfilm nicht nur Angst erzeugt, sondern gesellschaftliche Nadelöhre offenlegt.
Filmkritik von Peter Osteried
Kimberly Peirces Film ist schon die dritte Verfilmung von Stephen Kings Debütroman. 1976 schuf Brian De Palma mit der ersten King-Verfilmung einen der großen Genre-Klassiker, 2002 gab es eine Magermilchversion fürs Fernsehen. Vom Sequel zum Originalfilm aus dem Jahr 1999 redet man besser gar nicht. Man sieht, die Geschichte von Carrie White wurde schon häufig umgesetzt. Tut da ein weiteres Remake wirklich Not?
Carrie White (Chloe Grace Moretz) hat es in der Schule nicht leicht. Sie ist eine Einzelgängerin, ein Sonderling, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Als sie nach dem Schulsport in der Dusche ihre erste Periode bekommt, hat sie keine Ahnung, wie ihr geschieht, da ihre Mutter (Julianne Moore) sie nie aufgeklärt hat. Sie gerät in Panik und wird zum Gespött ihrer Mitschüler.
Zugleich merkt Carrie, dass sie anders ist. Wenn sie wütend ist oder Angst hat, offenbart sie Kräfte. Carrie versucht mehr darüber herauszufinden. Nach und nach gelingt es ihr auch immer besser, sie einzusetzen. Aber vor ihrer streng religiösen Mutter muss sie ihre Fähigkeiten verbergen und in der Schule wird ein grausamer Streich vorbereitet, der auf Kosten des schüchternen Mädchens gehen soll.
Wie die vorangegangenen Filme hält sich auch die neue Carrie nahe an die Romanvorlage, modernisiert die Geschichte aber, wo es nötig ist, um der Entwicklung der fast vier Jahrzehnte seit dem letzten Film Rechnung zu tragen. Das äußert sich in einer weit grausameren Art und Weise, wie Carrie hier von ihren Mitschülern drangsaliert wird. In unseren multimedialen Zeiten geht die Demütigung über abfällige Sprüche auf dem Schulhof weit hinaus. Das Unglück eines Menschen kann direkt ins Internet gestellt werden. Stephen Kings Geschichte funktioniert auch deswegen heute noch so gut, weil das Phänomen des Mobbings nie verschwunden ist. Im Gegenteil, es wurde für die Mobber leichter und für die Opfer noch nachhaltiger. Das kann Peirces Film sehr gut herausarbeiten.
Aber nicht nur in dieser Beziehung hebt sich Carrie vom Vorangekommenen ab. Leichte inhaltliche Veränderungen gibt es auch. So ist Carrie sich hier ihrer Kräfte weit stärker bewusst und auch schneller geübt im Umgang mit ihnen. Aber das sind nur Details einer Geschichte, die im Großen und Ganzen natürlich bekannt ist. Sie funktioniert jedoch noch immer. Einerseits, weil King eine zeitlos gute Vorlage abgeliefert hat, andererseits, weil die Umsetzung keine Wünsche übrig lässt.
Puristen mögen argumentieren, das Original sei per se überlegen. Doch das ist zu kurz gedacht. Für sich alleine betrachtet, ist die neue Carrie ein guter Genre-Film, aber auch im direkten Vergleich muss man konstatieren, dass die Modernisierung geglückt ist. Das liegt einerseits am einfühlsamen Drehbuch, das es versteht, die Figur der Carrie White zerbrechlich und schutzbedürftig zu gestalten, andererseits an Chloe Grace Moretz, die einmal mehr unter Beweis stellt, dass sie eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation ist. Während sie im großen Finale im Grunde nur bedrohliche Gesten zeigen darf, ist es das, was zuvor passiert, das so unglaublich gut ist. Moretz schafft es, die Unsicherheit und die Angst ihrer Figur erlebbar werden zu lassen. Mühelos wechselt sie vom scheuen Reh zum gefährlichen Jäger. Es ist auch ihrer Darstellung zu verdanken, dass Carrie nie zum Monster wird. Sie ist einfach nur ein Mensch, der Zeit seines Lebens drangsaliert wird, bis etwas in ihm zerbricht.
Es ist wie bei Raubtieren, die die Schwäche eines Beutetiers wittern. In einer der besten Szenen des Films nimmt sogar einer ihrer Lehrer am Mobbing des jungen Mädchens teil. Moretz wiederum spielt Carrie scheu und unsicher, stotternd, wenn sie vor anderen sprechen muss, immer direktem Blickkontakt ausweichend. Sie stellt einen Menschen dar, wie es ihn in jeder Klasse und jeder Schule gibt. Unwillkürlich erinnert man sich an die Carries aus eigenen Schulzeiten – nur mit dem Unterschied, dass damals niemand Gefahr lief, einem telekinetischen Wutausbruch zum Opfer zu fallen.
Man mag darüber streiten können, ob die Isolation einer Einzelgängerin derart komplett wäre, es ist unter den Umständen und Carries familiärer Vorgeschichte aber zumindest denkbar. Zumindest das Gefühl, alleine gegen alle zu stehen, ist sicherlich authentisch. Jeder kann nachvollziehen, wie das sein muss. Nicht nur ist Moretz ein würdiger Ersatz für Sissy Spacek, auch Julianne Moore kann sich durchaus mit Piper Laurie messen. Die gemeinsamen Szenen der Hauptdarstellerinnen sind phantastisch, beide arbeiten sich aneinander ab und spornen einander an.
Ein wenig irritierend ist der Altersunterschied. Nicht der zwischen Moretz und Moore, sondern zwischen Moretz und den Darstellerinnen der anderen Schüler. Wo die eine tatsächlich ein Teenager ist, sind die anderen schon deutlich über 20 Jahre alt. Das merkt man, wenn auch eher unterbewusst. Letzten Endes ist das aber nur ein kleiner Makel dieses an sich gut gemachten Films, dem es gelingt, trotz der Tatsache, dass die Geschichte weithin bekannt ist, spannend und mitreißend zu erzählen. Carrie ist eine gelungene Neuverfilmung des King-Romans, eine emotionale Achterbahn, die nur auf eine Art enden kann: tragisch.

