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The Visit

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kritiken.de Redaktion 24.09.2015
The Visit© Universal Pictures Germany
A ca. 1261 Worte Lesezeit ca. 4 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

The Visit - Shyamalans Rückkehr zur Intimität des Schreckens und zum dokumentarischen Blick

Einleitung

The Visit, 2015 erschienen, markiert eine bewusst reduzierte Rückkehr eines Regisseurs, dessen Name über Jahre hinweg die Erwartungen des Publikums mitprägte. In einer Zeit, in der das Genre sich zwischen großen Franchises und experimentellen Nischenbewegungen bewegt, steht dieser Film für ein kleines, zielgerichtetes Horrorstück, das mit minimalen Mitteln maximale Nähe erzeugt. Relevanz gewinnt The Visit nicht allein durch seine Position im Markt, sondern durch die Art und Weise, wie er Vertrautheit und Misstrauen ineinander verschränkt.

Für M. Night Shyamalan, dessen Karriere zwischen epochalen Erfolgen und öffentlich sichtbaren Fehlschlägen oszillierte, ist The Visit ein strategischer Schritt: weg von bombastischen Effekten, hin zu einer Auseinandersetzung mit Perspektive, Erzählinstanz und der Intimität häuslicher Räume. Der Film tritt damit in Dialog mit jüngeren Tendenzen des Horrorkinos - die Rückkehr zur häuslichen Bühne, zur Dokumentation als Stilmittel und zur kindlichen Wahrnehmung als erzählerischem Kern.

Zeitgeschichtlich spiegelt The Visit Wünsche und Ängste einer Gegenwart wider, in der Überwachung, Selbstinszenierung und die allgegenwärtige Kamerapräsenz familiäre Beziehungen neu justieren. Indem der Film das familiäre Interieur zur Projektionsfläche für Fremdheit macht, berührt er Themen, die über das Genre hinausgehen und Resonanzen im zeitgenössischen Medienwandel erzeugen.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte M. Night Shyamalan, der mit The Visit eine Form wählt, die seine früheren Arbeiten an Simplizität und unmittelbarer Bildsprache orientiert. Produziert wurde der Film unter anderem von Blumhouse Productions - ein Produktionshaus, das sich auf kosteneffiziente Genreprojekte spezialisiert hat - sowie Shyamalans eigener Produktionsfirma. Das vergleichsweise geringe Budget ermöglichte ein konsequent intenstives, auf Schauspieler und Atmosphäre setzendes Vorgehen statt auf aufwendige Effekte.

Die filmische Anlage arbeitet mit Home-Video-Ästhetik und found-footage-Konventionen, bleibt dabei aber formal eher ein hybrider Ansatz: die Inszenierung nutzt subjektive Kameraperspektiven, feste Zeitraffer- und Überwachungskamerasequenzen und kombiniert diese mit klassischer Bildkomposition. Als Produktion steht The Visit für eine Wendung in Shyamalans Werk - weg von groß angelegten Fantasy- oder Actionprojekten hin zu einer kompakteren, psychologisch orientierten Erzählweise.

Im Gesamtwerk fungiert der Film als Demonstration einer strategischen Revision: Shyamalan rekonstruiert seine Autorenschaft aus reduzierten Mitteln, betont Erzähltechnik und Fokussierung auf Charaktere und setzt erneut auf die Idee, dass Spannung aus dem Offensichtlichen entstehen kann, wenn Blick und Erzählposition verschoben werden.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum stehen zwei jugendliche Figuren, gespielt von Ed Oxenbould und Olivia DeJonge, deren jugendliche Perspektive den narrativen Motor bildet. Oxenbould, zuvor in Familienkomödien sichtbar geworden, bringt eine Mischung aus skeptischer Beobachtung und pubertärer Unsicherheit, die den Zuschauer zur Mitwahrnehmung einlädt. DeJonge, noch am Beginn einer Karriere, liefert eine nuancierte Darstellung jugendlicher Selbstbehauptung, die der filmischen Dokumentation Glaubwürdigkeit verleiht.

Kathryn Hahn übernimmt die Rolle der Mutter - eine Figur, die zwischen Fürsorge und Verunsicherung oszilliert. Hahn, in der Branche lange als wandelbare Charakterdarstellerin bekannt, verankert die familiäre Ausgangslage mit einer Natürlichkeit, die das Geschehen im Haus erst plausibel macht. Die Großeltern werden von Deanna Dunagan und Peter McRobbie verkörpert; Dunagan, mit einer Bühne-karriere und einer Präsenz, die disziplinierte Strenge evoziert, verleiht ihrer Figur eine ambivalente Aura, während McRobbie den Kontrast zwischen Vertrautheit und Entfremdung akzentuiert.

Das Ensemble profitiert von Shyamalans Entscheidung, auf subtile, nicht-theatralische Spielweisen zu setzen. Die jungen Darsteller fungieren als sensorische Filter, die älteren Ensemblemitglieder als Katalysatoren für die spröde Spannung, die der Film entfaltet.

Handlung (spoilerfrei!)

The Visit erzählt von zwei in der Pubertät stehenden Geschwistern, die einige Tage bei ihren bisher unbekannten Großeltern verbringen. Die formale Entscheidung, große Teile der Handlung durch die Linse selbstgedrehter Aufnahmen und stationärer Kameras zu zeigen, ordnet die Wahrnehmung der Zuschauer an die Seite der Jugendlichen. Der dramatische Konflikt entsteht nicht aus einem externen Monster, sondern aus einer aufkeimenden Inkompatibilität zwischen Erscheinung und Verhalten - das Vertraute wird zum Ort des Fremden.

Im Ton oszilliert der Film zwischen lakonischer Komik und wachsender Beklommenheit. Anfänglich alltägliche Missgeschicke und generationelle Differenzen verwandeln sich allmählich in eine tiefer liegende Unruhe. Die Erzählung bleibt dabei stringenter Aufbau als expliziter Schockregister - sie setzt auf die eskalierende Wirkung kleiner Unstimmigkeiten, die sich zu einem kohärenten Spannungsbogen fügen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum der Arbeit stehen Fragen von Beobachtung, Authentizität und narrativer Kontrolle. Wer erzählt eine Geschichte, wenn die Kamera jeder Bewegung folgt? Shyamalan nutzt die medial vermittelte Perspektive, um Misstrauen in die eigenen Sinne zu säen und zugleich die Konstruktion familiärer Identität offenzulegen. Die Kamera wird zum instrumentellen Subjekt - sie dokumentiert, selektiert und verzerrt.

Ein weiteres Motiv ist die Kluft zwischen Generationen - nicht als plakative Konfrontation, sondern als Reihe feiner Insuffizienzen und Missverständnisse. Die Großeltern erscheinen zunächst als vertraute Figuren, doch je genauer der Blick wird, desto mehr verlagert sich die Wahrnehmung in den Bereich des Unheimlichen. Daraus ergibt sich eine psychologische Tiefe: Angst entsteht nicht aus dem Übernatürlichen an sich, sondern aus dem Versagen, vertraute Sinnzusammenhänge aufrechtzuerhalten.

Schließlich thematisiert der Film die Macht der Bildproduktion selbst. In einer Kultur, die privateste Momente in Bildform konserviert und verbreitet, stellt The Visit die Frage nach der Zuverlässigkeit solcher Dokumente. Die Form wird hier zum Träger philosophischer Reflexionen über Wahrheit, Performance und das menschliche Bedürfnis, Unordnung narrativ zu ordnen.

Filmkritik von Peter Osteried

Wenn Geschwister wildfremde Großeltern besuchen: The Visit

Nach den Erfahrungen mit seinen letzten großbudgetierten Filmen, bei denen ihm auch der Final Cut vorenthalten wurde, wollte M. Night Shyamalan wieder die volle Kontrolle. Der Weg dazu ist ein mit Mikrobudget produzierter Film, der von dem darauf spezialisierten Profi Jason Blum produziert wurde. Die Erfolgsformel ist denkbar einfach: Kleines Budget, eine gruselige Geschichte, ein bekannter Name. Hier ist dieser Name nicht vor, sondern hinter der Kamera zu finden. The Visit ist Shyamalans Show, hier kann, hier muss er beweisen, dass mehr in ihm steckt, als das letzte Jahrzehnt seines Schaffens befürchten lässt.

Die Geschwister Becca und Tyler haben ihre Großeltern noch nie gesehen, weil sich diese schon vor ihrer Geburt mit ihrer Mutter zerstritten hatten. Aber nun wollen die alten Herrschaften gerne ihre Enkel kennen lernen. Eine Woche verbringen die Geschwister bei den Großeltern. Alles fängt harmonisch an, doch manches macht stutzig. So erklärt der Großvater, dass die Kinder nach 21.30 Uhr das Zimmer nicht verlassen sollen. Natürlich tun sie es, und erleben ihre Großmutter auf höchst irritierende Art und Weise. Immer mehr häufen sich die Hinweise, dass mit den alten Leuten etwas nicht stimmt. Aber sind sie auch gefährlich?

The Visit ist ein gänzlich anderer Film, als man ihn von Shyamalan erwarten würde. Nicht nur des Budgets wegen, auch aufgrund der Umsetzung. Er hat einen dokumentarischen Stil gewählt. Es ist die Kamera der beiden Kinder, mit denen die Geschichte erzählt wird, inklusive aller damit einhergehenden Probleme. Die wackelnde Kamera hält sich weitestgehend zurück, das Herumschleppen derselben, wenn es ums nackte Überleben geht, sprengt die Logik. Das gilt auch für so manch andere Szene, aber man ist gewillt, das Shyamalan nachzusehen.

Denn sein kleiner Gruselstreifen, der auf übernatürlichen Schnickschnack verzichtet, aber dennoch mit viel Atmosphäre punkten kann, ist durchaus ansehnlich. Die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut, die nächtlichen Eskapaden der alten Leute werden immer bedrohlicher. Aber das funktioniert nur ein Stückweit. Oder anders gesagt: nur für einen Teil des Publikums.

Das ist nämlich die Crux von The VIsit. Gerade die ältere Dame spielt absolut übertrieben. Das grenzt nicht nur ans Irrsinnige, das dringt ins Reich des Lachhaften vor. Dementsprechend ergeben sich Szenen unfreiwilliger Komik, die gerade dann zum Greifen kommen, wenn eigentlich Schocks überwiegen sollen. Genre-Neulinge werden hier sicherlich mehr so reagieren, wie es Shyamalan vorschwebt, alte Hasen schmunzeln oder lachen gar. Das mag nicht intendiert sein, sorgt aber auch für Unterhaltungswert, so dass man am Ende konstatieren kann: Der große Hit ist The Visit nicht geworden, auf die eine oder andere Art gefällt er aber.

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