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Life

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kritiken.de Redaktion 24.09.2015
Life© Universum Film / SquareOne Entertainment
A ca. 1660 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Life - Die Fotografie des Mythos: Intimporträt von Ruhm und Selbstinszenierung im Schatten der Ikone

Einleitung

Anton Corbijns Life, veröffentlicht am 24.09.2015, setzt sich mit dem Pars pro toto der amerikanischen Nachkriegsikone auseinander - dem Bild, das einen Menschen überdauert. Der Film erzählt nicht primär von den Sternstunden einer Karriere, sondern von den Momenten, in denen Bild und Person einander formen und verformen. In einer Zeit, in der soziale Medien die Konstruktion öffentlicher Selbstdarstellung in Echtzeit ermöglichen, wirkt der Blick zurück auf die Geburtsstunden moderner Celebritykultur überraschend aktuell und anschlussfähig.

Für Corbijn ist Life kein Bruch, sondern eine Fortführung seines künstlerischen Interesses an Bildidentitäten. Der niederländische Regisseur, selbst Fotograf und Videokünstler, nähert sich dem Stoff mit der Gelassenheit eines Bildenden, der die Metapher des Fotos nicht nur thematisiert, sondern als strukturelles Prinzip des Films nutzt. Hier geht es weniger um biografische Chronologie als um die problematische Intimität zwischen Objektivität und Selbstinszenierung.

Der gesellschaftliche Kontext, den der Film evoziert, ist der einer aufkommenden Massenmediengesellschaft - Life Magazine als Katalysator eines neuen öffentlichen Blicks. Corbijns Adaption rückt die Frage in den Vordergrund, wie Fotografen, Journalisten und Schauspieler an der Konstruktion von Helden mitwirken - und welche persönlichen Dynamiken dabei oft im Verborgenen bleiben. Das macht Life zu einem Film, der zugleich retrospektiv und zutiefst gegenwärtig liest.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Anton Corbijn, der sich als Bildgestalter einen Namen gemacht hat - nicht nur mit Musikvideos und Plattencovern, sondern auch mit Spielfilmen wie Control. Seine Handschrift ist von einem fotografischen Auge geprägt: durchdachte Kompositionen, eine Vorliebe für reduzierte Farbigkeit und eine Kameraführung, die Stillstand und Bewegung gegeneinander ausspielt. Life folgt diesem Prinzip und integriert zugleich tatsächliche fotografische Praxis in die filmische Erzählung.

Die Produktion inszeniert einen eng umrissenen Zeitraum und schafft damit einen intimen Kosmos, der mehr an ein Schauspielerporträt denn an ein klassisches Biopic erinnert. Als Period Piece bemüht sich der Film um einen authentischen, nicht überästhetisierten Eindruck der 1950er Jahre - in Ausstattung, Kostüm und Lichtführung. Diese handwerkliche Zurückhaltung ist Teil der ästhetischen Strategie: Nicht die Historisierung dominiert, sondern die Arbeit am Bild als Existenzform.

Im Werk Corbijns nimmt Life die Position eines Essays ein - formal kontrolliert, narrativ fokussiert auf Begegnung und Beobachtung. Er verknüpft seine fotografische Perspektive mit filmischen Mitteln, um einen Raum zu öffnen, in dem das Entstehen von Ikonen als Prozess sichtbar wird.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Robert Pattinson übernimmt die Rolle des Fotografen Dennis Stock und bringt die zurückhaltende, aufmerksame Körperlichkeit mit, die diese Figur verlangt. In ihm liegt das Prinzip des Beobachters - nicht unsichtbar, aber distanziert genug, um Bild und Subjekt gleichermaßen wahrzunehmen. Die Darstellung setzt mehr auf Nuance und Blicke als auf explizite Gesten.

Dane DeHaan verkörpert James Dean, wobei seine Interpretation weniger die filmische Legende beschwört als die fragile, widersprüchliche Person dahinter. DeHaan arbeitet mit einer Spannung zwischen charismatischer Präsenz und verletzlicher Verletztheit, wodurch der ikonische Typus als psychisches Gesamtgebilde lesbar wird. Diese Balance ist zentral für das Verhältnis von Bild und Selbst, das der Film auslotet.

Joel Edgerton und Ben Kingsley treten in tragenden Nebenrollen auf und fungieren als Knotenpunkte im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld der Protagonisten. Ihre Figuren sind weniger Monumente als funktionale Gegenpole - sie ordnen, moderieren und setzen Rahmenbedingungen für die Bildproduktion. Das Ensemble vervollständigt ein Geflecht aus Kolleginnen, Geschäftspartnern und Angehörigen, das die Produktionsbedingungen von Ruhm sichtbar macht.

Handlung (spoilerfrei!)

Life konzentriert sich auf die Beziehung zwischen einem Fotografen und seinem Sujet in einer Phase des Aufbruchs. Im Zentrum steht die Begegnung und die daraus erwachsende Arbeitsbeziehung - ein Prozess des Sich-Annäherns, des Aushandelns von Intimität und Distanz. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus äußeren Ereignissen als aus internen Spannungen: Wer hat das Recht, ein Bild zu machen, und in welchem Maße verändert das Abbild die Person?

Die zentralen Figuren sind der Fotograf als suchender Beobachter und die aufsteigende Berühmtheit als ambivalentes Objekt - einmal offen, einmal verschlossen. Der Film verzichtet auf heroische Zuspitzungen und setzt stattdessen auf eine behutsame Spannung, die aus Blicken, Pausen und dem Ambivalenzraum zwischen Kamera und Subjekt entsteht. Ton und Atmosphäre bleiben nüchtern, fast dokumentarisch, ohne die cinematischen Möglichkeiten eines Spielfilms zu verleugnen.

Zentrale Themen und Motive

Im Mittelpunkt von Life stehen Fragen nach Authentizität, Verantwortung und der Genese von Ikonen. Der Film thematisiert die Produktion von Bildern als ethischen Akt - ein Akt, der Machtverhältnisse sichtbar macht und befragt. Fotografie wird hier nicht nur als Technik verstanden, sondern als soziale Praxis, die Identität formt und narrativisiert.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Dialektik von Stille und Bewegung - das eingefrorene Foto versus das fließende Leben. Corbijn lotet aus, wie ein einzelnes Bild Kontinuitäten und Brüche erzeugen kann, wie es einen Menschen einfriert und gleichzeitig eine Geschichte erzählt. Eng damit verknüpft ist die Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Inszenierung - das Bild des rebellischen jungen Mannes als kulturelles Konstrukt, das von Fotografen, Redakteuren und dem Publikum gleichermaßen hergestellt wird.

Schließlich denkt der Film über Zeit nach - über Vergänglichkeit, über den Moment, in dem ein Bild zum Andenken wird, und über die Diskrepanz zwischen medialer Dauer und menschlicher Zerbrechlichkeit. Diese Reflexionen machen Life zu einem Werk, das weniger Biografie abarbeitet als die Bedingungen des Sichtbarmachens selbst hinterfragt - ein Film über das Blickfeld, seine Mechanik und seine Folgen.

Filmkritik von Andreas Köhnemann

Ein junger Mann flaniert über den regennassen Times Square in New York City. Den Mantelkragen hat er hochgeschlagen, seine Hände tief in den Taschen des langen, schwarzen Mantels vergraben. Die Haare sind zerwühlt, der Blick ist vieldeutig – und im Mundwinkel hängt lässig eine Zigarette. Die Schwarz-Weiß-Fotografie, die dieses Motiv zeigt, stammt von Dennis Stock; sie entstand im Jahre 1955 für das "Life"-Magazin als Teil einer Fotoserie über einen aufstrebenden Schauspieler. Der damals 24-Jährige, der auf den Bildern zu sehen ist, sollte kurze Zeit später zur Legende und zum Inbegriff adoleszenter Coolness werden: James Dean – geboren im Februar 1931 in Indiana, gestorben im September 1955 in Kalifornien und bis heute in aller Welt unvergessen.

Der Film "Life" ist kein klassisches James-Dean-Biopic. Vielmehr wird die Entstehungsgeschichte der Bilderstrecke mit zwei Charakterstudien verbunden. Das Drehbuch von Luke Davies ("Candy – Reise der Engel") widmet sich der Stimmung, die Mitte der 1950er Jahre im US-Showbusiness herrschte – den damaligen Trends, der Mentalität, den Arbeitsbedingungen. Überdies gewährt es Einblick in die körperliche sowie geistig-seelische Verfassung der beiden Männer, die vor beziehungsweise hinter der Kamera an dem Fotoprojekt beteiligt waren. In Szene gesetzt wurde das Ganze von dem Niederländer Anton Corbijn, der insbesondere aus zwei Gründen die perfekte Wahl für diesen Job war: Zum einen hatte er sich einst als freier Fotograf durch die Ablichtung von Rockstars wie den "Rolling Stones" oder "U2" einen Namen gemacht; zum anderen hatte er sich in seinem eindrücklichen Langfilmdebüt "Control" (2007) – angesiedelt in den ausklingenden Nineteen-Seventies – mit dem ebenfalls viel zu kurzen Leben des "Joy Division"-Sängers Ian Curtis beschäftigt. Somit war bei Corbijns Herangehensweise sowohl ein feines Gespür für die Herausforderungen des Fotografenberufs garantiert – als auch eine Sensibilität in der kinematografischen Darstellung einer vergangenen Ära sowie eines kreativen, doch zugleich destruktiven Jungtalents.

Und wiewohl das Endergebnis nur in wenigen Momenten an die Intensität von "Control" heranzureichen vermag, ist aus "Life" ohne Zweifel jenes sehenswerte Period- und Character-Piece geworden, das man erwarten durfte. Auf hohem Gestaltungsniveau wird die Mitte des 20. Jahrhunderts auf der Leinwand zum Leben erweckt; es wird bedenkenlos gequalmt – und beschwingt zu Songs aus der Jukebox getanzt. Zudem wirft der Film ein Streiflicht auf die Hollywood-PR-Maschinerie der damaligen Zeit, in der die großen Studios wie Warner Bros. die Images ihrer Stars noch gänzlich kontrollierten. "You gotta play the game", heißt es an einer Stelle in "Life" – doch James Dean war ein rastloser Mensch, der dieser Maxime nicht immer zu folgen bereit war.

Die Wankelmütigkeit des begabten Schauspielers ist es auch, die Dennis Stock bei der Zusammenarbeit beinahe zur Verzweiflung bringt. Stock wird als ehrgeiziger Fotograf eingeführt, der von seinen üblichen Aufträgen am roten Teppich oder auf Film-Sets gelangweilt ist und nach etwas Anspruchsvollem sucht, das ihm Anerkennung als Künstler verschaffen kann. Als er Dean auf einer Party des Regisseurs Nicholas Ray kennenlernt und später ein Vorab-Screening zu Elia Kazans "Jenseits von Eden" mit Dean in der Hauptrolle sieht, erkennt er das Potenzial des jungen Rebellen – bezeichnet ihn gar als "a symbol of a new movement". Mit Hartnäckigkeit versucht er deshalb, Dean zu einem Foto-Essay zu überreden. Es gehört dabei zu den reizvollen Ideen dieses Films, dass der verbissene Fotograf von Robert Pattinson gegeben wird. Denn durch die Verkörperung des Vampirs Edward Cullen in der "Twilight Saga" (2008-2012) ist dieser selbst zum Objekt eines Celebrity-Kults geworden – stets verfolgt von Paparazzi. Es gelingt Pattinson hier, die Dringlichkeit zu vermitteln, die das Projekt für Stock hat – und auch dessen Privatprobleme glaubhaft zu zeigen: Der Fotograf hat all seine Kraft in die Arbeit investiert und darüber seine Familie zerstört. Die Szenen zwischen Pattinson und seinem kleinen Film-Sohn Rodney (Jack Fulton) sind schmerzhaft.

Auch Dane DeHaan vollführt als James Dean eine gute Leistung – wenngleich sein Spiel eher eine einwandfreie Aneignung der (Körper-)Sprache des Jungschauspielers ist und weniger eine eigenständige Interpretation. Als zorniger Teenager in Derek Cianfrances "The Place Beyond the Pines" hatte DeHaan im Jahre 2012 eine inbrünstige Performance geliefert, die Deans Wesen womöglich besser einzufangen wusste als die makellose Imitation von dessen Sprechweise und Bewegungen, die DeHaan nun in "Life" präsentiert. Dennoch verfehlt die Darstellung durchaus nicht ihre Wirkung: Man möchte nach der Sichtung des Films sofort zur James-Dean-DVD-Kollektion greifen, da die Faszinationskraft – die einnehmende "awkwardness" – des jungen Mannes in Erinnerung gerufen wird. Seine stärksten Momente hat DeHaan in den Passagen auf dem Bauernhof in Fairmount/Indiana, auf welchem Dean Teile seiner Kindheit verbrachte und auf den er gemeinsam mit Stock vor dem städtischen Publicity-Zirkus flüchtet.

Alles in allem ist "Life" ein ergreifendes Porträt zweier Männer mit (über-)großen Ambitionen. Der Film verzichtet auf wuchtige Dramatik, ist stattdessen von einer Melancholie durchdrungen, zu der hin und wieder eine leise Komik hinzukommt: ein schönes Werk über Ehrgeiz, Einsamkeit und die Entstehung einer Ikone.

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