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Malavita – The Family

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kritiken.de Redaktion 21.11.2013
Malavita – The Family© Universum Film GmbH
A ca. 1679 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Malavita - The Family: Mafiaexil als amerikanische Satire und Identitätsschau im postmodernen Genre-Mix

Einleitung

Malavita - The Family ist ein Film, der sich als Schnittstelle zwischen Gangsterikonographie und suburbaner Farce versteht. In der Verknüpfung von Hollywood-Besetzung und französischer Produzentenhand schlägt er einen Ton an, der zugleich nostalgisch auf das Gangsterkino zurückblickt und dessen Motive in eine moderne, transatlantische Umgebung überführt. Die Relevanz des Films liegt weniger in einer Neuerschaffung des Genres als in seiner reflexiven Rückwendung auf dessen Ikonen und Klischees - ein Projekt, das von der Präsenz etablierter Stars wie Robert De Niro und Michelle Pfeiffer profitiert, zugleich aber deren tradierten Rollenbilder kommentiert.

Im Werk des Regisseurs fungiert Malavita als ein Moment der Konvergenz: hier treffen Pop-Ästhetik, ironische Distanz und kommerzielles Erzählkino aufeinander. Der Film wirkt wie ein bewusst inszenierter Spagat zwischen Genrekonvention und ironischer Brechung, in dem Gewaltästhetik, Familienkomödie und Undercover-Thriller in wechselnden Tönen erklingen. Diese Form der Hybridisierung ist charakteristisch für Regisseure, die zwischen europäischem Kino und Hollywood-Mechaniken navigieren, und macht das Projekt zu einem interessanten Untersuchungsfeld für Fragen nach Authentizität, Adaptation und kulturellem Export.

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Diskurse über Integration, Identität und medial vermittelte Gewalt erscheint Malavita als ein Spiegelbild unserer Gegenwart, in dem das moderne Exil - nicht nur geografisch, sondern auch sozial und kulturell - filmisch verarbeitet wird. Die Entscheidung, eine mafiöse Familie in die amerikanische Provinz zu verlegen und dort auf Normalität treffen zu lassen, eröffnet einen Raum für Beobachtungen über Anpassungserwartungen, Maskenspiel und die Unauflösbarkeit historischer Prägungen.

Kurzüberblick zur Produktion

Malavita entstand als französisch-amerikanische Koproduktion unter der Ägide von EuropaCorp, dem Produktionsunternehmen, das mit einem international ausgerichteten Portfolio operiert. Die Produktionsbedingungen verbinden europäische Produktionslogiken mit dem Erfordernis, einen internationalen Markt zu bedienen - eine Konstellation, die sich im filmischen Ton niederschlägt. Budgetäre Rahmendaten und genaue Studiovereinbarungen ordnen den Film in die Klasse moderater, aber ambitionsreicher Genrefilme ein, die auf Starpower und internationale Vermarktbarkeit setzen.

Die Handschrift des Regisseurs zeigt sich in der nebeneinanderstellung von eleganter Bildkomposition und einem präzisen Gespür für Momentaufnahmen komischer und gewalttätiger Lakonik. Kinematographisch und rhythmisch spielt der Film mit Kontrasten - ruhige suburbanen Tableaus werden von plötzlichen Gewalteinbrüchen oder ironischen Entgleisungen durchbrochen. Innerhalb des Gesamtwerks des Regisseurs markiert Malavita eine Position, die das Populäre nicht nur bedient, sondern in seiner Selbstreferenzialität auch kritisch befragt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Robert De Niro, dessen Name unausweichlich mit dem klassischen amerikanischen Gangsterfilm verbunden ist, trägt in Malavita die Erfahrung dieser Filmgeschichte als schichtbare Präsenz mit sich. Seine Figur wird nicht nur als krimineller Kopf inszeniert, sondern fungiert zugleich als Träger nostalgischer Signale an ein Publikum, das das Genre mit De Niros Bild verknüpft. Michelle Pfeiffer, ebenfalls mit einer langen Filmografie im Rücken, spielt die ambivalente Ehefrau - eine Rolle, die domesticity und latent gefährliche Autonomie verbindet.

Tommy Lee Jones übernimmt die Rolle des unerschütterlichen Vollstreckers - ein Agententypus, der durch stoische Kälte und institutionelle Unnachgiebigkeit besticht. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller wie Dianna Agron und John D'Leo stehen für die Generation, die zwischen Assimilation und Rebellion balanciert. Ergänzt wird das Ensemble durch Darsteller, die Genreassoziationen nähren - Veteranen des Mafia-Genres sowie europäische Schauspieler, die den Film in seiner transnationalen Lesart verankern.

Handlung (spoilerfrei!)

Die narrative Anlage von Malavita ist einfach und doch reich an Kontrasten: Eine ehemals mächtige Mafiafamilie wird ins Zeugenschutzprogramm geschickt und ins scheinbar ruhige amerikanische Vorstadtleben verpflanzt. Dort versuchen die Familienmitglieder, eine normale Identität anzunehmen, während Erinnerung, Loyalität und die Strukturen ihrer kriminellen Vergangenheit fortwährend kollidieren mit der Erwartung von Anpassung und Anonymität. Der dramatische Konflikt entsteht aus dieser Spannung zwischen begonnenem Neuanfang und der Unmöglichkeit, das eigene Selbst und das familiäre Erbe vollständig abzulegen.

Im Zentrum stehen dabei die Interaktionen innerhalb der Familie - ihre Versuche, Rituale der Normalität zu imitieren - und die unvermittelten Begegnungen mit einer Außenwelt, die gleichermaßen fasziniert und abstoßend wirkt. Der Ton des Films oszilliert zwischen lakonischer Komik und einem unterschwelligen Drohpotential; die Atmosphäre ist von einer ironischen Distanz durchzogen, die gewohnt gewalttätige Motive in einen neuen, oft absurden Kontext rückt.

Zentrale Themen und Motive

Malavita richtet seinen Blick auf Fragen nach Identität, Loyalität und der performativen Natur von Normalität. Der Film fragt danach, inwieweit soziale Rollen erlernt oder abgelegt werden können, und wie sehr kollektive Vergangenheit das Individuum prägt. Es geht um die Dialektik von Maskenspiel und Wahrhaftigkeit - um das Paradox, dass das Streben nach Unsichtbarkeit die Figuren immer wieder in neue Formen der Auffälligkeit treibt.

Philosophisch lässt sich das Werk als Auseinandersetzung mit Exil und Heimatrelation lesen: Exil hier als Zustand der kulturellen Entwurzelung, aber auch als Bühnenraum, in dem Identitäten repliziert und neu verhandelt werden. Gesellschaftlich berührt der Film Fragen der Integration - nicht nur im ethnischen Sinn, sondern als Spannung zwischen Subkultur und Mehrheitsgesellschaft. Psychologisch interessiert er sich für die Mechanik familiärer Bindungen unter Druck - wie Loyalität unter externem Zwang stabilisiert, gebrochen oder ritualisiert wird.

Insgesamt positioniert sich Malavita als ein Reflexionsraum über Genre, Erinnerung und die Mechanismen filmischer Legendenbildung. Die bewusste Arbeit mit Ikonen des Gangsterkinos, die Mischung aus Komik und Gewalt sowie die Ortsverlagerung ins amerikanische Vorstadtidyll schaffen eine balancierte Plattform für Beobachtungen über die Verfertigung von Identität in Zeiten medialer und kultureller Mobilität.

Filmkritik von Mattes Teschabai

Die Mob-Aristokratie ist Tony Soprano ins Fernsehen gefolgt und dem Kino bleiben nur die Abziehbilder, die durch verlassene Genre-Welten alter Legenden hasten. Daran ändert auch Stilist Luc Besson erstmal nichts. Er schickt einen ehemaligen New Yorker Mafia-Boss samt Familie in die Normandie, ins Zeugenschutzprogramm. Sein Versuch das Genre als humorigen Culture-Clash aufleben zu lassen, krankt an abgedroschenen Ideen und einer unterirdischen Dramaturgie. Trotzdem ist dem Film in all seiner Überflüssigkeit eine elegische Liebenswürdigkeit abzugewinnen. Robert DeNiro und Michelle Pfeiffer geben sich als Gangstergatten angenehm resigniert, sichtlich gealtert und haben in Tommy Lee Jones als FBI-Aufpasser ein ebenso vom Leben gezeichnetes Gesicht gegenüber. Zusammen lassen sie sich die südfranzösische Abendsonne auf die ratlosen Bäuche scheinen und stimmen inmitten dieser mittelmäßigen Action-Komödie stellenweise still zum würdevollen Abgesang an.

Von New York in die Normandie. Giovanni Manzoni (Robert DeNiro) hat gegen seinen eigenen Clan ausgesagt und ist nun nicht mehr Kopf der Brooklyner Cosa Nostra, sondern pilgert mit seiner Familie unter wechselnden Namen durch Südfrankreich. Von Attentätern verfolgt und neugierigen Franzosen genervt versucht Giovanni Manzoni seinem Exil einen Sinn zu geben und schreibt seine Memoiren. Der Rest der Familie kann sich nicht hinter der Schreibmaschine verstecken: während Gattin Maggie (Michelle Pfeiffer) sich mit nasal tuschelnden Supermarktverkäufern und gehässigen Priestern herumschlägt, müssen Tochter Belle (Dianne Agron) und Sohn Warren (John D´Leo) in der Schule auf echte Mob-Routine zurückgreifen, um nicht unter die Räder zu kommen. Zwischen leisen Integrationsbemühungen und gediegenen Wutausbrüchen versucht die Familie sich einen Alltag in der Gemeinde aufzubauen, doch nicht nur dem immer nahen FBI-Bewährungshelfer Stansfield (Tommy Lee Jones) ist bewusst, dass das beste New Yorker Killerkommando hinter der Familie her ist und sie wohl früher oder später finden wird.

„Was ist das Ziel der Therapie? Ein glücklicher, angepasster Gangster zu werden?“ Billy Crystal und Robert DeNiro markieren in „Reine Nervensache“ einen populären Höhepunkt der Mafia-Parodie und beleuchten in bester Screwball-Manier die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der psychologischen Integration des Gangsters. In Harold Ramis waren die gegensätzlichen Lebenswelten eines bürgerlichen Psychiaters und eines großbürgerlichen Mobsters pointiert aneinander ausgerichtet und genau das kann man von Luc Bessons neuem Werk nicht sagen. Französische Plattitüden treffen auf Gangsterklischees, die Figuren sind nur oberflächlich ausgearbeitet, sodass überhaupt kein wirklicher Kontakt entstehen kann. Was wir an Charakteristika erfahren, serviert Besson uns in gezwungen poppig wirkenden Rückblenden oder unvermittelt aufschmetternden Action-Sequenzen, die den ansonsten eher plätschernden Ton des Films unterbrechen.

Der Plot steckt über die Länge des Films in der Exposition und springt gegen Ende zur plötzlichen Katastrophe. Garniert wird das Ganze durch kleinere Schulprügeleien der Kinder, Belles Affäre mit einem Mathelehrer und ein paar unmotivierten Explosionen. Die einzelnen Teile haben dabei so wenig miteinander zu tun, wie die Figuren mit ihrem Setting und im Grunde wird keiner der vielen kleinen Konflikt vorbereitet, durchdacht oder zu Ende geführt. Luc Besson dreht einfach alle paar Minuten die Musik laut und flüchtet in die Überinszenierung. Die Handlung bleibt sich selbst bis zum Schluss fremd. „Das Fünfte Element“ gewann in seiner fantastischen Überdrehtheit und seinem liebevollen Design, „Leon – Der Profi“ bestach durch Pathos, Einfachheit und Stringenz – in „Malavita“ ist Besson innerhalb eines eher unauffälligen Settings allein mit einer handvoll unorigineller Figuren. Doch er kann sich glücklicherweise auf seine Darsteller und seinen langjährigen Kameramann Thierry Arbogast verlassen, die dem ziellosen Film doch noch eine Stimmung geben.

Während Dianne Agron („Glee“) und John D´Leo überzogen trocken und in den emotionalen Szenen dann unmotiviert dramatisch wirken, geben die Allstars eine interessante Performance. Michelle Pfeiffer verleiht ihrer aufgekratzten Maggie eine stoische Würde, einen durchdringenden Blick und ein paar wunderschön ehrwürdige Krähenfüße. Robert DeNiro legt seine Rolle entspannt unaufdringlich an und schafft gerade in den stillen Szenen am Schreibtisch eine versöhnliche Atmosphäre. Die Gespräche zwischen ihm und Bewährungshelfer Tommy Lee Jones sind zwar nicht erleuchtend, doch schafft Arbogast mit sanft ausgeleuchteten Großaufnahmen der ikonischen Gesichter eine ruhige Wehmut. In ein paar Momenten glänzt dann auf, was Besson vielleicht zeigen wollte: ein paar Cowboys vergangener Zeiten, die nicht mehr wissen, wo sie hinreiten sollen, weil es keine Prärie mehr für sie gibt, keine Filme, in denen sie Zuflucht finden. Dieses Thema hat Anton Corbijn zuletzt in „The American“ hervorragend bearbeitet.

Doch anstatt einen humorigen Abgesang durchzuziehen, verliert sich Besson in seiner Inszenierung und seinen schön komponierten Bildern. Gegen Ende bläst er so tüchtig ins Rolandshorn, dass man zumindest ein bodenlos tragisches Finale à la „Léon“ erwarten könnte. Doch auch das wird nicht wirklich was. Außer der sanften Abendsonne erinnert leider wenig an Michael Corleones malerisches Exil auf Sizilien in „Der Pate“. Und auch sonst bleiben neben ein paar Attentätern in Anzug und Hut und einem öffentlichen Filmgespräch über „Goodfellas“ in einem südfranzösischen Kino-Club die Verneigungen vor dem Genre doch eher gering. Am Ende fährt die Familie mit kleiner werdenden Scheinwerfern ins weite Dunkel der Nacht. Dann erscheint in den Credits auch noch Martin Scorsese als geschäftsführender Produzent und wir verlassen den Kinosaal mit dem Gefühl, dass die letzten cineastischen Phantome der klassischen Mafia-Kultur nun schlussendlich ins Niemandsland entlassen wurden.

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