Getaway - Autopoetik der Flucht: Geschwindigkeit, Kontrolle und die Einsamkeit des Fahrers in der Stadt
Einleitung
Getaway tritt als ein filmisches Kapitel in der langen Geschichte des Fluchtkinos auf, das sich weniger durch erzählerische Originalität als durch seine präzise Inszenierung von Bewegung und Zwang profiliert. Der Film bietet einen Blick auf das zeitgenössische Actionkino, in dem das Auto nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern Mittel der Überwachung, Erpressung und Identitätsanzeige wird. Insofern ist Getaway nicht allein ein Verfolgungsfilm, sondern eine Studie darüber, wie moderne Technik und ökonomische Zwänge individuelle Handlungsoptionen aushöhlen.
Als Erscheinung aus dem Jahr 2013 lässt sich Getaway in eine Phase der populären Kultur einordnen, in der digitale Kontrolle und die permanente Vernetzung zunehmend als dramaturgischer Motor fungieren. Die Figur des unter Druck gesetzten Fahrers, der auf Anweisungen aus dem Off reagiert, spiegelt Ängste gegenüber Entmündigung durch anonymisierte Systeme, zugleich aber auch die Ästhetik der Beschleunigung, die das Jahrzehnt prägt. In dieser Balance zwischen mechanischer Wucht und psycho-sozialer Ohnmacht liegt die Relevanz des Films.
Innerhalb der Biographien der Beteiligten markiert Getaway einen interessanten Schnittpunkt: Für Ethan Hawke bedeutet die Rolle eine Abkehr von dem intellektuellen Arthouse-Image hin zu einem geradlinigen Actionpart, für Selena Gomez einen weiteren Schritt aus dem Popstar- und Jugendfernsehkontext in ein erwachseneres Rollenspektrum. Regisseurisch steht der Film für die Fortsetzung eines Trends, Genrehochglanz mit bodenständigen Produktionsbedingungen zu verknüpfen, womit er exemplarisch für Transatlantisches Drehen in Osteuropa steht.
Kurzüberblick zur Produktion
Getaway wurde als US-Bulgarische Produktion realisiert und nutzte die infrastrukturellen Vorteile von Dreharbeiten in Bulgarien: wirtschaftliche Effizienz, vielseitige Locations und erfahrene lokale Crews. Diese Rahmenbedingungen erlaubten es, aufwendig inszenierte Fahrsequenzen und praktische Effekte zu verwirklichen, ohne die Budgets von Majorstudios erreichen zu müssen. Die Wahl der Drehorte wirkt in der filmischen Oberfläche wie ein bewusstes Spiel mit Verortung: Vertraute amerikanische Motive werden in exotisierten, aber überzeugenden Kulissen nachgestellt.
Regisseur Courtney Solomon, der in seinem bisherigen Werk bereits die Ambition gezeigt hat, große Genreformen zu adaptierten und mit brachialer Bildsprache zu arbeiten, setzt bei Getaway auf eine kompakte, handlungsgetriebene Struktur. Seine Handschrift zeigt sich weniger in ausgeprägtem Autorenstil als in der Ausrichtung auf klare Genrecodes: Tempo, Eskalation und eine stringente Inszenierung von Räumen und Vehikeln. Die filmischen Mittel konzentrieren sich auf Innenaufnahmen der Kabine, pointierte Close-ups und eine Montage, die das Gefühl permanenter, unvermittelter Bedrohung erzeugt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Ethan Hawke tritt in Getaway in eine Rolle, die ihn als physisch belastbare, zugleich innerlich strapazierte Figur zeigt. Bekannt geworden durch intellektuelle und dialoglastige Arbeiten wie in Richard Linklaters "Before"-Trilogie, verschiebt Hawke hier seine Präsenz in Richtung eines archetypischen Actionprotagonisten: ein Mann, dessen fachliches Können - Fahrkunst, schnelle Entscheidungen - ihm kurzfristig Handlungsmacht verleiht, dessen persönliche Vorgeschichte aber weiterhin wie ein Schatten mitschwingt.
Selena Gomez bringt ihre Popkultur- und TV-Herkunft in eine Figur ein, die durch Ambivalenz lebt: jung, kompetent im Umgang mit moderner Technologie, und dennoch aufgeladen mit einer Unschärfe in Bezug auf Motivation und Loyalität. Diese Gegensätze werden dramaturgisch genutzt, um die Interaktion zwischen den beiden Hauptfiguren zu akzentuieren und das Thema Vertrauen unter Zwang zu thematisieren.
Jon Voight, Paul Freeman und Bruce Payne fungieren als vertraute Gesichter, die dem Geschehen ein Gefühl von institutioneller oder krimineller Gravität verleihen. Voights Präsenz steht für eine ältere, setzt man hinzu: einflussreiche Generation, deren Erfahrung einen Kontrapunkt zu den impulsiven, körperlichen Lösungen der jüngeren Figuren bildet. Die übrigen Darsteller, darunter bulgarische Schauspieler, tragen zur räumlichen und atmosphärischen Authentizität bei.
Handlung (spoilerfrei!)
Getaway erzählt von einem Mann, der plötzlich in eine Zwangslage gerät: Unter dem Druck einer Fremdmacht muss er ein leistungsstarkes Fahrzeug nutzen, um eine Reihe von Vorgaben zu erfüllen. Ein unsichtbarer Auftraggeber bestimmt Strecke und Tempo, wobei kleine Siege und neue Bedrohungen jeweils die Lage verschärfen. Unterstützt oder überwacht wird der Fahrer von einer jungen, technisch versierten Begleiterin, deren Verhältnis zu ihm zwischen Kooperation und Geheimhaltung oszilliert.
Der dramatische Konflikt entsteht aus der Konstanten des Zwanges: Der Protagonist verfügt über fahrerisches Können, aber nicht über die vollständige Deutungshoheit über die Situation. Die Handlung entfaltet sich streng zeitlich strukturiert, getrieben von Fristen, Kontrollmechanismen und der Notwendigkeit, auf sich verändernde Gefahren zu reagieren. Tonal ist der Film auf Spannung und Dynamik angelegt; Atmosphäre entsteht weniger durch ausgedehnte Dialoge als durch die permanente Präsenz von Geschwindigkeit, Gehäuse, Asphalt und elektronischer Kontrolle.
Zentrale Themen und Motive
Im Zentrum von Getaway steht die Frage nach Autonomie in einer vernetzten Gegenwart: Wer steuert wen, wenn Entscheidungen durch anonymisierte Instanzen vorstrukturiert sind? Der Film inszeniert das Auto als verlängerten Körper, als Maschine, die sowohl Freiheit verheißt als auch zum Instrument externer Macht wird. Die fahrerische Tätigkeit ist hier Fluchtmechanik und Selbstbehauptung zugleich; der einzelne Mensch wird in seiner Fähigkeit gemessen, unter techno-sozialem Druck handlungsfähig zu bleiben.
Weitere Motive sind Schuld und Sühne, das Älterwerden in einer Kultur, die Geschwindigkeit als Erlösung anbietet, sowie das Ambivalente von technologischer Kompetenz: Sie kann befreien, aber auch instrumentalisieren. Psychologisch interessiert sich der Film für die Verschiebung von Identität durch extreme Situationen; moralisch öffnet er Fragen nach Kollaboration und Widerstand in einem Umfeld, das eindeutige Entscheidungen nicht zulässt.
Formal nutzt Getaway die Optik und das Kinematische des Fahrens, um diese Fragen zu verschärfen: Enge Kameraperspektiven, der Hall des Motors, abrupt geschnittene Übergänge zwischen Innen- und Außenraum erzeugen ein Gefühl der Desorientierung, das dem Protagonisten innewohnt. So wird der Film zu einer Reflexion über moderne Mobilität als Bedingung existenzieller Verunsicherung, ohne dabei narrative Offenbarungen vorwegzunehmen.
Filmkritik von Peter Osteried
Die Verfolgungsjagd ist bei Actionfilmen oftmals das Highlight. Das, woran man sich am meisten erinnert, die ganz große Sequenz zur Mitte oder am Ende eines Films. Denkt man Jahre später an einen bestimmten Film zurück, ist es oftmals diese Actionsequenz, an die allein man sich erinnert. Bei Getaway wird es das nicht geben, der Film ist eine durchgehende Verfolgungsjagd. Aber wenn das Besondere zur Norm wird, dann verliert es seinen Reiz.
Der ehemalige Rennfahrer Brent Magna (Ethan Hawke) wird gezwungen, ein Auto zu stehlen. Der Wagen ist mit Kameras ausgestattet, so dass Brent immer unter Beobachtung steht. Den Auftrag erhielt er von einem Mann, der seine Frau entführen ließ und ihm nun Aufgaben stellt, die er zu erfüllen hat. Gelingt ihm das nicht oder wird er dabei von der Polizei gefasst, wird seine Frau sterben.
Brent rast los und sieht sich einem Pistolenlauf gegenüber, als er mal stehen bleibt: Eine junge Frau richtet die Waffe auf ihn. Brent entwaffnet sie und nimmt sie in seinem Auto mit. Die Stimme fordert, das Mädchen zu töten, aber Brent weigert sich. Ohnehin war dies nur ein Test, denn in den Plänen des geheimnisvollen Mannes spielt auch das Mädchen eine wichtige Rolle. Es beginnt eine Nacht der Geschwindigkeit, in der Brent immer wieder versucht, der Polizei davonzurasen und die gestellten Aufgaben zu erfüllen. Aber kann er wirklich darauf vertrauen, dass seiner Frau nichts passieren wird?
Getaway ist, um ein passendes Bildnis zu bemühen, ein Totalschaden. Ein ausgebranntes Auto, das nur noch entfernt an das erinnert, was es einmal gewesen ist. Oder in diesem Fall: hätte sein sollen. Gedacht war dieser Film als extrem schnelle Actionerzählung, herausgekommen ist halbgarer Murks, der mit nichts punkten kann, noch mit mal mit rasanten Autoverfolgungsjagden. Denn der Film benutzt ständig dieselben Einstellungen – Kameras seitlich des Wagens –, verwackelt das Ganze und ist zudem auch noch so gnadenlos zusammengestückelt, dass man dem Geschehen ohnehin nicht folgen kann.
Aus mehr als 6.000 Schnitten soll der Film bestehen, die Norm stellt ein gutes Viertel davon dar. Die Schnittorgie mag wenigen gefallen, die meisten werden sich einfach verloren fühlen. Denn keine Szene wird entsprechend ausgespielt, nie kann man den Fokus auf ein Ereignis richten. Stattdessen wird gewackelt und gerüttelt, dass man Gefahr läuft, vom Schwindel aus dem Kinosessel gefegt zu werden. Dazu kommt der immense Lärm der hochtourig fahrenden Wagen – man kommt hier schnell an den Punkt, sich die Ohren zuhalten zu wollen.
Weiterer Effekt der Schnittorgie ist, dass die erstaunlich ökonomischen gut 80 Minuten Spielzeit erstaunlich lange wirken. Spannend ist das Ganze nämlich nicht im Mindesten. Zwar gibt es Action und Bewegung am laufenden Band – die Momente des Stillstands sind kurz und kaum erwähnenswert –, aber die hanebüchene Geschichte kann nie involvieren. Man sieht das Gewusel auf den Straßen, bleibt aber vollkommen unbeeindruckt. Am Ehesten denkt man noch darüber nach, wie albern die Geschichte eigentlich ist. Zwar hofft der Film, aufgrund der Rasanz solcherlei Gedanken gar nicht erst aufkommen zu lassen, Erfolg hat er damit aber nicht. Es dauert nur wenige Minuten, bis man den Sinn der Geschichte hinterfragt und merkt, dass es eigentlich keinen gibt. Das geht soweit, dass der Autor Szenen nicht richtig aufgelöst hat, sondern darauf setzt, dass der Zuschauer einfach nicht danach trachtet, die Logik zu hinterfragen. Aber, natürlich, das geschieht. Und wenn man damit erst anfängt, dann zerfällt Getaway immer mehr.
Die Dialoge albern zu nennen, wäre noch untertrieben. Der einzige, der hier eine halbwegs gute Figur macht, ist Ethan Hawke, aber auch seine Figur ist unterentwickelt. Selena Gomez, die sich weiterhin müht, ihr Disney-Image abzulegen, scheitert an dieser Rolle, die nicht zu ihr passen mag, aber auch so halbgar entwickelt ist, dass kaum jemand hier etwas hätte herausholen können. Da ist es schon als Glücksfall anzusehen, dass zwischen Hawke und Gomez ein Mindestmaß an Chemie vorhanden ist. Besonders lachhaft ist der von Jon Voight gespielte Schurke, dessen Motivation den letzten Sargnagel für diesen Film darstellt. Der Epilog von Getaway möchte den Zuschauer mit einem coolen Twist entlassen, er sorgt aber nur für den letzten Lachanfall, bevor sich der Vorhang schließt.
Getaway wäre gerne ein Ferrari, ist aber nur eine lahme Ente, die auf dem Niveau einer durchschnittlichen Folge von Alarm für Cobra 11 agiert. Für die große Leinwand ist das nicht gut genug, dann doch lieber einen weiteren nicht minder hirnlosen, aber dafür zumindest actionreich aufwendigeren Fast & Furious-Teil. Und eine Frage lässt Getaway gänzlich unbeantwortet: Wie viele Menschen sind bei den zahlreichen Karambolagen eigentlich ums Leben gekommen?

