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Saphirblau

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kritiken.de Redaktion 14.08.2014
Saphirblau© Concorde Filmverleih GmbH
A ca. 1626 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Saphirblau - Eine Analyse jugendlicher Sehnsucht und kollektiver Erinnerung im Gewand populärer Fantasy

Einleitung

Saphirblau tritt in die deutschsprachige Kinolandschaft als Fortsetzung eines Phänomens - als filmische Adaption eines erfolgreichen Jugendromans und als nächster Schritt einer bewusst marktorientierten Trilogieadaption. Die Relevanz des Films lässt sich weniger an innovativen Genreprinzipien messen als an seiner Funktion als Spiegel zeitgenössischer Jugendkultur und der Bestandsaufnahme, wie deutsche Produktionsteams internationale Pop-Ästhetiken in heimische Erzählformen überführen.

Innerhalb des künstlerischen Kosmos der Regisseure, die den Stoff verfilmten, zeigt Saphirblau eine Kontinuität in der Arbeit mit jugendlichen Protagonisten und dem Versuch, literarische Vorlagen in filmische Temperamente zu übersetzen. Der Film steht in der Tradition populärer Coming-of-Age-Erzählungen, erweitert diese jedoch um ein erzählerisches Zentrum, das sich mit Zeitlichkeit und Familiengeschichte auseinandersetzt - Themen, die über das Zielgruppenspektrum hinaus Resonanz erzeugen.

Gesellschaftlich ist Saphirblau Produkt einer Ära, in der junge Zuschauerinnen und Zuschauer anspruchsvolle Identifikationsfiguren verlangen: Heldinnen, die nicht nur äußerlich agieren, sondern innere Konflikte, Selbstzweifel und Ambivalenzen durchleben. Die filmische Umsetzung reflektiert damit auch einen Zeitgeist, in dem Produkt- und Fan-Ökonomien literarische Franchises zur Plattform für jugendkulturelle Aushandlungen machen.

Kurzüberblick zur Produktion

Saphirblau wurde von Felix Fuchssteiner gemeinsam mit Katharina Schöde inszeniert - Regisseure, die in der Adaption populärer Jugendromane eine spezifische Handschrift entwickeln, indem sie Figurenpsychologie mit kommerziellen Erzählkonventionen verweben. Ihre Regiearbeit zeichnet sich durch eine klare Figurenorientierung und eine visuelle Ausrichtung aus, die historische Räume und gegenwärtige Jugendlichkeit zueinander in Spannung setzt.

Als deutsche Fantasy-Produktion entstand Saphirblau im Rahmen einer aufwendigen, aber im nationalen Kontext mittleren Budgetierung - das Projekt profitierte von der Finanzierung und Infrastruktur, die seit den 2000er-Jahren verstärkt in Serien- und Franchise-Adaptionen fließen. Auffällig ist die Produktionstechnik: ein Mix aus realen historischen Schauplätzen, sorgfältigen Kostümen und digitalen Effekten, der die literarische Vorlage filmisch greifbar macht, ohne das Erzähltempo zu ersticken.

Im Gesamtwerk der beteiligten Filmschaffenden nimmt Saphirblau die Funktion eines Brückenwerks ein - es ist weniger Avantgarde als Vermittler zwischen literarischer Vorlage, jugendlicher Ästhetik und der Erwartungshaltung eines breiten Kinopublikums. Gleichzeitig markiert der Film einen Knotenpunkt in der deutschen Versuchsanordnung, Genre-Kino für ein jüngeres Publikum zu professionalisieren.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Maria Ehrich als Protagonistin - eine junge Schauspielerin, die die sensible Balance von Unsicherheit und Entschlossenheit in den Vordergrund rückt. Ihre Darstellung fokussiert auf die Innenwahrnehmung der Figur - auf das Erwachsenwerden unter ungewöhnlichen Bedingungen. Jannis Niewöhner ergänzt sie als männlicher Gegenpart - ein Figurenentwurf, der zugleich Vertrautheit und Widerständigkeit ausstrahlt und die romantische Spannungskurve trägt.

Veronica Ferres fungiert als prominente Stütze des Ensembles und bringt die gravitätische Erfahrung einer etablierten Darstellerin in eine Nebenrollen-Konstellation, die zugleich Autorität und Ambivalenz vermittelt. Josefine Preuß tritt mit einem Background in populären Fernsehformaten auf und liefert die weitere Generation junger Darstellerinnen, während Namen wie Rüdiger Vogler, Uwe Kockisch und Katharina Thalbach dem Ensemble historische Tiefe und eine theatralische Gravität verleihen. Kostja Ullmann und weitere Mitwirkende runden das Bild einer Besetzung ab, die bewusst Generationslinien einzieht - Mentorinnen und Mentoren, Rivalen und Vertraute - ohne die einzelnen Figuren hier zu spoilern.

Handlung (spoilerfrei!)

Saphirblau erzählt die Geschichte einer jungen Frau, deren Alltag durch die Entdeckung außergewöhnlicher zeitlicher Verbindungen aus der Bahn gerät. Der Film verwebt Elemente von Liebesgeschichte, Abenteuer und Mystery; im Zentrum steht der Konflikt zwischen individueller Freiheitssehnsucht und familiärer - sowie institutioneller - Verantwortung. Die Erzählung bewegt sich zwischen gegenwärtiger Lebenswelt und historischen Episoden, wobei die Mechanik des Zeitlichen weniger wissenschaftlich als symbolisch und emotional aufgeladen präsentiert wird.

Die dramatischen Spannungen entstehen aus dem Aufeinandertreffen persönlicher Wünsche und kollektiver Erwartungen. Zentrale Figuren sind die Protagonistin, ihr wechselhafter Gefährte und ein Netz aus Älteren, die die Regeln der Zeit bewahren oder instrumentalisieren. Tonalität und Atmosphäre oszillieren zwischen leichten, fast komödiantischen Momenten und einer ernsthafteren, bisweilen melancholischen Reflexion über Verantwortung und Erinnerung.

Zentrale Themen und Motive

Der Film stellt Fragen nach Identität - wer bin ich, wenn Herkunft und Geschichte meine Entscheidungsspielräume prägen - und nach Autonomie im Angesicht überlieferter Machtstrukturen. Die Motive Zeit und Erbe fungieren dabei nicht nur als erzählerische Mechanismen, sondern als Metaphern für das Ringen um Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die Kontinuität verlangt.

Philosophisch angelegt ist die Konfrontation von Determinismus und Handlungsfreiheit - wieviel des Lebens ist vorgegeben, wieviel verhandelbar. Psychologisch gewinnt das Sujet an Tiefe durch die Darstellung von Adoleszenz als Prozess, der nicht allein physische Reifung meint, sondern die Auseinandersetzung mit Verantwortung, Schuld und Loyalität. Gesellschaftlich berührt der Film Themen von Autorität und Geheimhaltung - Institutionen, die Wissen bewahren, werden als ambivalente Mächte gezeichnet, die Schutz und Kontrolle zugleich ausüben.

Als Motivik fungiert das Schmuckstück - der Saphir - als konzentrierte Signatur: es ist Zeichen, Werkzeug und Symbol für Erinnerung, Sehnsucht und das Verhängnis des Wissens. Die filmische Bildsprache nutzt wiederkehrende Farb- und Raumkompositionen, um das Ineinandergreifen von Gegenwart und Vergangenheit zu visualisieren - eine handwerkliche Lesart, die den Stoff weniger als simples Abenteuer denn als medial verhandelbares Erkenntnis- und Identitätsprojekt ausweist.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Schon mit „Rubinrot“ sprang das deutsche Kino auf den Zug der fantastischen Jugendliteratur auf. Das inzwischen international mehrfach erprobte Konzept eines tollpatschigen und wenig grazilen Mädchens mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, das sich in einen überlegenen und ansehnlichen jungen Mann verliebt und nebenbei große Abenteuer besteht, ist schon mit der ersten Verfilmung der „Edelstein-Trilogie“ von Kerstin Giers erfolgreich aufgegangen und tut es wieder. Die Fortsetzung „Saphirblau“ fokussiert sich deutlicher stärker auf den romantischen Plot als der vorgehende Film, so dass hier weniger von einem Abenteuer- als von einem Liebesfilm die Rede sein kann.

Gwen (Maria Ehrich) ist verwirrt – sowohl die Zeitreise-Loge als auch Gideon (Jannis Niewöhner) sind schwer zu durchblicken. Was führt die Geheimgesellschaft eigentlich im Schilde und ist Gideon wirklich zu trauen? Während Gwen in der Vergangenheit von ihrem Onkel und ihrer Cousine Lucy (Josefine Preuß) Hinweise auf eine große Verschwörung erhält, wird Gideon vom Anführer der Liga, dem Graf von St. Germain (Peter Simonischek), instrumentalisiert, Gwen den Kopf zu verdrehen. Denn, so die Logik der mächtigen Männer, die größte Schwäche der Frau ist die romantische Liebe. Wie schon im ersten Film, erzählt auch „Saphirblau“ von männlicher Herrschsucht. Die Loge ist ausschließlich mit Männern besetzt, die in Gwen nicht nur einen unliebsamen, sondern letztlich auch leicht zu behebenden Störfaktor sehen. Immer wieder wird sie vom Grafen von St. Germain und seinem Gefolge gedemütigt, als dumm und unterqualifiziert bezeichnet und trotz ihres Zeitreisegens aus dem Kreis der Vertrauens ausgeschlossen. Doch Gwen ist alles andere dumm. Sie weiß genau, womit sie es zu tun hat. „Frauen dürfen hier doch gar nicht denken“, entgegnet sie an einer Stelle ihren Widersachern. In Anbetracht der patriarchalen Ideologie der Loge ahnt sie bereits, dass die vom Grafen angestrebte neue Weltordnung keine gute sein kann.

Wie im wahren Leben steckt hinter der systematischen Diskriminierung und Unterdrückung der Frau auch hier die Angst des Mannes, von seinem Sockel der Macht gestoßen zu werden – auch dies vermag „Saphirblau“, kodiert in seine Abenteuer-Fantasy-Handlung, seinem jungen Publikum zu erzählen. Damit bleibt auch der zweite Teil eine Mär der Emanzipation, in der eine junge Frau den Kampf gegen überalterte patriarchale Gesellschaft aufnimmt.

All dies ist freilich Subtext, wenn auch ein vergleichsweise offensichtlicher. An der Oberfläche aber ist „Saphirblau“ wie schon sein Vorgänger ein gelungener Jugendfilm geworden, der sich zwar an der einen oder anderen Stelle bei seinen amerikanischen Vorbildern noch eine Scheibe abschneiden könnte, im Großen und Ganzen aber zu überzeugen vermag. Mit dem Wasserspeier-Dämon Xemerius, gesprochen von Rufus Beck, zieht auch eine vollständig computeranimierte Figur in den Cast ein, die jedoch zu offensichtlich dem Selbstzweck einer Technikspielerei gilt und weder Charme noch Charakter entfalten kann. Das Highlight des Casts bleibt Katharina Thalbach als Großtante Maddy, erneut mit viel zu wenig Screentime, aber dafür umso mehr Unterhaltungsfaktor. Insgesamt überzeugen die jungen Schauspieler - mit Ausnahme von Florian Bartholomäi, dessen Spiel merkwürdig hölzern wirkt - deutlich mehr als ihre älteren Kollegen, als wisse die nachwachsende Generation einfach besser, wie man das Genre des Jugend-Fantasy-Films angemessen bedient. Wo manch ein erfahrener Schauspieler viel zu steif und nüchtern für dieses Genre daherkommt, legen Maria Ehrich und Jannis Niewöhner eine bemerkenswerte Energie an den Tag, stürzen sich mit Anlauf in ihre Rollen und treffen stets den richtigen Ton. Jannis Niewöhner füllt dabei die Rolle des charmanten, aber auch zwielichtigen Love-Interests perfekt aus und dürfte so manches Teenager-Herz höher schlagen lassen.

Im Vergleich zum Vorgänger ist „Saphirblau“ ein deutlich poppigeres Werk, das historische Settings gerne mit zeitgenössischer Musik bricht. Insbesondere die Szene einer Soirée im Rokoko erscheint als ihre eigene Pop-Variante statt als glaubwürdige Reise in die Vergangenheit und die nicht nur epochal, sondern auch dramaturgisch völlig unpassende Performance des Songs „Time Warp“ aus der „Rocky Horror Picture Show“ verleitet zu Fremdscham statt Amüsement. Bei dem Versuch, besonders jugendlich und hip zu wirken, sind die Macher dieses Films eindeutig am Ziel vorbeigeschossen. Pluspunkte sammelt die Fortsetzung dafür in der Kategorie Drehbuch. Wirkte die Geschichte im ersten Teil noch seltsam verworren und überlang, funktioniert der Spannungsaufbau in „Saphirblau“ problemlos. Die knappen zwei Stunden Laufzeit fliegen geradezu am Zuschauer vorbei. Nur der letzte Akt ist erneut unausgegoren. Der Film endet viel zu plötzlich, mitten in der Geschichte, und lässt zu viele Fragen offen. Das ist Seriendramaturgie, die auf die nächste Folge gespannt machen soll, eignet sich jedoch für eine Filmreihe, bei der das Publikum mindestens ein Jahr auf die Fortsetzung warten muss, nur sehr bedingt.

Letztlich aber ist „Saphirblau“ ein Beweis dafür, dass das deutsche Kino junge Stoffe unterhaltsam in Szene setzen kann. Kerstin Giers Vorlage hat zudem - auch in diesem stark romantisierten zweiten Teil - deutlich mehr Tiefe zu bieten als die Mutter aller Jugendfilm-Franchises „Twilight“. Dass die Verfilmung von Felix Fuchssteiner und Katharina Schöde sich dennoch nicht zu ernst nimmt, zeichnet sie aus. „Saphirblau“ gibt sich vielleicht ab und an zu viel Mühe, hip zu wirken, um es tatsächlich zu sein, ist aber schließlich locker genug, um ohne moralische Keulen zu unterhalten.

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