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Lucy

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kritiken.de Redaktion 14.08.2014
Lucy© Universal Pictures Germany GmbH
A ca. 1673 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Lucy als Metapher der Beschleunigung - Körper, Wissen und Kontrolle im posthumanen Kino

Einleitung

Lucy trat 2014 als ein Film auf, der weniger an einem schlichten Action-Plot interessiert ist als an einer ästhetischen und intellektuellen Verdichtung populärer Zukunftsängste. Luc Bessons Eingriff in die Sphäre von Neurobiologie, Informationstheorie und Ethik verknüpft schnell geschnittene Genre-Unterhaltung mit großformatigen philosophischen Bildern. Der Film ist deshalb relevant, weil er einen populären Mythos - die Vorstellung von erweiterten Hirnkapazitäten - zum Ausgangspunkt nimmt, um über Geschwindigkeit, Subjektivität und die Ökonomie des Körpers nachzudenken.

In Bessons Werk steht Lucy in einer Linie mit Filmen, die starke weibliche Figuren und ein hohes Maß an stilisierter Genremischung vereinen. Wo La Femme Nikita und The Fifth Element ein Verhältnis von Figur, Stadt und visueller Rhythmik etablierten, interessiert sich Lucy deutlicher für die Schnittstelle zwischen Körperlichkeit und abstrakter Information. Der Film setzt weniger auf psychologischen Realismus als auf eine Bildsprache, die Beschleunigung und Verdichtung sinnlich erfahrbar macht.

Der gesellschaftliche Kontext, in dem Lucy erschien, ist ein des digitalen Umbruchs. Fragen nach Daten, Kontrolle, künstlicher Intelligenz und der Kommodifizierung des Körperlichen durch transnationale Netze prägten die öffentliche Debatte in den 2010er Jahren. Bessons Film spiegelt diese Debatten nicht als Diskurs, sondern als filmische Metapher - er nimmt technologische Besorgnisse auf und übersetzt sie in ein narratives Modell, das mit dem Kino seiner eigenen Mittel argumentiert.

Kurzüberblick zur Produktion

Lucy wurde geschrieben und inszeniert von Luc Besson und ist eine Produktion seines Hauses EuropaCorp, entstanden in einer internationalen Koproduktion mit Beteiligung aus Frankreich und den USA. Die Inszenierung trägt Bessons unverkennbare Handschrift - eine Mischung aus Popästhetik, komprimierter Mythologisierung und eines Händchens für starke visuelle Leitmotive. Technisch arbeitet der Film mit klaren, hochglänzenden Bildern, einer prägnanten Farbpalette und einem Schnitt, der Tempo als erzählerisches Argument versteht.

Die Produktionsumstände markieren Lucy als einen mittleren Budgetfilm mit globalem Anspruch: kein Indie-Experiment, aber auch kein Hochglanzstudio-Monopol. Besson nutzt die Produktionspraxis, um einen internationalen Cast und Schauplätze zu verbinden und so die globale Dimension der erzählten Verfolgungs- und Erkenntnisgeschichte zu unterstreichen. In seinem Gesamtwerk steht Lucy für eine erneute Hinwendung zu hohen Konzepten - nicht der leichte Thriller, sondern das Genreexperiment, das philosophische Behauptungen in der Form von Actionszenen verhandelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum des Films steht Scarlett Johansson, deren Körper und Stimme zur Projektionsfläche für die Transformation werden, die der Plot inszeniert. Johansson, bereits bekannt für Rollen, die zwischen emotionaler Zurückhaltung und physischer Präsenz oszillieren, bringt eine Kombination aus kühler Distanz und latenter Intensität mit, die Bessons Idee einer sich rapide verändernden Protagonistin trägt.

Morgan Freeman übernimmt die Rolle des renommierten Neurowissenschaftlers, dessen ruhige Autorität dem Film eine intellektuelle Achse verleiht. Freeman fungiert als klassischer Vermittler zwischen wissenschaftlicher Theorie und narrativer Dringlichkeit - eine Rolle, die seine etablierte Leinwandperson ergänzt. Min-sik Choi tritt als Vertreter krimineller und kapitalistischer Gegengewichte auf, seine Präsenz bringt die physische Bedrohung und die internationale Dimension der Handlung ein. Die übrigen Darstellerinnen und Darsteller bilden ein Ensemble, das die geografische und kulturelle Streuung der Geschichte abbildet und so die Themen von Globalisierung und Schwarzmärkten im Hintergrund sichtbar macht.

Handlung (spoilerfrei!)

Lucy erzählt von einer jungen Frau, die nach einem ungewöhnlichen Zwischenfall Zugang zu außergewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten erlangt. Aus einem anfänglich konkreten Konflikt - einer Verfolgung, dem Einsatz von Gewalt und einem klassischen Motiv der Gefangennahme - entwickelt sich ein Beschleunigungsprozess, der sowohl ihre Wahrnehmung als auch ihre Handlungsfähigkeit neu ordnet. Der dramatische Konflikt bewegt sich zwischen der Expansion individueller Fähigkeiten und den Kräften, die solche Fähigkeiten instrumentalisieren wollen.

Die zentralen Figuren sind die eponyme Protagonistin, eine wissenschaftliche Figur, die ihre Thesen erläutert, sowie Vertreter krimineller Netzwerke, die die ökonomische Logik des Materials repräsentieren, das den Katalysator der Geschichte bildet. Ton und Atmosphäre pendeln zwischen kalter Präzision und hektischer Erregung; der Film wechselt von intimen Innenaufnahmen zu weiten, fast diagrammatischen Sequenzen, die Wissen visualisieren. Das Resultat ist ein Thriller, der durch seine formalen Entscheidungen die Dringlichkeit des Themas verstärkt, ohne in dokumentarische Nüchternheit zu verfallen.

Zentrale Themen und Motive

Lucy stellt Fragen nach der Grenze zwischen Körper und Information und danach, wie Subjektivität in einem Zeitalter von Daten und Beschleunigung neu gedacht werden muss. Der Film problematisiert das Verhältnis von Erkenntnis und Macht - wer Zugang zu erweitertem Wissen hat und welche Institutionen versuchen, diesen Zugang zu kontrollieren oder zu instrumentalisieren. Besson benutzt die Popikone des kognitiven Superbooms, um das Spannungsfeld von Emanzipation und Entmenschlichung zu erkunden.

Transhumanistische Motive durchziehen die Erzählung: Die Idee, dass Bewusstsein formbar und erweiterbar ist, wird als gesellschaftliche Provokation vorgeführt. Gleichzeitig bleibt der Film ambivalent gegenüber wissenschaftlichem Fortschritt; er kritisiert nicht nur die Instrumentalisierung von Wissen, sondern wirft auch die Frage auf, ob radikale kognitive Erweiterung die Form menschlicher Gemeinschaften grundsätzlich verändert. Körper und Technologie stehen in einer doppelten Ökonomie - als Ressource, die ausgebeutet wird, und als Medium, das neue Formen der Autonomie ermöglicht.

Stilistischer Fokus und thematische Prägnanz korrespondieren im Film: Montage, musikalische Akzentuierung und eine kalkulierte Nutzung visueller Effekte dienen nicht nur dem Spektakel, sondern der bildhaften Darstellung von Beschleunigung und Informationsakkumulation. So entsteht Lucy weniger als bloßer Actionfilm denn als filmische Reflexion über die Gegenwart: ein Popstück, das philosophische Fragmente in die Sprache des Mainstreamkinos überträgt und auf diese Weise die Widersprüche zwischen Körperlichkeit, Wissen und Macht pointiert sichtbar macht.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Das Gehirn ist eines der letzten großen Mysterien unserer Zeit. So vieles haben wir schon erforscht und ergründet, so vieles können wir erklären und belegen, aber die Funktionsweisen des Gehirns sind uns zu großen Teilen noch immer ein Rätsel. Mit seinem neuesten Film "Lucy" dockt Regisseur Luc Besson an eben dieser Wissenslücke an. Basierend auf der Theorie, dass wir nur einen Bruchteil unserer mentalen Kapazitäten nutzen würden, entspinnt er einen Actionthriller, der schließlich gar esoterische Dimensionen entwickelt.

Mitten in der recht gewollt als pulsierend inszenierten Stadt Taipeh trifft der Zuschauer auf Lucy (Scarlett Johansson), die nun ebenso plötzlich in die Handlung hineingeworfen wird wie das Kinopublikum. Ohne große Vorrede oder Exposition, ohne umständliche Einführung seiner Figur, zieht Luc Besson schon nach wenigen Minuten mit der ersten Actionsequenz das Tempo seiner Inszenierung auf das hohe Maß an, das sie fortan beibehalten wird. Lucy, die hier nie als die "ganz normale junge Frau" erscheinen mag als die sie sich ausgibt - aus dem einfachen Grund, dass sie von Tausendschönchen Scarlett Johansson verkörpert wird - stolpert Hals über Kopf in einen Drogendeal hinein. Als Kurier soll sie die neue Modedroge CPH4 in ihrer Bauchhöhle nach Europa transportieren, doch noch bevor sie abreisen kann, platzt das Päckchen und versetzt Lucy in einen ganz besonderen Rausch.

Per Parallelmontage lässt Besson ausgerechnet Morgan Freeman als Professor Norman die Ereignisse kommentieren. Das birgt schon fast unfreiwillige Komik, haben wir Freeman in der Vergangenheit doch einmal zu oft in der Rolle des Welterklärers gesehen. Von der einfallslosen Besetzung aber abgesehen, ist der dramaturgische Kniff durchaus funktional. Besson vermittelt hiermit nicht nur die organischen Veränderungen, die Lucy fortan durchläuft, er verleiht seinem Film mit dem vermeintlich wissenschaftlichen Bezug zudem große Glaubwürdigkeit. Auch im späteren Handlungsverlauf streut Besson immer wieder „Fakten“ und Zahlen ein, um die Illusion wissenschaftlich belegter Theorien aufrecht zu erhalten. So kann er dem actiongetriebenen Plot eine tiefere Ebene hinzufügen und philosophische Fragen nach dem Wesen des Menschen aufwerfen. Je mehr Lucy ihre geistigen Kapazitäten erschließt, desto „unmenschlicher“ erscheint sie. Heißt dies im Umkehrschluss, dass seine beschränkte Intelligenz den Menschen zum Menschen macht?

Während Besson seine Haupthandlung zu Beginn immer wieder durch assoziativ wirkende Filmaufnahmen aus der Tierwelt unterbricht, entwickelt sich "Lucy" nach der Drogenüberdosis der Hauptfigur vorübergehend in einen stringent und temporeich erzählten Actionfilm. Auf der Suche nach den übrigen Drogenkurieren reist Lucy nach Europa, wobei ihr die taiwanesische Drogenmafia dicht auf den Fersen ist. Erst gen Ende, wenn das blonde Superhirn Wissenschaftlern und Kinozuschauern gleichermaßen die großen Fragen des Universums erläutert, gewinnt der Film seine epische Dimension in ungeahntem Ausmaße zurück. In psychedelischen Bildern rollt Luc Besson für den Zuschauer die Geschichte der Menschheit, nein, die der Erde... nein, die des Universums auf und überfrachtet ihn mit einer Bilderflut, die in ihrem ästhetischen Selbstzweck an „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert. Nicht nur damit schießt der Regisseur mit selbstbewusstem Anlauf deutlich über das Ziel hinaus. "Lucy" ist eines mit Sicherheit nicht: subtil. Besson trägt überall dick auf, was seine Inszenierung schnell als Spielerei ausweist. "Lucy" ist keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gehirn und den philosophischen Fragen des Menschseins, sondern ein Spiel mit eben jenen Fragen und Gedanken. In der Ehrlichkeit der Inszenierung liegt ihr Reiz: "Lucy" will in erster Linie unterhalten und tut es auch.

Scarlett Johansson ist dabei zugleich die Gallionsfigur wie auch die Achillesferse des Konzepts. Zu oft hat sie in der Vergangenheit die makellos Schöne gegeben und ihr emotional unterkühltes Auftreten als Übermensch erinnert deutlich an ihren Part in "Under the Skin". Wie schon im Fall von Morgan Freeman ist die Besetzung fast zu perfekt oder - anderes formuliert - klischeehaft. Ob die hierin wurzelnde ironische Note Teil des Konzepts oder eine unbeabsichtigte Nebenwirkung darstellt, ist schwer zu beurteilen. Der Effekt ist jedoch derselbe: Sowohl Morgan Freeman als auch Scarlett Johansson bleiben in gewisser Weise stets sie selbst, beziehungsweise ein Abbild ihrer vorhergehenden Rollen. Sowohl Lucy als auch Professor Norman funktionieren als Figuren nicht zuletzt durch die Assoziationen, die der Zuschauer mit ihren Gesichtern verbindet. Insbesondere in Hinblick auf die Hauptfigur hat diese fehlende Einzigartigkeit jedoch einen bedauerlichen Nebeneffekt, denn der Ikonenstatus einer Leeloo ("Das fünfte Elemente") bleibt Lucy hierdurch verwehrt.

Wie jeder Science Fiction Film hat freilich auch "Lucy" mit kleineren und größeren Logikprobleme zu kämpfen, allen voran mit der problematischen Gleichsetzung von Intelligenz und Wissen. Wie schon "Matrix" täuscht auch "Lucy" über derartige Fragwürdigkeiten mit bedeutungsschwangeren Dialogen hinweg, deren Inhalt im Grunde mehr Fragen aufwirft als beantwortet, in seiner Rätselhaftigkeit jedoch eine diffuse Wahrhaftigkeit verströmt. Der Zuschauer ist aus unerfindlichen Gründen beruhigt, aber kein bisschen klüger.

All das sollte aber nicht davon ablenken, das Luc Besson einen spannenden und aufregend inszenierten Film geschaffen hat, der philosophische Fragen zumindest andeutet und sein Publikum intellektuell und visuell herausfordert. Und um "Lucy" vollends zu begreifen, brauchen wir vielleicht einfach alle eine Priese CPH4.

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