kritiken.de› Filme›
Filme

Mara und der Feuerbringer

kritiken.de
kritiken.de Redaktion 02.04.2015
Mara und der Feuerbringer© Constantin Film Verleih GmbH
A ca. 1484 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten 30 Sekunden  📋 Inhalt

Mara und der Feuerbringer - Zwischen nordischer Mytheninszenierung und deutschem Genreanspruch für Jugendliche

Einleitung

Mara und der Feuerbringer tritt an als ein Versuch, zwei widersprüchliche Ambitionen zusammenzuführen: die Sehnsucht nach einer lokal verankerten Fantasytradition und das Bedürfnis, ein junges Publikum kinotauglich zu bedienen. Der Film verhandelt auf der Ebene von Erzählformen und Bildsprache die Frage, wie nationale Mythen in einem modernen Unterhaltungsformat reizvoll und verständlich gemacht werden können, ohne in triviale Folklore zu verflachen.

Relevanz gewinnt der Film nicht zuletzt durch seine Positionierung im deutschsprachigen Genrekino, das lange Zeit stark von internationalen Vorbildern dominiert wurde. In dieser Spannung zwischen Impuls zur eigenen Mythenadaption und der Sehnsucht nach cineastischer Wirkmacht liegt die kulturelle Bedeutung des Werks: Es ist ein Indikator dafür, wie deutsche Produzenten und Autoren versuchen, ein Publikum zu erreichen, das an globale Fantasy gewöhnt ist, zugleich aber lokal verwurzelte Erzählungen sucht.

Für den Regisseur bedeutet der Film eine Gratwanderung zwischen popkulturellem Witz und ernsthafter Mythenerzählung. Die Tonlage oszilliert zwischen augenzwinkernder Selbstreferenzialität und dem Anspruch, archaische Motive ernstzunehmen. In einem Zeitgeist, in dem Retro-Mythen und Wiederaneignung kultureller Erzählbestände eine Rolle spielen, fungiert der Film als Spiegel dessen, wie junge europäische Kinoproduktionen mit Herkunft, Identität und Unterhaltung umgehen.

Kurzüberblick zur Produktion

Der Film ist eine Adaption aus dem Erzählkosmos seines Urhebers und verbindet Elemente aus Jugendroman und klassischer Mythenbearbeitung. Die Regiearbeit folgt einer Handschrift, die aus dem Kontext von Fernsehkomödie und familienorientierter Unterhaltung kommt; das dokumentiert sich im prägnanten Timing, dem Arrangement von Nebenfiguren und der Mischung aus Humor und didaktischer Klarheit.

Produktionstechnisch bewegt sich Mara und der Feuerbringer an der Schnittstelle zwischen ambitioniertem Genrefilm und den Einschränkungen einer nationalen Produktionslandschaft. Visuelle Effekte und Szenenbild sind so gestaltet, dass sie die mythische Dimension andeuten und zugleich wirtschaftlich umsetzbar bleiben. Diese Balance zwischen erzählerischer Weite und pragmatischer Umsetzung prägt die ästhetische Entscheidung des Films.

Innerhalb des Schaffens des Regisseurs lässt sich das Projekt als konsequente Weiterführung seiner Arbeit mit Popkultur und Kindermedien lesen. Die filmische Umsetzung verknüpft seine Vorliebe für ironische Brechungen mit dem seriösen Zugriff auf Stoffe, die aus älteren Sagen gespeist sind. So steht der Film stellvertretend für ein Werk, das zwischen kommerziellem Anspruch und persönlicher Erzählabsicht vermittelt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Die Besetzung versammelt etablierte Größen des deutschen Kinos und Fernsehen mit Vertreterinnen und Vertretern jüngerer Generationen. Schauspieler wie Heino Ferch und Jan Josef Liefers treten in Rollen, die auf ihre vertrauten öffentlichen Figuren anspielen - der eine bringt Erfahrung in historischen und dramatischen Figuren mit, der andere eine verlässliche Gravitas als ernsthafter Gegenpol. Christoph Maria Herbst ist bekannt durch seine komödiantische Präzision und fungiert hier als impulsgebender Charakter, der komische Energien in den Mythos einträgt.

Oliver Kalkofe und Esther Schweins bringen mediale und kabarettistische Kompetenz ein; ihre Präsenz liest sich als bewusster Zugriff auf Publikumserwartungen, die sich aus Fernseherfahrung speisen. Eva Habermann und Thomas Fritsch stehen für eine Generation erfahrener Schauspielerinnen und Schauspieler, die dem Ensemble eine gewisse klassische Stabilität verleihen. Die jüngeren Darstellerinnen und Darsteller übernehmen die Achse der Identifikation - sie sind die Vermittlerinnen und Vermittler zwischen realer Gegenwart und mythischer Welt.

Die Figuren werden nicht als bloße Archetypen geführt, sondern als Knotenpunkte verschiedener Erwartungen: Mentoren, skeptische Erwachsene, komische Nebenfiguren und die jugendlichen Protagonistinnen, die die Brücke zwischen Alltagswelt und dem Unheimlichen schlagen. Diese Besetzungspolitik erzeugt ein Geflecht, in dem Bekanntes als dramaturgischer Anker dient, während neue Gesichter narrative Beweglichkeit erlauben.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film erzählt die Reise einer jungen Protagonistin, die unvermittelt in einen Konflikt hineingezogen wird, der die Grenze zwischen gegenwärtiger Realität und mythischer Tiefe verwischt. Der erzählerische Motor entsteht aus der Notwendigkeit, das Unbekannte zu begreifen und Verantwortung zu übernehmen - ein klassischer Coming-of-age-Impuls, der hier mit Elementen nordischer Mythologie verwoben ist.

Der dramatische Konflikt besteht in der Konfrontation von individueller Alltagslogik mit einer älteren Ordnung, deren Regeln und Figuren plötzlich wieder handlungsrelevant werden. Zentrale Figuren sind die jugendliche Heldenfigur, die ihr Umfeld repräsentierenden Erwachsenen und die mythischen Gestalten, die das narrative Rückgrat bilden. Tonal ist der Film zwischen Abenteuerlust, humoristischer Leichtigkeit und moments of solemnity angesiedelt; Atmosphäre und Rhythmus variieren von beschwingten Passagen zu Momenten, die bewusst auf Dichte und Symbolik setzen.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films stehen Fragen nach Erinnerung, Identität und der Nutzbarmachung von Tradition in einer modernen Lebenswelt. Der Mythos fungiert nicht nur als Kulisse, sondern als Prüfstein für die Frage, wie Gemeinschaften und Individuen mit überlieferten Erzählungen umgehen - als Ressource, als Warnung und als Möglichkeit zur Selbstverortung.

Philosophisch stellt der Film die Beziehung zwischen Wissen und Glauben zur Debatte: Wie viel von dem, was wir als Wirklichkeit akzeptieren, ist sozial konstruiert, und welche Macht besitzen alte Geschichten, Handlungen zu legitimieren oder zu delegitimieren? Gleichzeitig berührt die Erzählung psychologische Fragen nach Verantwortungsübernahme und dem Prozess des Erwachsenwerdens, indem sie junge Figuren in Situationen bringt, die zur Reflexion über Rolle und Handlung zwingen.

Gesellschaftlich lässt sich ein subtextuelles Interesse an der Wiederaneignung kultureller Identitäten ausmachen. Ohne nationalistisches Pathos werden mythische Elemente genutzt, um Fragen nach Kontinuität, Modernität und der Suche nach Bedeutung in einer digitalisierten Gegenwart zu explorieren. So wird der Film zu einem Beispiel dafür, wie populäres Kino mythologische Bestände als lebendige Werkzeuge begreift, die mit moderner Formen von Humor und Erzählökonomie verbunden werden können.

Filmkritik von Bianka Piringer

Ein germanischer Halbgott in Not

Fantasyfilme spielen oft in der Welt von Comic-Superhelden, von Aliens und Vampiren, im Dunstkreis der Artus-Sage oder auch der griechisch-römischen Mythologie. Mit der nordisch-germanischen Sagenwelt und ihren Figuren ist das junge Publikum hingegen kaum vertraut. Das will der Regisseur und Drehbuchautor Tommy Krappweis ändern: Er hat den ersten, gleichnamigen Band seiner Romantrilogie verfilmt, in der er von den Begegnungen eines 14-jährigen Mädchens mit Göttern und Ungeheuern aus den Wikingersagen erzählt. Aus diesem Kontrast zweier weit auseinanderliegenden Welten bezieht die Geschichte originellen Charme. Die in der Zeit der Gegenwart mit Pubertät und Außenseitertum geplagte Mara (Lilian Prent) reagiert ängstlich und verwirrt, als das keineswegs für immer verschwundene Reich von Thor und Loki seine Fühler nach ihr ausstreckt. Aber aus den Kontakten erwachsen dem verträumten Mädchen auch Kräfte, die es gut gebrauchen kann, zum Beispiel um die böse Mitschülerin Larissa (Leonie Tepe) ein wenig zu erschrecken.

Mara wohnt in München bei ihrer alleinerziehenden Mutter (Esther Schweins), die ihr mit ihrem Esoterik-Fimmel auf die Nerven geht. Ständig redet sie von Rückführung, Kristallkugeln und geht mit selbsternannten Hexen in den Park, um Bäume zu umarmen. So hat Mara praktisch von Haus aus eine Aversion gegen magisches Brimborium, wodurch die Geschichte eine ironische Brechung erfährt. Ausgerechnet zu Mara spricht eines Tages ein kleiner Zweig, der behauptet, sie sei eine „Spákona“ - eine nordisch-germanische Seherin - und müsse den Weltuntergang verhindern. Nach und nach entdeckt Mara in Visionen und auf kurzen Zeitreisen, worum es geht: Der nordische Halbgott Loki (Christoph Maria Herbst) liegt, seit er vom Donnergott Thor besiegt wurde, gefesselt in einer Höhle. Der Sage nach muss das auch so bleiben, weil die Welt sonst untergeht. Trotzdem will Mara dem gefährlichen Loki helfen. Der Feuerbringer Loge hat nämlich Lokis Frau Sigyn (Eva Habermann) entführt und nun ist er schutzlos dem ätzenden Schlangengift ausgeliefert, das auf ihn herabtropft.

Mara hat im Internet einen Experten für nordisch-germanische Mythologie aufgetrieben: Professor Weissinger (Jan Josef Liefers) von der Münchner Universität reagiert zunächst skeptisch auf ihr Gestammel. Aber die Gelegenheit, an Maras Seite Zeitreisen in die Götterwelt der Wikinger zu unternehmen, ist allzu verlockend. Die beiden stellen sich ziemlich ungeschickt an, so dass schon mal ein ausgewachsener Lindwurm aus der Nibelungensage im Brunnenhof der Münchner Residenz landet. Die Geschichte ist mit ihrem Hin und Her in Zeit und Raum besonders am Anfang reichlich verwirrend. Auch der Professor rauft sich bald die Haare: Der Feuerbringer gehört doch gar nicht in die germanische Mythologie, sondern in eine Wagneroper! Aber Mara fungiert, indem sie immer mehr ins Geschehen eingreift, auch als detektivischer Guide für den Zuschauer. Der Übermacht der Götter und Ungeheuer stellt die von Lilian Prent natürlich und glaubhaft gespielte Teenagerin ihren Verstand entgegen. Sie findet Tricks und Schlupflöcher, die sich die Wikinger nicht hätten träumen lassen.

Die Inszenierung wirkt sowohl unbeschwert, als auch anspruchsvoll. Schauplätze wie Lokis Höhle und das vulkanische Reich des Feuerbringers entstanden nicht am Computer, sondern wurden im Studio erbaut. Selbst der furchterregende Feuerbringer verdankt sein Aussehen einer Kombination aus echten Flammen und digitaler Zeichnung. Er ist eine Kreation von John Nugent, der auch schon bei „Der Herr der Ringe“ und „Die Chroniken von Narnia“ als Spezialist für visuelle Effekte fungierte. In Fragen zur Mythologie und den Kostümen aus der Wikingerzeit ließ sich Krappweis wissenschaftlich beraten. So erfährt das Publikum beispielsweise, dass die Wikinger den Helm mit den Hörnern gar nicht kannten.

Dem düsteren, grimmigen Ernst der nordisch-germanischen Sagenwelt stellt der Film frechen Dialogwitz entgegen. Für diesen ist besonders Jan Josef Liefers zuständig. Seine schnippischen, kritischen Kommentare erinnern auf amüsante Weise an seine Rolle des „Tatort“-Professors Karl-Friedrich Boerne. Der ironisch-heitere Tonfall bewahrt die Geschichte vor falscher Ehrfurcht und ermöglicht einen neugierigen Blick auf eine Sagenwelt, die lange vom Germanenkult der Nationalsozialisten überschattet war.

Newsletter

Einmal pro Woche die besten Essays, Analysen und Kritiken – direkt in Ihr Postfach.

kritiken.de