Every Thing Will Be Fine - Wenders' nüchterne Auseinandersetzung mit Schuld, Zeit und Vergebung
Einleitung
Every Thing Will Be Fine markiert einen stillen, nachdenklichen Ton in der späten Phase von Wim Wenders' Karriere - einen Film, der weniger durch spektakuläre Geste als durch atmosphärische Verdichtung und psychologische Beobachtung auffällt. Die Relevanz des Films liegt nicht in einem plakativem Statement, sondern in der insistierenden Frage, wie Leben nach einem Bruch weiterläuft und welche Formen von Wiedergutmachung, Vergessen und Aufarbeitung möglich sind. In einer Zeit, in der Medien- und Alltagsgewalt ständig die Grenze zwischen Intimität und öffentlichen Narrativen verschiebt, sucht dieser Film nach einer leisen Ästhetik des Umgangs mit Zerstörung.
Innerhalb von Wenders' Werk nimmt Every Thing Will Be Fine eine spezielle Position ein - nicht nur wegen seiner internationalen Koproduktion, sondern weil er den Regisseur wieder einmal zum Erzähler von existenziellen Grenzsituationen macht. Wenders, der sein Leben lang zwischen Roadmovies, Dokumentarischem und metaphysischer Bildsprache pendelte, verlagert hier die Straße ins Innere: Die Bewegung im Film ist eine psychologische, die Kameraführung und Bildkomposition modulieren Zeit und Erinnerung mehr als äußere Ortswechsel.
Gesellschaftlich verweist der Film auf einen Zeitgeist, in dem Schuld, öffentliche Aufmerksamkeit und private Trauer in ungewöhnliche Verhältnisse geraten. Ohne zum Kollektivmoralisieren anzusetzen, eröffnet Wenders ein Kammerspiel über die Langzeitwirkung eines Ereignisses - ein Thema, das in einer Ära fortwährender Krisen, in der Vergangenheit und Gegenwart sich gegenseitig überlagern, eine eigentümliche Resonanz erzeugt. Tonal bleibt der Film seriös und zurückhaltend - ein Nachdenken, das seine Wirkung langsam entfaltet.
Kurzüberblick zur Produktion
Every Thing Will Be Fine entstand als internationale Koproduktion zwischen Deutschland, Kanada, Norwegen und den USA. Diese Form der Finanzierung und Produktion spiegelt sich im filmischen Material wider: Ein europäisch geprägter Blick trifft auf nordamerikanische Narrativelemente und ergibt eine hybride Form, die weder rein amerikanisches Melodram noch rein europäisches Arthouse ist. Solche Kooperationen erlauben Wenders Freiraum in Bildgestaltung und Besetzung, zugleich bringen sie die Anforderung mit sich, ein breiteres Publikum anzusprechen.
Regisseur Wim Wenders ist der prägende Geist hinter dem Projekt. Seine Handschrift zeigt sich weniger in wiedererkennbaren Gimmicks als in einer konstanten Bildsensibilität - langen Einstellungen, einer fast dokumentarischen Beobachtung von Räumen und Körpern und einer Präferenz für Themen wie Entfremdung, Erinnerung und die Flüchtigkeit menschlicher Begegnungen. Produktionsseitig ist der Film durch einen ruhigen, wohlüberlegten Rhythmus gekennzeichnet; er verzichtet auf schnell geschnittene Effekte zugunsten einer geduldigen Bildfindung. In der Chronologie von Wenders' Schaffen steht der Film als weiterführende Meditation über Verantwortung und die Zeit als Heilungs- und Verdunklungsraum.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
James Franco übernimmt die zentrale Rolle des Mannes im moralischen Zentrum des Films - ein Charakter, dessen Leben durch ein einschneidendes Ereignis aus der Bahn geworfen wird. Franco, bekannt durch Rollen in Filmen wie 127 Hours und als vielseitiger Performer zwischen Mainstream und Independent, bringt eine Mischung aus Fragilität und innerer Härte in die Figur, die weniger auf demonstrative Gesten als auf subtile Tonlagen setzt.
Charlotte Gainsbourg, deren Arbeit bei Lars von Trier und anderen Regisseuren stets eine präzise Form innerer Zerrissenheit zeigte, verkörpert hier eine weibliche Figur, deren Trauer und Ambivalenz dem Film eine tiefe emotionale Schicht verleihen. Rachel McAdams tritt als eine Person in Erscheinung, die dem Protagonisten Beistand leistet und zugleich eigene Grenzen wahrt - eine Rolle, die die häufige Ambivalenz ihrer Filmographie zwischen Nähe und Distanz reflektiert.
Das Ensemble wird ergänzt durch erfahrene Charakterdarsteller wie Peter Stormare und Marie-Josée Croze sowie durch jüngere Talente, die dem Film eine Generationendimension geben. Die Besetzungsidee ist klassisch für Wenders: Er vereint namhafte Persönlichkeiten mit weniger bekannten Gesichtern, um ein soziales Feld abzubilden, in dem individuelle Entscheidungen weitreichende Konsequenzen tragen.
Handlung (spoilerfrei!)
Der Film erzählt von den Nachwirkungen eines schicksalhaften Ereignisses auf mehrere Leben. Im Zentrum steht ein Mann, dessen Alltag durch ein plötzliches Unglück durcheinandergebracht wird - ein Moment, der private Bindungen zerstört und langfristige psychische Verwerfungen auslöst. Die Erzählung folgt keinem konventionellen Reparationsschema; stattdessen beobachtet sie, wie unterschiedliche Protagonisten versuchen, ihre Beziehungen, ihre Arbeit und ihre Vorstellung von Selbst zu rekonstruieren.
Konflikt entsteht weniger aus äußeren Gegenspielern als aus inneren Widerständen: Schuldgefühle, die Schwierigkeit zu kommunizieren, und die Grenzen von Mitgefühl und Verantwortungsübernahme. Die zentralen Figuren kreisen um einander, stoßen aneinander, bauen Brücken oder lassen Risse offen - eine dramatische Logik, die eher in langsamen, oft stillen Szenen als in punktuellen Höhepunkten betrieben wird. Tonal ist der Film gedämpft und introspektiv; die Atmosphäre resultiert aus ruhigen Bildrhythmen, kühlen Farbtönen und einer Zurückhaltung in der musikalischen Begleitung.
Zentrale Themen und Motive
Every Thing Will Be Fine stellt Fragen nach Schuld, Sühne und dem Fortbestehen des Selbst nach traumatischen Brüchen. Wenders interessiert weniger juristische Klärung als die psychologische und moralische Auseinandersetzung mit Verantwortung - wie kann ein Mensch weiterleben, wenn ein Moment das Gefüge seiner Existenz zerstört? Der Film untersucht die Mechanismen des Vergessens und Erinnerns - nicht als abstrakte Theorie, sondern als operative Kräfte, die Handlungen, Beziehungen und Selbstbilder fortschreiben oder verändern.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Zeit als heilende und zugleich verschleiernde Kraft. Langsame Bildabfolgen und wiederkehrende Räume illustrieren, wie Zeit Narben formt, wie Routinen Stabilität bieten und wie Erinnerungen immer wieder in Gegenwartssituationen einschlagen. Ebenso spielt die Sprache der Bilder - der Blick aus dem Auto, die Inszenierung von Wetter und Licht - eine philosophische Rolle: Sie markiert die Grenzen dessen, was gezeigt und ausgesprochen werden kann.
Schließlich eröffnet der Film eine Reflexion über öffentliche und private Formen der Trauer. In einer medial durchlässigen Welt, in der persönliche Tragödien schnell Teil kollektiver Narrationen werden, fragt Wenders nach der Möglichkeit eines intimen Umgangs mit Schmerz. Der Film bietet keine einfachen Antworten, sondern bevorzugt das präzise Beschreiben von Zuständen - er lädt dazu ein, das Aushalten von Ambivalenz als Form ethischer Praxis zu lesen.
Filmkritik von Bianka Piringer
Zwölf Jahre mit der Trauer leben
Wim Wenders hat ein stilles Drama gedreht, über zwei Menschen, die ein tragischer Unfall verbindet, und ihre Familien. Das Besondere an diesem Film über eine beinahe zwölfjährige innere Auseinandersetzung mit Schuld und Trauer ist, dass er in 3D gedreht wurde. Wim Wenders ist bekanntermaßen ein großer Liebhaber des stereoskopischen Filmens und davon überzeugt, dass diese Aufnahmetechnik eine komplett neue Qualität des Sehens eröffnet, jenseits aller Knalleffekte, die man zur Genüge aus Animations- und Fantasyfilmen kennt. Mit diesem so ruhigen und bedächtigen Drama demonstriert er dem Publikum, was er unter einem wirklich innovativen 3D-Film versteht. Das Ergebnis ist von makelloser Schönheit.
Der Schriftsteller Tomas (James Franco) fährt im kanadischen Québec auf einer einsamen Straße in verschneiter Landschaft, hört Musik und ist abgelenkt durch das klingelnde Handy. Als er den Schlitten mit dem Kind auf die Straße rutschen sieht, ist es zu spät. Tomas steigt aus und sieht zu seiner Erleichterung, dass der Junge unversehrt ist. Er bringt ihn zum nahegelegenen Haus, wo die Mutter Kate (Charlotte Gainsbourg) die Tür öffnet. In dem Moment stellt sich heraus, dass es noch einen kleinen Bruder gab, der jetzt tot unter dem Auto liegt. Die Polizei spricht Tomas von jeder Schuld frei, aber in seinem Leben wird nun nichts mehr so wie vorher sein. Er trennt sich von Sara (Rachel McAdams), lässt sich treiben, unternimmt einen Selbstmordversuch, kommt wieder mit ihr zusammen. Aber die Beziehung funktioniert nicht. Er nimmt Kontakt zur trauernden Mutter auf, besucht sie in ihrem Haus. Sein neuer Roman hat Erfolg, er zieht mit Ann (Marie-Josée Croze) und ihrer kleinen Tochter zusammen. So vergehen die Jahre, bis der nun 16-jährige Bruder des toten Kindes ein paar Fragen an Tomas hat.
Zwei Besonderheiten drücken der Geschichte ihren Stempel auf. Zum einen ist Tomas ein Mensch, der seine Gefühle nicht mit anderen teilt. Wer wissen will, was ihn bewegt, muss seine Bücher lesen. Seine oft provozierend wirkende Gleichgültigkeit und sein abwesender Blick liegen nur zum Teil daran, dass ihn seine Trauer isoliert. Der Unfall zwingt ihn, zu einem besseren Menschen zu reifen, aber er bleibt eine Figur, an der man sich reibt. Wenders und sein norwegischer Drehbuchautor Bjørn Olaf Johannessen erörtern auch den spannenden Umstand, dass Tomas als Schriftsteller von dem Erlebten profitiert.
Zum anderen bestimmt die Figur der Kate den Ton des Dramas: Mit nahezu engelhafter Güte vergibt sie Tomas nicht nur, sondern kann sich auch in sein Leid einfühlen. Das wirkt ein wenig entrückt wie eine schöne Fantasie, spendet aber ungeheuren Trost. Und dieser gehört zur Trauer wie das Hadern mit jedem neuen Morgen. Der Kameramann Benoît Debie fängt wiederholt die Farben des anbrechenden Tages ein. Es ist auch oft Herbst, die Zeit des Übergangs, in dieser Landschaft, in der Kates Haus am Rande einer Wiese mit zwei Schaukeln steht. Es dauert, bis die Dinge im Leben, Stück für Stück – wie es der absichtlich zweigeteilte Titelbegriff „every thing“ ausdrückt – zu einer neuen Ordnung finden. Für Kate wird der Augenblick zu einem kleinen Etappensieg, als sich der Vorhang an einem sonnigen Tag vor dem offenen Fenster bläht und man beinahe spürt, wie die laue Luft sie an ihrem Platz am Tisch erreicht.
Die Sinnlichkeit der 3D-Bilder offenbart sich, indem man sich als Zuschauer auf geradezu atemberaubende Weise in diesen Landschaften und Innenräumen präsent fühlt. Die Kamera ist meistens in leichter Bewegung, was laut Wenders den räumlichen Eindruck noch verstärkt. Die visuelle Gestaltung ist schon fast zu schön für eine Geschichte über das Trauma, über Fehler und Unzulänglichkeit. Aber sie ist der Grund, weswegen man trotz fehlender Action dranbleibt und indirekt zu verstehen beginnt. Dieses Indirekte spiegelt auch die orchestrale Musik von Alexandre Desplat. Sie ist erfüllt von schweren Gefühlen und erinnert dabei an alte Melodramen, daran, dass das Geschehen eben nur zum Teil im Hier und Jetzt verankert ist.

