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Verstehen Sie die Béliers?

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kritiken.de Redaktion 05.03.2015
Verstehen Sie die Béliers?© Concorde Filmverleih GmbH
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Verstehen Sie die Béliers? Stimmen, Schweigen und die Grammatik des familiären Übergangs

Einleitung

Verstehen Sie die Béliers? erschien 2015 als kommerzieller Ausnahmeerfolg aus Frankreich und setzte ein überraschend breites Publikum dem Thema Behinderung, Familie und musikalischer Selbstfindung aus. Der Film operiert in einem genretypischen Zwischenfeld von Komödie und Melodram und trifft damit einen Nerv des aktuellen Kino- und Gesellschaftsdiskurses: Wie artikuliert sich individuelle Freiheit innerhalb verpflichtender familiärer Bindungen und wie verhält sich Sprache, hier im weitesten Sinn verstanden, zu Nähe und Missverständnis?

Regie führte Éric Lartigau, dessen Werk sich bereits zuvor durch die Kombination von leichter Komik mit existenziellen Brüchen ausgezeichnet hatte. In diesem Sinne lässt Verstehen Sie die Béliers? Lartigau als einen Regisseur erscheinen, der formale Zugänglichkeit und emotionale Direktheit zusammenführt, ohne die Figuren zur bloßen Projektion von Sehnsüchten zu reduzieren. Der Film ist damit nicht nur ein populäres Phänomen, sondern auch ein Stück Zeitgeist: Er verhandelt in einfacher Dramaturgie Fragen nach Zugehörigkeit, Stimme und Repräsentation in einer Gesellschaft, die Erwartungen an Mobilität und Selbstverwirklichung stellt.

Gleichzeitig löste der Film Debatten aus, die über das Medium hinausweisen. Die Darstellung gehörloser Figuren durch hörende Schauspieler und die narrative Instrumentalisierung von Behinderung als Motor individueller Erlösung regten kritische Stimmen an, die auf Repräsentationsethik und die Sichtbarkeit marginalisierter Realitäten pochen. Diese Kontroversen gehören zur Bedeutung des Films im öffentlichen Raum und machen ihn für eine feuilletonistische Reflexion besonders ergiebig.

Kurzüberblick zur Produktion

Éric Lartigau, der Regisseur, hat sich seit den späten 1990er Jahren als verlässlicher Vertreter des populären französischen Kinos etabliert. Seine Filme variieren zwischen romantischer Komödie und ernsten Beziehungsstudien, das vielleicht prominenteste Beispiel davor war La guerre est déclarée aus dem Jahr 2011, ein persönlicher, anrührender Film über Krankheit und Elternschaft. Lartigau bringt diese Erfahrung in die Inszenierung von Verstehen Sie die Béliers?, indem er komödiantische Töne und sentimentale Zuspitzungen gut austariert.

Die Produktion ist eindeutig als Mainstream-Erzeugnis zu lesen: zugänglich inszeniert, auf ein breites Publikum zugeschnitten und narrativ auf Klarheit bedacht. Solche Filme arbeiten selten mit großen formalen Experimenten, doch gerade ihr Anspruch, komplexe Themen massenkompatibel zu machen, ist eine Herausforderung für Regie, Schnitt und Ton. Verstehen Sie die Béliers? wurde zu einem der erfolgreichsten französischen Filme des Erscheinungsjahres und trug damit wesentlich zur Sichtbarkeit seiner Darsteller und zum Diskurs um sein Sujet bei.

Im Werk Lartigau nimmt der Film eine Position ein, die das narrative Motiv der Wandlung mit einem komödiantischen Zugang verknüpft. Er bestätigt die Handschrift des Regisseurs, emotional dicht zu erzählen, ohne in Pathos zu verfallen, und dabei die Figuren als Träger moralischer und sozialer Ambivalenzen zu belassen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Louane Emera, bis dahin als Sängerin und Teilnehmerin der französischen Ausgabe von The Voice bekannt. Ihr Kino-Debüt verschaffte ihr rasch öffentliche Aufmerksamkeit, sie wurde für die Darstellung einer jungen Frau, die zwischen familiärer Verantwortung und künstlerischer Begabung steht, vielfach als Entdeckung gelobt. Louanes Gesang, zugleich instrumentales und metaphorisches Element des Films, fungiert als Ausdrucksmittel und narrative Keimzelle.

Karin Viard und François Damiens verkörpern die Eltern, zwei Schauspieler mit jeweils eigenständiger Karriere im französischen Kino. Viard ist für ihre Bandbreite zwischen Komik und Tragik bekannt, Damiens für seine präzise komödiantische Präsenz. Ihre Darstellung der Elternfigur schafft den familiären Raum, aus dem die Handlung ihre Spannung bezieht.

Éric Elmosnino, in der Rolle des Musiklehrers, bringt eine sensiblere, mitunter intellektuelle Note in die Erzählung. Elmosnino, zuvor international beachtet durch seine Darstellung von Serge Gainsbourg, fungiert hier als Katalysator für die Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrer Stimme und mit dem Anspruch des künstlerischen Weges.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film zeichnet das Bild einer ländlichen Familie, in der nahezu alle Angehörigen gehörlos sind, mit Ausnahme der jugendlichen Tochter, die als Vermittlerin zwischen Welt und Familie fungiert. Sie übernimmt Übersetzungsaufgaben, bürokratische Kommunikation und ist zugleich diejenige, die das Familienleben strukturiert. Eine Begegnung mit der Musik und die Entdeckung einer singbaren Stimme rücken sie in eine neue Perspektive: Die Möglichkeit, sich jenseits familiärer Verbindlichkeiten zu entfalten.

Der dramatische Konflikt entsteht aus diesem Doppelbindungsmechanismus. Auf der einen Seite steht die Loyalität gegenüber der Familie, auf der anderen Seite die Verlockung eines eigenen künstlerischen Weges, die mit persönlichen Opfern und dem Verlassen vertrauter Räume verbunden ist. Die Handlung entwickelt sich in einem Ton, der zwischen heiteren Alltagsszenen und emotionalen Zuspitzungen oszilliert, ohne in übermäßigen Pathos zu verfallen.

Atmosphärisch ist der Film warm und bodenständig, er nutzt ländliche Landschaften und einfache häusliche Settings, um Nähe und Alltäglichkeit zu vermitteln. Musikalische Momente werden zu dramaturgischen Ankern, die Innenleben der Figuren sichtbar machen, ohne literarische Erklärungen zu liefern.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum steht die Frage nach Stimme und Übersetzung: Wer spricht, wer wird verstanden, und welche Mittel der Verständigung stehen zur Verfügung? Die narrative Figur der Dolmetscherin im eigenen Haushalt ist dabei ein dichtes Bild für gesellschaftliche Arbeit, oft unsichtbar, und für die Belastungen, die mit emotionaler und logistischer Verantwortung einhergehen. Musik fungiert als doppelte Metapher, sie ist Ausdruck individueller Begabung und gleichzeitig eine Form nonverbaler Kommunikation, die die Grenzen von Hör- und Sprachlosigkeit zu überwinden verspricht.

Der Film stellt außerdem Fragen nach Mobilität, Bildung und dem sozialen Preis von Selbstverwirklichung. Er verhandelt in einfachen, filmisch zugänglichen Mitteln die Spannung zwischen Geborgenheit und Emanzipation, zwischen solidarischer Verantwortung und dem Recht auf persönliche Entfaltung. Ebenso berührt er die ethische Dimension der Repräsentation von Behinderung im Kino und regte, in der Folge seiner Popularität, Debatten über Authentizität und Teilhabe an.

Stilistisch arbeitet der Film mit dem Motiv der kontrastierenden Tonwelten - Stille und Gesang, Alltagsgeräusch und musikalischer Exaltation - und nutzt diese Differenz, um die inneren Konflikte der Figuren zu verdeutlichen. So wird Verstehen Sie die Béliers? zu einem Beispiel dafür, wie populäres Erzählkino komplexe Fragen transponieren kann, ohne sich ihrer Vereinfachung vollständig zu entziehen. Die filmische Kunst liegt hier weniger in formaler Neuerung als in der sensiblen Modellierung zwischenmenschlicher Verhältnisse, die über das Genre der Komödie hinaus produktive Lesarten ermöglicht.

Filmkritik von Christopher Diekhaus

„Verstehen Sie die Béliers?“ bietet vorhersehbare Wohlfühlunterhaltung

Seit dem Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ schicken sich französische Filmemacher in schöner Regelmäßigkeit an, sensibel erscheinende Themen auf luftig-lockere Art und Weise zu verhandeln. So trat im letzten Jahr der beschwingte, allerdings reichlich konstruierte Culture-Clash-Streifen „Monsieur Claude und seine Töchter“ einen Siegeszug in den Lichtspielhäusern unserer Nachbarn an, der mit leichter Verzögerung auf die deutsche Kinolandschaft überschwappte. Ähnlich einträglich präsentiert sich, zumindest in Frankreich, auch die Wohlfühlkomödie „Verstehen Sie die Béliers?“, die von einer größtenteils gehörlosen Familie handelt, im Kern aber eine klassische Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Charme kann man dem Film sicherlich nicht absprechen, erzählerische Raffinesse und Originalität kommen jedoch nur bedingt zu ihrem Recht.

Hingebungsvoll und gewissenhaft füllt die 16-jährige Paula Bélier (Louane Emera) die Mittlerrolle in ihrer Familie aus. Da sie, anders als ihre Eltern und ihr kleiner Bruder, nicht taub zur Welt gekommen ist, kümmert sie sich um alle wichtigen Belange und fungiert als Sprachrohr zur Umgebung. Als ihr Vater Rodolphe (François Damiens) eines Tages allerdings auf die Idee kommt, für das Amt des Bürgermeisters in ihrer Kleinstadt zu kandidieren, und Paula ganz unerwartet ihr Gesangstalent entdeckt, steht die Rollenverteilung im Hause der Béliers mit einem Mal auf dem Prüfstand. Während Vater und Mutter (Karin Viard) fest davon ausgehen, dass die junge Frau sie im anstehenden Wahlkampf bedingungslos unterstützt, liebäugelt Paula mit dem Gedanken, sich um einen Studienplatz an einer Pariser Musikakademie zu bewerben. Dass sie sich parallel auch noch in ihren Mitschüler Gabriel (Ilian Bergala) verliebt, macht die Sache nicht gerade einfacher.

Löblich ist es allemal, wie ungezwungen Regisseur Éric Lartigau das Thema „Gehörlosigkeit“ anpackt und immer wieder unterstreicht, dass die Betroffenen, auch wenn sie nicht sprechen können, leidenschaftlich kommunizieren. Bei den Béliers wird eifrig diskutiert, und der Umgang miteinander ist erfrischend offenherzig und direkt – auch und gerade was sexuelle Aspekte betrifft. Emotionale Sprengkraft besitzt vor allem Paulas stärker werdendes Gesangsinteresse, da ihre tauben Eltern mit dem neuen Hobby ihrer Tochter verständlicherweise zunächst nur wenig anfangen können. Gleichzeitig möchte die junge Frau, die ihre Liebsten bislang stets nach besten Kräften unterstützt hat, endlich einmal eigene Wege gehen und sich nicht wie selbstverständlich für jedes neue Familienprojekt einspannen lassen.

Aus dieser Gemengelage zieht „Verstehen Sie die Béliers?“ nicht nur allerhand Konfliktpotenzial, sondern auch eine Reihe komischer Momente. Amüsant ist beispielsweise die Szene, in der Paula die in Gebärdensprache vorgebrachten „Aussagen“ ihres Vaters während eines Interviews mit einem Fernsehteam knapp und lustlos übersetzt. Wie in anderen Komödien auch will allerdings bei weitem nicht jeder Gag zünden. Und nicht nur das. Mitunter reiten die Macher auf manchen Späßen so lange herum, bis sie einfach nicht mehr lustig sind (Stichwort: erste Blutung). Witzig gemeint, in Wirklichkeit aber eher anstrengend ist zudem das reichlich aufgedrehte Verhalten, das Paulas Mutter ständig an den Tag legt. Uneingeschränkt treffsicher gestalten sich eigentlich nur die Auftritte des bissig-fordernden Musiklehrers Thomasson (Éric Elmosnino), der die unentschlossene Hauptfigur Schritt für Schritt aus der Reserve lockt und sie so zu gesanglichen Höchstleistungen anspornt.

Erzählerisch pendelt der Film recht beliebig zwischen den unterschiedlichen Strängen und Genre-Ansätzen hin und her. Lartigau und seine Autoren verbinden Emanzipationsgeschichte mit Provinzposse, Familienkomödie, Romanze und Musikfilm und verlieren sich dabei ein ums andere Mal in belanglosen, bemüht erscheinenden Wendungen. Warum etwa Paulas beste Freundin Mathilde (Roxane Duran) aus heiterem Himmel eine Liebesbeziehung zum kleinen Bruder der Protagonistin aufbauen muss, will sich vor dem Hintergrund des übergeordneten Bogens nicht ganz erschließen und wirkt daher eher wie eine unmotivierte Ausschmückung. Merkwürdig ist darüber hinaus, dass der lange Zeit prominente Subplot rund um die Bürgermeisterwahl irgendwann ganz abrupt abbricht und man als Zuschauer plötzlich das Gefühl hat, bloß einem billigen Aufhänger für familiäre Zerwürfnisse aufgesessen zu sein.

Rundum konventionell fällt schließlich das emotionale Finale aus, bei dem die sympathische Hauptdarstellerin Louane Emera, die mit „Verstehen Sie die Béliers?“ ihr Kinodebüt abliefert und erst jüngst einen César als beste Nachwuchsschauspielerin erhielt, zu großer Form auflaufen darf. Hat die französische „The Voice“-Teilnehmerin die manchmal holpernde Handlung bis dahin schon mit ihrem Charme und ihrer Unbekümmertheit getragen, gibt sie hier noch einmal eine wirklich umwerfende Kostprobe ihres Könnens und schafft es auf diese Weise, den Zuschauer vor der Leinwand – nicht nur das Publikum im Film – nachhaltig zu berühren. Dass das Lied, das sie vorträgt, die Situation ihrer Figur eins zu eins kommentiert und damit wenig subtil daherkommt, ist nicht weiter verwunderlich, da Lartigaus Wohlfühlkomödie die meiste Zeit auf überdeutliche Vermittlung setzt.

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