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Project: Almanac

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kritiken.de Redaktion 05.03.2015
Project: Almanac© Paramount Pictures Germany
A ca. 1312 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Project: Almanac - Zeitreise als jugendliches Archiv zwischen Beobachtung und ethischem Verhängnis

Einleitung

Project: Almanac tritt in eine filmische Tradition ein, die technische Neugier mit der Ästhetik des Amateurmaterials verbindet. Der Film verhandelt nicht allein das populäre Motiv der Zeitreise, sondern spiegelt zudem eine spezifische Geste des 2010er-Jahre-Kinos: die Stattlichkeit des Privaten als Medium der Erzählung. In einer Epoche, in der jeder Augenblick dokumentierbar scheint, fungiert das Bild als Beweis und als Versuchsanordnung zugleich.

Die Relevanz des Films liegt weniger in der Innovationskraft des Sci-Fi-Konzepts als in der Art und Weise, wie er soziale Medien, jugendliche Hybris und das Archiv als moralischen Prüfstand zusammenführt. Project: Almanac bündelt Wünsche nach Kontrolle über Vergangenheit und Zukunft mit der Unmittelbarkeit einer Generation, die technisch versiert ist, aber selten mit langfristiger historischer Perspektive argumentiert. Damit spricht er ein Publikum an, das eigene Erinnerungen simultan kuratiert und monetarisiert.

Als Spielfilmdebüt des Regisseurs markiert Project: Almanac einen frühen Dialog zwischen Indie-Ästhetik und Genrekino. Der Film lotet die Spannungen aus, die entstehen, wenn handwerkliche Rohheit auf narrativen Anspruch trifft. Zugleich positioniert er sich in einem Kino, das mit gefundenem Bildmaterial und diegetischen Kameras arbeitet, um Authentizität zu simulieren und zugleich dramaturgische Distanz zu problematisieren.

Kurzüberblick zur Produktion

Regisseur Dean Israelite, der mit Project: Almanac seinen ersten Langfilm vorlegt, steht exemplarisch für einen Generationenwechsel hinter der Kamera: Nachwuchsregisseure, die in digitalen Arbeitsweisen sozialisiert wurden und Genrefilme mit einem unmittelbaren visuellen Vokabular inszenieren. Israelites Handschrift zeigt sich in einer Präferenz für dynamische Montage und eine Nähe zur jugendlichen Perspektive, die technische Details als psychologische Indikatoren nutzt.

Die Produktion bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Studioermutigung zu massentauglicher Science-Fiction und der Einschränkung eines vergleichsweise überschaubaren Budgets. Diese Umstände begünstigen ökonomische Erzählstrategien: klaustrophobische Schauplätze, eine kleine Clique als Protagonistenensemble und die Verwendung diegetischer Kameras, die narrative Ökonomie mit ästhetischer Direktheit verbinden. Die Entscheidung für das Found-Footage-Format wird dabei zum Gestaltungsprinzip, das plotorientierte Ambitionen mit einer dokumentarischen Attitüde koppelt.

Im Gesamtwerk Israelites lässt sich Project: Almanac als Sprungbrett erkennen - ein Versuch, einen kommerziellen Genreansatz mit einer jüngeren, medienaffinen Erzählweise zu verschränken. Spätere Arbeiten setzen ähnliches Augenmerk auf visuelle Klarheit und jugendzentrierte Perspektiven, wobei die Ambivalenz zwischen Authentizität und Inszenierung ein wiederkehrendes Thema bleibt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Jonny Weston, der hier die Rolle des Anführers einer Freundesgruppe verkörpert. Weston bringt eine Mischung aus forschender Intelligenz und verletzlicher Selbstüberschätzung, eine Konstellation, die für die Dynamik des Films entscheidend ist. Sofia Black-D'Elia übernimmt die weibliche Hauptrolle, die nicht nur als Liebesinteresse, sondern als kritische Kontrapunktin dient - ihre Präsenz vermittelt Stabilität gegenüber der risikofreudigen Gruppe.

Sam Lerner und Allen Evangelista repräsentieren die unterschiedlichen Facetten der Freundschaft: den technikaffinen Tüftler und den loyalen, aber ambivalenten Komplizen. Virginia Gardner ergänzt das Ensemble als Figur, die persönliche Motivation und emotionale Resonanz ins Spiel bringt. Amy Landecker und Gary Weeks stehen für die elterliche oder erwachsene Perspektive, deren Reaktionen die ethische Dimension der jugendlichen Experimente spiegeln. Die Wahl dieser Darsteller unterstützt eine Glaubwürdigkeit des Alltäglichen, die das Found-Footage-Konzept verlangt: keine absoluten Starauftritte, sondern Ensemblearbeit mit Fokus auf Beziehung und Reaktion.

Handlung (spoilerfrei!)

Project: Almanac erzählt von einer kleinen Gruppe junger Menschen, die durch die Wiederentdeckung von wissenschaftlichen Notizen und experimentellem Equipment in die Lage versetzt werden, das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart praktisch zu verändern. Ausgangspunkt ist weniger ein abstraktes Gedankenexperiment als die naive Versuchung, persönliche Fehler zu korrigieren und Chancen rückwirkend zu optimieren.

Der dramatische Konflikt entsteht aus dem klassischen Paradoxon: technische Möglichkeit kollidiert mit moralischer Verantwortung. Die Gruppe steht vor Entscheidungen, deren Konsequenzen sowohl intime Beziehungen als auch die soziale Umwelt betreffen. Die Erzählung konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Neugier, Ehrgeiz und den unvorhersehbaren Nebenwirkungen, die entstehen, wenn private Archive und experimentelle Wissenschaft aufeinandertreffen.

Ton und Atmosphäre oszillieren zwischen beschleunigter Aufregung und unterschwelliger Bedrohung. Die Bildsprache nutzt die Beschränkungen des Formats - Handkameras, Desktop-Aufnahmen, Überwachungsvideos - um Nähe zu erzeugen, behält dabei aber die narrative Kontrolle, indem sie Perspektivwechsel und zeitliche Verschränkungen präzise setzt.

Zentrale Themen und Motive

Im Kern stellt der Film Fragen nach Verantwortung und Kausalität: Wem gehört die Vergangenheit, wer darf sie verändern, und welche Rechte nimmt sich eine junge Generation heraus, wenn sie glaubt, technische Lösungen für persönliche Probleme zu besitzen? Project: Almanac beleuchtet die ethische Gratwanderung zwischen Selbstermächtigung und Selbstüberschätzung, zwischen dem Wunsch nach Kontrolle und der Anerkennung unvorhersehbarer Folgen.

Das Motiv des Archivs - hier in Gestalt fotografischer, video- und schriftlicher Aufzeichnungen - fungiert als metaphorischer Undingpunkt. Archive versprechen Dauerhaftigkeit, sind aber gleichzeitig selektiv und manipulierbar. In dieser Spannung offenbart der Film eine philosophische Frage: Ist Erinnerung ein Beleg oder eine Konstruktion? Die Form des Films, die Privates öffentlich macht und das Persönliche als Datenbestand begreift, verweist zugleich auf eine gesellschaftliche Debatte über Surveillance, Selbstdarstellung und die Ökonomie der Erinnerung.

Darüber hinaus lädt das Motiv der Zeitreise zu einer psychologischen Lesart ein: Das Bedürfnis, Fehler auszumerzen, ist auch eine Flucht vor Verantwortung für das eigene Werden. Die narrative Konstruktion zeigt, wie technischer Fortschritt nicht automatisch zu moralischer Klärung führt, sondern alte Konflikte in neuem Gewand reproduziert. In dieser Hinsicht wird Project: Almanac zu einer Mediation über Jugend, Technologie und die fragile Illusion, Geschichte nach Belieben neu schreiben zu können.

Filmkritik von Peter Osteried

Das Project Almanac ist die Büchse der Pandora

So langsam, aber sicher bekommt jedes Genre seine Found-Footage-Behandlung. Zwar trifft es hauptsächlich den Horrorfilm, nun hat man jedoch auch einen waschechten Science-Fiction-Film, bei dem gewackelt wird. Das Gute vorweg: Bei Project Almanacpasst das sehr gut. Das Format bereichert die Geschichte.

Dave findet ein Video, das während seines siebten Geburtstages gemacht wurde. Das Kuriose daran: Im Hintergrund ist ein Spiegel zu erkennen. Darin zu sehen ist – er selbst! Aber nicht als Siebenjähriger, sondern so, wie er heute ist. Offenbar ist er in der Zeit zurückgereist. Mit seinen Freunden sucht er nach Anhaltspunkten und findet in einem Verschlag im Keller Unterlagen. Sein längst verstorbener Vater hat an einer Zeitmaschine gebaut. Dave und seine Kumpels bauen die Maschine und reisen in die Vergangenheit. Es sind kurze, kleine Reisen, bei denen nur Kleinigkeiten zur Steigerung des persönlichen Glücks verändert werden. Doch die daraus resultierenden Folgen brechen wie ein Tsunami über Dave und Co. herein.

Im Endeffekt ist es natürlich Butterfly Effect, der hier der Found-Footage-Behandlung unterzogen wird, die Idee des Welleneffekts hat dieser Film aber auch nicht begründet. Tatsächlich gelingt es Project Almanacsehr gut, zu zeigen, wie kleinste Veränderungen sich auf einer globalen Ebene auswirken, während sie im Leben der Protagonisten kaum auffallen. Daraus ergibt sich eine moralische Komponente, denn die Zeitreisenden müssen sich fragen, ob und wie sie den angerichteten Schaden wieder beheben können. Und nicht nur das: Es geht für einen der Gruppe auch darum, dass er mit einer Wiederherstellung von allem sein persönliches Glück opfern würde.

So wird eine große Geschichte auf eine intime Sehnsucht verdichtet, auf etwas, das jeder Zuschauer sehr einfach nachvollziehen kann. Über dieses Element wird man vor allem in die Geschichte gezogen, da es nur in zweiter Linie um die mit Zeitreisen einhergehenden Probleme geht. Weit wichtiger ist die Frage, wie sich Veränderungen auf die Liebe zweier Menschen auswirken.

Der Science-Fiction-Aspekt tritt aber nicht deswegen in den Hintergrund, er ist immer präsent, und funktioniert auch deswegen, weil die Möglichkeiten einer Zeitreise natürlich auch mit einer immensen Versuchung daherkommen. Denn wenn einem etwas nicht passt, kann man immer zurückkehren und es ändern. Und wenn es wieder nicht passt, dann kommt halt der nächste Versuch. Das ist additiv, aber auch skrupellos, da sich mit jeder Veränderung eine Kaskade von weiteren Veränderungen ergibt, die man gar nicht abschätzen kann.

Der Film arbeitet diesen Effekt sehr gut heraus. Er erzählt so die ganz große Geschichte, versteht es aber, diese auf den Mikrokosmos einiger Freunde herunterzubrechen. Das Ergebnis ist ein mehrheitlich gut durchdachter, nur am Ende ein wenig ins zeitreiselogistische Trudeln geratender Film, der das Stilmittel der handgeführten Kamera, die mitten drin im Geschehen ist, effektiv und mitreißend einsetzt, ohne in nerviges Gewackel zu verfallen.

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