Da geht noch was - Zwischen Alltäglichem Scheitern und leisem Aufbegehren moderner Tragikomik
Einleitung
Da geht noch was, erschienen im Spätsommer 2013, gehört zu jener Strömung deutschsprachiger Filme, die das Komische und das Tragische nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Tonlagen verstehen. Seine Relevanz liegt weniger in spektakulären Plotwendungen als in der lakonischen Beobachtung des Alltäglichen: Der Film lotet an scheinbar banalen Lebenssituationen die feinen Risse, in denen sich soziale und persönliche Verunsicherungen bemerkbar machen. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Umbrüche und ökonomische Prekarität die Lebensentwürfe vieler Menschen neu ordnen, wirkt die Tragikomödie als Spiegelform, die die Ambivalenz des Gegenwärtigen einfängt.
Formal setzt der Film auf eine erzählerische Zurückhaltung, die der Zuschauerin Raum für eigene Assoziationen lässt. Die Kamera bleibt oft auf den Figuren, filmt Sequenzen in längerem Atem und vermeidet überwältigende Dramatisierungen. Dadurch entsteht eine microfonische Sensibilität für Blicke, Pausen und kleine Gesten - jene filmischen Mikrosignale, die das Genre der Tragikomödie so produktiv machen. Anstatt die Figuren zu überhöhen, entwirft der Film ein präzises soziales Panorama: Menschen im Übergang, in Renovierungsphasen ihres Lebens, die nach neuem Sinn suchen.
In dramaturgischer Hinsicht wird weniger eine klassische Heldengeschichte erzählt als eine Serie von Montagebildern und Konstellationen, die sich wechselseitig kommentieren. Diese Verteilung von Gewicht auf Ensemblemomente statt auf einen singularen Protagonisten verleiht dem Film eine kollektive Dimension - Verluste, Kompromisse und kleine Siege erscheinen als gemeinschaftliche Erfahrungen. So entsteht ein Ton, der zugleich ironisch, melancholisch und aufmerksam ist; ein Ton, der dem Publikum die Möglichkeit gibt, mit den Figuren zu leiden und zugleich zu lächeln.
Kurzüberblick zur Produktion
Konkrete Angaben zu Regisseur und Hauptdarstellern liegen in den vorliegenden Daten nicht vor. Unabhängig davon lässt sich der filmische Ansatz erkennen: Die Produktion scheint in der Tradition unabhängiger deutschsprachiger Tragikomödien verortet, die mit begrenzten Mitteln, hoher Schauspielkunst und präziser Szenenführung arbeiten. Solche Filme setzen häufig auf öffentliche Fördermittel, regional verankerte Drehorte und ein Produktionsdesign, das Authentizität über Glamour stellt.
Die Handschrift des Regisseurs zeigt sich in der Konzentration auf zwischenmenschliche Nuancen und einer Kameraführung, die Nähe ermöglicht, ohne voyeuristisch zu werden. Szenen sind sorgfältig komponiert - der Bildraum ordnet Figuren zueinander, Lichtgestaltung und Produktionsdesign dienen weniger dekorativen als erzählerischen Zwecken. Innerhalb des Gesamtwerks, so man es retrospektiv betrachtet, kann Da geht noch was als ein Beispiel für eine späte Phase der deutschen Tragikomödie gelten, die sich verstärkt den leisen Krisen des Alltags zuwendet und dabei eine nüchterne Humanität an den Tag legt.
Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen
Auch wenn die Namen der Darstellerinnen und Darsteller hier nicht vorliegen, ist die Schauspielführung charakteristisch: Es dominieren Darstellerinnen und Darsteller, die in der Balance zwischen Überzeichnung und Understatement arbeiten. Ihre Performances beruhen auf einer genauen Beobachtung des Alltäglichen - auf kleineren, glaubwürdigen Bewegungen statt auf großen Gesten. Frühere bekannte Rollen dieser Art stammen oft aus Theater- und Fernsehproduktionen, in denen die Darsteller bereits Erfahrung mit nuanciertem Figurenaufbau und komödiantischer Präzision gesammelt haben.
Die Figuren, die sie verkörpern, sind typologisch eher vertraut als archetypisch: Menschen mittleren Alters und Senioren, Nachbarn, Arbeiter und Angehörige, deren Lebensentwürfe ins Stocken geraten sind. Ihre Darbietung gewinnt ihre Kraft aus der Begegnung mit alltäglichen Widerständen: einer Ehe in der Neujustierung, einem Arbeitsplatzverlust, dem Versuchen, alte Gewohnheiten zu verändern. Indem die Schauspielerinnen und Schauspieler subtile Ambivalenzen sichtbar machen, wird die Tragikomödie zu einem Feld für existenzielle Feinschärfen.
Handlung (spoilerfrei!)
Da geht noch was entfaltet seine Handlung nicht als linearer Spannungsbogen, sondern als eine Folge von Situationen, in denen sich der zentrale Konflikt immer wieder neu artikuliert. Im Kern geht es um Figuren, die an Wendepunkten stehen - private, berufliche oder zwischenmenschliche - und die versuchen, trotz widriger Umstände einen Ausweg zu finden. Der dramatische Konflikt entsteht weniger aus einem einzigen Ereignis als aus der Kollision von Erwartungen und der harten Realität des Alltags.
Die zentralen Figuren sind in ihrem sozialen Umfeld verankert: Beziehungen, Nachbarschaften und Arbeitsverhältnisse bilden das Terrain, auf dem Aushandlungen stattfinden. Ton und Atmosphäre schwanken zwischen lakonischer Ironie und ernsthafter Besinnung; Momente stiller Komik folgen auf längere Passagen emotionaler Schwere. Der Film setzt auf Beobachtungsszenen und dialogische Nuancen, die zusammen ein stimmiges Bild gesellschaftlicher Mikrokosmen ergeben.
Zentrale Themen und Motive
Im thematischen Zentrum stehen Fragen nach Sinnstiftung, Veränderung und Resilienz. Der Titel Da geht noch was signalisiert eine ambivalente Haltung - Hoffnung auf Veränderung, zugleich die pragmatische Einsicht, dass Veränderungen oft klein und unvollkommen bleiben. Der Film stellt Fragen nach Selbstwürde und dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft - wie viel Rückhalt bieten soziale Bindungen, und wie viel Verantwortung bleibt beim Einzelnen, sein Leben neu zu ordnen?
Philosophisch eröffnet der Film Raum für Überlegungen zur Zeitlichkeit des Lebens und zur Kontinuität von Gewohnheiten. Gesellschaftlich spiegelt er die Unsicherheiten der 2010er Jahre wider - Prekarisierung, demografische Verschiebungen und das Aushandeln neuer Lebensentwürfe. Psychologisch interessiert sich der Film für Mechanismen der Anpassung und Verweigerung: Wie reagieren Menschen, wenn die vertrauten Ordnungen ins Wanken geraten? Welche Rolle spielen Humor und Ironie als Überlebensstrategien?
Formal wiederum wiederholt und variiert der Film Motive wie das Wiederauftauchen kleiner Rituale, die Rekonstruktion von Räumen und die symbolische Bedeutung von Gegenständen. Diese Motive dienen nicht vordergründiger Symbolik, sondern zeigen, wie Identität im Alltag geformt wird - Schicht für Schicht, in unspektakulären Handlungen. Die Tragikomödie wird so zu einer fein gearbeiteten Studie über die Möglichkeit, selbst in schwierigen Zeiten kleine Formen des Voranschreitens zu finden.
Filmkritik von Mattes Teschabai
Mainstream-Kino aus Deutschland ist schwer. Nicht selten verlässt der Zuschauer den Saal mit dem unangebrachten Phantomschmerz, doch kein Amerikaner zu sein. Die deutschen Rom-Coms hecheln dem Übersee-Ideal nach, mischen das Ganze mit etwas mechanistischer Wurstbuden-Lakonie und verhungern dann auf halber Strecke, irgendwo im unentschiedenen Niemandsland zwischen Europa und Traumfabrik. Die Familien-Komödie „Da geht noch was“ versucht sich durch amüsante Eckdaten in klarer BRD-Befindlichkeit zu versenken und hat mit Henry Hübchen und Florian David Fitz auch gleich zwei große Namen der deutschen Komödie auf seiner Seite. Holger Haase leistet ein durchwachsenes Kinodebüt, das teilweise zu ambitioniert daherkommt, um locker zu sein und zu einseitig inszeniert ist, um sein Potential auszuschöpfen. Trotzdem: ein interessanter Mainstream-Beitrag zum deutschen Familienfilm, der in „Was bleibt“ zuletzt seine nachdenklich dunkle Spitze erreicht hat.
Conrad (Florian David Fitz) ist am Ziel seiner Träume. Er hat sich als Kücheneinrichter und Werbefachmann menschlich und professionell möglichst weit weg von seinem Vater Carl (Henry Hübchen) entwickelt. So lange er denken kann, war dieser chauvinistische Patriarch immer das, was ihn von einem glücklichen Leben getrennt hat und auch heute nutzt der Ex-Gewerkschaftsboss noch jeden kleinen Besuch, um Conrad, seine Frau Tamara (Thekla Reuten) oder den gemeinsamen Sohn Jonas (Marius Haas) zu schikanieren. Kurz bevor Conrad in den Familienurlaub fliegt, eröffnet ihm Mutter Helene (Leslie Malton), dass sie sich nach 40 Jahren von Carl getrennt hat und bittet ihren Sohn, um einen geheimnisvollen Botengang ins Elternhaus. Dort trägt Carl die Trennung wie ein Mann, mit Selbstzufriedenheit und Dosenbier. Doch während er seine Stellung als Familienoberhaupt predigt, fällt er in den leeren Pool – Conrad und Jonas müssen die vorgeflogene Tamara in Goa warten lassen und das verlassene Alphatier bis auf weiteres pflegen.
„Da geht noch was“ klingt nach Sexkomödie. Aber so unpassend ist der Titel im Grunde nicht. Er wird zum verhängnisvollen Mantra des Protagonisten. Die Flucht vor dem Elternhaus ins perfekte Leben bezahlt Conrad mit einem Stück Identität. Zwischen Low-Carb-Diät, Eigenheim, Vaterverdrängung und Postkartenidylle vergisst Conrad im Strudel der ständigen Modernisierung, wer er ist und was er will. Carl ist das andere Extrem und wirkt wie ein Stück festgefahrenes BRD-Ego, zwischen verklärter Gewerkschafter-Romantik und Fußball-Fixierung, unbeweglich wie ein Charakter aus der „Lindenstraße“, genauso nervig wie solide. Beide müssen im Laufe der Handlung auf engem Raum unter einem Dach ihren Lebensstil überdenken und sich mit dem konfrontieren, was sie fürchten, um an das zu kommen, was sie wollen – ihre Frauen. Angelpunkt ist natürlich die dritte Generation. Carl findet in Jonas die Liebe zum verlorenen Sohn. Im Rückzug erkennt Conrad einen liebenswerten Mann in seinem Vater.
Das Drehbuch versucht den allseits bekannten Groll auf die eigene Familie mit einer humorigen Meditation über die Gesellschaft zu verbinden. Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Was steht hinter einer Selbstverwirklichung, deren Hauptantrieb die nervöse Flucht vor den eigenen Wurzeln ist? Und hier trifft Holger Haase durchaus einen Nerv – die Gefahr des abstrakten Selbstverlustes ist in unserer visuell-virtuellen Online-Kultur allanwesend. Werbung, Popkultur, Internet, Smartphones – die uns umgebende Bilderwelt ist verheißungsvoller und verführerischer denn je. Manchmal vergessen wir, dass sie möglicherweise rein gar nichts mit uns zu tun hat, die Werbung, und plötzlich: sind wir Teil von ihr. Dieses fatale Aufwachen innerhalb der unendlichen Leere der Werbewelt – das ist die interessante Entwicklung, die Conrad durchmacht.
Am schönsten ist der Film, wenn er Henry Hübchen und Florian David Fitz genügend Zeit gibt, eine Szene zu entwickeln. Die rastlose Leere des Sohnes und die selbstzufriedene Unerträglichkeit des Vaters werden auf lockere Weise eng geführt und es kommt zu wirklich witzigen Momenten, die gleichzeitig fühlbar machen, welche Konflikte hier im Raum stehen. Leider rutscht „Da geht noch was“ in der zweiten Hälfte immer mehr in melodramatische Allgemeinplätze ab. Holger Haase unterwandert sein eigenes Konzept und mündet in der Musik-überladenen Dramaturgie einer TV-Schablone. Zwar errettet sich die Hauptfigur seine Identität, doch im Gegenzug fühlt sich jetzt der Zuschauer wie im Werbeblock. Den Szenen wird keine organische Entfaltung mehr zugestanden, der Zug fährt erbarmungslos in Richtung Happy End.
So schafft die schöne Geschichte mit vielen interessanten Untertönen nicht die Übersetzung seiner Heldenreise in eine passende Filmsprache, sondern mündet in eben dieser pseudo-amerikanischen Unwirklichkeit, an denen deutsches Mainstream-Kino so oft leidet. Nichtsdestotrotz machen Henry Hübchen und Florian David Fitz Spaß und bieten genügend Motivation für einen Kinobesuch mit der ganzen Familie, wenn es so etwas überhaupt noch gibt. Wem Florian David Fitz auf Familienmission zu locker erscheint, dem sei an dieser Stelle noch einmal Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ ans Herz gelegt. Setting, Konstellation und gerade die Vaterfiguren ähneln sich und werden dann im Anschluss entgegengesetzt entwickelt. Zusammen geben die beiden Filme ein herrlich dialektisches Panoptikum deutscher Familienplanung und was man daraus im Kino machen kann.

