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Big Eyes

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kritiken.de Redaktion 23.04.2015
Big Eyes© StudioCanal Deutschland
A ca. 1392 Worte Lesezeit ca. 5 Minuten  📋 Inhalt

Big Eyes - Über Autorschaft, Illusion und die Konstruktion weiblicher Kreativität im amerikanischen Blick

Einleitung

Tim Burtons Big Eyes rückt eine Episode der amerikanischen Kunstgeschichte in den Mittelpunkt, die weniger durch Stilbrüche als durch Fragen der Urheberschaft und Selbstdarstellung berühmt wurde. Der Film ist deshalb relevant, weil er nicht nur eine juristische Auseinandersetzung erzählt, sondern ein Panorama kultureller Mechanismen entblößt: wie Bilder konstruiert, vermarktet und schließlich dem Publikum als Emotion verkauft werden. In einem Zeitalter, in dem Authentizität zu einer kommerziellen Kategorie geworden ist, liefert Big Eyes eine fallstudienartige Reflexion über Verwertung und Identität.

Innerhalb von Burtons Werk markiert der Film eine bemerkenswerte Verschiebung weg von den mythischen, fantastischen Setups seiner populärsten Werke hin zu einem kleineren, biografisch verankerten Erzählton. Vieles an Big Eyes wirkt wie die nüchternere Schwester von Ed Wood - ein regieführerischer Blick, der sich nicht dem Phantastischen als erster Option verschreibt, sondern das Biographische mit stilistischen Mitteln erzählt. Burton nutzt seine charakteristische Bildführung, um eine scheinbar banale Geschichte in psychologisch aufgeladene Tableaus zu verwandeln.

Gesellschaftlich trifft der Film auf ein Publikum, das sensibel ist für Machtgefälle und Aneignung. Die Handlung spielt in einer Nachkriegs- und Cold War-Ära, deren Konsumkultur und Geschlechterverhältnisse hier als historische Bühne fungieren. So wird Big Eyes zu einem Spiegel: Die 2010er Jahre sehen in der Wiederaufnahme solcher Themen eine erneute Debatte über Sichtbarkeit, Stimme und ökonomische Verwertung von Kreativität.

Kurzüberblick zur Produktion

Regie führte Tim Burton, dessen Handschrift auch in diesem scheinbar leisen Werk erkennbar bleibt: eine Vorliebe für ikonische Bildfindungen, einen Hang zur leichten Überzeichnung von Figuren und eine sorgfältige Ausstattung, die Zeitkolorit als erzählerisches Mittel nutzt. Dort, wo Burton sonst auf Gothic-Ästhetik oder surreale Exzesse zurückgreift, wählt er in Big Eyes eine gedämpftere Palette und setzt Stilmittel gezielt ein, um inneres Erleben zu visualisieren.

Die Produktion ist ein Beispiel für die Annäherung großer Regisseure an das Biopic-Genre als Forum für kulturelle Beobachtung. Statt auf Effektspektakel setzt das Projekt auf präzise Ausstattung, klares Kostümbild und eine Kameraarbeit, die Nähe und Distanz austariert. Im Vergleich zu Burtons Blockbustern wirkt Big Eyes vergleichsweise moderat budgetiert - eine bewusste Verschiebung hin zu einem filmischen Experiment auf kleinerer, intimerer Bühne.

Im Gesamtwerk nimmt der Film den Platz eines kontrollierten Experiments ein: Er verbindet Burtons visuelle Identität mit dem Bedürfnis, historische Figuren psychologisch ernst zu nehmen. In dieser Beziehung steht er in einer Linie mit Burtons früheren biografischen oder realitätsnäheren Arbeiten und ergänzt das Bild eines Regisseurs, der seine formale Verspieltheit immer wieder in Dienst erzählerischer Präzision stellt.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Amy Adams übernimmt die zentrale Rolle und bringt die Ambivalenz ihrer bisherigen Charakterporträts in eine reale Biographie ein: die verletzliche, zugleich hartnäckige Künstlerin, deren Werk zur Marke wird. Adams hat in ihrer Karriere wiederholt Figuren verkörpert, die zwischen Anpassung und Selbstbehauptung oszillieren, weshalb sie hier die nötige Balance zwischen Zurückhaltung und innerer Entschlossenheit liefert.

Christoph Waltz verkörpert den Gegenpol: charmant, manipulierend und mit einer teatralen Präsenz, die sowohl soziale Überzeugungskraft als auch berechnende Selbstinszenierung signalisiert. Seine Karriere mit markanten Antagonistenrollen hat ihn zu einem Archetypen für solche Figuren gemacht, die das Publikum gleichzeitig faszinieren und irritieren.

Krysten Ritter und Jason Schwartzman sind in Nebenpartien zu sehen, die das Beziehungsgeflecht um die zentrale Figur verdichten: sie spielen Vertraute und Figuren aus dem Kunst- und Medienfeld der Zeit, die als Katalysatoren für die öffentliche Wahrnehmung fungieren. Veteranen wie Terence Stamp tragen dem Film gravitas und verankern das Ensemble in einer historischen Tiefe, die den narrativen Kern stützt.

Handlung (spoilerfrei!)

Big Eyes erzählt von einer Künstlerin und dem Phänomen ihrer eigenen Bildsprache - den markanten, überdimensionalen Augenfiguren - und von dem Konflikt, der entsteht, wenn ein Dritter die Anerkennung für diese Arbeit beansprucht. Der dramatische Konflikt dreht sich um Fragen des Besitzes über Bilder, um familiäre Machtverhältnisse und um die Art und Weise, wie das Publikum emotional adressiert wird.

Im Zentrum stehen zwei Figuren: die Schöpferin, deren innere Welt sich in den Bildern ausdrückt, und die Person, die öffentlich das Steuer übernimmt und so die Wahrnehmung der Kunst verändert. Ton und Atmosphäre des Films bewegen sich zwischen melancholischer Introspektion und ironischer Entlarvung einer Kultur, die Bilder nicht nur konsumiert, sondern auch für sich instrumentalisieren will.

Die Erzählung entfaltet sich episodisch und konzentriert sich weniger auf spektakuläre Wendungen als auf die allmähliche Verschiebung von Macht, Anerkennung und Selbstbestimmung. Der Spannungsbogen speist sich aus alltäglichen Machtspielen, öffentlicher Inszenierung und dem langsamen Zusammenprall privater Wahrheiten mit dem Markt.

Zentrale Themen und Motive

Im Zentrum des Films steht die Frage nach Autorschaft: Wer darf ein Bild beanspruchen, und wie verändern ökonomische Interessen die Bedeutung künstlerischer Arbeit? Diese Frage öffnet weitergehende Überlegungen zur Konstruktion weiblicher Kreativität in einem patriarchalen Markt. Der Film lotet aus, wie weibliche Produktion häufig in männliche Erzählungen eingesogen wird - nicht zuletzt durch Markenbildung und mediale Representation.

Psychologisch betrachtet geht es auch um Identität und Selbstbehauptung: Wie formt die Künstlerin ihre Stimme, wenn das öffentliche Sprechen ihr entzogen wird? Philosophisch stellt Big Eyes Fragen nach Authentizität und dem Verhältnis von Origial und Kopie, nach dem Recht, gesehen zu werden, ohne zugleich zu Objekten der Projektion zu werden. Visuell arbeitet der Film mit dem Motiv des Blicks - das große Auge in den Bildern wird zum Sinnbild für Beobachtung, für voyeuristische Aufmerksamkeit und für das Ringen um Deutungshoheit.

Big Eyes bietet damit weniger eine einfache Anklage als eine nuancierte Erkundung der Mechanismen, die Kunst, Markt und Geschlecht verknüpfen. Der Film lädt dazu ein, nicht nur die Geschichte einer Einzelschicksals zu verfolgen, sondern die Bedingungen zu betrachten, unter denen Bilder entstehen, zirkulieren und Bedeutungen annehmen.

Filmkritik von Peter Osteried

Tim Burton macht Big Eyes

Dass ausgerechnet Tim Burton die Geschichte von Margaret Keane erzählt, ist nur passend. Ihre Gemälde verlorener Kinder mit den großen, traurigen Augen sind im Grunde auch genau das, was Burtons Kunst ausmacht. Etwas ist abseits der Norm, ein bisschen schräg, auf jeden Fall skurril, vielleicht auch ein wenig erschreckend, aber auf jeden Fall emotional. Das ist die Qualität von Margaret Keanes unsterblichen Gemälden. Burton versucht, ihr gerecht zu werden – indem er sich über Gebühr zurücknimmt.

Margaret Keane (Amy Adams) verlässt ihren Mann und geht mit ihrer Tochter nach San Francisco. Dort nimmt sie einen Job an und verkauft auf der Straße Bilder. Dabei lernt sie Walter Keane (Christoph Waltz) kennen, ein verkappter Künstler, der mit seinen Straßenporträts keinen Erfolg hat. Beide heiraten, aber es ist nicht so herrlich, wie sie es sich vorgestellt hat. Denn Keane ist ein exzellenter Geschäftsmann, der es versteht, Margarets Gemälde zu vermarkten, der sie aber als seine eigenen ausgibt. Während die Ehe immer mehr zerfasert, fasst Margaret den Beschluss, die Eigentümerschaft über ihre Bilder zurückzugewinnen.

Nach Ed Wood nimmt sich Tim Burton mit Big Eyes ein zweites Mal einer filmischen Biographie an. Im Grunde könnte man beide Filme als die unterschiedlichen Seiten von ein und derselben Medaille sehen. Der eine schwarzweiß, der andere immens bunt, der eine über einen untalentierten Filmträumer, der andere über ein großes Talent – beide jedoch Menschen, denen die Anerkennung versagt wird. Entweder die eingebildete oder die wirklich verdiente. Anders als Ed Wood ist Big Eyes jedoch ein Film, der kaum Tim Burtons Handschrift verrät. Das gab es schon einmal in seinem Oeuvre, beim völlig missratenen Planet der Affen. Damals war es wohl ein Mangel an Leidenschaft, diesmal ist sie definitiv vorhanden. Aber Burton inszeniert nonchalant, ohne seinen eigenen Stil zum Tragen zu bringen. Er lässt der Geschichte den Raum, die sie braucht, um sich zu entfalten.

Das kann man als Vorteil sehen, es ist aber auch eine Schwäche. Da der Film ohne Burtons eigenes Trademark fast die Anmutung einer Fernsehproduktion hat – einer sehr aufwendigen, keine Frage, aber dennoch nur einer sehr mondänen filmischen Biographie. Er verlässt sich auf seine beiden Darsteller, aber auch hier ist mehr Schein als Sein vorhanden. Während Amy Adams als eine Frau, die langsam beginnt, für sich selbst einzustehen, eine durchaus vielschichtige Darstellung abliefert, bleibt Christoph Waltz seinen üblichen Manierismen verpflichtet. Nichts an seiner Darstellung ist in irgendeiner Weise überraschend, er spult ab, was sein schauspielerisches Repertoire zu bieten hat. Das macht er durchaus gut, aber er wächst nicht über sich hinaus. Im Grunde passt er sich der Unaufgeregtheit des Films an.

Alles in allem ist Big Eyes durchaus ein guter Film, er bleibt nur relativ substanzlos. Anders als die Bilder von Margaret Keane hinterlässt der Film keinen bleibenden Eindruck. Er ist schön anzusehen, er unterhält, aber mehr ist einfach nicht drin.

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