Die Akte „Wagen 9“: Was ich unfreiwillig über die 70-Prozent-Lüge erfuhr

Die Akte „Wagen 9“: Was ich unfreiwillig über die 70-Prozent-Lüge erfuhr

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Inhalt:
  1. Die unsichtbare Enteignung beim Arbeitgeber
  2. Das Netto-Märchen und die 48-Prozent-Zange
  3. Der Geniestreich und die Rückkehr der Leibeigenschaft
  4. Die dekorierte Einöde und der perfekte Untertan
  5. Die rettende Selbsttäuschung

Es war eine dieser Fahrten, bei denen man sich wünscht, man hätte seine Noise-Cancelling-Kopfhörer nicht im Hotel vergessen. Ich saß im ICE von Berlin nach München in einem ein Zug, der wie das Land selbst wirkte: technisch überlegen auf dem Papier, aber in der Realität marode, verspätet und von einer unterschwelligen Gereiztheit erfüllt. Hinter mir zwei Männer, die sich offensichtlich seit Jahren kannten, ein mittelständischer Unternehmer und ein hochspezialisierter Facharbeiter. Was die beiden über zwei Stunden hinweg ausbreiteten, war so radikal, so detailliert und mathematisch niederschmetternd, dass ich mich zwischendurch fragte, ob ich in einer geheimen Widerstandszelle gelandet war. Ich schreibe das hier nur auf, um zu zeigen, welche gefährlichen Gedanken mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft kursieren. Ich selbst glaube das natürlich alles nicht der Staat meint es schließlich nur gut mit uns.

Die unsichtbare Enteignung beim Arbeitgeber

Der Unternehmer fing an. Er lachte bitter, als er seinen Lohnsteuerbescheid ansah. Er erklärte seinem Kumpel, dass der Betrug schon anfange, bevor der Angestellte seine Abrechnung sieht. Der Staat habe den bösartigen Begriff „Arbeitgeberanteil“ erfunden, damit der Arbeiter nicht merkt, dass es sein erwirtschaftetes Geld ist, das da verschwindet. Er rechnete vor, dass er für seinen Mann echte Arbeitskosten von 5.000 Euro zahlt, aber auf dem Vertrag nur 4.100 Euro Brutto auftauchen. Die restlichen 900 Euro zwackt der Staat im Verborgenen ab, noch bevor sie auf dem Lohnzettel erwähnt werden. Er nannte das verschachteltes, getarntes Geld. Eine Steuer, die sich als soziale Wohltat maskiert. Stellen Sie sich das vor! Zu behaupten, die Sozialabgaben seien ein Versteckspiel des Staates, als ob die Rentenversicherung nicht sicher wäre!

Das Netto-Märchen und die 48-Prozent-Zange

Der Facharbeiter rechnete dann weiter. Er holte einen Bierfilz raus und erklärte, dass von den restlichen 4.100 Euro, die auf dem Papier stehen, der Staat erneut offiziell zuschlägt. Über die Lohnsteuer und die Arbeitnehmeranteile werden oft weitere 48 Prozent abgezogen. Am Ende landen von den ursprünglich erwirtschafteten 5.000 Euro nur etwa 2.130 Euro auf dem Konto. Über 2.870 Euro also mehr als die Hälfte der Lebenskraft sind verschwunden, bevor der Mann auch nur einen Fuß in einen Supermarkt gesetzt hat. Aber damit nicht genug. Er schimpfte über die 19 Prozent Mehrwertsteuer, die auf fast alles fällig werden. Was nützt mir ein Netto-Euro, wenn er an der Supermarktkasse sofort auf 81 Cent schrumpft, fragte er. Ich dachte mir nur: Mein Gott, der Mann sieht Steuern als Bestrafung für das Leben. Wie kann man nur so zynisch sein?

Der Geniestreich und die Rückkehr der Leibeigenschaft

Dann kam der Teil, der mich wirklich schockierte. Der Unternehmer behauptete, die Steuerlast sei exakt so hoch kalibriert, dass der fleißige Bürger gerade so überlebt, aber niemals genug spart, um unabhängig zu werden. Er nannte es die „Epizentrum-Steuer auf das Hamsterrad“. Wenn die Menschen genug Geld hätten, um zwei Jahre ohne Job zu überleben, würde das ganze System kollabieren, da sich niemand mehr die Schikanen gefallen ließe. Sie verglichen das mit der Logik der Monarchen, des Adels und der Kirche, die uns in Europa über Jahrhunderte wie Gänse ausgenommen haben. Früher hieß es Fronarbeit, heute heißt es Sozialabgabe. Wir seien die Leibeigenen eines Apparats, der unseren Schweiß braucht, um weltweite Ideologieprojekte zu finanzieren. Ich schüttelte nur den Kopf wir leben schließlich in einer Demokratie und nicht im Feudalismus.

Die dekorierte Einöde und der perfekte Untertan

Zum Schluss sprachen sie über die angebliche Einöde und das Gaslighting der Gesellschaft. Der Unternehmer behauptete, man rede uns ein, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt, während in Talkshows so getan wird, als würden wir alle in Villen wohnen. Ich blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende graue Landschaft, aber da waren keine Villen. Da war nur die endlose graue Einöde aus zweckmäßigen Nachkriegsbauten, bröckelndem Putz und maroden Schulen. Ganz am Ende fiel der Name Napoleon Bonaparte, der gesagt haben soll, dass er die Welt erobert hätte, wenn er nur Deutsche als Untertanen gehabt hätte. Sie nannten den Deutschen das Musterbeispiel des Hörigen, der nicht fragend, sondern buckelnd dient und seine eigene Ausbeutung als soziale Gerechtigkeit verteidigt.

Die rettende Selbsttäuschung

Ich saß da und fühlte mich fast schon schlecht, dass ich nicht widersprochen habe. Aber dann fiel mir die rettende Erklärung ein, die wir alle so gerne nutzen: Wir sind eben der Zahlmeister! Wir finanzieren Europa, wir retten das Weltklima und wir bauen Radwege in Peru. Es muss ja an den anderen liegen, dass mein Geld weg ist. Das ist viel schöner, als sich einzugestehen, dass wir in einem System feststecken, das unseren Fleiß einfach ineffizient verbrennt. Diese Annahme, dass wir unser Geld „verschenken“, ist zwar in einem kapitalistischen System vollkommen absurd, aber sie ist eine wunderbare Entschuldigung, um sich nicht mit der eigenen Ohnmacht auseinandersetzen zu müssen. Natürlich ist das alles Unfug. Wir leben im besten Deutschland aller Zeiten. Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese 70-Prozent-Rechnung morgen wieder vergessen habe. Oder es zumindest versuche.