Wir zahlen Tausende von Euro für eine perfekt inszenierte Kulisse aus Rattan-Möbeln und Infinity-Pools, doch hinter der weißen Tünche der weltweiten Trend-Hotspots bröckelt die Fassade. Ein hochliterarischer, bittersüßer Abschiedsbrief an Mykonos, Ibiza, Bali und Co. – geschrieben für alle, die das prätentiöse Kulissentheater des modernen Tourismus endlich satt haben. Ein sarkastischer Streifzug durch den globalen Ausverkauf der Gastfreundschaft, der wie Honig auf der Zunge beginnt und als bitterer Albtraum im Halse stecken bleibt.
Mein geliebtes Verderben: Ein zuckersüßer Abschiedsbrief an die schöne Illusion
Mein geliebtes, zuckersüßes Verderben,
ich schreibe dir diese Zeilen mit einer Feder, die ich tief in das flüssige Gold deiner Versprechungen getaucht habe. Wie ein berauschter Jüngling bin ich dir verfallen, betört vom Duft deiner perfekt editierten Bilder, berauscht von der Melodie deines ewigen Sommers. Ich wollte dich besitzen, wollte mich in das azurblaue Seidentuch deiner Kykladen-Meere hüllen, mich im heiligen, smaragdgrünen Samt balinesischer Reisterrassen verlieren und das geschichtsträchtige, warme Licht über den Ruinen Roms wie einen edlen Wein auf der Zunge spüren. Du hast meine Sehnsucht parfümiert, hast mir die Welt als einen gütigen, sanftmütigen Gastgeber gemalt, der nur darauf wartet, meine müde Seele in die Arme zu schließen. Und ich? Ich bin dir blindlings gefolgt, habe meine Koffer mit Träumen gepackt und mich auf den Weg gemacht, um dir mein Herz zu Füßen zu legen. Doch ach, meine bittersüße Schöne, wie kunstvoll hast du mich betrogen! Schon die Rampe zu deinem Altar, die lodernden Hallen der modernen Luftfahrtlogistik, entpuppten sich als ein wahrhaft himmlisches Fließband der Entmenschlichung. Wo vor sechzig Jahren noch die Poesie des eleganten Aufbruchs wohnte, wo noble Passagiere in feinen Zwirnen wandelten und Stewardessen den Champagner mit der aufrichtigen Grandezza wahrer Hofdamen reichten, da feierst du heute das Triumphfeuer des nackten Kapitalismus. Wie amüsant es ist, wie gefügig wir geworden sind! Der Algorithmus, dieses süße, kleine Kind der Gewinnmaximierung, trennt Liebende beim virtuellen Check-in mit sadistischer Freude, um ein Lösegeld von zwanzig Euro für das schiere Nebeneinandersitzen zu erpressen. Und wir weinen nicht einmal. Wir haben gelernt, unsere Würde wie lästiges Übergepäck am Terminal abzugeben, uns stumm in die Kniebeuge-Position der fliegenden Legehennen-Abteile zu falten und das zentimetergenaue Nachmessen unserer Habseligkeiten durch die Handgepäck-Inquisitoren als gerechte Strafe für unsere Sehnsucht zu akzeptieren. Man zahlt heute kein Ticket mehr, mein Schatz – man zahlt ein Lösegeld, um unbeschadet durch deine Pforten zu dringen.
Und wie prächtig hast du dich herausgeputzt, als ich schließlich vor deinen kalkweißen Festungen des Luxus stand! Sie glänzen im Netz wie architektonische Meisterwerke, makellos inszeniert für den schnellen, digitalen Applaus der Daheimgebliebenen. Doch wehe dem, der die frische Tünche mit dem Fingernagel berührt; darunter blickt man direkt in das rostige, seelenlose Getriebe einer globalisierten Schablone. Ob Mykonos, Tulum oder Bali – du hast das Besondere ermordet und durch eine Einheitskulisse aus indonesischen Rattan-Möbeln und monotonem, dumpfem Deep-House-Gehämmert ersetzt, das wie ein schlechtes Omen aus den Olivenbäumen plärrt. Am Empfang deiner Heiligtümer thronen Angestellte, deren Mienen so herrlich angefressen, so tief von Frustration durchtränkt sind, dass jedes erzwungene „Welcome“ die Gesichtsmuskeln in schmerzhafte Schwingungen versetzt. Ich verzeihe es ihnen von Herzen. Warum sollten diese armen, ausgezehrten Seelen auch nur einen Funken echte Emotion in mein Gesicht investieren? Morgen reist meine Karawane weiter, und das Management hat ohnehin längst errechnet, dass ein flüchtiges Gesicht keinen bleibenden Wert besitzt. Ich bin kein Gast in deinem Reich, mein Engel, ich bin ein durchlaufender Posten mit einer Kreditkarte. Die wahre Romantik entfaltet sich jedoch erst im intimen Schutzraum des Schlafgemachs, für das ich den Gegenwert eines halben Monatsgehalts opferte. Dort lädst du mich allabendlich zu einer überaus sportlichen, humoristischen Safari ein: der Jagd auf handtellergroße Kakerlaken, die so wunderbar flink über den Designer-Sichtbeton tanzen. Wenn ich deinen Concierge am Morgen mit der kühlen Bestimmtheit des betrogenen Liebhabers darauf hinweise, setzt er die staatstragende Maske des gespielten Bedauerns auf. Er verspricht mir – ach, wie Honig floß es von seinen Lippen! – eine sofortige, chemische Tiefenreinigung durch ein unsichtbares Spezialteam. Und das Theater gelingt vollkommen: Die Reinigungskraft erscheint, wedelt für exakt zehn Minuten lustlos mit einem trockenen Tuch durch die Luft, bewegt ein wenig Atmosphäre, versprüht ein billiges Parfüm und entschwindet wieder, ohne ein einziges Problem berührt zu haben. Wenn mich die Kakerlaken am Abend wieder aus der Ecke grüßen, erkenne ich die zynische Schönheit dieses Systems: Es ist das stumme Einverständnis zwischen einem Management, das die Gewinne einstreicht, und einer unterbezahlten Dienerschaft, die durch diese Simulation von Arbeit ihren stillen Protest feiert.
Dieses gastronomische Fegefeuer setzt sich an deinen reich gedeckten Tafeln fort, wo handwerkliches Elend unter hochtrabenden Begriffen versteckt wird. Auf Madeira, in einem vermeintlichen Traditionshaus der noblen Klasse, lauschte ich unter Kristallleuchtern nicht der klassischen Musik, sondern der Akustik des Schreckens aus dem Küchentrakt. Ein extremes, ungeniertes und episches Niesen des Personals hallte wieder und wieder durch den Raum – eine theatralische Überzeichnung, die jegliches Vertrauen in die Hygiene mit einem lauten Knall hinwegfegte. Und auf Mallorca, im prätentiösen Schoß eines der teuersten Luxushotels, zelebrierte man mir ein sechsgängiges Tasting-Menü. Es war ein Kaugummi-Ereignis des Grauens. Der Service war so jämmerlich geschult, dass die Teller wie Abfall abgestellt wurden, während die Wartezeiten zwischen den Gängen an eine Geduldsprobe im Einwohnermeldeamt erinnerten. Die lauwarmen Aromen schlugen sich gegenseitig in die Flucht, die Portionen waren mikroskopisch klein, und ich bezahlte ein Vermögen für das bloße Absitzen einer kulinarischen Insolvenzerklärung, nach der ich hungrig ins Bett ging. Dein Scam, meine Geliebte, ist von weltumspannender Größe. Auf Bali hast du die heiligen Quellen und jahrhundertealten Tempel zu Kulissen degradiert, durch die du die Touristen im Minutentakt für das perfekte Foto schleust, während im Hintergrund die ungeschulten Fahrer im permanenten Smog das Bewusstsein verlieren. Im mexikanischen Tulum verkaufst du mir pseudo-ökologische Luxus-Bungalows ohne Strom und Klimaanlage für tausend Dollar die Nacht als „Eco-Luxury“, während direkt hinter den Zäunen der Müll im Paradies brennt und nervöse Sicherheitsdienste mit Schrotflinten patrouillieren. Auf Hawaii erlischt das einstudierte Plastik-Lächeln beim Aufsetzen des Blumenkranzes in der exakten Millisekunde, in der die Kreditkarte das Lesegerät verlässt – die stolzen Ureinwohner sind zu tanzenden Statisten verkommen, die sich die Mieten im eigenen Land nicht mehr leisten können. Und in Rom, der ewigen Stadt, nutzt du die Jahrtausende alte Geschichte, um mir aufgewärmte Tiefkühl-Pasta aus der Mikrowelle zu den Preisen der Haute Cuisine zu servieren, gereicht von Kellnern, die mich mit den Augen bereits abkassiert haben, bevor ich überhaupt sitze.
Verzeih mir, wenn mir das Lächeln im Halse stecken bleibt, wenn ich dein Territorium verlasse. Der alltägliche Spießrutenlauf deines Kleinvieh-Nepps ist schlicht atemberaubend. An den Tresen der omnipräsenten Luxus-Strandbars von Ibiza bis Mykonos servierst du mir Cocktails für dreißig Euro, die bis zum Rand mit gepresstem Billig-Eis vollgestopft sind – ein physikalisches Wunder, das nach drei Schlucken wässriger Plörre den nächsten Kauf erzwingt. Und deine Liegenvergabe am Strand! Sie ist ein Jahrmarkt der schamlosen Willkür. Fährt die Entourage im gemieteten Luxus-Jeep vor, behängt mit Uhren, schnellt der Preis für die erste Reihe am Meer auf 1.000 Euro Mindestverzehr. Kommt ein bescheidener Gast im Kleinwagen, wenn der Strand gerade leer ist, bekommt er denselben Platz für 200 Euro. Preisschilder meidest du wie der Teufel das Weihwasser, denn Transparenz würde das schmutzige Geschäft deines Bauchgefühls ruinieren. Selbst die Apotheken schrauben die Preise für den kranken Fremden nach oben, Wechselstuben bestehlen ihn im Kleingedruckten, und wenn man an einem Aussichtspunkt kurz anhält, um die Natur zu genießen, wird man von den Sicherheitsdiensten der angrenzenden Villen wie ein Einbrecher beäugt. Es ist eine Atmosphäre des tiefen, allgegenwärtigen Giftes. Doch das Traurigste an unserer Liaison, mein süßes Monster, ist das soziale Pulverfass, auf dem du deine Paläste errichtet hast. Die Menschen, die dein Theater am Laufen halten, leben in moderner Sklaverei. Zwölf-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, ohne einen einzigen freien Tag im glühenden Sommer für einen jämmerlichen Hungerlohn. Sie hausen zu fünft in stickigen, fensterlosen Kammern in deinen Hinterhöfen. Ihre extreme Erschöpfung ist die unterschwellige Aggressivität, die über deinen Inseln liegt. Jedes kleine Missgeschick, jeder winzige Blechschaden beim Rückwärtsfahren im Verkehrschaos wird sofort zum Ventil für diesen angestauten Hass. Die Betreiber fahren völlig aus der Haut, schreien und toben wegen Altschäden, die ohnehin schon an den verbeulten Autos prangten – sie sehen im Touristen nur noch das Freiwild, das man rupfen muss, weil das System sie selbst tagtäglich zerfleischt.
Was ist nur aus dir geworden, du moralloses Gastgewerbe? Es ist nichts Geringeres als der vollständige Verlust deiner Berufsehre. An die Stelle des stolzen, alten Hoteliers, der mit seinem Namen für Anstand und Qualität bürgte, ist eine neue Spezies von Tätern getreten. In den Teppich-Etagen deiner Investmentfonds sitzen kühle, empathielose Excel-Manager – Zahlen-Zyniker, die den Gast nur noch als statistische Ertragsgröße berechnen. Sie wissen genau, dass der moderne, digital abhängige Mensch fast jede Demütigung klaglos erträgt, solange das Foto auf Instagram exklusiv aussieht. Sie kalkulieren den Mangel und den Betrug kühl in ihre Bilanzen ein. Und an der Front stehen die skrupellosen Profiteure ohne Ausbildung und Anstand, die opportunistischen Raubritter, die sich abends für ihre Dreistigkeit lachend auf die Schultern klopfen. Ich habe dich durchschaut, meine schöne, gierige Bestie. Du hast den Begriff der Gastfreundschaft pervertiert, um aus meiner Sehnsucht nach ein bisschen Urlaubsglück den maximalen, schmutzigen Profit zu pressen. Dieser Brief ist mein Abschied von dir. Ich werde deine Koffer nicht mehr tragen. Ich werde diesem lauten, überteuerten Jahrmarkt radikal fernbleiben und die wahre Ruhe dort suchen, wo keine Kulissen für das Internet aufgebaut werden müssen, wo man ganz ohne Kamera einfach nur für sich selbst und seine eigene Seele da sein darf.
Leb wohl, mein schönes Verderben – ich überlasse dich deinen Kakerlaken und deinen Excel-Tabellen.

