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Yves Saint Laurent

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kritiken.de Redaktion 17.04.2014
Yves Saint Laurent© Universum Film GmbH
A ca. 1646 Worte Lesezeit ca. 6 Minuten  📋 Inhalt

Yves Saint Laurent - Biografisches Tableau zwischen Genie, Geschäft und der Fragilität des Selbst

Einleitung

Der 2014 erschienene Film Yves Saint Laurent tritt in eine vertraute Gattung - das biografische Porträt einer Ikone - und versucht zugleich, die widersprüchlichen Kräfte freizulegen, die aus einem kreativen Genie eine Marke machen. In einer Zeit, in der Mode nicht nur Kleidungsstück, sondern globales Ereignis und ökonomische Maschine ist, fungiert der Film als Medium, das Produktion, Person und Öffentlichkeit miteinander verknüpft. Das Interesse gilt weniger dem dokumentarischen Abriss eines Lebens als der Frage, wie künstlerische Produktion und private Existenz sich wechselseitig konditionieren und zerstören können.

Regisseur Jalil Lespert nähert sich diesem Stoff mit klassischer Erzählhaltung und filmischer Sorgfalt. Seine Inszenierung sucht nach einer Balance zwischen intimen Interieurszenen in Ateliers und öffentlichen Manifestationen bei Modenschauen - eine Balance, die die Arbeit des Designers als handwerkliche, psychische und zugleich ökonomische Tätigkeit sichtbar macht. Der Film gehört damit zu jenen Biopics, die weniger Mythos produzieren als ihn zu sezieren versuchen.

Relevanz gewinnt Yves Saint Laurent nicht allein durch den Status seines Protagonisten, sondern durch die thematische Verbindung von Kunst und Markt, von künstlerischer Singularität und kollektiver Rezeption. Im Kontext eines Jahres, das der Mode ein doppeltes biografisches Echo bescherte - zwei Kinofilme über denselben Designer -, wirft Lesperts Film spezifische Fragen nach Repräsentation, Authentizität und filmischer Adaption eines visuellen Bereichs auf.

Kurzüberblick zur Produktion

Jalil Lespert, selbst aus der Schauspielergarde kommend und seit einigen Jahren als Regisseur tätig, bringt in Yves Saint Laurent eine relativ traditionell strukturierte Handschrift ein - eine Vorliebe für detailreiche Ausstattung, lineare Chronologie und eine betont darstellerzentrierte Dramaturgie. Die Produktion ist als ambitioniertes französisches Studioprojekt angelegt, das auf präzise Rekonstruktion von Mode, Interieur und Zeitkolorit setzt und damit den Anspruch erhebt, Couture als filmische Form erfahrbar zu machen.

Gedreht wurde mit dem Ehrgeiz, Atelierarbeit und Laufstegrituale glaubhaft zu rekonstruieren, was sich in Ausstattungsarbeit, Kostümbild und Szenenbild niederschlägt. Diese Produktionsumstände erfordern ein enges Zusammenspiel von Mode- und Filmhandwerk - eine Herausforderung, die den Film in eine Traditionslinie französischer Stoffe bringt, die auf Perfektion in der Gestaltung setzen. Im Gesamtwerk von Lespert markiert Yves Saint Laurent einen Höhepunkt in der Hinwendung zu biografischer Stofflichkeit und zur Darstellung von Künstlerbiografien im institutionellen Rahmen.

Die Hauptdarsteller & Hauptdarstellerinnen

Im Zentrum steht Pierre Niney, dessen Darstellung des jungen Designers das narrative Rückgrat bildet. Niney, mit einer Ausbildung an französischen Bühneninstitutionen und bereits prämiert für andere Rollen, übernimmt hier die komplexe Aufgabe, einen Public- und Private-Raum zu verkörpern - die Körpersprache eines Modeschöpfers, die Rastlosigkeit eines Getriebenen, die feinen Spuren eines seelischen Drucks. Seine Leistung ist eine Studie in Nuancen - Mimik, Gestik und ein präzises Timing öffnen das Innenleben einer Figur, die oft mehr über Arbeit denn über Sprache kommuniziert.

Guillaume Gallienne, bekannt als Charakterdarsteller und Autor, spielt die ambivalente Rolle des Partners und Geschäftsmannes Pierre Bergé. Gallienne bringt den nötigen Gegensatz zur künstlerischen Exzentrik - jene nüchterne, strategische Komponente -, die das private Bündnis in eine institutionelle Allianz verwandelt. Charlotte Le Bon erscheint als eine der Musen und Intimgenossinnen; ihr Auftritt verweist auf die Rolle von Muse und Modell innerhalb eines kreativen Ökosystems, das Geschlecht, Glamour und Distanz zugleich verhandelt.

Die weiteren Besetzungen - darunter bekannte Gesichter der französischen Schauspielszene - füllen das Umfeld des Designers: Freunde, Mitarbeiterinnen und Konkurrenten, die jeweils unterschiedliche Aspekte seines Lebens spürbar machen. Dieses Ensemble ist weniger als historisch exakte Wiedergabe zu lesen denn als dramatische Verdichtung sozialer und beruflicher Beziehungen.

Handlung (spoilerfrei!)

Der Film folgt einem klassischen biografischen Bogen: Aufstieg, kreative Höhepunkte und die persönlichen Spannungen, die mit Ruhm und Verantwortung einhergehen. Im Fokus stehen die Tage und Nächte in Atelier und Salon, die Vorbereitung von Kollektionen, die Arbeit mit Models und Handwerkern sowie die Beziehungen, die das Leben des Designers strukturieren. Szenen von intensiver Schaffenskraft wechseln mit Momenten der Erschöpfung und privaten Rückzügen; hier verhandelt der Film den dramatischen Konflikt zwischen schöpferischer Autonomie und den Erwartungen eines Marktes, der jedes Kleidungsstück zur Ware macht.

Zentrale Figuren sind neben dem Designer die Personen, die seine Arbeit ermöglichen und zugleich begrenzen - der Partner, die Musen, die Salonwelt. Tonalität und Atmosphäre oszillieren zwischen den lichterfüllten Räumen des Laufstegs und der gedämpften Intimität hinter den Kulissen. Die Erzählung beschränkt sich auf das Wesentliche und vermeidet ausufernde historische Exkurse, wodurch sie die Aufmerksamkeit auf das Verhältnis von Kunst und Leben richtet.

Zentrale Themen und Motive

Yves Saint Laurent stellt Fragen nach der Bedingtheit künstlerischer Autorenschaft - wer ist der Urheber eines Stils, was bleibt vom persönlichen Impuls, wenn ein Designhaus zur Organisation wird? Der Film thematisiert die Kollision von Genie und Markt - die Notwendigkeit, Kreativität zu institutionalisieren, um sie zu überleben, und die Gefahr, dass dadurch das Individuelle nivelliert wird. Zugleich untersucht er die Zerbrechlichkeit des Selbst - wie Ruhm und Isolation, Erfolg und Erwartungsdruck psychische Spuren hinterlassen.

Ästhetisch wiederholt sich das Motiv der Hände - arbeitende Hände, die Stoff formen, nadeln, schneiden - als Ausdruck eines verkörperten Wissens. Mode fungiert nicht nur als Visualität, sondern als eine Form von Sprache, die Identität stiftet und zugleich vermarktet wird. Damit verbindet der Film Fragen der Geschlechtsidentität, Intimität und Öffentlichkeit mit einer ökonomischen Lesart - Mode als Produkt, Mode als Narrativ. In der Verdichtung von Atelier-Ästhetik, Persona und Öffentlichkeit wird sichtbar, wie Kulturindustrien Individuen formieren und wie Künstler versuchen, in diesen Strukturen Haltung zu bewahren.

Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Yves Saint Laurent gehört zu den bekanntesten Modeschöpfern des 21. Jahrhunderts und selbst wer sich in der Welt der Haute Couture nur begrenzt heimisch fühlt, ist wohl in seinem Leben schon einige Male dem Namen dieser Marke und ihres Erfinders begegnet. Mit seinem Bio-Pic „Yves Saint Laurent“ versucht Regisseur Jalil Lespert dem internationalen Kinopublikum nun den Menschen hinter dem berühmten Namen näherzubringen.

„Yves Saint Laurent“ verzichtet auf die durch Mobbing geprägte Kindheit und Jugend seiner Hauptfigur und trifft den titelgebenden Designer erstmals im Alter von 21 Jahren an. Yves (Pierre Niney) ist zu diesem Zeitpunkt Assistent von Christian Dior und steigt nach dessen Tod schnell zum kreativen Leiter des Modelabels auf bis psychische Probleme vorübergehend das jähe Ende seiner Karriere einleiten. Nur mit der Unterstützung seines Geliebten und Geschäftspartners Pierre Bergé (Guillaume Gallienne) gelingt es Yves, sein eigenes Modehaus zu gründen und zum Erfolg zu führen. Doch eine fortschreitende Drogensucht und der Hang zum Exzess werden Yves vor allem gesundheitlich zum Verhängnis und auch seine Beziehung zu Pierre droht unter seinen Stimmungsschwankungen zu zerbrechen.

Pierre Niney begeistert mit der nuancierten Darstellung des schüchternen Genies Yves Saint Laurent. Es sind vor allem kleine Gesten und ein dezentes und doch pointiertes Mienenspiel, die seiner Figur Überzeugungskraft verleihen. Der 24 Jahre junge französische Schauspieler, das jüngste Mitglied der Comédie-Française, ist dem anspruchsvollen Part nicht nur gewachsen, sondern verfügt zudem über eine erwähnenswerte Leinwandpräsenz, mit der er das Publikum in seinen Bann zieht. Die Extravaganz seiner Rolle kommt ihm hierbei ohne Frage entgegen.

Vermutlich ist es eben dieser Extravaganz zuzuschreiben, dass sich Jalil Lespert für eine nicht sonderlich zurückhaltende Inszenierung entschieden hat. Zu oft übernimmt die dominante Musikuntermalung die Funktion, Yves Saint Laurent als Genie und Helden seiner Zunft zu inszenieren. Statt die Bedeutung seines Protagonisten auf narrativer Ebene zu entwickeln, bedient sich Lespet zu oft dem recht billigen Mittel mächtiger Filmmusik, um einzelnen Schlüsselszenen besondere Kraft zu verleihen. Dies betrifft in erster Linie die Präsentationen einzelner Kollektionen, denen Jalil Lespert in seinem Film viel Zeit widmet. An den ausgedehnten Modenschauen ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Die überzeugende Ausstattung von „Yves Saint Laurent“ nimmt den Zuschauer nicht nur mühelos mit in die 50er und 60er Jahre, sondern ist hinsichtlich der Entwürfe des Designers auch ein regelrechter Augenschmaus. „Yves Saint Laurent“ ist ein Film, in dem das Publikum mit allen Sinnen schwelgen soll. Die narrative Ebene ist diesem sinnlichen Erlebnis deutlich untergeordnet.

Das Voice Over von Pierre Bergé leitet als Erzählstimme durch den Film. „Yves Saint Laurent“ hat nicht den Anspruch, das gesamte Leben seiner Hauptfigur nachzuerzählen, sondern konzentriert sich auf die frühe Schaffensperiode des Künstlers sowie seine Entwicklung vom introvertierten Mauerblümchen zum manisch-depressiven Exzentriker. Obwohl die Liebe von Pierre und Yves durch die Erzählperspektive in den Fokus gerückt wird, ist ihre Beziehung für den Zuschauer nur im Ansatz erfahrbar. Trotz zahlreicher Affären und des selbstzerstörerischen Naturells Yves Saint Laurents, bleibt Pierre Bergé seinem Partner stets verbunden und wird so im Laufe des Films vom Liebhaber zu einer beschützenden Vaterfigur. Momente leidenschaftlicher Verbundenheit sind rar und so richtig mag keine spürbare Romantik zwischen den Liebenden aufkommen. Zudem bleibt unklar, ob Bergé seinen Partner wirklich nur beschützen oder viel mehr kontrollieren und besitzen will. Die „große Liebe“ wird in erster Linie behauptet und nur mangelhaft durch den Film erzählt.

Es scheint, als habe sich Jalil Lespert nicht recht zwischen einem persönlichen und professionellen Portraits Yves Saint Laurents entscheiden können. Während sich der Film anfänglich vor allem der Karriere der Hauptfigur widmet, greift „Yves Saint Laurent“ in der zweiten Hälfte auf die klassische Dramaturgie des Aufstiegs und Falls eines Idols zurück, nur um schließlich vollkommen überraschend abzubrechen und den Zuschauer mit dem Überspringen von etwa 30 Lebensjahren stark zu verwirren. Statt die Beziehung von Pierre und Yves als strukturelles Element der Erzählung zu nutzen, verleiht das chronologische Abarbeiten einzelner Lebensphasen dem Film nahezu episodischen Charakter und lässt eine Richtung der Geschichte vermissen. Vermutlich geht es Jalil Lespert in erster Linie darum, seinem Zuschauer ein Gefühl für das Leben von „Yves Sain Laurent“ verleihen.

Tatsächlich liefert der Film deutlich weniger Informationen, als man dies von einem Bio-Pic erwarten würde. Das vermittelte Bild des Modeschöpfers bleibt recht diffus, der Einblick in seine Gefühlswelt begrenzt. Mit seinem Film erhebt Lespert Yves Saint Laurent vor allem zu einem Mythos, den zu ergründen – so scheint es – ein unmögliches Unterfangen darstellt. Da einem Mythos nun einmal nicht mit Logik beizukommen ist, kann der Anspruch, durch diesen Film biographische Informationen über die Titelfigur zu sammeln, nur zu Frustration führen. „Yves Saint Laurent“ ist ein Film, in dem man schwelgen soll und kann.

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